Sie hat schon viel von der Welt gesehen, hat privat und beruflich in zahlreichen Regionen dieses Planeten für längere Zeit Urlaub gemacht, gelebt und gearbeitet. Doch: „In die Stadt Flensburg habe ich mich gleich nach meiner Ankunft „schockverliebt““, erzählt lächelnd meine Gesprächspartnerin Birgit Däwes – genauer gesagt Frau Prof. Dr. Birgit Däwes.
Sie ist allerdings keine Ärztin, keine Doktorin der Medizin, sondern hat promoviert – ihre Doktorwürde erlangt – in Amerikanistik, im Jahre 2006 an der Universität Würzburg. Seit dem Jahr 2015 ist sie Professorin für Amerikanistik an der Europa-Universität Flensburg.

Jugend und Studium

Birgit Däwes ist ein Kind der 70er Jahre, erblickte in der hessischen Metropole Frankfurt das Licht dieser Welt, verbrachte ihre Kindheit und Jugendzeit in Nauheim. Das beschauliche Nauheim ist eine Gemeinde im südhessischen Kreis Groß-Gerau, südwestlich von Frankfurt am Main gelegen. Ihre Eltern stammen ursprünglich aus Niedersachsen, zogen berufsbedingt in die Nähe Frankfurts, denn der Vater war dort bei der Lufthansa tätig.
Ihre allererste Begegnung mit Amerika hatte die künftige Amerikanistin bereits Anfang der 1980er Jahre. „Ich hatte das Privileg, Urlaub in den USA machen zu dürfen, weil mein Vater bei der Lufthansa günstige Konditionen für Flugtickets bekam. Damals war das Fliegen ansonsten noch ein sehr kostspieliges Vergnügen, es gab noch keine Billigflieger wie in späteren Jahren. Wir besuchten unter anderem auch Walt Disney World in Florida. Das fand ich natürlich total großartig.“ Die Liebe zu den Disneyfilmen ist ihr übrigens bis heute erhalten geblieben: Sie unterrichtet zur Freude ihrer Studierenden gelegentlich Seminare zu den kulturpolitischen Dimensionen des Disney-Imperiums. Schon während ihrer Schulzeit entwickelte sie eine besondere Freude am Lernen von fremden Sprachen, und auch an den dazugehörigen Kulturen. Vermutlich trug auch der Urlaubsaufenthalt in den USA seinen Teil dazu bei, dass in ihr der Wunsch reifte, später einmal Lehrerin zu werden – mit dem Schwerpunkt auf der englischen und der deutschen Sprache.
Folgerichtig entschied Birgit Däwes sich für ein Studium der englischen Philologie an der Uni Mainz. Im Magisterstudium mussten sich damals die Englisch-„Studis“ entscheiden, ob sie im Hauptfach Anglistik oder Amerikanistik studieren wollten. Aufgrund ihres Interesses an Irland und der irischen Kultur wählte Däwes Anglistik. Anglistik ist ein Studiengang, in dem man sich intensiv mit der englischen Sprache, Literatur und Kultur Großbritanniens befasst, in Amerikanistik entsprechend mit der Sprache, Literatur und Kultur der Vereinigen Staaten von Amerika.

