Für bessere Perspektiven: Das Jugendaufbauwerk der Stadt Flensburg

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Wenn etwas Jugendliches 70 Jahre alt wird, ist das meistens ungewöhnlich – weil: „70“ und „jugendlich“ – passt das eigentlich zusammen? Klare und eindeutige Antwort „Ja!“ – Zumindest in diesem Zusammenhang: Im Jahr 2019 wird nämlich das Jugendaufbauwerk Flensburg stolze und „jugendliche“ 70 Jahre alt, und ist nach einer höchst erfolgreichen Frisch­zellenkur im Jahre 2012 so jugendlich und aktuell wie eh und je!

Was und für wen ist das „Jugendaufbauwerk“ – kurz „JAW“?

Wer unter 25 Jahre und nicht mehr schulpflichtig ist, arbeiten kann und will, aber weder in einem Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis steht, dem wird seit 1949 mit Einführung des Gesetzes über das Jugendaufbauwerk Gelegenheit geboten, sogenannte „aufbauende Arbeit zu leisten und sich zugleich geistig und körperlich weiterzubilden“ (Art. 1, Jugendaufbaugesetz).
Hierfür gibt es in Schleswig-Holstein 18 Einrichtungen der beruflichen Bildung und Jugendberufshilfe, die als freiwillige Mitglieder in der Landesarbeitsgemeinschaft „Jugendaufbauwerk Schleswig-Holstein” (unter der Leitung des Landesministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus) organisiert sind – so wie das Jugendaufbauwerk der Stadt Flensburg.
Dieses führt unterschiedliche Maßnahmen durch, die die Integrationschancen junger Menschen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt verbessern sollen. Die Maßnahmen werden im Auftrag der Arbeitsagentur, der beiden Jobcenter der Stadt Flensburg und des Kreises Schleswig-Flensburg, des Bundes und der Europäischen Union durchgeführt.

Orientierungsangebote für bessere Perspektiven in Beruf und Gesellschaft

Mit dem eigenen JAW hat die Stadt schon früh gesellschaftliche und soziale Verantwortung übernommen, um Jugendlichen, die aus den unterschiedlichsten Gründen benachteiligt sein können, bessere Perspektiven zu eröffnen.
Denn diese erhalten mit dem vorberuflichen Bildungsangebot des JAW, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, die Möglichkeit, sich auf unterschiedlichen Berufsfeldern zu orientieren und sowohl viele soziale als auch lebenspraktische Erfahrungen zu sammeln. Auf diese Weise können sie ihren persönlichen Übergang von Schule ins Berufsleben erfolgreich gestalten – Grundvoraussetzung für die Teilhabe am Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben.

Aktuelle Arbeitsschwerpunkte

Im 70. Jahr seiner Geschichte liegen die Schwerpunkte der JAW-Tätigkeit auf Coaching-Angeboten an Schulen (Berufseinstiegsbegleitung und so genanntes „Handlungskonzept PLuS“), einer Bildungsmaßnahme für junge Geflüchtete, dem Berufsorientierungsprogramm (einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme), sowie der Produktionsschule als einem der Schwerpunkte des JAW.
Die bereits 70 Jahre währende Geschichte dieser Institution zeigt, dass das JAW dabei genauso aktuell und unverzichtbar ist wie in den Anfangszeiten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Bildung, Ausbildung, Vielfalt, Toleranz, Integration, praxisnahes Lernen und Zusammenarbeit (Teamwork) – das sind die Kernthemen des Jugendaufbauwerks, in der Vergangenheit, aktuell – und mit Sicherheit auch in der Zukunft.

