Eine frische Decke liegt auf dem Tisch. Plätzchen und eine Blumenvase versprühen ebenso Adventsstimmung. Inge Krämer sitzt im Ledersessel, ihr Mann auf dem gegenüberliegenden Sofa. Sie hat nur wenige Fotos, aber viele Erinnerungen an ein abwechslungsreiches Leben, das sich ziemlich genau zur Hälfte im Nordzipfel der Republik abspielte. „Wir sind eingereist und hängengeblieben“, schmunzelt die Wahl-Flensburgerin.
Im Oktober 1952 wurde Inge Krämer in Wiesbaden geboren. Am Rhein trägt man den stolzen Titel „Weltkurstadt“ und betont gerne die Funktion als Landeshauptstadt von Hessen – vor allem wenn sich gerade Frankfurter in der Nähe befinden. Das ist auch unmittelbar vor der Grenze zu Dänemark gar nicht so unwahrscheinlich, wie man meinen mag. Es sind einige Menschen aus der Region Wiesbaden in Flensburg ansässig geworden. Einen sehen Inge Krämer und ihr Mann manchmal im Fernsehen: Den Handballer Johannes Golla, der 2018 zur SG Flensburg-Handewitt gewechselt ist. Die eigenen Verbindungen in den Süden sind allerdings schmaler geworden. Etwas Verwandtschaft lebt noch immer in Wiesbaden. Die Besuche sind aber selten geworden.
Kindergarten, Volksschule, Mittlere Reife – in Wiesbaden durchlief Inge Krämer die normalen Stationen eines Mädchens. Als junge Frau absolvierte sie die Ausbildung zur Bürokauffrau. Einen Tag nach Weihnachten 1969 lernte sie ihren späteren Ehemann Rudolf kennen – bei einer gemeinsamen Freundin. Sie stellten fest, dass sie zwar nicht demselben Jahrgang angehören, aber auf der gleichen Volksschule das ABC und das Rechnen lernten. Und kurios: Die beiden Klassenlehrerinnen waren Zwillingsschwestern.
Nach knapp zwei Jahren heiratete das junge Paar. Ihre erste gemeinsame Wohnung bezog es allerdings nicht in Wiesbaden, sondern in der französischen Kleinstadt Fontainebleau. Rudolf Krämer war im „Schlafzimmer von Paris“ als Soldat stationiert. „Da hatten wir immer viel Besuch, es waren ja auch alle deutlich jünger und reiselustiger als heute“, erzählt Inge Krämer. „Wir sind oft nach Paris reingefahren, mit auf den Eiffelturm sind wir schon bald gar nicht mehr hochgegangen.“
Mit ihrem eigenen, aufgefrischten Schul-Französisch kam sie im Herzen Frankreichs gut zurecht und meisterte sogar den Führerschein. Der Fahrlehrer erwies sich als sehr unkompliziert. Ein Anruf, eine kurze Terminabsprache – und er stand mit dem Auto vor der Tür. Schnell erklärte er „Änsche“ Bremse, Gaspedal und Kupplung – und los ging es. Und der Theorie-Unterricht? Es gab ein kleines Büchlein mit Verkehrszeichen und Regeln, sogar auf Deutsch. Das musste zu Hause gepaukt werden, in die Fahrschule musste niemand.
Bald war Prüfung, zu viert in einem Auto. Vorne saß der Prüfer, hinten Fahrlehrer und auch ein Dolmetscher, um auf Nummer sicher zu gehen. Drei theoretische Fragen aus dem Buch genügten, dann kam die Praxis. Auf den Straßen von Fontainebleau lag erstmals in jenem Winter Schnee. Inge Krämer war nervös. „Der Fahrlehrer hatte mir vorher mitgeteilt, dass man einen roten Zettel bekommt, wenn man durchgefallen ist und grün hieß bestanden“, erzählt sie. „Doch plötzlich hatte ich etwas Weißes in der Hand.“ Dann die Erleichterung: Bestanden! Aber erst nach zwei Wochen konnte das offizielle Dokument bei der Behörde abgeholt werden. „Ich werde nie nach Paris fahren“, sagte sie sich. Einmal saß sie beim Start in Fontainebleau am Lenker. Doch als das Paar über einen Fahrwechsel nachdachte, war man schon mittendrin in Paris. So schlimm war es nicht in der Millionen-Metropole.
