Im Januar ruht der Vereinshandball. Dafür greifen die Nationalteams nach den Sternen der Europameisterschaft, und zwar in Herning, Malmö und Oslo. Unser Reporter Jan Kirschner war zu Gast und blickt auf das Turnier mit lokaler Brille. Immerhin neun Spieler der SG Flensburg-Handewitt starteten in das Turnier – und man trifft viel Handball-Prominenz.

Impressionen von der Handball-Europameisterschaft 2026
Tobias Karlsson: nun schwedischer Team-Manager

Heimspiel-Atmosphäre

Am ersten Spieltag der Europameisterschaft ist in Herning der Oberrang geschlossen. Knapp 6000 Zuschauer versammeln sich in der Jyske Bank Boxen, um die Partie Deutschland gegen Österreich zu sehen, darunter viele deutsche Fans. Und das an einem Donnerstag. Am folgenden Samstag sind es schon 9000 Handball-Begeisterte. „Ich habe Flensburg-Trikots und bekannte Gesichter gesehen“, erzählt Johannes Golla, Kapitän der SG und im DHB-Team. Vereinskollege Marko Grgic staunt: „Unglaublich, wie viele selbst an einem späten Abend in der Woche nach Herning kommen.“ Wenn die Dänen spielen, ist der Handball-Tempel mit 15.000 Fans ausverkauft. Frenetischer Jubel brandet schon auf, wenn die Spieler zum Warmup erscheinen. Beim Anwurf entlädt sich ein Orkan. „Vi er röde, vi er hvide“ – während der 60 Minuten folgen dänische Party-Hits in Dauerschleife. „Diese Kulisse ist immer traumhaft, es ist die beste Stimmung in ganz Dänemark“, findet SG-Torwart Kevin Möller.

Impressionen von der Handball-Europameisterschaft 2026
Domen Novak: in Oslo und Malmö für Slowenien im Einsatz

Industrie-Konversion

150 Jahre lang hatte Silkeborg eine bedeutende Papierfabrik. Heute wird das Gebäudeensemble anderwärtig genutzt. Gewerbe und Büros dominieren, es gibt aber auch ein Museum, ein Theater und ein Hotel. Hier hat sich die deutsche Mannschaft einquartiert. Die Handballer schlafen in Zweier-Zimmern. Die beiden SG-Spieler wohnen zusammen. „Unsere Höhle“, grinst Johannes Golla. „Das ist alles sehr ordentlich“, betont Teamkollege Marko Grgic. „Wir müssen nicht durch Kleidungsstücke schwimmen.“ In ihrer Freizeit spielen die beiden viel an der Play-Station, während im Nachbarzimmer der Brettspiel-Klassiker „Siedler von Catan“ für Furore sorgt.

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Neue Rolle für Jim Gottfridsson

Flensburger Dominanz

Sechs SG-Spieler stehen zum Turnierstart im 19-köpfigen Aufgebot von Gastgeber Dänemark. Emil Jakobsen und Simon Pytlick teilen sich sogar das Zimmer. Lasse Möller feiert im zweiten Spiel gegen Rumänien sein EM-Debüt. Wenige Minuten später scheidet Lukas Jörgensen verletzt aus. Die bittere Diagnose: Kreuzbandriss. Niclas Kirkelökke und Kevin Möller sind die beiden anderen Akteure, die im Vereinsalltag ein SG-Trikot tragen. Außerdem stehen mit Mads Mensah, Simon Hald, Rasmus Lauge und Johan Hansen vier ehemalige SG-Spieler im dänischen Aufgebot. Emil Bergholt wechselt im Sommer nach Flensburg. Es sind wohl so viele, dass die SG beim Fußball-Trainingsspielchen nicht als Kriterium für die Mannschaftseinteilung taugt. „Da heißt es immer GOG gegen den Rest“, schmunzelt Kevin Möller.

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Schwedische Handball-Begeisterung

Ein höflicher Torwart

Ich sitze unter den Fotografen neben einem der beiden Tore. Kurz nach der Pause im deutschen Auftaktspiel gegen Österreich fliegt ein Abpraller auf mich zu. Er ist nicht hart. Ich kann den Ball stoppen, bin dabei aber bemüht, ihn nicht anzufassen. Wegen des klebrigen Harzes. Irgendwie kann ich den Ball mit dem Arm an Torwart Andreas Wolff übergeben. „Vielen Dank!“, sagt er mitten im Spiel und leitet den nächsten Angriff ein. Am nächsten Tag spricht mich der DHB-Vorstandsvorsitzende Mark Schober an, der die Szene beobachtet hatte. „Hätte das nicht etwas schneller gehen können“, scherzte er. „Du hast ja das Tempo rausgenommen.“ Aber, antwortete ich, vielleicht war es die Höflichkeit des Keepers, die die entscheidende Sekunde gekostet hatte.

