Der gemeinsame Kaffee zu Dienstbeginn muss warten. Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, als Tim und Jan (auf Wunsch der beiden Beamten nennen wir nur die Vornamen) den Streifenwagen der Polizeistation Handewitt besetzen. Die Leitstelle hat bereits den ersten Auftrag für die beiden Handewitter Polizisten. Familiäre Streitigkeiten in Harrislee. Kein Einsatz mit Blaulicht und Martinshorn, aber einer, der keinen Aufschub duldet. Wenige Augenblicke später sind Tim und Jan auf dem Weg. Für die beiden Beamten beginnt die Frühschicht. Wie immer wissen sie vorher nicht, was der Tag mit sich bringt.

Die Fahrt nach Harrislee dauert nicht lang. Nach wenigen Minuten sind die beiden Beamten vor Ort. Schnell stellt sich heraus, dass ein Ehepaar mitten in der Trennung steckt. Der Ehemann hat den Autoschlüssel seiner Frau und den Hausschlüssel mitgenommen. Es geht um Vermittlung, um Sachlichkeit und darum, eine aufgeheizte Situation wieder zu beruhigen. Für Jan und Tim gehört genau das zum Alltag. Große Kriminalfälle sind auf den ländlichen Polizeistationen zum Glück eher die Ausnahme. Dafür landen viele Situationen auf ihrem Tisch, bei denen Fingerspitzengefühl gefragt ist. Die Besatzung des Handewitter Streifenwagens kann die Situation in Harrislee beruhigen. „Das Ehepaar lebt in Trennung und der Ehemann hat unberechtigterweise das Fahrzeug der Frau mitgenommen“, sagt Tim. „Im Rahmen der Streife suchen nun auch alle anderen Streifenwagen in und um Flensburg nach dem Fahrzeug und dem Mann.“
Zuständigkeiten
Die Polizeistation Handewitt ist eine von insgesamt elf Polizeistationen innerhalb des zweiten Polizeireviers Flensburg. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass die polizeiliche Präsenz auch im ländlichen Raum dauerhaft gewährleistet ist. Die Stationen Handewitt, Harrislee und Schafflund bilden einen gemeinsamen Zuständigkeitsbereich. Jede Station ist autark und verfügt über einen eigenen Stationsleiter. Im Dienstalltag sind Überschneidungen und eine enge Zusammenarbeit aber an der Tagesordnung. „Wir stimmen unter anderem auch unseren Urlaub stationsübergreifend ab“, sagt Tim. Auf der Handewitter Station verrichten sieben Polizeibeamte ihren Dienst. Aktuell befindet sie sich noch am Wiesharder Markt. Es steht allerdings ein Umzug in das alte Amtsgebäude in der Hauptstraße an. Zurück zu den Wurzeln. Hier war schon früher die Handewitter Polizei untergebracht. Nach Abschluss einer aktuell laufenden Renovierung geht’s dann zurück an die alte Wirkungsstätte.

Drei Bereiche, die durchaus unterschiedlich sind. Harrislee ist dicht besiedelt und wächst mit Flensburg immer stärker zusammen. Handewitt entwickelt sich rasant weiter, nicht zuletzt durch das große Gewerbegebiet oder Neubaugebiete. Das Amt Schafflund dagegen ist geprägt von kleinen Dörfern, Landwirtschaft und weiten Strecken. „Das macht unseren Job unglaublich abwechslungsreich“, sagt Tim während der Fahrt. „Wir haben hier eigentlich alles.“ Tatsächlich liegen zwischen der deutsch-dänischen Grenze, der Autobahn A7, riesigen Feldern, Gewerbegebieten und kleinen Ortschaften oft nur wenige Kilometer.
Vielfalt im Job
Gerade diese Vielfalt macht den Dienst anspruchsvoll. Während Kollegen in der Stadt häufig innerhalb weniger Minuten am Einsatzort sind, verbringen Streifenbeamte auf dem Land einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit im Auto. Von Jardelund bis an die Stadtgrenze Flensburgs oder von Lindewitt bis Harrislee können schnell viele Kilometer und lange Fahrzeiten zusammenkommen. Unter Inanspruchnahme von Blaulicht und Martinshorn sind es lange Wege, die über eine lange Zeit ein sehr hohes Konzentrationslevel erfordern. Gleichzeitig endet die Zuständigkeit im Einsatzfall nicht immer exakt an Gemeindegrenzen. „Wenn irgendwo Unterstützung gebraucht wird, fahren wir natürlich auch in die Bereiche der Nachbarstationen“, erklärt Jan. „Hier arbeitet niemand streng nach Grenzen.“ Dass die Wege weit sind, bedeutet allerdings nicht, dass Zeit verloren geht. Die Streifenwagen sind inzwischen mobile Büros. Anzeigen schreiben, E-Mails bearbeiten oder Vorgänge vorbereiten – vieles erledigen die Beamten inzwischen direkt unterwegs. „Das spart später auf der Dienststelle eine Menge Zeit“, sagt Tim.

