„Manchmal müssen wir Feuer löschen.“
„Nahe bei den Menschen …“ – so lautet das Motto des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg. Doch in Zeiten der Corona-Krise ist das mit der Nähe so eine Sache. „Das fühlt sich schon seltsam an“, sagt Pastor Thomas Nolte bei der Begrüßung, die auf ein freundliches Lächeln bei Einhaltung des erforderlichen Mindestabstands beschränkt werden muss. Es ist der direkte Kontakt zu den Menschen, der den engagierten Kirchenmann fordert und ausfüllt. Theologische Studien im stillen Kämmerlein sind seine Sache nicht. Für den 63-Jährigen gilt: „Ein Glaube, der sich nicht im Gespräch und Handeln ausdrückt, ist ein leerer Glaube.“
Viele Jahrzehnte setzt sich Thomas Nolte im Dienst der Evangelischen Kirche für andere Menschen ein und verkündet Gottes Wort. Dabei hatte er ursprünglich ganz andere Pläne. Geboren 1956 in Kiel, verbrachte Thomas Nolte gemeinsam mit seinem fünf Jahre älteren Bruder und seinen Eltern in Kiel eine glückliche Kindheit. Die Familie lebte zunächst in einem Mehrfamilienhaus nahe des Kieler Bahnhofs. „Hinter dem Haus gab es einen Hof und ein großes Baugrundstück inklusive Bauwagen. Für eine bunt gemischte Bande von rund zehn Kindern war das die perfekte Spielwiese“, erinnert er sich. Es gab Mutproben zu bestehen („Wir hielten unser Ohr an die Bahnschienen und lauschten, ob sich ein Zug nähert“), es wurde Musik gemacht („Ein Kumpel hatte im Bauwagen ein Schlagzeug deponiert“) und es wurden erste zarte Bande geknüpft. Als Spielfreundin Karen in den Kindergarten musste, war der vierjährige Thomas empört und stellte die Institution kritisch infrage. „Ich hielt das für großen Blödsinn. Was sollte man im Kindergarten, wo man es doch bei uns hinter dem Haus auf dem großen Grundstück so gut hatte?!“

Fröhliche Feten im Gemeindehaus
Kritische Fragen sollte der spätere Theologe in seinem Leben immer wieder stellen. Intensiv befasste er sich schon als Schüler mit dem Dritten Reich und erinnert sich an viele bewegende Gespräche über die Verbrechen der Nationalsozialisten, die am heimischen Küchentisch geführt wurden. Der Vater, ein Industriekaufmann, war als Funker bei der Luftwaffe gewesen, die Mutter trug sichtbare Narben, weil sie während des Krieges in einem Zug, der unter Beschuss geraten war, schwer verletzt worden war. „Wir haben in der Familie sehr offen diskutiert, es gab keine Tabus“, erinnert sich Thomas Nolte heute. Ausdrücklich erwünscht waren kritische Fragen auch am Max-Planck-Gymnasium, das der Schüler in Kiel besuchte. „Viele Lehrer waren frisch von der Uni gekommen, voll von den Ideen der damaligen Aufbruchszeit. Das waren lockere junge Leute, die die alten Strukturen aufbrechen wollten.“
Fragen stellen, Neugierde und auch Zweifel zulassen – das hätte sich der Teenager auch im Konfirmandenunterricht gewünscht. Doch der damalige Pastor habe eher furchteinflößend gewirkt. „Der war kurz vor dem Ruhestand, wirkte streng und unzugänglich. Unsere Aufgabe bestand im dumpfen Auswendiglernen von Texten.“ Es sei eine glückliche Fügung gewesen, dass im zweiten Jahr des Konfirmandenunterrichts ein junger Pastor den Vorgänger abgelöst habe: „Weg vom Frontalunterricht, hin zu offenen, lockeren Diskussionen und am Samstag Feten im Gemeindehaus – es begann eine neue Zeit.“ Besonders die Partys sind dem Diakoniepastor in lebhafter Erinnerung. „Ich war zu dieser Zeit mit der Tochter des Pastors befreundet. Wir schwoften zu Uriah Heep, den Beatles, Jimi Hendrix und den Rolling Stones. Kirche wurde zu einem Freiraum für junge Menschen.“