Sie nahm das entsprechende Studium an der Uni Mainz auf, ging mit Begeisterung und Elan an die vor ihr liegenden Aufgaben heran. Sie war sehr wissbegierig, und einer ihrer großen Wünsche war ein Auslandssemester. Sie bewarb sich beim DAAD – dem Deutschen Akademischen Austauschdienst. Der DAAD ist nach eigenen Angaben die weltweit größte Förder-organisation für den internationalen Austausch von Studierenden und Wissenschaftler/innen. Sie wurde tatsächlich für ein Auslandsstipendium ausgewählt und erhielt einen vollfinanzierten Studienplatz für zwei Semester an ihrer Wunschuniversität in Galway auf der „grünen Insel“ Irland zugewiesen. Galway (etwa 80.000 Einwohner) ist eine Hafenstadt an der irischen Westküste, die an der Mündung des Corrib in den Atlantik liegt. Das Zentrum der Stadt ist beliebter Treffpunkt insbesondere der Studenten der dortigen Universität, hier liegen Geschäfte und traditionelle Pubs, in denen oft traditionelle irische Musik gespielt wird. Im nahen Latin Quarter sind Teile der mittelalterlichen Stadtmauern erhalten. In den gewundenen Gassen wechseln sich Kunstgalerien, Boutiquen und Cafés mit Natursteinfassaden ab – genau das richtige Umfeld für junge Leute und Studierende. „Ich lebte mit einer Kommilitonin aus den USA in einer gemeinsamen Studentenwohnung, lernte auch ein bisschen Gälisch und erfuhr vieles über den Konflikt in Nordirland aus erster Hand“, erinnert sie sich gern an jenes Jahr zurück. „Wir beiden Gaststudentinnen haben uns stets gegenseitig von unseren Erlebnissen in Vorlesungen und Seminaren berichtet“ – vor allem interessierten sie sich sehr für die kulturelle Heimat der jeweils anderen. Der Kontakt zu jener Amerikanerin ist nie abgerissen. „Im Gegenteil, sie ist seit damals eine meiner besten Freundinnen, und wir besuchen uns bis heute regelmäßig – wenn nicht gerade Pandemie ist. Sie arbeitet heute an der Stanford University in Kalifornien – leider sehr weit weg.“ Da die Reisemöglichkeiten durch Corona sehr eingeschränkt sind, behilft man sich zwischenzeitlich mit Videokonferenzen per Zoom.
Zurück im heimischen Deutschland an der Uni in Mainz, wurde die Irland-rückkehrerin eines Tages von ihrem „Prof.“ gefragt, ob sie Interesse an einem Hiwi-Job bei ihm hätte. Und ob sie das hatte. Eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Amerikanistik (HiWi steht für „Wissenschaftliche Hilfskraft“) ist zwar für die Studierenden mit recht viel Aufwand und Arbeit verbunden, bietet aber andererseits sehr gute Einblicke hinter den Kulissen des akademischen Betriebs. Da Birgit Däwes schon im Kontakt mit der amerikanischen Freundin festgestellt hatte, wie spannend sie amerikanische Literatur und Geschichte fand, war dies außerdem eine willkommene Gelegenheit, auch das Hauptfach zu wechseln, denn der neue Chef, Prof. Dr. Alfred Hornung, war einer der führenden Amerikanisten Europas.
Der Fachbereich an der Uni Mainz war schon immer gut aufgestellt, und so kam es unserer Studentin zugute, dass sie sich schon in dieser Zeit sehr gut vernetzen und quasi bei Spitzenforschern „in der Werkstatt“ lernen konnte.
Einmal auf den Geschmack des Auslandsstudiums gekommen, weilte sie zudem noch einmal für einen Studienaufenthalt am Middlebury College, einer Privatuniversität und Liberal-Arts-College in der Gemeinde Middlebury in Vermont in den USA. Dieser Aufenthalt verlieh ihrem Studiengang noch einmal weiteren Schwung, und sie genoss auch diese Phase ihres Studiums ausgiebig.
Als das Studium dann auf die Zielgerade einbog, beschäftigte sich Däwes mit der Literatur amerikanischer Ureinwohnerinnen: Anhand der Werke zweier Pueblo-Autorinnen untersuchte sie kulturelle Überlebensstrategien im Kontext kolonialer Repression. Mit dieser Abschlussarbeit erlangte sie den Titel der Magistra Artium (Amerikanistik, Anglistik, Germanistik) an der Uni Mainz.