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Prämien

Was ist der Gewinn einer Europameisterschaft wert? Für den deutschen Handball weiß man es. Denn kurz vor dem Start veröffentlichte der DHB eine Pressemeldung. Demnach sind für den Titel 575.000 Euro ausgelobt – für die gesamte Mannschaft. Der Einzug ins Finale bringt 430.000 Euro ein. Bronze ist 300.000 Euro wert. Der Einzug ins Halbfinale wird mit 180.000 Euro verbucht. Der bloße Gewinn der Vorrunden-Gruppe A spült 50.000 Euro in die Mannschaftskasse.

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Isländische SG-Vergangenheit: Arnor Atlason (links) und Teitur Einarsson

Handball-Jahrmarkt

Im Herninger Messekomplex wird in zwei Hallen die Fan-Kultur gelebt. Sterne mit den Namen aller aktuellen Nationalspieler kleben auf dem Fußboden und zieren den Weg zum Eingang, der sich jeden Nachmittag für etliche Stunden öffnet. Für die Zuschauer gibt es Spielwiesen, Imbisswagen und eine Bühne, die als Plattform für Live-Musik oder Talkgäste dient. Ein Museum taucht in die 100-jährige dänische Handballgeschichte ein. Große Konterfeis der modernen Handballhelden zieren die Passage zwischen den beiden Hallen. In Originalgröße steht eine Foto-Troika als Selfi-Modell parat: Simon Pytlick, Emil Jakobsen und Mathias Gidsel.

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Isländische Schwedische Handball-Begeisterung Handball-Begeisterung

Gründungsväter und Goldjungs

Kurz vor dem Turnierstart werden mehrere Dokumentationen auf den TV-Sendern gezeigt oder stehen in Internet-Plattformen zum Streamen bereit. Bei der „Generation Goldjungs“ gehört Marko Grgic zu den Protagonisten. Ein anderer 75-minütiger Streifen heißt übersetzt: „Gründungsväter – Der Aufstieg des dänischen Handballimperiums“. Zu Wort kommen mit Joachim Boldsen, Lars Christiansen, Mads Mensah, Simon Pytlick und Emil Jakobsen auch mehrere aktuelle und ehemalige SG-Akteure. Auch SG-Legende Lasse Svan wird interviewt. Er ist während der Europameisterschaft beim dänischen Sender „TV2“ als Experte im Studio.

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Lasse Svan (Mitte): Experte von TV2

Anti-Handball

Vor der Partie gegen Österreich lästert der deutsche Torwart Andreas Wolff über den kommenden Gegner, indem er dessen bevorzugte Sieben-gegen-sechs-Angriffstaktik als „Anti-Handball“ bezeichnet. Die Alpen-Ballwerfer hat bis Mai SG-Coach Ales Pajovic trainiert. Der Slowene sitzt nun unter den Zuschauern. Gegenüber einem österreichischen Radio-Sender rudert Andreas Wolff später zurück. „Ich habe das alles etwas überspitzt formuliert“, sagt er. „Sieben gegen sechs – das mag ich einfach nicht gerne anschauen.“

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Innenstadt von Malmö: Das Gesicht von Hampus Wanne

Globetrotter

Während sich die österreichischen Handballer aufwärmen, bearbeite ich direkt am Spielfeld ein paar Fotos. Kurz schaue ich von meinem Notebook hoch und blicke plötzlich in mir bekannte Augen. Eine Armlänge entfernt praktiziert Boris Zivkovic ein paar Dehnübungen. „Wie geht´s?“, grüßt er. Der österreichische Linkshänder hat Anfang 2024 für einige Monate bei der SG ausgeholfen. Seitdem stehen drei weitere Stationen in seiner Vita: Al-Qurain (Kuwait), Brest (Belarus) und nun Chartres (Frankreich).

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Emil Jakobsen: Gänsehaut-Feeling in der Boxen

Unpassendes Outfit

Blaue Jeans und senffarbener Pullover – so starte ich nach Schweden. Hyllie ist gleich die erste Station nach dem Öresund. Einmal die Rolltreppe hoch – und man ist an der Malmö Arena. Das benachbarte Shopping-Center „Emporia“ mit seiner futuristischen Architektur ist am frühen Nachmittag allerdings weit belebter als der Spiel­ort der Handball-Europameisterschaft. In der schwedischen Kälte erblicke ich erst auf den zweiten Blick weitgereiste Handball-Fans. Sie kommen mit den Zügen aus Kopenhagen und tragen unter den Jacken dunkelblaue Trikots. Es sind Isländer. Zwei junge Frauen wedeln mit zwei Fähnchen ihrer Nation im eiskalten Wind. Drinnen versammeln sich etwa 2000 Isländer in einem Fan-Block und entfachen einen wahren Sturm. „Ej, ej, afram Island“ und andere Schlachtrufe donnern die gesamten 60 Minuten. Kroatien gewinnt dennoch knapp. Bei den Isländern stehen zwei ehemalige SG-Akteure im Aufgebot. Arnor Atlason (2012/13) ist Co-Trainer, Linkshänder Teitur Einarsson (2021-2024) kommt nur wenig zum Einsatz.