Kaum ist der erste Einsatz abgeschlossen, meldet sich erneut die Leitstelle. Diesmal geht es um einen Geisterfahrer auf der A7. Ein Autofahrer soll aus Dänemark kommend auf der falschen Fahrbahn unterwegs sein. Tim schaltet sofort das Blaulicht ein. Der Streifenwagen beschleunigt in Richtung Anschlussstelle Harrislee. Ein schwerer Unfall muss verhindert werden. „Die Gefahr, dass in einem solchen Fall etwas passiert, ist enorm hoch“, sagt Jan. „Immer wieder gibt es in Deutschland schwere Unfälle mit Geisterfahrern.“ Der Weg von Harrislee bis zur Autobahn beträgt nur wenige Kilometer und wenige Minuten. Neben dem Handewitter Streifenwagen sind auch weitere Einsatzfahrzeuge aus Flensburg und dem Umland alarmiert und unterwegs zur Autobahn.
Einsatz auf der A7
Als die Beamten die Autobahn erreichen, kommt die Entwarnung. Der Fahrer hat seinen Fehler offenbar bemerkt, gedreht und konnte von der dänischen Polizei an der Grenze festgestellt werden. Der Einsatz wird abgebrochen. „Das ist typisch“, sagt Jan und lächelt kurz. „Du weißt morgens nie, was dich erwartet. Gerade das macht den Beruf so spannend.“ Nicht die Zahl der Einsätze entscheidet über den Arbeitstag, sondern ihre enorme Bandbreite. Heute beginnt die Frühschicht mit einem Familienstreit und einem Geisterfahrer. Niemand kann sagen, was als Nächstes über den Funk kommt.
Kaum ist der Adrenalinschub des Geisterfahrer-Einsatzes abgeklungen, folgt schon der nächste Auftrag. Der Mann aus dem ersten Einsatz in Harrislee, der mit dem Pkw seiner in Trennung lebenden Frau verschwunden war, wurde in Flensburg angetroffen. Die Kollegen dort haben ihn kontrolliert und sind auch direkt einem zuvor geäußerten Verdacht nachgegangen, wonach der Mann sich alkoholisiert hinter das Steuer gesetzt hatte. Ein durchgeführter Atemalkoholtest ergab 0,8 Promille. „Er selbst behauptet allerdings, nicht gefahren zu sein, sondern seine Ehefrau“, sagt Tim. Für Tim und Jan ist das mit einer Fahrt zum 1. Polizeirevier nach Flensburg verbunden. Dort stellen sie Wohnungs- und Fahrzeugschlüssel sicher, damit diese später an die Ehefrau zurückgegeben werden können. Der Mann muss zudem einen gerichtsverwertbaren Atemalkoholtest absolvieren.

Solche Einsätze zeigen, wie eng Stadt und Land miteinander verbunden sind. Die Grenzen der Zuständigkeitsbereiche spielen im Alltag oft nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, wer gerade am schnellsten helfen kann. „Wir unterstützen uns gegenseitig. Das funktioniert stationsübergreifend wirklich gut“, sagt Jan. Personell aufwendige Kontrollen oder größere Einsatzlagen würden regelmäßig gemeinsam bewältigt. Selbst gemeinsame Teamtage gehören dazu. „Man muss sich kennen und vertrauen.“ Zurück auf den Landstraßen rund um Handewitt wird schnell deutlich, dass die Herausforderungen hier andere sind als im Flensburger Stadtgebiet. „Bei uns ist Gefahrenabwehr ein riesiges Thema“, erklärt Tim. „Natürlich nehmen wir auch Straftaten auf. Aber manch Sachverhalte würden in einer Stadt so gar nicht erst entstehen.“
Jeder Tag ist anders
Er meint damit nicht nur Wildunfälle oder liegengebliebene Fahrzeuge. Es geht um Tiere, die nicht ausreichend versorgt werden, um verschmutzte Fahrbahnen nach landwirtschaftlichen Arbeiten oder um verlorene Ladung. Besonders in den Sommermonaten prägt die Landwirtschaft das Straßenbild. Mähdrescher, Häckselmaschinen und Traktoren sind mitunter bis spät abends unterwegs. Für manchen Autofahrer sind sie ein Ärgernis, für die Polizei dagegen ein sensibles Thema. „Die Landwirte arbeiten in dieser Zeit oft von früh morgens bis spät in die Nacht“, sagt Jan. „Das sind in der Regel sehr vernünftige Leute. Trotzdem kommt es auch durch den enormen Zeitdruck immer wieder zu Verstößen.“ Dann geht es beispielsweise um überladene Anhänger, verschmutzte Fahrbahnen oder technische Mängel. „Gerade bei Anhängern mit Druckluftbremsen könne eine falsche Einstellung erhebliche Folgen haben“, weiß Tim. Auch Führerscheinklassen spielen immer wieder eine Rolle. „Wer mit einem landwirtschaftlichen Gespann schneller unterwegs sein will, benötigt unter Umständen eine andere Fahrerlaubnis. Vielen sei das gar nicht bewusst.“