Begeistert von Stadt und Institution: Ein Wahl-Flensburger an der Spitze

Seit Ende letzten Jahres liegt die Einrichtungsleitung des JAW in den Händen des Berliners Peter Glaser. „Ein Glücksfall“, wie Thomas Russ, Leiter des FB Soziales, die Neubesetzung bezeichnet. Zur Person Peter Glaser:
Nach einem einjährigen Auslandsaufenthalt in Gambia als Helfer in einem städtischen Krankenhaus sowie für die „UNESCO Gambia“ absolvierte er das Studium „Internationales Unternehmensmanagement“. Im Anschluss daran begann Glaser ein pädagogisches Studium und arbeitete über viele Jahre für die Lebenshilfe Berlin. Zu diesem Zeitpunkt fiel dann die Entscheidung, das ökonomische Fachwissen zu vertiefen, woraufhin er als Finanzmanager und Businessanalyst in einem Wirtschaftsunternehmen tätig war.
„Mit seinen beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen in den Bereichen Wirtschaft und Soziales ist er genau der Richtige für uns“, ergänzt Thomas Russ.
Die Entscheidung, andere Berliner Angebote auszuschlagen und Ende letzten Jahres nach Flensburg zu wechseln, begründet Peter Glaser mit der einzigartigen Institution sowie der Lebensqualität, die Flensburg auszeichnet.
Unterstützt wird Glaser von mehr als 30 weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die im JAW sowie an Flensburger Schulen als Sozial-Diplompädagoginnen, Erzieherinnen, Lehrkräfte, Ausbilderinnen, Werkstattpädagoginnen und Verwaltungskräfte tätig sind.

Vom Lager zur zentralen Ausbildungsstätte –
Geschichte des JAW am Standort Flensburg

Bis zum Jahre 2012 gab es, in der Stadt Flensburg verteilt, insgesamt drei Standorte für das JAW, jeweils in den Straßen Am Dammhof, Strandfrieden und in der Apenrader Straße gelegen. Vor sieben Jahren wurde aus den drei Standorten ein zentraler Standort:
Das bis dahin von der Stadtverwaltung nur als Lager genutzte ehemalige Motorola/Storno-Gebäude in der Eckener Straße 28 wurde zuvor entkernt, gezielt für die Bedürfnisse eines JAW umgebaut und ging schließlich Ende 2012 in Betrieb.
Schnell wurde klar, dass sich die Konzentration in einem Gebäude bewähren würde: Die kurzen Wege machen es seitdem für alle Beteiligten, Verantwortliche, Beschäftigte und Jugendliche wesentlich einfacher im Tagesgeschäft.

Mehr Sein als Schein: Vielfalt unter einem Dach

Das Gebäude, das seiner Architektur wegen auf den ersten Blick vielleicht weniger einladend anmutet, blüht im Inneren vor Vielfalt. An räumlichen Ressourcen stehen im Erdgeschoss des JAW verschiedene Werkstätten für Holz, Metall und Kreatives Gestalten zur Verfügung, ergänzt um ein zentrales Lager zur Versorgung aller Bereiche mit den benötigen Materialien.
Im ersten Obergeschoss liegt der Lebensmittel verarbeitende Bereich mit einer Lehrküche, einer Backstube sowie einem Service- und Hauswirtschaftsbereich. Alle Ausbildungsbereiche sind hochprofessionell ausgestattet, so dass Jugendliche später entsprechende Erfahrungen mit Maschinen und Geräten in Ausbildungsbetriebe mitnehmen können.
Im zweiten Obergeschoss findet man die Verwaltung, Seminar- und Schulungsräume, darunter auch die vier Räume für das Assessment-Center als ein Teil des Berufsorientierungsprogramms:
Innerhalb des Projekts werden zunächst mittels einer Potenzialanalyse die individuellen Stärken der Schülerinnen festgestellt. Nach deren Auswertung können die Schülerinnen in Werkstatttagen in verschiedene Berufsfelder „hineinschnuppern“.
Außerhalb des Gebäudes verfügt das JAW außerdem noch über eine Schmiedeesse und mehrere Hochbeet-Anlagen.

