Seniorenbeirat gemeinsam mit VCD, VdK und Aktion Klima

Gemeinsam mit diesen Organisationen hat sich die AG Mobilität des Seniorenbeirates an der Aktion beteiligt. Beim ersten Check untersuchte die Gruppe mit Hilfe einer Checkliste abschnittsweise den Weg und Gebäude vom Deutschen Haus zum Bahnhof. Es wurde darauf geachtet, ob wichtige Querungen taktil und optisch erkennbar, Wege breit genug und gut mit Rollator und Rollstuhl zu befahren und ob die Bordsteine abgesenkt sind. Dabei erhielt der Bahnhof überwiegend gute Noten, während die Wegstrecke dorthin noch etliche Verbesserungsmöglichkeiten bietet, so das Fazit aus diesem ersten Termin.
Bei der Auswertung der Ergebnisse kam Hauptinitiatorin Julia Born vom ökologischen VCD zu der Erkenntnis, dass z. B. eine Erleichterung für einen sehbehinderten Menschen für eine Person mit Gehbehinderung durchaus eine Erschwernis darstellen kann. So benötigen sehbehinderte Menschen Absätze und kontrastreiche optische Markierungen, um sich orientieren zu können; für Gehbehinderte hingegen stellen Absätze Stolperfallen dar. Es ist so, wie immer im Leben: Kompromisslösungen, die für alle geeignet sind, müssen her, damit wie auch immer gehandicapte Menschen am öffentlichen Leben teilhaben können. Das brachte die VCD-Ortsgruppe Flensburg auf die Idee, den zweiten Barriere-Check, der am 27. Oktober stattfand, besonders aus der Sicht von sehbehinderten oder blinden Menschen zu gestalten. Diesmal ging es vom Südermarkt zum Deutschen Haus.

Wichtige Erkenntnisse über Schwierigkeiten, die das Kopfsteinpflaster des Südermarkts Seh- und Gehbehinderten bereitet, fehlende Orientierungshilfen für Menschen mit Sehbehinderung etwa bei Straßenübergängen, fehlende Abgrenzungen zwischen Geh- und Radwegen und Hindernisse wie Abfalleimer, Kundenstopper oder Geschäftsauslagen, konnten dabei gewonnen werden. Taktile Hinweisgeber, besonders in der Dr.-Todsen-Straße könnten Abhilfe schaffen, denn der Gehsteig ist breit genug. Wie auch bei der ersten Begehung, beteiligten sich zwei Mitarbeitende des TBZ und nahmen die Anregungen mit auf. So wurde bereits eine Woche später eine taktile Begrenzung zwischen Fuß- und Radweg am Ende der Dr.-Todsen-Straße verlegt. Herzlichen Dank für diese schnelle Reaktion. Auch vor dem Deutschen Haus wurden einige Verbesserungsmöglichkeiten festgestellt, die sicherlich Eingang in den Maßnahmenkatalog des TBZ finden. Die Abschlussrunde vor dem Deutschen Haus machte noch einmal die immense Wichtigkeit solcher Begehungen deutlich und die Notwendigkeit dabei, unterschiedliche Beeinträchtigungen unterschiedlich zu berücksichtigen. Die Begehungen werden zeitnah fortgeführt.
An der Begehung vom Südermarkt zum Deutschen Haus nahm auch Klaus Heide (71) teil. Er ist blind und war Mitglied im Beratenden Arbeitskreis für Menschen mit Behinderung in Flensburg unter Leitung von Christian Eckert. Lange Jahre war er Beauftragter für Umwelt und Verkehr im Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein (BSVSH). Julia Born hat ihn interviewt. Aus diesem Interview lassen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen, die für uns alle sehr aufschlussreich sind.


(Heide): Ich möchte gerne vorab einige Abläufe im Menschen erklären.

• Nach der Geburt lernen wir langsam zu sehen. Pro Auge haben wir 160 Millionen Sehzellen, die alle zehntel Sekunde Informationen ans Gehirn senden. 3,2 Milliarden Informationen müssen pro Sekunde vom Gehirn verarbeitet werden. Dabei hilft dem erwachsenen Menschen das Gehirn, indem es eingehende Infos mit dem Archiv – gespeicherten Bildern, Erfahrungen – abgleicht und daraus Reaktionen und Handlungen bestimmt. Den Einsatz von Motorik lernt das Kind spielerisch, z. B. wenn es auf dem Boden sitzt und versucht einen Ball zu seinem Gegenüber zu rollen. Es gibt nicht auf und versucht es immer wieder. Erst bewegt der Ball sich gar nicht, dann zu kurz, zu weit und immer in der falschen Richtung. Nach einiger Zeit merkt man, dass Schwung und Richtung genauer werden.

• Bei den ersten Schritten merkt man, dass das Kind immer wieder stolpert. Es steht auf und probiert es wieder und wieder und plötzlich klappt es, weil es gelernt hat, dass die dunkle Kante am Boden die Teppichkante ist und da muss man den Fuß hochheben, dann klappt es.

• Mit ca. 8 Jahren ist ein Kind in der Lage selbst zu entscheiden, ob es es schafft, vor einem Fahrzeug über die Straße zu laufen oder zu gehen. Die Bilder verbunden mit Geräuschen, Gerüchen und dem Ertasteten ergeben das Archiv. Dieses wächst ein Leben lang.