Hinzu kommen Motorradfahrer, die gerade an sonnigen Wochenenden die kurvenreichen Landstraßen für sich entdecken. Wo langsame Erntemaschinen auf schnelle Motorräder treffen, entstehen immer wieder gefährliche Situationen. „Manchmal reichen eine verschmutzte Fahrbahn oder ein abbiegender Mähdrescher und schon haben wir einen folgenschweren Verkehrsunfall“, sagt Tim. Dass Verkehrsunfälle auf dem Land häufig gravierendere Folgen haben als in der Stadt, überrascht nicht. Die Geschwindigkeiten sind höher und Ausweichmöglichkeiten gibt es auf schmalen Kreisstraßen mitunter kaum. Der Funk bleibt am späten Vormittag erstaunlich ruhig. Fast schon ungewöhnlich ruhig. Doch gerade diese scheinbare Ruhe gehört zur Polizeiarbeit auf dem Land. „Es gibt Phasen, in denen wir längere Zeit keine Einsätze zugeteilt bekommen, und dann wieder Phasen, in denen es mehrere Einsätze gleichzeitig zu bewältigen gibt“, sagt Jan. „Planbar ist dieser Beruf nie. Genau das gefällt mir“, so Jan weiter. „Du weißt morgens wirklich nicht, womit du abends nach Hause gehst.“
Wenig später meldet sich die Leitstelle erneut. Diesmal geht es um einen Wildunfall nahe Gottrupel. Das Reh ist verschwunden, am Scheinwerfer des Autos kleben nur noch einige Haare. Auch solche Einsätze gehören auf dem Land zur Routine. Die Polizei kann hier nicht viel tun. Das angefahrene Wild können auch sie nicht entdecken. Dem Fahrer wird eine Bescheinigung zur Vorlage bei seiner Versicherung ausgestellt und der Einsatz ist bereits nach wenigen Minuten beendet. Kurz nach dem Wildunfall zeigt sich erneut, wie unterschiedlich Polizeiarbeit auf dem Land sein kann. Ein Nachbar aus Handewitt meldet sich bei der Polizei, weil eine Mülltonne des Nachbargrundstücks verschwunden ist. Vermutlich gestohlen. Die Hauseigentümer selbst seien im Urlaub. Man bittet darum, dass die Polizei mal nach dem Rechten schaut. Tim und Jan nehmen den Hinweis ernst. „Die Menschen rufen uns eben auch bei solchen Dingen an“, sagt Tim. „Gerade auf dem Land kennt man sich. Da fällt sofort auf, wenn etwas nicht stimmt.“
Überhaupt sei das Meldeverhalten der Bevölkerung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Man ruft deutlich schneller oder niedrigschwelliger die Polizei als früher. Vor allem montags wird es auf den Dienststellen oft voll. Dann schildern Bürger, was ihnen am Wochenende aufgefallen ist oder was sie beschäftigt. Das Rätsel um die verschwundene Mülltonne können auch die beiden Beamten an diesem Tag nicht lösen.
Auch in Phasen, in denen die Leitstelle keine Einsätze hat, die ein sofortiges Handeln erfordern, gibt es Arbeit für die beiden Polizeibeamten. Zwei Haftbefehle sollen vollstreckt werden. Einer betrifft eine nicht bezahlte Geldbuße von gerade einmal 70 Euro. Weil diese nicht beglichen wurde, drohen nun zwei Tage Erzwingungshaft. Der zweite Haftbefehl betrifft eine Ersatzfreiheitsstrafe von 14 Tagen. Doch beide gesuchten Personen sind nicht zu Hause. Für Tim und Jan endet der Einsatz so schnell, wie er begonnen hat. „Das gehört eben dazu“, sagt Jan. „Manchmal fährt man viele Kilometer und erreicht trotzdem nichts.“