Von der Suche nach Selbstvertrauen – ein Fallbeispiel

Der 16jährige Lasse G.** (Name frei erfunden) aus Flensburg ging 9 Jahre lang in eine Flensburger Hauptschule, hatte häufig Probleme, das angestrebte Klassenziel zu erreichen. Hinzu kamen altersbedingte Wachstumsstörungen. Seine alleinerziehende Mutter war oft überfordert. Er wusste wenig mit sich anzufangen in seiner Freizeit und hatte keinerlei Vorstellungen davon, in welche Richtung er sich beruflich wohl einmal orientieren könnte. In seinem Freundeskreis war Perspektivlosigkeit der Normalfall und so kam es ihm sehr gelegen, dass das JAW sich seiner Probleme annahm.
Behutsam nahmen seine Ausbilder und die Werkstattpädagogen Kontakt zu ihm auf, ließen ihm anfangs genügend Freiraum, sich an das für ihn neue Umfeld zu gewöhnen, und allmählich öffnete er sich den Erwachsenen und auch den anderen Teilnehmenden. Nach intensiven Gesprächen mit den besonders geschulten pädagogischen Fachkräften des JAW wurde er seiner Eignung und Neigung nach in seinen gewünschten Bereich, die Holzwerkstatt der Produktionsschule, integriert.
Lasse G. gewöhnte sich an Dinge wie tägliches Erscheinen im JAW, pünktliches Aufstehen zuhause, regelmäßige Mahlzeiten, ein ordentliches Erscheinungsbild – alles Dinge, die er später in der Arbeitswelt benötigen würde.
Mit der Zeit nahmen sein anfangs noch recht geringes Selbstvertrauen und sein Können zu, er gewöhnte sich an die hiesigen Verhältnisse, und so dauerte es nicht sehr lange, bis er feststellte, dass er ja tatsächlich im handwerklichen Bereich über Talent verfügte, ihm die Arbeit mit anderen an gemeinsamen Projekten sogar Spaß brachte.

Beeindruckende Praxis: Engagement und Motivation bei der Herstellung von
Holzmotorrädern, Festtagsmenüs, Plätzchen, Parklets und Pavillons

Gemeinsam mit Thomas Russ, dem Leiter des Fachbereiches Soziales und Gesundheit, zu dem das JAW gehört, führen uns Peter Glaser und sein Stellvertreter im Amt, Hauke Theede (schon ein „alter Hase“ im JAW) durch das Gebäude.
Schon zu Beginn des Rundgangs durch das Haus spürt man eine positive und freundliche Atmosphäre, angefangen im Ladengeschäft des JAW in der Produktionsschule, die sich über das Erdgeschoss und die erste Etage erstreckt.
Im Ladengeschäft ist man bei unserem Treffen damit beschäftigt, einen Herbstbasar aufzubauen, selbstredend ausschließlich mit selbst produzierten Erzeugnissen. Die Werkstücke sind allesamt von den Teilnehmenden hergestellt, ideenreiche und teils witzige Unikate können hier von Besuchern gern zu einem fairen Preis erworben werden – das Ladengeschäft kann übrigens von jedermann/jederfrau zum Shoppen und Stöbern besucht werden. Der hiesige Verkauf ist nicht als Geschäftsmodell gedacht (man will den kommerziellen Geschäften in Flensburg ja keine Konkurrenz machen), doch wäre es zum einen schade, wenn die Produkte nach Fertigstellung einfach irgendwo verstauben und in der Versenkung verschwinden würden, zum anderen steigern diese Verkäufe das Selbstwertgefühl der Herstellenden und bilden einen guten Anreiz.
Unser Fotograf ist sichtlich angetan von den Gegebenheiten im Hause, auf Anfrage sind in allen Abteilungen stets viele der angesprochenen Teilnehmenden gern bereit, sich fotografieren zu lassen (das ist heutzutage nicht selbstverständlich!). Bei den „Metallern“, die nächste von uns besuchte Abteilung, riecht es förmlich nach Arbeit, stolz präsentieren uns die hier tätigen Jugendlichen das von ihnen erst kürzlich angefertigte Modell eines überdachten Fahrrad- und Raucherunterstands, ein wirklich beeindruckendes Werk. Wir sind gespannt auf das fertige Werkstück, das seinen Platz später beim Rathaus der Stadt finden wird, damit die dortigen Raucher auch bei norddeutscher Witterung ein Dach über dem Kopf haben werden.
Nebenan in der Holzwerkstatt riecht es ebenfalls nach Arbeit und Geschäftigkeit, allerdings hier mit dem typischen Geruch von frisch verarbeitetem Holz. Die Teilnehmenden zeigen uns stolz die Vielfalt der von ihnen bereits in mehreren Projekten produzierten Werkstücke, von denen einige auch schon den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben, so z. B. die sogenannten Parklets, die unter anderem am Twedter Plack und in der Angelburger Straße aufgestellt wurden.
Auf der Ebene 1 des Gebäudes, im ersten Stock, sind all jene Bereiche gebündelt untergebracht, die mit Lebensmittelherstellung und somit auch Hygiene zu tun haben: Die Lehrküchen, die Backstube, der Hauswirtschafts- und der Servicebereich. Übrigens wird, was Arbeitsschutz und allgemeine Arbeitssicherheit angeht, im Hause ein sehr strenger, betrieblicher Maßstab angelegt. Die Teilnehmenden lernen gleich von Anfang an, wie wichtig diese Bereiche im Arbeitsleben sind, dass es etwa keine Schikane oder Pedanterie ist, wenn Beschäftigte dazu angehalten werden, Sicherheits- und Hygienevorschriften einzuhalten. Auch wir als Besucher haben entsprechende Arbeits- und Schutzkleidung überzustreifen.
Sowohl in der Backstube als auch in der Lehrküche fällt sofort auf, wie motiviert und engagiert die Jugendlichen hier bei der Sache sind, wie sehr auch die Ausbilder, allesamt Meister ihres Handwerks, in dieser Arbeit im JAW aufgehen. Es ist kurz vor Mittag, und beim Gang durch die Backstube und die Lehrküche läuft uns schon das Wasser im Mund zusammen. Ein soeben fertig gewordener Musterteller des heutigen Mittagessens wird uns stolz präsentiert, und unsere Augen und Mägen signalisieren reflexartig: Hunger!
Im angrenzenden Servicebereich, einem großen Speisesaal, werden die Teilnehmenden beköstigt, doch auch Gäste können hier bei rechtzeitiger Anmeldung ihr Mittagessen einnehmen, oder vor, während oder nach einer im Hause stattfindenden Veranstaltung die entsprechenden Teilnehmer. Die Seminarräume, die neben den Verwaltungsbüros im zweiten Stockwerk untergebracht sind, werden von der Stadtverwaltung, dem örtlichen Jobcenter und auch anderen Stellen bei Bedarf wegen ihres professionellen Rahmens gern für Sitzungen, Seminare usw. genutzt.