Rudolf Krämer wurde versetzt, fast den kompletten Rest der 70er Jahre war Wuppertal der Wohnsitz. Das Bergische Land punktete mit „tollen Leuten“ und „lecker Essen“. Die größte Umstellung erforderte die Fleischtheke im Supermarkt. Inge Krämer hatte noch die französischen Namen im Kopf und alternativ die hessischen Bezeichnungen. Mit Dörrfleisch konnte in Westdeutschland niemand etwas anfangen. Und dass mit Karbonade ein Kotelett gemeint war, erschloss sich nicht sofort. Inge Krämer war im Büro eines Unternehmens der Textilbranche beschäftigt – bis zur Geburt des ersten von insgesamt vier Kindern. Da der Lebensweg oft über den gängigen Tellerrand hinausging, suchte sich das Ehepaar Namen aus, die die Menschen überall gut aussprechen konnten.
Christian und Sonja wurden in Wuppertal geboren, Philipp und Michael in Belgien. In ihren Ausweisen steht Mons, die Hauptstadt der wallonischen Provinz Hennegau. Im Alltag dominierte also wieder Französisch. Es gab einen internationalen Kindergarten, eine deutsche Schule und neue Sprachen für die Eltern. Inge Krämer beschäftigte sich vormittags mit Spanisch und probierte einen Griechisch-Anfängerkurs aus. Die NATOFamilie war international.
Die Krämers wohnten immer mittendrin, tauschten sich mit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten aus und lernten andere Sitten und Gebräuche kennen. „Die Belgier feierten zu Weihnachten den Geburtstag von Jesus“, berichtet Inge Krämer. „In der Nähe war ein Restaurant, an dem zu Heiligabend gut gegessen, bei lauter Tanzmusik aber auch fröhlich gefeiert wurde.“ Weihnachten war kein Fest der Familie.
Nach vier Jahren in Belgien standen die Krämers vor dem Scheideweg: Zurück nach Hessen oder eine ganz andere Ecke in Deutschland. Schleswig-Holstein hatten sie bis dahin noch gar nicht betreten, lockte aber wegen der Seeluft. Aus der Option wurde Flensburg und die Grenzland-Kaserne. Der Erstkontakt fand an einem superheißen Sommertag im Juni 1983 statt. „Wir gingen in die Stadt und stießen an vielen Stellen auf die dänische Sprache“, sagt Inge Krämer. „Wir kannten eher das Frankophone, und waren nun überrascht, auf dänische Schulen, dänische Kindergärten und dänisches Geld zu treffen.“ Die Familie wurde heimisch im hohen Norden. Was aber fehlte, war der Karneval. Wenn dann am Rosenmontag die Umzüge übertragen wurden, sagte man sich: „Im nächsten Jahr fahren wir dorthin.“ Doch dann saß man wieder zu Hause vor dem Fernseher.
Die Krämers bezogen in der Nordstadt, unweit der Grenzland-Kaserne, eine Mietwohnung. Wenige hundert Meter weiter lag ein freies Grundstück der Stadt. Der direkte Nachbar war ein Bauunternehmer. So war es fast ein Automatismus, dass im Januar 1984 der Bagger anrollte. Viele wunderten sich: „Warum baut ihr gleich in Flensburg? Ihr wisst doch gar nicht, ob ihr bleibt.“ Die Skeptiker sahen sich bestätigt, als die Krämers ihr Haus nach nur vier Jahren vermieteten und nochmals nach Belgien gingen. Ab 1991 wurden sie dann aber sesshaft an der Flensburger Förde. Zwar wurde Rudolf Krämer noch nach Potsdam und Berlin versetzt, kam dann aber bis zu seinem Ruhestand in 2001 zu den Wochenenden in den Norden.
Inge Krämer absolvierte eine Weiterbildung als Euro-Fremdsprachensekretärin und arbeitete ab 1994 in einem Büro, bald als Teamleiterin in der Wirtschaftsinformation. Das Ehrenamt hatte für sie zu diesem Zeitpunkt längst eine große Bedeutung. In Belgien hatte sie Kinder- und Jugendgruppen unterstützt. Der soziale Bereich deutete sich früh an. Im Flensburg der 80er Jahre war die vierfache Mutter für den Kinderschutzbund aktiv und half bei der Kleiderausgabe oder bei Einkaufsgängen. Ein Draht zur Familienhilfe entstand.
