Der Mann kämpft gegen die Wellen. Immer wieder reißt er beide Arme in die Höhe, ruft um Hilfe und versucht, den Kopf über Wasser zu halten. Er ist bei etwas rauerer See bei Arbeiten auf einem kleinen Frachtschiff in der Flensburger Förde über Bord gegangen. Nur wenige Meter entfernt dreht die WERNER KUNTZE scharf bei. Über Funk wurden die Seenotretter kurz zuvor alarmiert. Mit ruhiger Hand steuert der Bootsführer das Seenotrettungsboot längsseits an den Schiffbrüchigen heran, während sich die Besatzung bereits an der Steuerbordseite positioniert. „Langsam … noch einen Meter“, ruft einer der Seenotretter.

Die „Werner Kuntze“
Dann sitzt jeder Handgriff. Über die seitliche Rettungsluke wird der Mann mit einem Rettungsbrett und Schlingen gesichert und kurz darauf kontrolliert an Bord gezogen. Keine hektischen Bewegungen, keine lauten Kommandos – nur eingespielte Abläufe. Wenige Sekunden später liegt der Gerettete sicher auf dem Deck der WERNER KUNTZE. Die medizinische Erstversorgung beginnt noch auf dem Wasser. Auch das Rettungsboot der Freiwilligen Feuerwehr Glücksburg ist mittlerweile im Einsatzgebiet eingetroffen, hält sich bereit um zu unterstützen. Die Besatzungen stimmen sich über Funk ab und tauschen Informationen aus. Was für Außenstehende wie ein realer Seenoteinsatz aussieht, endet wenig später mit einem erleichterten Lächeln aller Beteiligten. Es war eine Übung – eine von vielen, die die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) regelmäßig gemeinsam mit ihren Partnern durchführt. Denn wenn auf der Flensburger Förde tatsächlich ein Mensch über Bord geht, bleibt keine Zeit, Abläufe erst abzusprechen. Dann muss jeder Handgriff sitzen.

„Mit Glücksburg arbeiten wir sehr beständig zusammen. Das ist eine angenehme Zusammenarbeit“, sagt Vormann Lasse Nielsen, nachdem die Boote wieder Kurs auf den Hafen von Langballigau genommen haben. Die gemeinsame Ausbildung zahlt sich aus. Immer wieder rücken Seenotretter und Feuerwehr gemeinsam aus, etwa bei vermissten Schwimmern, gekenterten Wassersportlern oder anderen Notlagen auf der Innenförde. Unterstützt werden sie dabei je nach Einsatzlage unter anderem von der DLRG, der Wasserschutzpolizei sowie den dänischen Rettungskräften. Auf See spielen Gemeinde- oder Landesgrenzen keine Rolle. Entscheidend ist allein, wer einem Menschen in Not am schnellsten helfen kann.

Für die Besatzung der WERNER KUNTZE sind solche Übungen weit mehr als Pflichttermine. Sie sind die Grundlage dafür, dass im Ernstfall jeder Griff sitzt. Denn zwischen Flensburg und der Geltinger Bucht gehören sie zu den ersten Ansprechpartnern, wenn Menschen auf dem Wasser Hilfe benötigen. Ob Notfälle auf Frachtschiffen, Havarien oder auch Segelboot, die Unterstützung brauchen. Die DGzRS ist das Backup für alle, die sich auf Nord- und Ostsee tummeln. Auch medizinische Notfälle an Bord eines Schiffes oder Wassersportler, die Hilfe brauchen. Die freiwilligen Seenotretter aus Langballigau stehen rund um die Uhr bereit.
Station Langballigau
Seit 1975 ist die DGzRS mit einer Station im Yachthafen Langballigau vertreten. Von hier aus sichern heute 20 ehrenamtliche Seenotretter ein Revier, das auf der Karte überschaubar wirkt, in der Praxis aber zu den anspruchsvolleren Abschnitten der deutschen Ostseeküste zählt. Die Flensburger Förde ist nicht nur Grenzgewässer zwischen Deutschland und Dänemark, sondern vor allem eines der beliebtesten Wassersportreviere des Nordens. Hunderte Segler, Motorbootfahrer, Paddler und Stand-up-Paddler teilen sich die Förde mit Berufsschiffen und den Fähren im Linienverkehrs. Gleichzeitig lauern vor Holnis oder in den flachen Bereichen entlang der Küste Untiefen, die selbst erfahrene Skipper mitunter unterschätzen. Wer hier Hilfe braucht, muss sich darauf verlassen können, dass sie schnell kommt. Genau dafür liegt die WERNER KUNTZE in Langballigau. Denn für die Männer der DGzRS gilt seit mehr als 160 Jahren derselbe Leitsatz: Wenn andere in den Hafen fahren, fahren sie hinaus.