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Ein Tunnel voller Handball-Legenden

Leere Plätze

Der Oberrang in der Malmö Arena ist eher spärlich besetzt. Das Spiel des Gastgebers Schweden gegen Slowenien wollen offiziell nur 7745 Zuschauer besuchen – und das an einem Freitagabend. „Wir haben uns auch gewundert“, verrät Jim Gottfridsson und mutmaßt: „Vielleicht lag es an den Tagestickets. Es waren ja beim ersten Spiel 3000 bis 4000 Isländer und Kroaten in der Halle – und später nicht mehr.“ Für eine „Welle“ im Unterrang ist die Kulisse dennoch ausreichend.

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Neue Rolle

SG-Legende Jim Gottfridsson ist im Sommer ins ungarische Szeged gewechselt. In Malmö grüßt sein Konterfei von einer Drehtür. In Deutschland ist gerade ein Micky-Maus-Heft erschienen – mit ihm als Donald-Duck-Verschnitt. Er ist immer noch sehr populär, spielt aber viel weniger als früher. Der Magdeburger Felix Claar ist die Nummer eins in der schwedischen Rückraumzentrale. „Ich sehe mich nach wie vor als einen wichtigen Teil der Mannschaft, meine Rolle hat sich aber verändert“, sagt Jim Gottfridsson selbst.

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Gefragter Interviewpartner: Marko Grgic

Quartier am Marktplatz

Am Hauptbahnhof von Malmö lächelt mich Jim Gottfridsson an – sein Konterfei besetzt eine Drehtür. Beim Gang zu meiner Unterkunft begegne ich Hampus Wanne. Der ehemalige SG-Links­außen ziert ein Plakat am Marktplatz. Ich habe ein recht günstiges Zimmer in einem altehrwürdigen Hotel ergattert. Es ist allerdings ziemlich klein und vor dem Fenster befindet sich ein Baugerüst. Der eigentlich schöne Blick auf Markplatz und Rathaus ist nur eine schemenhafte Silhouette. Einige Stunden später tobt das Nachtleben. Viele Taxis kurven zu später Stunde um den Marktplatz. Aus einer Party-Location wummern stampfende Beats. Am nächsten Tag ist es wieder ruhig. Ich besuche kurz den Platz „Lilla Torg“. Dort stehen zwei kleine Zelte, in denen Tischkicker, eine Torwand, ein überdimensionales Schachbrett und ein Bilderrahmen für Selfies warten. Eine Mini-Fan-Zone – kein Vergleich mit der von Herning.

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Boris Zivkovic (Österreich) gegen Marko Grgic

Medien-Alltag

In Herning müssen die Journalisten etliche Treppen – hoch wie runter – erklimmen, um die Mixed Zone zu erreichen. Das ist der Ort, an dem Spieler und Trainer interviewt werden dürfen. In Malmö kommen die Akteure direkt in die Pressehalle. Es sind nur zehn Meter von meinem Arbeitsplatz bis zur Möglichkeit für einige kurze Spielanalysen. Für längere Gespräche dienen die Media Calls an den Tagen zwischen den Spielen. In Malmö finden diese im „Scandic Triangeln“ statt, einem Hotel mit 20 Stockwerken. Die Herausforderung für mich: Die Slowenen und die Schweden laden zur selben Zeit ein. Ich treffe mich also zunächst mit Domen Novak in einem Clubraum des dritten Stocks, dann geht es ins Erdgeschoss, wo mich bereits Tobias Karls­son erwartet.

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SG-Legende als Team-Manager

Tobias Karlsson ist das gesamte Turnier bei der schwedischen Mannschaft. Der ehemalige Weltklasse-Abwehrspieler, der seine Karriere nach zehn Jahren bei der SG 2019 beendete, ist inzwischen Team-Manager der schwedischen Nationalmannschaft. In dieser Rolle unterstützt er die Trainer, beschäftigt sich mit Entwicklungskonzepten und plant viele Dinge rund um das Drei-Kronen-Team. Für die Tage zwischen den Spielen hat sich Tobias Karlsson ein „Pflicht-Büffet“ an Angeboten überlegt, aus denen sich die Spieler Regenerations- und Trainingsinhalte aussuchen können. „Wir haben festgestellt, dass die jüngeren Spieler eine ganz andere Gesprächskultur pflegen als die älteren und auch das Führungsteam“, erklärt der 44-Jährige.

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Verrücktes Spiel

Die Slowenen sind zunächst in Oslo und starten gegen die Schweiz eine gewaltige Aufholjagd. 16 Minuten vor Schluss liegen sie mit 22:29 zurück, am Ende haben sie mit 38:35 gewonnen. Mittendrin im Jubel steckt SG-Rechtsaußen Domen Novak. Mit seinem Nationalteam zieht er zur Hauptrunde nach Malmö um. Dort gibt es die erste Niederlage – gegen Gastgeber Schweden. Trotzdem schläft Domen Novak danach besser als in Oslo. „Dort waren die Matratzen eine Katastrophe“, erzählt der Slowene.  

Text und Fotos: Jan Kirschner   

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