Berufseinstieg

Kurz vor Abgabe ihrer Magisterarbeit erhielt sie ein Angebot von einem ihrer Professoren, an der Uni Würzburg eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin anzutreten. Er würde dorthin wechseln und sie gern an seiner Seite wissen. „Das war für mich eine tolle Sache, unmittelbar nach beendetem Studium bereits auf eine Vollzeitstelle als Doktorandin an der Uni Würzburg zu wechseln. Natürlich sagte ich sofort zu“, denkt Däwes noch gern an den Schritt zurück.
Der Wechsel nach Würzburg fiel ihr somit leicht, und sie blieb immerhin für 11 Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Natürlich war sie nicht durchgehend die gesamte Zeit in der fränkischen Universitätsstadt – dass hätte auch gar nicht zu ihrer Wissbegier und Reiselust gepasst. Im Jahr 2003 verbrachte sie einen Sommer als „Fulbright Fellow“ am Amherst College, einer „Ivy-League“-Universität in Massachusetts, USA. Das Fulbright-Programm ist eines der prestigeträchtigsten Stipendienprogramme der Welt. Es bezieht sich mit bilateralen Verträgen und Vereinbarungen weltweit auf den akademischen Austausch mit den USA. Auch dieser Aufenthalt vertiefte die Zuneigung zum Fachgebiet der künftigen Professorin, vor allem im Hinblick auf Geschichte, Kultur und Literatur. Daneben lernte sie erneut viele interessante Menschen kennen und schätzen. Zurück in Deutschland nahm sie ihre gewohnte Tätigkeit in Würzburg wieder auf und arbeitete an ihrer Dissertation. Im Jahre 2006 war es dann soweit, Birgit Däwes erlangte ihre Promotion in Amerikanistik, durfte sich von jetzt an mit einem Doktortitel schmücken.

Auslandstätigkeiten und Habilitation

Die frischgebackene Frau Doktor stürzte sich mit Elan in ihre wissenschaftliche Tätigkeit, war häufig unterwegs, und traf viele interessante Menschen, die an von ihr organisierten und durchgeführten Veranstaltungen und Konferenzen teilnahmen. Bei einem großen Kongress in den USA kam sie mit einer Kollegin ins Gespräch, die aus dem fernen Taiwan stammte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut, vertieften ihre Kontakte, und eines Tages erhielt sie über jene taiwanische Kollegin ein Angebot für eine Gastprofessur in Taiwan – genauer gesagt in Kaohsiung. Däwes war sofort begeistert und freute sich über die Gelegenheit, einer fernöstlichen Kultur näherzukommen.
Kaohsiung – haben Sie schon mal von dieser Stadt gehört?

Taiwan

Kaohsiung ist eine große Hafenstadt im Süden Taiwans, mit rund 2,7 Millionen Einwohnern. Hier stehen viele Wolkenkratzer wie der 248 m hohe Tuntex Sky Tower und es gibt zahlreiche Parks – eine sehr liebenswerte und lebendige Stadt, wie Birgit Däwes bald herausfinden sollte. Die drittgrößte Stadt des Landes liegt in einer tropischen Klimazone, unzählige Palmen zieren das Stadtgebiet. „Dort habe ich eine tolle Zeit verbracht, ein Wintersemester unter Palmen an der Küste bei bestem Wetter – kein Vergleich zu hiesigen norddeutschen Wintern“, schwelgt sie in Erinnerung. Die Stadt und die Insel Taiwan sind enorm vielfältig:
Es gibt neben den mehrheitlich chinesisch-stämmigen Einwohnern allein 16 indigene Völker im Land. Däwes war für wissenschaftliche Vorträge an verschiedenen Universitäten auf der Insel eingeladen, darunter in Taichung und an der Academia Sinica in Taipei. Sogar die Sprache versuchte sie ein wenig zu lernen – „das war jedoch relativ aussichtslos“, bekennt sie lachend. Die Zeit in Kaohsiung hat sie dennoch sehr inspiriert: Sie lernte viel über Kultur und Geschichte des Inselstaats – und über die örtliche Küche. „Ich liebte schon immer asiatisches Essen, in Taiwan habe ich zwangsläufig gelernt, mit Stäbchen zu essen, und meine Liebe für jene Leckereien ist dort noch vertieft worden. Aber nicht nur das Essen war dort Spitze; ich habe unheimlich viele nette und herzliche Menschen kennengelernt, meine Studierenden sind mir richtiggehend ans Herz gewachsen.“ Als die jungen Leute mitbekamen, dass ihre deutsche Gastdozentin unmittelbar nach der Rückkehr aus Asien in Deutschland heiraten würde, waren sie nicht mehr zu bremsen. Sie führten sie in asiatische Heiratsrituale ein und schickten als besonders nette Geste sogar einen taiwanischen Hochzeitskuchen per Luftpost nach Deutschland.
Heirat? Ja, denn Däwes hatte bereits zu Beginn ihrer Tätigkeit in Würzburg ihren späteren Mann kennengelernt, und bald darauf sind die beiden ein Paar geworden. Der Hochzeitstermin wurde schon vor ihrem Trip nach Taiwan festgelegt. „So hatte ich viele organisatorische Dinge in Deutschland für die Hochzeitsfeier aus der Ferne zu regeln, doch mein Mann hat natürlich auch seinen Anteil vor Ort beigetragen.“

