Bundesliga-Debüts sind ein besonderes Ereignis für junge Handballer. Auch für Magnus Holpert, der allerdings bei seiner Premiere wegen der Corona-Pandemie auf eine große Kulisse in der Flens-Arena verzichten musste. Dennoch stand er schon mal in der „Hölle Nord“ auf dem Spielfeld, als es 6300 Augenpaare fokussierten. Es war der 3. Juni 2007, der Tag an dem eine große Handball-Karriere endete. Jan Holpert, die große Torwart-Legende der SG Flensburg-Handewitt, hatte seine Familie zur Abschiedszeremonie mitgenommen. „Ich war erst fünf, davon weiß ich eigentlich nur vom Hörensagen“, sagt Sohn Magnus Holpert. Dagegen erhält sein erster Treffer im Profi-Dress der SG einen ganz anderen emotionalen Platz: „Das Tor gegen Porto werde ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen.“

Entgegen der familiären Gepflogenheiten – auch Onkel Fynn war Spitzenkeeper – zog es den 19-Jährigen nie in den Kasten. „Ich wollte mich bewegen, ich wollte Tore werfen“, erzählt die Nachwuchskraft. „Als kleiner Junge habe ich in der E-Jugend mal die Torhüter-Position ausprobiert, aber im Feld hatte ich einfach mehr Spaß.“ Magnus Holpert wohnt noch im Elternhaus in Handewitt, begegnet seinem Vater Jan zwangsläufig regelmäßig. „Wir sprechen aber nicht so viel über Handball, wie man denken mag“, betont der Filius. „Natürlich fragt mein Vater mich, wenn ich vom Spiel oder Training zurück bin, wie es war. Und wenn ich Hilfe oder Rat brauche, dann kann ich immer zu ihm kommen. Er hat ja in seiner Laufbahn viel Erfahrung gesammelt.“
Vor Kurzem brach das Handball-Talent sein „Freiwilliges Soziales Jahr“ bei der Flensburg Akademie ab. Es standen wöchentliche Lehrgänge außerhalb von Flensburg an, die nicht mit den Anforderungen eines Profi-Teams vereinbar waren. Für Magnus Holpert war die Lage klar, er vergewisserte sich aber noch einmal bei seinem Vater. Aber der hatte keine „schwergewichtigen Argumente“ gegen diese Entscheidung.
Der jüngste Akteur im Profi-Kader der SG trug von klein auf nur ein Vereinstrikot. Schon mit drei Jahren tummelte er sich an oder in der Wikinghalle zu Mini-Turnieren. Die Wege waren kurz, das Elternhaus nur wenige hundert Meter entfernt. Handball war zunächst aber nicht die einzige sportliche Liebe. „Ganz früher wollte ich Fußballer werden“, verrät Magnus Holpert. Sein Lieblingsklub: der FC Bayern München. „Bei uns im Norden sind die Bayern ja nicht so beliebt“, schmunzelt er. „Aber ich kann eine gute Erklärung nennen: Meine Großeltern kommen aus München.“
Als Kind träumte das Nordlicht davon, einmal in der Allianz-Arena aufzulaufen. Ein Traum, der geplatzt ist. Aber noch immer verfolgt der Handballer das Fußball-Geschehen und sieht sich gerne die „Sportschau“ an. „Aber ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Spiel ganz gesehen habe“, sagt er. „Beim Fußball gibt es doch viel Leerlauf.“ Mit großem Interesse verfolgt er auch den US- Sport, speziell Basketball und American Football. Nachts steht er aber nur einmal auf – für den „Super Bowl“. Auch Anfang Februar passte es wieder: SG-Trainer Maik Machulla hatte der Mannschaft ein verlängertes Wochenende gegönnt.
Schon als Dreikäsehoch besuchte Magnus Holpert regelmäßig die Spiele in der „Hölle Nord“. Ab etwa 2010 blieben die sportlichen Ereignisse auch im Gedächtnis haften. Damals schwang sich Ljubomir Vranjes zum Chefcoach auf und auf dem Spielfeld zählte ein gewisser Alexander Petersson zu den Leistungsträgern. „Mit seinem Sohn habe ich mal zusammen Fußball gespielt“, grinst Magnus Holpert. Nun spielen er und der 40-jährige Linkshänder gemeinsam für die SG.

Sehr lange verfolgte der junge Sportler auch den Fußball leistungsorientiert. Er spielte für den FC Wiesharde und die SG Wiesharde- Schafflund-Lindewitt und dachte über das Nachwuchsleistungszentrum von Holstein Kiel nach. Mit 15 Jahren hatte er das Pensum von vier Mal die Woche Fußball und ebenso oft Handball zu managen. „Da musste ich Trainingseinheiten verschieben oder absagen, da musste ich mich entscheiden“, erinnert sich Magnus Holpert „Für den Handball war die Leidenschaft größer. Wenn man aus Flensburg kommt, dann hat man das ganz große Ziel, einmal mit der SG in der Bundesliga zu spielen.“
Für dieses Ziel ging er früh sehr bewusst mit seiner Freizeit um. Wie fast jeder junge Mensch feiert er gerne, beschränkt diese Aktivitäten aber auf die Ferien oder die Sommerpause. „Ich musste mich aber nie dazu zwingen, mein Fokus war schon immer auf den Handball ausgerichtet“, erzählt Magnus Holpert. Jetzt ist ohnehin alles anders. Um ja nicht das Coronavirus in die Mannschaft einzuschleusen, hat der 19-Jährige die Treffen mit Freunden ausgesetzt. Die einzige Kontaktperson außerhalb des Elternhauses ist Freundin Sophie.

Die Handball-Karriere scheint in Gang zu kommen. Die letzten beiden Jahre brachten eine stürmische Entwicklung. Als die A-Jugend der SG 2019 deutscher Meister wurde, war Magnus Holpert noch ein junger Mitläufer. In der letzten Saison war er bereits Rückraum-Motor und schnupperte mit dem Junior-Team in den Männerbereich. Im Sommer durfte er an der Vorbereitung und am Trainingslager der Profis teilnehmen. „Das Training ist sehr fordernd, läuft viel professioneller ab, als ich es bislang bei den Jugendmannschaften kannte“, beobachtete er. „Trainingssachen sind vor Ort, ein Physiotherapeut ist immer dabei, und die ganze Organisation der Übungseinheiten ist auf Vollzeit-Handballer ausgerichtet.“ Maik Machulla lobte ihn für seine Wissbegierde und die gute Einstellung.
Während der Saison sollte Magnus Holpert in den Nachwuchsteams zum Einsatz kommen. Doch die rutschten ab November in den Lockdown, während die Bundesliga-Truppe von Verletzungen geplagt war. Das Talent blieb deshalb bei den Profis. „Es ist immer noch aufregend, aber nicht mehr so wie in den ersten Monaten“, erzählt Magnus Holpert. „Ich habe mich schon etwas in die Mannschaft integriert.“

Eine volle Halle wird er bei der SG wohl nicht mehr erleben. Zum Sommer deutete alles auf eine Zäsur hin. Weniger, weil sich der Leistungssportler um einen Fernstudium-Platz in Architektur bemüht, sondern weil ein Vereinswechsel Sinn macht. „Das entscheidet sich in den nächsten Wochen und Monaten“, sagt Magnus Holpert. Die Fakten bei der SG sehen so aus: Seine Zeit in der A-Jugend läuft aus, das Junior-Team ist nur in der viertklassigen Oberliga ansässig, und die europäische Spitze dürfte für einen jungen Erwachsenen ein zu großer Schritt sein.

Text und Fotos: Jan Kirschner

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