Die strategische Ausrichtung des JAW für die Zukunft

Das Jugendaufbauwerk hat sich als nachhaltiger und zuverlässiger Ansprechpartner bewährt – sowohl für die Stadt Flensburg als auch für die hiesigen Schulen, für die Jobcenter der Region und die Agentur für Arbeit, natürlich auch für sämtliche Netzwerkpartner, Institutionen und Verbände im Bereich der Bildungs- und Jugendarbeit.
Das Haus stellt sich mit seinen motivierten Mitarbeitern der nicht kleiner werdenden gesellschaftlichen Herausforderung, Jugendliche auf ihrem Weg ins Berufsleben und ihre persönliche Selbstständigkeit zu fördern, zu stärken und in allen Belangen zu unterstützen.
Dabei versteht sich das JAW auch als Partner des hiesigen Handwerks durch die hier geleistete berufs- und praxisnahe Vorbereitung für die genannten Ausbildungsbereiche.
Das JAW leistet damit einen wichtigen Beitrag beim Übergang von der Schule in den Beruf, als ein Instrument der Erreichung dieses Ziels im Sinne der gesellschaftlichen Teilhabe für jede und jeden Jugendliche/n.
So ist es auch unserem oben erwähnten Jugendlichen Lasse ergangen, der nach den im JAW zugebrachten 12 Monaten eine Lehrstelle in einem Flensburger Ausbildungsbetrieb bekam; Lasse macht sich dort gut, wie uns sein Lehrherr versichert, und wird in absehbarer Zeit seine Lehre mit Erfolg abschließen.
Interessierte Jugendliche, aber auch deren Eltern, können sich bei Interesse am JAW gern an die Stadt Flensburg oder direkt an Peter Glaser wenden. Man hat dort für jede und jeden Interessierte/n stets ein offenes Ohr. Einen Platz erhält man dann allerdings nicht direkt, sondern über einen der Netzwerkpartner wie z. B. das Jobcenter.

Bericht: Peter Feuerschütz, Fotos: Benjamin Nolte

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