Die Habilitation

Zurück in Deutschland, an der Uni Würzburg, nahm Birgit Däwes ihre gewohnte Tätigkeit wieder auf und bereitete sich bald auf ihre Habilitation vor. Die Habilitation ist die höchstrangige Hochschulprüfung in Deutschland, mit der im Rahmen eines akademischen Prüfungsverfahrens die Lehrbefähigung in einem wissenschaftlichen Fach festgestellt wird. Gesetzlich vorgeschrieben ist die Habilitation zwar nicht, um auf eine Professur berufen werden zu können, aber in vielen Fächern ist sie noch immer der Mindeststandard. Diese Phase ihres Berufslebens war eine sehr arbeitsintensive Zeit, oft kam sie auf 60 bis 70 Stunden in der Woche. Privat war sie nun frisch verheiratet, und wurde Mutter einer Tochter – ein sehr bewegendes und einschneidendes Erlebnis, insbesondere in den ersten Monaten nach der Geburt, denn ein Neugeborenes nimmt im Allgemeinen mehr Einfluss auf das tägliche Leben in Beruf und Familie, als man es sich vorher vorstellen kann. Doch insbesondere dank liebevoller Unterstützung aller vier Großeltern, die im Dunstkreis der kleinen Familie wohnten, brachten die jungen Eltern beides alsbald in passenden Einklang.
Birgit Däwes reichte schließlich im Jahre 2011 mit Erfolg ihr Buch für das Habilitationsverfahren ein. Für diesen Band hatte sie unter dem Titel „Ground Zero Fiction“ anhand von über 100 Texten untersucht, wie amerikanische Romane die Terroranschläge des 11. September 2001 literarisch verarbeiteten.
2011 erhielt sie einen Ruf auf eine sogenannte Juniorprofessur für Amerikanistik mit Schwerpunkt Native American Studies an der Universität Mainz – die sie bereits vom Studium her gut kannte. Eine Juniorprofessur ermöglicht jungen Nachwuchswissenschaftlern, weitgehend unabhängig zu forschen und zu lehren, ist jedoch in vielen Fällen auf sechs Jahre befristet.

