Es ist unbestritten heute eine der urigsten und ursprünglichsten Ecken unserer schönen und geschichtsträchtigen Stadt Flensburg: das Quartier St. Jürgen am Ostufer der Hafenspitze, auch „Kapitänsviertel“ genannt.

Der Stadtbezirk St. Jürgen (als 092 im Stadtplan gekennzeichnet) ist einer von insgesamt vier (091, 092, 093, 094) Bezirken des Stadtteils Jürgensby (die anderen Bezirke sind Sender, St. Johannis, Jürgensgaard – offiziell behördlicherseits als Nummern 091, 093 und 094 benannt). Er liegt direkt am Ostufer der Förde an der heutigen Fördespitze. Er erinnert den Betrachter nicht nur wegen seiner markanten Hanglage, dem historischen Kapitänsviertel, den engen Gassen und dem einmaligen Blick sowohl auf die Binnenförde als auch das Flensburger Westufer schon ein wenig an Hamburgs berühmten Stadtteil „Blankenese“ …

Die Anfänge
Zu Beginn des späteren Mittelalters (1300-1500 n. Chr.) waren der Fördehang und der Uferstreifen am Ostufer der Flensburger Binnenförde nahezu unbewohnt. St. Jürgen hieß im Mittelalter zunächst nur ein dortiges Leprosen-Hospital (Siechenhaus), das nach dem heiligen Georg (Georg entspricht im Niederdeutschen „Jürgen“) benannt worden war. Die erste urkundliche Erwähnung stammt bereits aus dem Jahr 1283.
Solche damals auch Siechenhaus genannten Einrichtungen waren meist weit außerhalb von Stadtmauern gelegene Quarantänehäuser – von der Antike bis weit ins Mittelalter wurden dort an Lepra (Aussatz) Erkrankte untergebracht und so von der gesunden Bevölkerung isoliert.
Das Gebiet war seinerzeit im Besitz des Hospitals, die Stadt konnte deshalb dort keinen Einfluss geltend machen. Nach der Reformation wurde das Lepra-Haus aufgegeben, doch gehörte das Gebiet weiterhin zum Rechtsbezirk des Klosters zum Heiligen Geist. Um 1590 bildete sich auf dem Klostergrund, auch damals noch außerhalb der Flensburger Stadtmauer und vor dem Johannistor gelegen, die Siedlung St. Jürgen. Außerhalb des genannten Gebiets siedelten sich im Laufe der Zeit hauptsächlich Fischer an.

Für andere Berufszweige gab es dort auch kaum etwas Lohnendes zu holen. Wegen der damaligen Idylle am seichten und teils moorigen Ufer konnten allenfalls ein paar Fischer dort ihren Lebensunterhalt verdienen: Die Wasserlinie ging noch direkt bis an die kleinen, alten Häuser heran, zahlreiche Anlegestege und die Fischriggen (Gestelle zum Trocknen der Netze) prägten seinerzeit die Uferlandschaft.
Diese einst kleine Fischersiedlung entwickelte sich schließlich im 18. Jahrhundert immer mehr zu einer dicht bebauten Vorstadt, die aber kirchlicherseits noch nach Adelby eingepfarrt war – nicht nach Flensburg.
Die Entwicklung im 18. und 19. Jahrhundert zum Kapitänsviertel
Ursprünglich wohnten hier zahlreiche Kapitäne und Seeleute. Heute ist es längst ein ruhiges, beliebtes Wohngebiet mit wunderschön restaurierten Kulturdenkmalen und kleinen Gängen zwischen den Häusern geworden. Da die Bauvorschriften der Stadt hier anfangs natürlich noch nicht galten, bauten die erwähnten „Fahrensmänner“ kleine, verschachtelte Häuser in die Hänge. So entstand nach und nach das sogenannte „Gängeviertel“. Das wohlhabende Ostufer (Stichwort Kapitäne) wurde im Volksmund salopp als „Groschenseite“ bezeichnet – im Gegensatz zur einfachen „Pfennigseite“ auf der westlichen Fördeseite.