Dass die Hilfe innerhalb weniger Minuten auf dem Wasser ist, ist kein Zufall. Hinter jedem Einsatz stecken ein ausgeklügeltes Bereitschaftssystem und Menschen, die einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit in den Dienst anderer stellen. Die Station Langballigau gehört zu den freiwillig besetzten Stationen der DGzRS. Zwanzig aktive Seenotretter engagieren sich hier ehrenamtlich. Sie gehen ganz normalen Berufen nach, verbringen Zeit mit ihren Familien und schlafen nachts zu Hause. Doch sobald der Alarm kommt, geht alles ganz schnell. Organisiert ist die Station in einem festen Wachsystem. Jeweils fünf Seenotretter bilden eine Wachmannschaft. Für eine Woche übernehmen sie die Bereitschaft, anschließend folgen drei Wochen ohne Dienst. Während ihrer Wachwoche müssen sie sich nachts und an den Wochenenden in einem Umkreis von höchstens zehn Minuten um den Hafen aufhalten. Tagsüber werden zusätzlich alle Mitglieder alarmiert, damit möglichst schnell eine vollständige Besatzung zusammenkommt. Die Vorgabe ist klar: Spätestens zehn Minuten nach der Alarmierung soll die WERNER KUNTZE auslaufen. „Das funktioniert nur, wenn jeder weiß, was zu tun ist“, sagt Lasse Nielsen. „Das Boot wird startklar macht, Kurs sowie Wetterlage werden beurteilt und Leinen, Rettungsmittel und medizinische Ausrüstung muss vorberietet vor. Viel Zeit für Absprachen bleibt nicht – die Abläufe sind unzählige Male geübt worden.

Zur Mannschaft gehören erfahrene Bootsführer ebenso wie Einsatzkräfte, die sich Schritt für Schritt weiterqualifizieren. Verantwortung wird hier nicht allein an Dienstjahre geknüpft, sondern wächst mit Erfahrung, Ausbildung und gegenseitigem Vertrauen. Dieses Vertrauen ist wichtig, denn das Revier verlangt der Besatzung einiges ab. Die Flensburger Förde wirkt oft ruhig. Gerade darin liegt ihre Gefahr. Vor der Halbinsel Holnis zieht sich eine Sandbank weit in die Förde hinein. Immer wieder laufen dort Segel- oder Motorboote auf Grund. Auch die flachen Bereiche entlang der Küste werden von Ortsunkundigen regelmäßig unterschätzt. Hinzu kommen Windverhältnisse, die innerhalb kurzer Zeit anspruchsvoll werden können. Vor der Pappelallee bauen sich bei bestimmten Windrichtungen kurze, steile Wellen auf, deutlich höher, als es die geschützte Förde vermuten lässt.
Vielfältige Aufgaben
„Auf der Förde tummelt sich eigentlich alles“, sagt Nielsen. „Hier begegnen sich zwischen Flensburg und der Geltinger Bucht nahezu alle Formen der Schifffahrt und des Wassersports.“ Gerade in den Sommermonaten steigt zudem die Zahl der Wassersportler deutlich an. Entsprechend vielfältig sind auch die Einsätze der Seenotretter. Rund 30 bis 50 Mal im Jahr wird die Besatzung alarmiert. Hinter dieser Zahl verbergen sich ganz unterschiedliche Notlagen. Nicht jeder Einsatz beginnt mit einem Mayday-Ruf über Funk. Auch medizinische Notfälle gehören zum Einsatzspektrum der Station. So kommt es auch vor, dass Passagiere oder Besatzungsmitglieder an Bord von Fähren oder Sportbooten plötzlich erkranken oder sich verletzen. Dann übernehmen die Seenotretter die medizinische Erstversorgung, bis der Patient an Land an den Rettungsdienst übergeben werden kann.