Wien

In ihrer zweiten Mainz-Phase fasste Birgit Däwes gut Fuß in ihrer angestrebten Lehr- und Forschungstätigkeit. Doch sie strebte eine reguläre und vor allem unbefristete Professur an. So befasste sie sich bald damit, aussagekräftige Bewerbungen für eine solche Tätigkeit zu schreiben und die dafür nötigen Unterlagen zusammenzustellen. Die allererste Bewerbung schickte sie nach Wien – eigentlich sogar ohne ernsthafte Absichten, und nur, um erst einmal zu sehen, wie solche Bewerbungsverfahren überhaupt ablaufen. Entsprechend überrascht war sie, dass sie dort – an einer der ältesten und größten Universitäten Europas – zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Und tatsächlich folgte einige Monate später vollkommen unerwartet sogar die Zusage, womit sie angesichts des großen Bewerberfelds und der renommierten Professur gar nicht gerechnet hatte. „Ich war total geplättet, das hatte ich nicht erwartet, war die erste Bewerbung doch eigentlich nur ein Versuchsballon. Doch es gab für mich keine Frage: Die angebotene Stelle trete ich selbstverständlich an.“
Für den privaten Bereich sollte dieser Wechsel in die Hauptstadt Österreichs eine große logistische Herausforderung darstellen. Ihr Ehemann hatte mittlerweile eine Professur im niedersächsischen Vechta inne, ihr gemeinsamer Wohnsitz befand sich nach wie vor in Mainz, wo naturgemäß auch die kleine Tochter lebte. Doch wo ein Wille ist, ist oft auch ein Weg. Die Familie teilte sich die Arbeitswoche zwischen Wien und Vechta auf, und wenn es tatsächlich mal Überschneidungen gab, halfen erneut die Großeltern aus Würzburg und Nauheim aus.
„Wien war natürlich ein großartiges Arbeitsumfeld“, berichtet Däwes. „Besonders die enge Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen und der kanadischen Botschaft war wunderbar – wir hatten traumhafte Möglichkeiten, unsere Forschungsprojekte umzusetzen.“ Die Aufgaben waren allerdings auch umfangreich: An der Universität Wien sind rund 100.000 Studierende eingeschrieben; allein im Institut für Anglistik und Amerikanistik waren es knapp 6.000 – so viele wie vor einigen Jahren an der Europa-Universität Flensburg insgesamt. „Es gab in meinem Fachgebiet der Amerikanistik nur eine Professur in Wien, daher hatte ich sehr viel zu tun – aber dieser Herausforderung habe ich mich gern gestellt“, denkt sie an die Zeit in Wien zurück.
Neben ihrer Professur hatte Birgit Däwes die Leitung des Zentrums für Kanada-Studien inne. Somit war sie auch in der Botschaft Kanadas regelmäßig zu Gast: „Es ist eine eigene Welt, die höhere Diplomatie. Das war ungeheuer interessant und lehrreich.“ Auch die kulturellen Unterschiede zu Österreich fand sie spannend: „Man unterschätzt gerne, dass gerade in Wien die Menschen viel höflicher und formeller miteinander umgehen als wir Deutschen.“ Da brauchte es Fingerspitzengefühl – und eine Sekretärin, die als Beraterin im Hintergrund wirkte. Denn gerade auf Hierarchien wurde sehr geachtet: Die „Frau Professor“ konnte nicht einfach so zum Telefonhörer greifen, um im Restaurant einen Tisch zu reservieren – dieser Anruf musste aus dem Sekretariat erfolgen, wenn es ein hübscher Tisch sein sollte.
Auf Dauer wurde das einvernehmlich abgesprochene Arrangement mit permanentem Zwischenfahren zwischen Wien, Vechta, und Mainz für die Familie allerdings zu einer größeren Herausforderung, und so bewarben sich beide Ehepartner auf weitere Professuren.

Flensburg

Eine Bewerbung schickte Birgit Däwes an die Europa-Universität in Flensburg, wo relativ unerwartet eine Professur für Amerikanistik ausgeschrieben war. Ihre Bewerbung fand offensichtlich in Flensburg Anklang, und so wurde die Neu-Wienerin zu einem Vorstellungstermin eingeladen. „Der Termin war der 31. Oktober 2014, für eine Amerika-affine Person ein besonderer Tag im Jahr, denn nicht nur in den USA steht das Datum für Halloween. Meine Freundinnen schlugen vor, zum „Vorsingen“ im Halloween-Kostüm anzureisen. „Vorsingen“ nennt man in akademischen Kreisen salopp den Termin eines Bewerbungsgesprächs mit wissenschaftlichem Vortrag und Probeseminar“, weiß Birgit Däwes zu erzählen.
„An jenen Tag kann ich mich noch sehr gut erinnern: Nach einer gefühlt ewig dauernden Bahnfahrt aus Mainz kommend erreichte ich endlich mein Reiseziel, und ich ging zu Fuß den Weg vom Bahnhof in Richtung Flensburger Innenstadt.“ Am Hafen angekommen fiel ihr Blick auf den Binnenhafen und die Förde. „Das war atemberaubend. Und dann die historischen Höfe und Fassaden in der Fußgängerzone, ich war sofort schockverliebt“, schildert sie ihre ersten Eindrücke von Flensburg.
Das „Vorsingen“ verlief offenbar für beide Seiten sehr positiv. Der Ruf kam wenige Monate später per Post; sie sagte zu, und erhielt eine Lebenszeitprofessur an der Europa-Universität in Flensburg, würde hier ihre Tätigkeit im September 2015 aufnehmen. Ehemann und Tochter waren sehr einverstanden mit dem neuen Wohnort am Meer. Gemeinsam freute man sich auf die Zeit in Flensburg und bereitete den anstehenden Umzug vor.
Eine passende Wohnung in Mürwik wurde rechtzeitig angemietet, und gleich nach erfolgtem Umzug fühlten die drei sich in Flensburg angekommen und heimisch: kurze Wege, Leben am Wasser, Dänemark vor der Haustür, die Nordsee auch nicht weit entfernt. Die Tochter sollte eingeschult werden, kam auf die nahegelegene Friedheim-Schule, fand schnell Kontakt und schloss gute Freundschaften. Inzwischen ist die Familie nochmal umgezogen, und hat im gleichen Stadtteil ein Haus bezogen – „mit reichlich Platz für die vielen Bücher, die sich über die Jahre leider weiterhin ungebremst vermehren“, wie sie schmunzelnd zugibt.
„Wir hatten keine Probleme, in Flensburg heimisch zu werden. Die Menschen hier oben sind sehr freundlich und offen, das hier übliche „Moin“ ist uns längst in Fleisch und Blut übergegangen, und unser Familienleben hat dazugewonnen: Ich bin ständig – naja, meistens – vor Ort, mein Mann lehrt nach wie vor in Vechta und pendelt, doch in „Corona-Zeiten“ ist er häufiger zu Hause gewesen als in den Jahren davor.“