Damit man die dortige Ostufergegend auch wirtschaftlich besser nutzen konnte, mussten dafür erst einmal Voraussetzungen geschaffen werden. Unmittelbar vor das bis dahin idyllische Jürgensbyer Ufer wurde massenhaft Kies geschüttet. Damit schuf man genügend Platz und Raum für die Anlegung einer Wegung bzw. einer Straße – der Grundstein für die heutige Fahrbahn des Straßenzugs Hafendamm und eine geplante Reihe mehrgeschossiger Häuser, die den Kapitänshäusern auf St. Jürgen die Sicht aufs Wasser verbauten. Das Ufer wurde so weit aufgeschüttet, dass an der Hafenkante noch Platz war für Gleise in direkter Nähe zu den Schiffen. Den Rest der Flächen brauchte die Eisenbahn für ihre beiden Bahnhöfe: den Staatsbahnhof (heute befindet sich dort der ZOB) und den damaligen „Kieler Bahnhof“, in dem die bis ins Jahr 1927 aktive alte Bahnlinie Flensburg-Kiel endete. Danach wurden die Kieler Anlagen nur noch für den Güterbahnverkehr genutzt.

Anfang des 19. Jahrhunderts wohnten in der Vorstadt St. Jürgen schon etwa 1270 Menschen. Spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts bestand dieses Quartier St. Jürgen aus den beiden Gebieten Süder- und Norder-St. Jürgen. Das vier Hektar große Süder-St. Jürgen lag nördlich vom Dammhofareal. Süder-St. Jürgen erstreckte sich von der Plankemai bis zum weiter nördlich gelegenen Margarethenhof. Das dort gelegene Teilstück der Johannistraße unterhalb des Fördehangs gehörte ebenfalls zu diesem Teil von St. Jürgen. Norder-St. Jürgen begann ungefähr auf der Höhe der heutigen Hafenspitze, folgte dem Fördehang weiter nördlich bis zum Lautrupsbach. Darüber hinaus gehörte noch das nördlich gelegene Gebiet unterhalb des Ostuferhangs an der Ballastbrücke bis nach Harnis zu Norder-St. Jürgen. Insgesamt nahm Norder-St. Jürgen 32 Hektar ein.

1874: Eingemeindung nach Flensburg
Am 3. März 1874 wurden Norder- und Süder-St. Jürgen nach Flensburg eingemeindet. Das östlich von St. Jürgen gelegene Jürgensgaard mit seiner 205 Hektar großen Fläche wurde dagegen erst im Jahre 1900 eingemeindet. Kurz darauf in den Jahren 1903 bis 1907 wurde die St. Jürgen-Kirche errichtet, und ab dem Jahr 1904 als Gotteshaus genutzt. Die neugotische Backsteinkirche St. Jürgen thront auch heute noch weithin sichtbar auf dem Berg über dem Ostufer.
Der nördlich vom Lautrupsbach gelegene Teil von Norder-St. Jürgen gehört heute zum Stadtteil Fruerlund. Der Rest von Norder-St. Jürgen entspricht ungefähr dem heutigen Stadtbezirk St. Jürgen. Der Stadtbezirk selbst besteht heute zum Großteil aus dem Kapitänsviertel, dem Bereich um die Kirche St. Jürgen sowie dem dort befindlichen „Offenen Kanal Flensburg“, grenzt zudem an den Verlauf der Nordstraße, wo diese auf den Hafendamm trifft. Am unteren Rand des Kapitänsviertels liegt des Weiteren das einstige Dienstwohngebäude des Divisionskommandos (Adresse heute: Hafendamm 32, zivil genutzt). Das ehemals militärisch genutzte Gebäude aus der Kaiserzeit war, obwohl Flensburg zeitweise eine Militärstadt war, das einzige jemals militärisch genutzte Gebäude in diesem Bereich der Stadt.