Die WERNER KUNTZE verfügt über umfangreiche medizinische Ausrüstung, die in weiten Teilen mit der eines Rettungswagens vergleichbar ist. Ergänzt wird sie durch moderne Telemedizin. Benötigt die Besatzung ärztliche Unterstützung, können Befunde direkt übermittelt und medizinische Maßnahmen mit Ärzten an Land abgestimmt werden, ein entscheidender Vorteil, wenn sich ein Einsatzort weit entfernt vom nächsten Hafen befindet. Gerade auf See entscheidet häufig die Zeit. Jede Minute, die bis zur ersten Versorgung verstreicht, kann über den weiteren Verlauf eines Notfalls entscheiden. Genau deshalb investieren die Seenotretter so viel Zeit in Ausbildung, Übungen und regelmäßiges Training. Denn wenn der Alarm kommt, gibt es keine zweite Chance für den ersten Handgriff.
Teamwork
Kaum ein Einsatz auf der Flensburger Förde wird heute noch allein bewältigt. Je nach Lage arbeiten die Seenotretter eng mit anderen Organisationen zusammen. Besonders intensiv ist derzeit die Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr Glücksburg. Die Feuerwehr hat erst im vergangenen Jahr ein neues, modernes Rettungsboot in Dienst gestellt. Die gemeinsame Übung vor Holnis zeigt, wie eng beide Mannschaften inzwischen aufeinander abgestimmt sind. Menschenrettungen aus dem Wasser, gekenterte Wassersportler oder Boote in Not machen schließlich keinen Unterschied zwischen den Zuständigkeiten einzelner Organisationen.

Daneben gehören die Wasserschutzpolizei, die DLRG mit ihrer Schnelleinsatzgruppe aus Flensburg sowie die dänischen Rettungskräfte zu den regelmäßigen Partnern der Station. Gerade weil die Förde Grenzgewässer ist, endet ein Einsatz nicht automatisch an der Landesgrenze. Wer einem Menschen in Not am schnellsten helfen kann, übernimmt die Rettung, unabhängig davon, unter welcher Flagge das eigene Boot fährt. Geht es um größere Suchaktionen oder Einsätze, werden häufig weitere Stationen der DGzRS hinzugezogen. Dann unterstützen die Besatzungen aus Gelting oder Maasholm die Seenotretter aus Langballigau. Vom Wasser aus entsteht innerhalb kurzer Zeit ein engmaschiges Suchraster, während Einsatzleitung und beteiligte Organisationen ihre Maßnahmen eng miteinander abstimmen. Doch so wichtig moderne Technik und gute Zusammenarbeit auch sind, das Fundament der Station sind die Menschen. Die Station Langballigau gehört seit inzwischen über 50 Jahren zum Netz der DGzRS. Als sie 1975 eingerichtet wurde, sah der Rettungsdienst auf See noch völlig anders aus. Navigation erfolgte längst nicht so präzise wie heute, Funktechnik war deutlich einfacher und von Telemedizin konnte niemand sprechen. Was sich jedoch nicht verändert hat, ist die Motivation der Besatzungen: Menschen zu helfen, die auf See in Not geraten sind.
Ein modernes Rettungsboot
Auch das Rettungsboot hat sich im Laufe der Jahre verändert. Mit der WERNER KUNTZE verfügt die Station heute über ein modernes Seenotrettungsboot, das speziell für küstennahe Reviere wie die Flensburger Förde ausgelegt ist. Seine kompakte Bauweise ermöglicht Einsätze in flachen Bereichen ebenso wie das sichere Manövrieren bei rauer See. Gleichzeitig bietet es ausreichend Platz für die Besatzung, medizinische Ausrüstung und gerettete Personen. Die charakteristische seitliche Bergungsluke, über die bei der Übung vor Holnis der Schiffbrüchige mithilfe von Schlingen und Rettungsbrett an Bord gezogen wurde, gehört zu den Besonderheiten des Bootes. Sie erleichtert die Rettung von Menschen aus dem Wasser erheblich und schont zugleich die Kräfte der Besatzung.

Als die WERNER KUNTZE nach der Übung wieder in den Hafen von Langballigau einläuft, kehrt schnell wieder Ruhe ein. Die Leinen werden festgemacht, Ausrüstung verstaut, das Boot gereinigt. Urlauber schlendern über die Stege, Kinder beobachten neugierig das rote Rettungsboot, das nun scheinbar untätig an seinem Liegeplatz liegt. Doch dieser Eindruck täuscht. Ein einziger Alarm genügt, und die Stille ist vorbei. Dann laufen die Ehrenamtlichen von ihren Arbeitsplätzen, aus ihren Häusern oder vom Familienessen zum Hafen. Wenn andere in den Hafen fahren, fahren sie hinaus.
Text und Fotos: Benjamin Nolte