Forschung und Lehre an der Europa-Uni Flensburg

An der Europa-Universität Flensburg fühlt sie sich sehr wohl: „Es ist zwar eine kleine Uni, aber die Geisteswissenschaften spielen hier eine besondere Rolle“, erzählt Däwes. „Wir sind zudem in den letzten Jahren sehr stark gewachsen: von etwa 5.000 Studierenden im Jahr 2015 auf über 6.400 Studierende im Winter 2021. Es gibt inzwischen auch 83 Professuren, und wir sind seit einigen Jahren sehr viel stärker forschungsorientiert als früher.“
An der Uni Flensburg reizte sie besonders das internationale Umfeld an der Grenze zu Dänemark, und dass man bei kurzen Dienstwegen viel mitgestalten kann. Däwes ist gewähltes Mitglied im Senat der Universität sowie Ombudsperson für gute wissenschaftliche Praxis und engagiert sich unter anderem für die Internationalisierungsstrategie und die Forschungsstärke der Uni. Da die Universität im Vergleich stark unterfinanziert ist und dringend mehr Zuschüsse des Landes bräuchte, sind sogenannte „Drittmittel“ besonders wichtig. Hierbei handelt es sich um Fördergelder, die in Wettbewerben vergeben werden. „Diese Mittel brauchen wir dringend, um unsere Personalausstattung zu erhöhen, aber sie sind nicht leicht zu bekommen“, weiß die Amerikanistin. „Es gibt umfangreiche Begutachtungsverfahren, und man muss in die Anträge schon einiges an Arbeit stecken. Aber wir bekommen von unserer Uni auch sehr gute Unterstützung dafür.“
Birgit Däwes interessiert sich in ihrer Forschung vor allem für die amerikanische Literatur der Gegenwart und arbeitet viel zum Thema amerikanischer Ureinwohner/innen. Seit 2019 leitet sie ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt zur Zukünftigkeit indigener Kulturen Kanadas und der USA. „Dabei geht es vor allem darum, dass wir aus europäischer Sicht „Indianer“ oft noch als Völker der Vergangenheit betrachten – dabei haben indigene Ureinwohner/innen regen Anteil an zeitgenössischer Kultur. Wir denken immer an Symbole aus dem 19. Jahrhundert, wie Tipis und Federkopfschmuck, aber indigene Menschen sind Ärzte, Anwälte, und Führungskräfte wie andere auch. Und statt der klischeehaften Bilder, an die wir immer denken, gibt es über 1000 verschiedene Stammeskulturen in Nordamerika.“ Besonders spannend findet Däwes zeitgenössische indigene Literatur und Filme: „Indianische Autorinnen und Autoren nutzen natürlich ihr kulturelles Erbe in ihren Werken, aber sie schreiben politische Romane, Science Fiction, Vampirromane oder Fernsehserien. Auf DisneyPlus läuft zum Beispiel gerade „Reservation Dogs“, eine Fernsehserie über indigene Jugendliche in Oklahoma, die man auch in Schulen wunderbar unterrichten kann“, zeigt sie sich begeistert. Im Mai hat mit sehr erfolgreicher Resonanz eine große internationale Tagung zu diesem Thema auf dem Campus der Uni Flensburg stattgefunden – „selbstverständlich war auch die Öffentlichkeit wie immer bei unseren Veranstaltungen herzlich willkommen“.
Zu diesen Veranstaltungen zählen Konferenzen und Lehrerfortbildungen, von denen die Professorin bislang mindestens eine pro Jahr organisiert hat: 2021 war es eine Tagung zum Thema „9/11: Twenty Years On“, bei der internationale Gäste gemeinsam darüber nachdachten, wie die kulturelle Erinnerung an die Anschläge vom 11. September 2001 sich in den letzten 20 Jahren verändert hat. Andere Forschungsprojekte von Birgit Däwes befassen sich mit der Rolle von Minderheiten, mit amerikanischen Fernsehserien und Filmen und zuletzt mit der literarischen Verarbeitung von Pandemien – vor allem der Coronakrise. „Hierzu gibt es schon mehr Romane, als man denkt, und es ist natürlich sehr spannend, welche Dinge erzählt werden und welche nicht.“ Für eine passende Lektüre empfiehlt Däwes die Kurzgeschichte „Die Maske des Roten Todes“ von Edgar Allan Poe – eine Erzählung aus dem Jahr 1842, die sich aber als deutlich aktueller erweist, als man meint.

