Vor Kurzem dachte er wieder an die letzten Sequenzen des Champions-League-Halbfinals von 2014. Die SG Flensburg-Handewitt zauberte gegen den FC Barcelona eine irre Aufholjagd auf die Platte. Fünf Tore waren binnen Kürze wettgemacht, eines fehlte noch, um sich in die Verlängerung zu retten. Holger Glandorf kam von der Bank, düste nach vorne, erhielt den öffnenden Pass von Thomas Mogensen, donnerte in die Lücke und traf. Während der Linkshänder jubelnd abdrehte, schlug die Ergebnistafel um: 32:32! Eine halbe Stunde später hatte die SG das Halbfinal-Drama gewonnen, 24 Stunden später saß sie auf dem europäischen Handball-Thron. „Es war ein wichtiges Tor für dieses Wochenende, das letztendlich einen Titel bedeutete“, weiß Holger Glandorf um diesen persönlichen Höhepunkt seiner nun auslaufenden Karriere.
War es der schönste Titel im SG-Trikot? „Eine Entscheidung möchte ich nicht fällen“, sagt er. Das Rückraumass erinnert an die beiden deutschen Meisterschaften in den beiden letzten Jahren, an den DHB-Pokal von 2015 und an den Europacup der Pokalsieger 2012. In jedem Fall besitzt Köln eine besondere Aura. Dort gelang Holger Glandorf nicht nur der Königsklassen-Coup, sondern 2007 auch der Weltmeister-Triumph. „Wir Handballer profitierten damals vom medialen Fokus und der Fußball-WM im Sommer zuvor“, erzählt der 37-Jährige. „Es war ein Deutschland-Feeling entstanden, und wir ritten auf einer Begeisterungswelle zum Titel.“ Der bedeutete automatisch die Qualifikation für Olympia 2008 in Peking. „Auch wenn die Spiele sportlich nicht erfolgreich waren, so war es doch ein Erlebnis, bei diesem Ereignis dabei gewesen zu sein“, findet Holger Glandorf.
Ihm war der Sport, der ihn zum bodenständigen Star machte, in die Wiege gelegt worden. Vater und Bruder spielten, praktisch die ganze Familie stützte die Handball-Euphorie. Und der junge Holger mauserte sich beim OSC Osnabrück zum talentierten Linkshänder, obwohl er alles außer Werfen mit rechts erledigte. Als der Stammverein keine A-Jugend aufstellen konnte, führte ihn der Weg zur HSG Nordhorn. Dort sah das Talent Bundesliga-Handball, der Ehrgeiz flammte auf. Sein Traum ging in Erfüllung. In der Serie 2001/2002 gab Holger Glandorf sein Debüt im rot-weißen HSG-Dress, wäre auf Anhieb fast Meister geworden.
Er personifizierte fortan die HSG Nordhorn, gewann mit ihr 2008 den internationalen EHF-Cup. „Das war für die Region etwas Großartiges“, erinnert sich Holger Glandorf, der mit dem niedersächsischen Klub zu Zielen reiste, wo er sonst nie hingekommen wäre. Gerade Russland stand oft auf den Flugtickets. Krasnodar oder Astrachan. Und während eines Stromausfalls in Moskau wurde der HSG-Tross zu einem kleineren Flugplatz umgeleitet. „Es wurde alles schriftlich ausgestellt – und trotzdem kam jedes Gepäckstück an“, schmunzelt der Handball-Profi. Er wertete es als „runden Abschluss“, dass er in seiner letzten Saison nochmals gegen seinen Ex-Klub antreten durfte.
Er hatte dort durchaus Wurzeln geschlagen. Seine Frau Christin stammt aus der Grafschaft Bentheim, im Betrieb von HSG-Macher Bernd Rigterink absolvierte er eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. Lange bissen die anderen Top-Klubs bei Holger Glandorf auf Granit. Im Herbst 2007 buhlte auch der damalige SG-Manager Fynn Holpert um seine Dienste. Vergeblich. Erst im Februar 2009 verließ der Nationalspieler seinen existenziell bedrohten Klub in Richtung Lemgo. Die Ablösesumme sicherte den Spielbetrieb der Niedersachsen bis zum Saisonende.
Die zweieinhalb Jahre in Westfalen waren allerdings alles andere als die Krönung der Karriere. Es paarte sich eine inkonstante Formkurve mit einigen Blessuren. 2011 traf erneut ein Lockruf aus dem hohen Norden ein. Bei der SG leiteten nun andere Personen die Geschicke. Ljubomir Vranjes, einst Spielmacher in Nordhorn, nun Trainer in Flensburg, versprach die Fortsetzung einer erfolgreichen Vergangenheit. Schon nach wenigen Wochen feierten die Sprechchöre der „Hölle Nord“ den Neuzugang Holger Glandorf.
Natürlich gab es auch Tiefs mit der SG – auf dem Spielfeld und in Zeiten, als Blessuren einen Einsatz ausschlossen. 2012 stoppte eine Infektion am Fuß den Tatendrang des Linkshänders, 2015 der Riss einer Achillessehne und 2017 ein Daumenbruch. In der offiziell noch laufenden Serie brauchte Holger Glandorf aufgrund von Schulter-Problemen einige Monate, um seinen Rhythmus zu finden. Insgesamt zieht er eine sehr positive Bilanz seiner neun Jahre als SG-Profi – auch weil sich seine Liebsten in der Region Flensburg wohlfühlen. „Eine glückliche und funktionierende Familie“, sagt der Profi, „ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass man auf dem Spielfeld eine optimale Leistung bringt.“
Die letzten Wochen sorgten – wie überall – für einen ganz anderen Alltag. Holger Glandorf musste sich sogar 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben, da einer seiner beiden Söhne Kontakt zu einer mit dem Corona-Virus infizierten Person hatte. Dann ersetzten die Arbeit im Garten das Team-Training, die Heckenschere den Ball. Bei Redaktionsschluss war der Rest der Handball-Saison noch nicht abgesetzt, aber unwahrscheinlich und höchstens vor Geister-Kulissen denkbar. „Das ist ein Schicksal von ganz oben“, erklärt er. „Ein letztes Spiel ohne Publikum – das brauche ich nicht.“ Im Moment sieht es so aus, das der Sieg am 8. März bei den Füchsen Berlin sein letzter Auftritt war. Dann würde seine Bundesliga-Karriere mit 2406 Feldtoren enden. 1731 Treffer stehen in der SG-Statistik.
Sicherlich wird Holger Glandorf irgendwann in den Status einer Vereinslegende aufsteigen. Vereinbart ist auch ein Job in der Geschäftsstelle. „Ich werde erst einmal überall hineinschnuppern, dann einige Aufgaben übernehmen und meine Erfahrungen als Spieler einbringen“, sagt er. „Ich freue mich riesig über die Chance, meiner Lieblingssportart nahe zu bleiben.“ Es gab ursprünglich einen genauen Start-Termin, aber derzeit ist vieles unklar. Holger Glandorf „Es war erst einmal wichtig, dass alle bis zum 30. Juni Planungssicherheit haben.“ Im Moment diktiert die Kurzarbeit das Geschehen bei der SG.


Text und Fotos: Jan Kirschner

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