Theologie statt Wirtschaft
Nach dem Abitur verweigerte Thomas Nolte den Wehrdienst. Das Recht dazu war im Grundgesetz verankert. Gleichwohl wurde er, wie viele andere junge Männer auch, in der ersten Verhandlung einem Kreuzverhör ausgeliefert und mit teils absurden Fragen aufs Glatteis geführt. Erst im zweiten Anlauf gelang die Anerkennung als Wehrdienstverweigerer ; 1977 trat er seinen Zivildienst in der Kirchengemeinde Preetz an. Bis dahin hatte der Abiturient sich für seine Zukunft ein Studium in Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre vorgestellt. Nicht zuletzt deshalb, weil er in dem Kieler Unternehmen für Maschinentechnik, in dem sein Vater als Geschäftsführer tätig war, viele Jahre in Nebenjobs Erfahrungen gesammelt hatte. Doch mit den Erfahrungen als Zivildienstleistender ergaben sich neue Perspektiven. In Preetz war Thomas Nolte im Kirchenbüro mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt, gleichzeitig unterstützte er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakoniestation, die unter anderem die ambulante Krankenpflege versah, eine Kleiderkammer betrieb und Sozialberatung anbot. „Hier lernte ich erste diakonische Arbeitsfelder kennen und erfuhr, wie erfüllend diese Arbeit sein kann“, erzählt der Diakoniepastor. Eine wichtige Erfahrung sei auch die ehrenamtliche Teilnahme an Konfirmanden- und Jugendfreizeiten gewesen. Eine Gruppe junger Menschen begleitete Thomas Nolte sechs Jahre lang, weit über die Zeit als Zivildienstleistender hinaus. Vorbilder fand der junge Zivildienstleistende in den Vikaren und Pastoren, mit denen er zusammenarbeitete. Immer häufiger stand die Frage der beruflichen Zukunft im Raum. „Man sagte mir: Mach was in diesem Bereich. Du kannst das! Ich habe viel Zuspruch bekommen und letztendlich entschieden, Theologie zu studieren. Für meine Eltern war dieser Weg zunächst etwas befremdlich. Ein Pastor in der Familie – das hatte es noch nicht gegeben. Letztendlich haben sie aber nie versucht, mir meinen Berufswunsch auszureden.“

Pastor mit Herzblut
Schon während des Studiums heiratete Thomas Nolte, zwischen 1986 und 1991 wurden die Kinder Benjamin, Simon und Johanna geboren. Die Studienzeit war geprägt von der Verantwortung für eine kleine Familie und der intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung mit theologischen Fragen. Gut erinnert sich Thomas Nolte an die „liturgischen Nächte“ der Studenten: „An langen Tischen wurde stundenlang gefeiert, gesungen und vor allem ganz viel diskutiert.“ Nebenbei jobbte der Theologiestudent unter anderem als Postbote, im Getränkefachhandel und als Fahrer für Fleischprodukte.
Als seine jüngste Tochter Johanna zur Welt kam, lebte das Ehepaar Nolte bereits im Pastorat in Handewitt. Hier war Thomas Nolte nach seinem Vikariat in der Kirchengemeinde in Owschlag fast 22 Jahre lang Pastor. Gemeinsam mit seinem Kollegen Hans-Jürgen Friedrichsen, den er bereits aus dem Studium kannte, engagierte er sich für eine vielfältige und offene kirchliche Arbeit. „Ob silberne Konfirmation, ein Gottesdienst im Zirkus oder ein Familien-Gottesdienst mit anschließendem Sommerfest im Garten des Pastorats – wir haben immer nach Anlässen gesucht, um die Menschen zu uns einzuladen und ihnen den liebenden Gott näher zu bringen. Und wer nicht kommen konnte, wurde besucht. Wobei diesbezüglich die enge Zusammenarbeit mit den Schwestern und Pflegerinnen in der ambulanten Krankenpflege der Sozialstation Handewitt eine große Rolle spielte. Ich wollte nicht nur predigen und auf der Kanzel stehen. Ich wollte den Menschen begegnen, sie erreichen in fröhlichen wie traurigen Lebensphasen.“ Viele Handewitter werden sich gern an ihren engagierten Pastor erinnern, der die Pfarrstelle 2008 verließ, um die theologische Leitung des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg zu übernehmen.