Was die Pandemie angeht, ist Birgit Däwes froh, dass seit dem Herbstsemester 2021 an der Uni Flensburg wieder auf dem Campus gelehrt und gearbeitet wird. „Das Home-Office wurde auf Dauer doch sehr dröge“, erzählt sie. „Ich liebe ohnehin meinen Beruf, aber mit echten Studierenden, live, in 3D, in Farbe und im selben Raum macht es einfach viel mehr Spaß.“
Nebenbei ist Birgit Däwes noch Herausgeberin einer der führenden Fachzeitschriften für Amerikanistik in Europa: der Zeitschrift „Amerikastudien / American Studies“. Diese Aufgabe hat sie gemeinsam mit einer Kollegin aus Marburg 2019 übernommen – als erstes Frauenteam an der Spitze in der mehr als 65jährigen Geschichte der Zeitschrift. Unter ihrer Leitung wurde die Zeitschrift auf ein digitales Format umgestellt, sie ist jetzt im Internet frei verfügbar erhältlich und hat seitdem Zehntausende Leserinnen und Leser aus mindestens 68 verschiedenen Nationen. Durch die Redaktion ist auch das Team der Amerikanistik in Flensburg inzwischen auf sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen – „größer als das Team in Wien“, erzählt Däwes stolz.
Bei all diesen Aufgaben bleibt natürlich kaum Freizeit, doch sie findet nebenbei auch genug Gelegenheiten für Sport, Freunde und Unternehmungen mit der Familie. Mit ihrer Tochter gemeinsam verbringt sie viel Zeit auf einem Reiterhof und auf dem Rücken der Pferde: ein Mädchentraum, den sie sich spät erfüllt hat, wie sie schmunzelnd erzählt. „Und ich habe natürlich das Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe: Lesen ist und bleibt meine Hauptaktivität – sehr zur Freude meiner inhabergeführten Lieblingsbuchhandlung bei uns in Mürwik“, lacht sie.
Ihr Buchhändler kennt sie natürlich mit Namen und stattet sie auch regelmäßig mit Lektüreempfehlungen aus, auf die sie alleine gar nicht kommen würde.

Nur der Platz für Bücherregale im Haus, der wird nach wie vor immer knapper.
Das Flensburg Journal bedankt sich bei der inzwischen hier heimisch gewordenen „Neu-Flensburgerin“ Birgit Däwes für das aufschlussreiche und höchst interessante Gespräch. Wir wünschen ihr und ihrer Familie weiterhin eine gute Zeit in unserem schönen Flensburg: Werden Sie doch einfach ein richtiges „Nordlicht“ – Sie sind ja schon auf dem besten Wege dorthin!

Mit Birgit Däwes sprach Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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