Beginn der Neuzeit
Einhergehend mit dem europäischen Imperialismus und dem Bau neuer Infrastrukturen veränderte sich das gesamte Fördeufer ab etwa 1880 sehr grundlegend. Es entstanden auf der Westseite erst die Flensburger Werft (Flensburger Schiffbau-Gesellschaft FSG), später kam auf der Ostseite die Hafenbahn dazu und schließlich wurde ab 1923 der Freihafen am Harniskai gebaut, um den wirtschaftlichen Verlusten nach der Volksabstimmung von 1920 entgegenzuwirken. Auch die Marine kam zunehmend ins Spiel, der Marinestützpunkt (heute Sonwik) prägte einen Teil des Ostufers, einhergehend mit der nebenan gelegenen und imposanten „Burg“, der Marineschule Mürwik. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die schon vorhandenen Pläne für den Bau einer durchgehenden Straßenverbindung von Flensburg nach Kappeln in die Tat umgesetzt – einer Verkehrsverbindung, die uns allen schon seit Jahrzehnten als eine Selbstverständlichkeit erscheint. Kaum einer wird sich noch heutzutage beim Befahren der landschaftlich reizvollen B 199 – allgemein als Nordstraße bekannt – in Richtung Angeln bewusst machen, auf welch einem einstigen „Meilenstein im Straßenbau“ er sich gerade bewegt.

Am 26. März 1954 wurde unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit und viel Prominenz durch den damaligen Ministerpräsidenten Friedrich-Wilhelm Lübke das weiße Band zerschnitten und damit die rund 46 Kilometer lange Strecke für den Verkehr freigegeben. Dem Ministerpräsidenten wurde zur B-199-Einweihung am Rastplatz Munkbrarup ein Gedenkstein gewidmet. Heute bildet die Nordstraße die nördliche Grenze zwischen dem Bezirk St. Jürgen und Fruerlund.

Die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart
Das Marinestützpunktkommando Flensburg-Mürwik wurde zum 31. Dezember 1998 offiziell aufgelöst. Der militärische Marinehafen wurde zeitgleich von der Bundeswehr aufgegeben und die Hafenanlagen größtenteils zu einem zivilen Yachthafen (dem heutigen Sonwik) umgebaut. Das gesamte Gebiet als heutiges Quartier Sonwik verwandelte und entwickelte sich – einschließlich der beiden weithin sichtbaren Wohntürme Luv und Lee – zu einem hochwertigen Yachthafen und Wohnquartier, mit einigen Geschäftsbetrieben, Restaurants sowie dem heute über die Grenzen Flensburgs hinaus bekannten Hotel „James“ direkt an der Fördepromenade. Was mit dem Sanierungsgebiet „Hafen-Ost“ – vom Kanalschuppen bis hin zum „Piratennest“ – einmal in Zukunft passieren soll, steht heute noch in den Sternen.

St. Jürgen – seine Straßen und Gänge
Die bekanntesten Straßen und Wege des Gebiets zeichnen sich durch ihre historischen Kapitänshäuser, das besondere „Gängeviertel“ und die charakteristischen Treppenanlagen aus. St.-Jürgen-Straße: Das Herzstück des Bezirks, die durch das historische Viertel zur gleichnamigen Kirche führt. St.-Jürgen-Platz: Der zentrale Platz im Umfeld der Kirche. St.-Jürgen-Treppe: Eine historische Treppenanlage (auch Große St.-Jürgen-Treppe), die das Kapitänsviertel mit dem höher gelegenen Stadtbezirk Jürgensgaard verbindet. Kleine St.-Jürgen-Treppe: Ein weiterer malerischer Fußgängeraufstieg in der Nachbarschaft. St.-Jürgen-Winkel: Eine kleine Seitenstraße in diesem Wohngebiet. Darüber hinaus gibt es einige weitere Gänge und Straßen, die das bekannte Bild dieses Viertels prägen, wie beispielsweise den Steuermannsgang. Die weiteren Gänge sind Flatzbygang, Lautrupsgang, Schiffergang, Ravnsgang und Tötensgang.

Ausblick
Nicht nur für Urlauber und Touristen lohnt sich unbedingt ein Spaziergang durch St. Jürgen. Auch den Einheimischen legen wir nahe, einmal wieder an einem freien Tag durch diesen sehenswerten Bezirk zu spazieren, empfehlenswert ist auch eine Stadtführung (organisiert von der TAFF). Wir empfehlen hier unbedingt die Tour namens „Malerisches Kapitänsviertel“!
Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Stadtarchiv, Archiv FLJ