In den 90er Jahren nahm die Politik einen immer größeren persönlichen Stellenwert ein. Das SPD-Parteibuch hatte Inge Krämer schon im August 1974 beantragt. „Mein Mann entschied sich für die SPD, und ich sagte sofort: Da mache ich mit!“, erzählt sie. „Das Soziale war uns immer sehr wichtig.“ In Wuppertal wurde sie gleich als Beisitzerin im Ortsverein gewonnen: „Du bis eine Frau und jung.“ Der erste Wahlkampf endete 1975 mit einem Sieg des SPD-Kandidaten und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau, der einst als Oberbürgermeister von Wuppertal amtiert hatte.In der neuen Heimat war Inge Krämer zunächst im SPD-Ortsverein „Flensburg-Nord“ aktiv. „Mein Mann unterstützte mich immer“, erzählt sie. „Dann wurde ich aber auch von anderen Männern etwas geschubst – und ich war Vorsitzende im Ortsverein.“ 2003 war sie erstmals Kandidatin für den Wahlkreis eins. „Eine Frau ist ja immer etwas zögerlich: Kann ich das wirklich machen?“, sagt die ehemalige Kommunalpolitikerin. „Ein Mann würde hingegen behaupten: Ich mache das, und dann sehe ich weiter.“
Die Premiere endete allerdings mit einem Dämpfer. Der SSW machte im Flensburger Norden das Rennen. Als erste Nachrückerin kam Inge Krämer in den Stadtrat. Die Kommunalwahl 2008 lief sehr ähnlich. Danach hatte sie einen guten Platz auf der SPD-Liste und wurde zu einem bekannten Gesicht im Flensburger Stadtrat. Mit ihrem Arbeitgeber hatte sie das politische Engagement abgestimmt, denn das Ehrenamt als Stadträtin kann fast zu einem Full-Time-Job ausarten. „Wenn man es richtig macht und nicht nur dann die Hand hebt, wenn die anderen die Hand heben“, erklärt die SPD-Frau.
Sie saß in den Ausschüssen für Soziales und Gesundheit sowie im Gremium für die Gleichstellung, im Jugendhilfeausschuss war sie sogar Vorsitzende. Einige Wunschprojekte wurden realisiert. Etwa die Patenschaften für Kinder psychisch kranker Eltern. „Das ist toll geworden“, findet Inge Krämer. Auf der anderen Seite ärgert sie sich noch immer, dass soziale Einrichtungen wie die „Flensburger Tafel“ oder die „Haltestelle sponte Nord“ nicht die erhoffte Unterstützung erhalten würden. Es sei manchmal schwer, die Bedürftigkeit in Zahlen zu fassen, sagt sie. „Über kleine Projekte im sozialen Bereich, bei denen es vielleicht um 500 Euro geht, wird manchmal sehr intensiv diskutiert, während an anderer Stelle mal so eben ein teures Gutachten in Auftrag gegeben wird.“ 2013 wurde Swetlana Krätzschmar Stadtpräsidentin. Inge Krämer rangierte in der SPD inzwischen auf Listenplatz eins und wurde zur stellvertretenden Stadtpräsidentin. Für Grußworte, die Pflege einiger Städtepartnerschaften oder den Empfang einer chinesischen Delegation war sie in der ganzen Stadt unterwegs. Die Fraktion entband sie zur Entlastung von einigen anderen Aufgaben. Als Stellvertreterin überzeugte Inge Krämer offensichtlich und war 2018 sogar für die erste Hälfte der Wahlperiode als Stadtpräsidentin im Gespräch. Es war eine etwas knifflige Situation, da CDU, SSW, SPD und Grüne bei der letzten Kommunalwahl allesamt acht Sitze erreicht hatten. Letztendlich setzte sich die Lesart nach den einzelnen Wählerstimmen durch, sodass die SPD-Kandidatin das Amt der zweiten stellvertretenden Stadtpräsidentin übernahm.
Anfang des Jahres war Schluss mit der politischen Arbeit. „Wir konzentrieren uns nun auf uns“, sagt die 68-Jährige und blickt dabei zu ihrem pflegebedürftigen Mann. Sie selbst wurde am Daumen operiert – zumindest nicht an der rechten, sondern an der linken Hand. Ihr merkt man an, dass sie das Geschehen in Flensburg immer noch mit Herzblut verfolgt. Inge Krämer spricht den Arbeitskreis „Einbindung und Beteiligung der Flensburger Einwohner“ an, an dem sie aktiv mitgearbeitet hatte. Sie hatte an eine neue Struktur des digitalen Ratsinformationssystems oder an Bürgersprechstunden gedacht. „Nun wird man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, da hätte ich mir mehr erhofft“, sagt sie.
Ganz ohne Ehrenamt ist Inge Krämer auch jetzt nicht. Im Stadtverband der Arbeiterwohlfahrt fungierte sie als eine von zwei Co-Vorsitzenden. Dort fiel in diesem Jahr – wie fast überall – fast das komplette Jahresprogramm coronabedingt aus. Sonst steht die Familie im Mittelpunkt, was bei vier Kindern und acht Enkeln eine durchaus große Angelegenheit ist. Normalerweise trafen sich alle an einem der Weihnachtstage gemeinsam im großen Wohnzimmer. „Das war immer eng und kuschelig“, schmunzelt Inge Krämer. „Wie wir es diesmal machen, darüber machen sich die Kinder ihre Gedanken.“

Text und Fotos: Jan Kirschner

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