Kaum sind die beiden wieder unterwegs, folgt der nächste Hinweis. Eine Frau meldet der Leitstelle einen Mann, der betrunken und ohne Führerschein mit seinem Auto losgefahren sein soll. Zufällig entdecken die Beamten wenig später tatsächlich das beschriebene Fahrzeug. Die Kontrolle bringt allerdings ein anderes Ergebnis zutage: Der Fahrer besitzt eine gültige Fahrerlaubnis und pustet 0,0 Promille. „Da fragt man sich natürlich schon, wie die Meldung zustande gekommen ist“, sagt Tim. „Wenn dieselbe Person häufiger grundlos anruft, muss man irgendwann auch darüber nachdenken, ob das nicht Konsequenzen haben muss.“ Solche Fehleinschätzungen gehören ebenso zum Alltag wie echte Notfälle. Jede Meldung muss ernst genommen werden. Erst vor Ort zeigt sich, ob tatsächlich Gefahr besteht.
Blaulichteinsätze
Noch während die Handewitter Polizeibeamten gegen Mittag auf der Dienststelle etwas Büroarbeit erledigen, meldet sich die Leitstelle über das Telefon. Ein Autofahrer soll auf der A7 in Richtung Norden wilde Sau spielen. Es sei bereits zu mehreren Verkehrsgefährdungen durch eine rücksichtslose Fahrweise gekommen. Der Wagen soll mit hoher Geschwindigkeit in Richtung dänischer Grenze unterwegs sein. Tim und Jan lassen alles stehen und liegen. Laufen zu ihrem Einsatzfahrzeug und machen sich mit Blaulicht auf den Weg Richtung Autobahn. „Der Plan ist, dass wir uns an der Anschlussstelle Harrislee postieren und mit etwas Glück fährt das gesuchte Fahrzeug dort an uns vorbei“, erklärt Jan. Nur zwei Minuten später stehen die beiden an der Autobahn. Nach fünf weiteren Minuten wird der Einsatz abgebrochen. „Der Wagen müsste längst vorbeigekommen sein“, sagt Jan. „Vermutlich kamen wir nicht mehr rechtzeitig.“

Auf der Rückfahrt nach Handewitt fällt Tim ein entgegenkommender Opel auf. Der Fahrer ist nicht angeschnallt. Noch gravierender: Auch die beiden Kinder auf der Rückbank tragen keinen Sicherheitsgurt. Lediglich die Beifahrerin ist ordnungsgemäß gesichert. Wenige hundert Meter später steht der Wagen am Straßenrand. Für die Beamten ist klar: Gerade solche Verstöße dürfen nicht übersehen werden. „Bei einem Unfall kann der Gurt Leben retten, besonders bei Kindern, sagt Jan ruhig, während er das Gespräch mit dem Fahrer führt. Es ist einer dieser Momente, die den Charakter der Polizeiarbeit auf dem Land gut beschreiben. Große Schlagzeilen entstehen daraus nicht. Doch genau diese Kontrollen, Gespräche und kleinen Entscheidungen sorgen jeden Tag dafür, dass Menschen sicher nach Hause kommen.
Ein ganz normaler Tag
Als Tim und Jan den Streifenwagen schließlich wieder auf dem Hof der Polizeistation Handewitt abstellen, liegen etliche Kilometer hinter ihnen. Familiäre Streitigkeiten, ein Geisterfahrer, ein Wildunfall, Haftbefehle, Verkehrskontrollen und kuriose Meldungen über verschwundene Mülltonnen – kaum ein Einsatz ähnelte dem anderen. „Die Vielseitigkeit macht den Beruf aus“, sagt Tim zum Abschied. In der Stadt folgen Einsätze oft Schlag auf Schlag. Auf dem Land ist die Arbeit eher von großen Entfernungen und einer mitunter engeren Verbindung zu den Menschen geprägt. Hinzu kommt eine enorme thematische Bandbreite, die den Arbeitsalltag der Polizei bestimmt. Die Polizistinnen und Polizisten sind Verkehrsexperten, Streitschlichter, Ansprechpartner für Bürger, Tierschützer und Gefahrenabwehrer zugleich. Sie sind überall dort präsent, wo Menschen sie brauchen, vom Gewerbegebiet in Handewitt über die Felder rund um Schafflund bis hin zu den kleinen Dörfern direkt an der dänischen Grenze.
Text und Fotos: Benjamin Nolte















