Dieser Abschied hatte Gala-Charakter. Nach seinem letzten Heimspiel für die SG Flensburg-Handewitt wurde Johannes Golla zunächst vom Flensburg Journal als „SG-Handballer des Jahres“ ausgezeichnet. Dann verschwand er zusammen mit den anderen Spielern in den Katakomben, um kurz darauf in die nun verdunkelte „Hölle Nord“ zurückzukehren. SG-Präsident Dierk Schmäschke bedachte den scheidenden Kapitän mit einer Lobeshymne. Er selbst kramte einen Zettel hervor. Der Abschied fiel ihm nicht leicht. „In Flensburg haben wir uns immer willkommen gefühlt, in Flensburg haben wir nun unsere besten Freunde“, sagte Johannes Golla mit dankbaren Worten. Mit Blick zu den Fans schloss er: „In dieser Halle habe ich mich auf jedes Heimspiel gefreut, es gibt so viele unvergessliche Momente.“ Gemeinsam mit Kevin Möller drückte er einen Buzzer: Die SG hatte in diesem Moment zwei weitere Vereinslegenden.

Abschiedsrunde und Entscheidung

Im letzten Sommer lagen diese Momente noch weit entfernt. Da wurde Johannes Golla aber erstmals etwas wehmütig. Dem deutschen Nationalspieler wurde bewusst, dass er in seine achte und letzte Saison mit der SG gehen würde und ihn fortan häufiger ein „letztes Mal“ begegnet. Vorbereitung, Bundesliga-Start, Heimderby, Rückrunden-Auftakt, Titelchance und schließlich das letzte Heimspiel gegen den ThSV Eisenach – eine Kette emotionaler Ausschläge lässt sich mühelos erstellen.

SG-Handballer des Jahres: Johannes Golla
16. Juli 2018: Das erste SG-Training

Ihre Ouvertüre hatte sie Mitte Dezember 2024, als die hiesige Fan-Gemeinde zwei Mal erschüttert wurde. Zunächst musste sie die Nachricht verdauen, dass ihr Klub den damaligen Trainer Nicolej Krickau beurlaubte. Nur wenige Tage später wurde bekannt, dass Kapitän Johannes Golla einen Fünf-Jahres-Vertrag bei der MT Melsungen unterschrieben hat, der Juli 2026 in Kraft treten würde. Der Abschied von Flensburg war damit verkündet. „Wenn man Stadt und Halle 700 Kilometer weiter gen Süden verlegen könnte, wären wir geblieben“, erklärt der Handball-Profi im Rückblick. „Meine Frau und ich hatten damals zwei sehr kleine Kinder und keine familiäre Unterstützung in der Nähe. Deshalb entschieden wir uns dazu, in Richtung Heimat zu gehen – zu Familie und Freunden, die wir seit 2018 nur wenig gesehen haben.“

Die hessische Heimat

Anfang dieses Jahres war plötzlich in verschiedenen Medien zu lesen, dass die MT Melsungen den Gürtel enger schnallen müsste, sich das Gehalt von Johannes Golla nicht mehr leisten könnte und die SG um ein Bleiben des Leistungsträgers buhlen würde. Von den Vereinen und vom Spieler gab es kurz darauf Dementis, hinter den Kulissen gab es aber Gespräche. „Wir stehen natürlich zu der Entscheidung, die wir getroffen haben“, sagt Johannes Golla heute. „Aber unsere Kinder sind älter geworden, und wir sind noch besser in der Stadt angekommen, als wir es damals waren.“ Keine Frage: Der Abschied fällt schwer.

SG-Handballer des Jahres: Johannes Golla
9. Juni 2019: die Meisterschaft

Für die MT Melsungen hatte der kräftige Kreisläufer einst seine ersten Bundesliga-Partien bestritten. Seine Heimat liegt aber gut zwei Autostunden entfernt. Aufgewachsen ist Johannes Golla im Rheingau, wo sich Flusslandschaft, Burgen, Städtchen und Weinhänge begegnen. In Erbach, einem Ortsteil von Eltville, sind dem berühmten Sohn Ehrenschilder gewidmet. Seine ersten Vereine hießen JSG Eltville, TuS Dotzheim und SG Wallau. Dann wechselte er in die nahe hessische Landeshauptstadt und spielte mit der HSG VfR/Eintracht Wiesbaden in der Jugend-Bundesliga. Die MT Melsungen wurde auf das Talent aufmerksam.

Durchbruch und Erfolge

Den Durchbruch schaffte Johannes Golla aber erst 2018 mit dem Wechsel in den hohen Norden. „Wir hatten damals einige neue Spieler auf entscheidenden Positionen“, blickt er zurück auf seine ersten Tage in Flensburg. „Wir konnten aber den Flow aus der ersten Meister-Saison mitnehmen und gewannen schnell Selbstvertrauen.“ Mit der SG wurde Johannes Golla nicht nur auf Anhieb deutscher Meister, er selbst imponierte mit einer unheimlich hohen Konstanz in Angriff und Abwehr. Blitzschnell wurde er im Klub zu einer festen Größe – ebenso in der deutschen Nationalmannschaft, wo er im Herbst 2021 das Kapitänsamt übernahm. Die Höhepunkte bislang: Silber bei den Olympischen Spielen 2024 und bei der Europameisterschaft 2026.

SG-Handballer des Jahres: Johannes Golla
Zwei neue SG-Legenden: Kevin Möller und Johannes Golla

Kein Titel zum Abschied

Es gab aber auch Tiefpunkte. Besonders extrem war die eine Woche im April 2023, als ausgerechnet beim Final Four in Köln die Siegesserie der vorangegangenen Wochen riss und direkt danach gegen BM Granollers alle Träume in der European League platzten. Der langjährige Trainer Maik Machulla musste danach gehen. „Das alles war eine bittere Erfahrung, die nur schwer aufzuarbeiten war“, weiß Johannes Golla noch heute.

SG-Handballer des Jahres: Johannes Golla
Gegen Eisenach: Eines der letzten Tore für die SG

Eine längere titellose Phase endete 2024 mit dem Triumph in der European League. 2025 wurde dieser Erfolg wiederholt. Der Hattrick misslang. „Vor der Saison war es mein Traum, mich mit einem Titel aus Flensburg zu verabschieden“, hatte Johannes Golla vor dem Event in Hamburg gesagt. Dort gab es im Halbfinale ausgerechnet gegen die MT Melsungen, seinem zukünftigen Klub, die entscheidende Niederlage. Irgendwann in der kommenden Saison wird er mit dem nordhessischen Klub in der „Hölle Nord“ aufkreuzen. „Ich muss aufpassen, dass ich auch wirklich in die Gästekabine gehe“, sagt Johannes Golla mit einem Grinsen.

Text und Fotos: Jan Kirschner   

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