Diakoniepastor in Flensburg
Im ersten Jahr seiner neuen Tätigkeit begleitete und vollzog Thomas Nolte die Fusion der drei ehemals selbständigen Diakonischen Werke Flensburg, Schleswig und Süderbrarup. Heute sind 140 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und über 60 ehrenamtlich Tätige im Diakonischen Werk beschäftigt, das Standorte in Flensburg, Schleswig, Schleswig-Schuby und Süderbrarup unterhält. Thomas Nolte übernahm die geistliche Leitung, Ernst-Otto Löwenstrom, vorher Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Süderbrarup, die betriebswirtschaftliche Leitung. Gemeinsam formulierte das Führungsduo anlässlich der Einführung in das Amt das Ziel ihrer Arbeit: „Wir wollen materielle Armut lindern, aber wir wollen uns auch dafür einsetzen, dass die seelische Armut aufgefangen wird und dass die Menschen in Würde leben können – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer Religion, ihrer Lebenssituation und Ausbildung.“
Beratung in schwierigen Lebenssituationen, heilpädagogische Kindergärten und mobile heilpädagogische Dienste, Verbraucherinsolvenzberatung oder Wohnungslosenhilfe – die Aufgaben des Diakonischen Dienstes sind vielfältig. Für Diakoniepastor Thomas Nolte schließt sich der Kreis: „Als Zivildienstleistender in der Kirchengemeinde Preetz habe ich zum ersten Mal diakonische Aufgaben übernommen. Nun konnte ich einige Jahrzehnte später hier im Diakonischen Werk daran anknüpfen.“
Eine von vielen Herausforderungen für das Diakonische Werk war die Flüchtlingskrise, die 2015 ihren Höhepunkt erreichte. „Die Stadt bat uns und auch die AWO, kurzfristig Betreuungsstellen für die Geflüchteten einzurichten“, erinnert sich Thomas Nolte. „Wir stellten 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Herkunftsländern der Geflüchteten ein, um die Menschen in Alltagsfragen zu begleiten.“ Die Zusammenarbeit mit den Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen sei eine absolute Bereicherung gewesen, erinnert er sich. „Nach dreieinhalb Jahren wurde der Bedarf weniger, die Stellen wurden abgebaut, viele Mitarbeiter konnten glücklicherweise bei der AWO unterkommen.“
Nach wie vor begleitet das Diakonische Werk Geflüchtete im Rahmen der Migrationsberatung. 2019 unterzeichnete Thomas Nolte gemeinsam mit Hans- Martin Rump, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, einen Kooperationsvertrag für die Beratung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund bei der Berufsfindung, Weiterqualifizierung und der Integration ins Berufsleben.

Feuer löschen mit dem Bürgerfonds
Besonders am Herzen liegt dem theologischen Leiter des Diakonischen Werkes der Bürgerfonds „Flensburg hilft“. Der Bürgerfonds wurde 2011 gemeinsam von der Stadt Flensburg, dem Kirchenkreis Schleswig-Flensburg und dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag gegründet. Ziel war es, sozial benachteiligten und besonders bedürftigen Menschen unbürokratisch und schnell unter die Arme zu greifen.
40.000 bis 50.000 Euro können jedes Jahr verteilt werden. Der Bürgerfonds wird gefüllt durch Spenden , Einnahmen aus der „Hilfe im Advent“ und aus Aktionen wie zum Beispiel zwei durchgeführte Bürgerwetten. Auch für das kommende Jahr ist wieder eine Bürgerwette geplant. Die Bedürftigen erhalten einmalig maximal 450 Euro – eine Summe, die im Einzelfall eine große Hilfe sein kann, wie Thomas Nolte weiß. „Gegründet haben wir den Bürgerfonds nach den Erfahrungen mit der Reform der Sozialhilfe unter Gerhard Schröder. Eine kaputte Waschmaschine, eine neue Brille, oder Winterkleidung für die Kinder – all dies wird nicht mehr über die staatlichen Leistungen abgedeckt. Wir springen ein und müssen immer mal wieder Feuer löschen. Beratung ist oft ein Marathon, aber es gibt Situationen, in denen man kurzfristig handeln muss!“ Da sei der plötzlich arbeitslose und längerfristig erkrankte Mann, der seine Stromrechnung nicht mehr bezahlen kann. Eine Familie mit drei Kindern, die sich aufgrund der prekären finanziellen Situation die Winterkleidung für ihre Kinder nicht leisten kann. Oder die Frau, die ihre in einer Einrichtung lebende Tochter nicht besuchen kann, weil das Geld für die Fahrten fehlt. Vor jeder Hilfestellung stehe natürlich das Gespräch in einer Beratungsstelle, erklärt Nolte. Wenn der Bedarf akut sei, könne aber über den Bürgerfonds schnell und vor allem unbürokratisch gehandelt werden.
In der derzeitigen, durch den Corona-Virus ausgelösten Krise werde der Bedarf an Hilfe ganz sicher weiter steigen, prognostiziert der Diakonie-Pastor, der schon lange die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich anprangert. „Die praktizierte Nächstenliebe der Diakonie wird in Zukunft mehr denn je gebraucht,“ so Nolte.
Im August 2022 geht der Diakoniepastor Thomas Nolte in den Ruhestand. Dann beginnt ein neuer Abschnitt, auf den er sich sehr freut. Schon jetzt reist Thomas Nolte, begleitet von seiner zweiten Ehefrau, gern mit dem Wohnmobil durch Europa. „Mehrere Wochen ohne größere Planungen auf Reisen gehen zu können, Zeit zu haben, Land und Leute kennenzulernen, das wird sicher großartig. Ich hoffe sehr, dass das Reisen bald wieder möglich wird“, so Thomas Nolte. Ein Wunschziel ist die Bretagne, die er bisher nur aus den Krimis von Jean-Luc Bannalec kennengelernt hat. Sein Lieblingscampingplatz im Norden liegt in Westjütland direkt am Meer. „Da sucht man sich einfach spontan einen schönen Platz unter all den anderen Campern nahe der Dünen. Parzellen und Abgrenzungen gibt es nicht. Genauso mag ich es.“

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