• Die Probleme fangen an, wenn die eingehenden Infos zu keinem Bild im Archiv mehr passen, weil der Mensch sehbehindert ist.
Extremer noch, wenn er erblindet ist. In beiden Fällen ist das Archiv wertlos und die Person hilflos.

• Gut, wenn man die „Sesamstraße“ kennt. Sie beginnt so: „Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm…“ So kennt man ihn! Mobilität = Lebensqualität Um ein neues Archiv anzulegen, muss ich wie ein kleines Kind fragen, fragen, fragen. Mit dem Gehörten, Gerochenen, Gefühlten und den Antworten beginnt der Aufbau eines neuen Archivs. Gleichzeitig wird geprüft, wie das alte Archiv noch integriert werden kann. Kinder lernen bis zur Pubertät spielerisch, ohne jeglichen Zeitdruck, Erwachsene glauben in 14 Tagen mit den Ohren sehen zu können.

• Eine Fähigkeit des Gehirns ist es, Bewegungsabläufe vorauszuberechnen. Wir sehen für Sekundenbruchteile den Jogger noch laufen, obwohl er, wegen Unaufmerksamkeit, längst auf dem Boden liegt, weil er gegen den Laternenpfahl gelaufen ist. Ähnliches geschieht z. B. beim Grauen Star, wenn die Linse sich eintrübt. Das Gehirn rechnet die Fehler im Bild heraus und zeigt ein intaktes, klares Bild. Erst wenn die Berechnungen in einer Zehntelsekunde nicht mehr zu schaffen sind, meint der Mensch, er hat über Nacht Grauen Star bekommen. Der Augenarzt hätte die Diagnose in den meisten Fällen schon ein Jahr vorher stellen können.

Jetzt versteht man vielleicht auch, dass ein Blinder nicht besser hören oder riechen kann, sondern dass das Gehirn nur vielmehr freie Kapazitäten hat, um diese Sinnesaufnahmen zu verarbeiten.

(Born): Sie haben uns den Unterschied zwischen Blindheit und Sehbehinderung erklärt. Können Sie einmal genauer beschreiben, welche Art von Wegegestaltung diese beiden Gruppen jeweils brauchen, um selbstständig mobil sein zu können?

(Heide): Sehbehinderte benötigen Kontraste zur Orientierung. Die Umgebung muss hell genug sein, um Kontraste zu erkennen, d. h. nicht extra hell. Blinde brauchen ertastbare Gestaltungen zur Orientierung. Kanten, Ecken, verschiedene Pflasterungen und auch „tönende“ Ampelmasten.

(Born): Sehbehinderte und insbesondere Blinde müssen den Sehsinn durch ihre anderen Sinne ersetzen. Welche Sinne setzen sie dafür ein? Was erleichtert, was erschwert es ihnen, sich im öffentlichen Raum zu bewegen?

(Heide): Alle Sinne. Ich höre, wie sich die Schallwellen des klackernden Blindenstocks ausbreiten und verändern, wenn ich an einer Hecke, einer Mauer oder einer Straßeneinmündung vorbeigehe. Ich fühle die Beschaffenheit des Bodens unter der Kugel des Stocks. Ich fühle die Richtung der Sonneneinstrahlung oder des Windes auf der Haut. Ich höre die „normalen“ Geräusche des Straßenverkehrs und registriere, wie sie sich vorbeibewegen. Ich höre nichts mehr, wenn ein Autofahrer meint, er muss die umliegenden Straßenzüge mit seiner Anlage beschallen. Ich muss stehenbleiben, weil ich keine Orientierung mehr durch normale Umgebungsgeräusche habe. Der Mast der Blindenampel ist nicht mehr zu finden und das Geräusch für die Richtung der Ampelüberquerung nicht zu hören. Laute Gespräche und Telefonate haben einen ähnlichen Effekt.

(Born): Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Mit Stolz wurde in der Presse die Festhaltemöglichkeit für Radfahrer an einigen Ampeln beschrieben.

(Heide): Für Blinde leider ganz schlimm. Ich habe mir daran schon mehrfach Schulter oder Brust gestoßen, einmal hat es mich sogar niedergestreckt. Ein Hindernis im Gehbereich von Blinden ist nicht barrierefrei. Es wurde eine Barriere eingebaut.

(Born): Ab einer Höhe von 3 cm sind Kanten und Stufen für Rollstuhlfahrer ein Problem. Bei Radverkehr können solche Kanten zu Stürzen führen, wenn man seitlich auftrifft. Welche alternativen Möglichkeiten für taktile Markierungen gibt es aus Ihrer Sicht?

(Heide): Vielfach werden schon Steine mit Noppen, sogenannte Aufmerksamkeitssteine für die Orientierung von Blinden verwendet. Sie zeigen dem Blinden Gefahrenstellen an. Wichtig ist dabei, dass sich die Logik der Anwendung dem Nutzer erschließt. Außerdem ist durch deutlich ertastbare Pflasterungsunterschiede eine Menge zu erreichen.

(Born): Wenn Sie die Straßen und Wege in Flensburg nach Wunsch umgestalten könnten, mit welchen drei Dingen würden Sie anfangen?

(Heide): Da gibt es nur eines. Ich möchte den Planern und Gestaltern erzählen, welche Probleme Blinde und Sehbehinderte haben, damit diese sie bei ihren Überlegungen berücksichtigen können. Jeder kennt die Probleme von Rollstuhlfahrern, kaum einer die von Blinden und Sehbehinderten.

Julia Born, VCD Flensburg
Regina Bunge,
Seniorenbeirat Flensburg

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