Vor 70 Jahren, am 22. August 1950 wurde in Deutschland das Technische Hilfswerk gegründet. Ein wichtiges Backup im Katastrophenschutz, mit Einsätzen und Aufgaben im In- und Ausland. Auf den Juli 1952 lässt sich die Gründung des Flensburger Ortsverbandes zurückdatieren. Heute, 70 Jahre nach seiner Gründung, zählt das Technische Hilfswerk stolze 668 Ortsverbände mit rund 80.000 ehrenamtlichen Helfern und rund 1800 Hauptamtlichen.
Die Aufgaben und die technische Ausstattung des THW sind ebenso vielfältig wie seine ehrenamtlichen Mitglieder. Alleine in Flensburg sind es 117 Helfer*innen, Männer und Frauen, jung und alt, aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die 365 Tage im Jahr zu kleinen und großen Einsätzen ausrücken. Und das zu Land und zu Wasser.
Dem Bundesinnenministerium unterstellt, haben sich die Spezialisten des THW aus Deutschland mittlerweile weltweit einen Namen gemacht. Sie sind nicht nur im Rahmen des inländischen Katastrophenschutzes aktiv, sondern unterstützen seit Jahrzehnten bei Großschadenslagen wie Erdbeben, Hochwasser und anderen Katastrophen in Ländern auf der ganzen Welt. Modernes Einsatzgerät und gut ausgebildete Helfer des THW unterstützen bei Bedarf die kommunale Gefahrenabwehr (zum Beispiel die Feuerwehren), diese unterstützende Tätigkeit wird seit dem 1.5.2020 nicht mehr in Rechnung gestellt. Das THW ist als Zivilschutzorganisation des Bundes (zuständig für den Zivilschutz) aufgestellt und unterstützt den Katastrophenschutz der Länder (Landesaufgabe).
In der Lilienthalstraße in Flensburg, unmittelbar angrenzend an das Gelände der Firma Nord Schrott, liegt die Unterkunft des Flensburger Ortsverbandes. Eine große Halle mit Fahrzeugen, Anhängern, Pumpen und vielfältiger Ausrüstung, sowie ein Mehrzweckgebäude mit Schulungs- und Aufenthaltsräumen bilden die Basis für Ausbildung und Einsätze.
„Neben dem Stab des Ortsverbandes, der die allgemeinen Verwaltungsangelegenheiten regelt, bildet der 1. Technische Zug das Herzstück unseres Verbandes“, berichtet Nils Seidel, Zugführer des Technischen Zugs, der sich in den Zugtrupp Technischer Zug, die Bergungsgruppe, die Fachgruppe Notversorgung und Notinstandsetzung, sowie die Fachgruppe Wasserschaden/Pumpen gliedert.“
Mit einer Kombination aus universellen Bergungsgruppen und spezialisierten Fachgruppen stellt sich das THW auch in Flensburg den vielfältigen Anforderungen des Bevölkerungsschutzes und der örtlichen Gefahrenabwehr.
„Der Zugtrupp Technischer Zug dient der taktisch-operativen Führung des Technischen Zuges und unterstellter Einheiten“, so Seidel, „er wird in der Regel für die Ersterkundung eingesetzt und richtet im Einsatzfall eine Befehlsstelle ein.“ Menschen- und Tierrettung, Bergung von Sachwerten aus Gefahrenlagen, Sicherungsarbeiten an Schadenstellen oder leichte Räumarbeiten, die Bergungsgruppe übernimmt vielseitige Aufgaben. Zur Verfügung stehen für diese Zwecke umfangreiche Geräte und Werkzeuge wie Schweiß- und Brennausstattung, Kettenmotorsägen, Rettungssäge, Atemgeräteausstattung (wie bei der Feuerwehr), Hebekissen, Zuggerät, Trennschleifer, Bohr- und Brechhammer, Stromerzeuger, Flutlichtleuchten, Sanitätsausstattung, Tauchpumpen und vieles mehr.
„Als vielseitigste Gruppe im Technischen Zug unterstützt die Bergungsgruppe auch die anderen Fachgruppen des THW in technischer wie personeller Hinsicht“, erläutert Seidel, „die Gruppe führt auch das Einsatzgerüstsystem mit, mit dem schnelle Sicherungs- und Abstützaufgaben, beispielsweise an eingestürzten Gebäuden, bewältigt werden können.“
Die neueste Fachgruppe im Flensburger Ortsverband bildet die 2019 integrierte Fachgruppe Notversorgung und Not­instandsetzung. „Die Fachgruppe N ist beispielsweise für den Aufbau und Betrieb von behelfsmäßigen Unterkünften, primär für die Unterbringung eigener Einsatzkräfte zuständig“, so Seidel, „zudem beleuchtet sie punktuell oder großflächig Einsatzstellen, transportiert Güter und Gefahrstoffe, leistet Pumparbeiten, stellt Strom an der Einsatzstelle zur Verfügung und übernimmt technische Hilfeleistungen.“ Auch verfügt diese Fachgruppe über eine 200  kVA Netzersatzanlage um im Ernstfall auch eine Stromversorgung übergangsweise gewährleisten zu können. Mit der Errichtung von mobilen Unterkünften für Einsatzkräfte kann das THW im Ernstfall autark agieren, selbst Sanitäranlagen wie mobile Toiletten und Duschen gehören zur Ausrüstung der Fachgruppe N. Somit können die Einsatzkräfte beispielsweise auch in abgeschnittenen Hochwasserregionen eingesetzt werden und sind für eine gewisse Zeit auf keine externen Einrichtungen oder Zuwege angewiesen.
Als dritte Einheit des Technischen Zugs fungiert die Fachgruppe Wasserschaden/Pumpen, die in den vergangenen Jahren auch immer wieder im Einsatz ihr Können und ihre Leistung unter Beweis stellen musste. „Diese Gruppe wird für die Bekämpfung von schadhaft eindringendem Wasser bzw. für die Eindämmung von Gefahren bei Überflutungen oder Überschwemmungen größeren Ausmaßes eingesetzt. Zudem kann sie große Mengen Wasser (wie Löschwasser) zur Verfügung stellen“, berichtet Seidel. In Flensburg verfügt die Fachgruppe Wasserschaden/Pumpen über diverse Pumpen mit einer Gesamtpumpleistung von ca 36.000 Litern pro Minute. Ebenfalls kann die Fachgruppe bei beschädigten Kanalisationsbauwerken unterstützen und diese wieder instandsetzen. Bei den großen Elbehochwassern waren auch stets Einsatzkräfte aus Flensburg im tagelangen Dauereinsatz. Regionale Schadenslagen, wie das Hochwasser in Gelting oder Überschwemmungen im benachbarten Dänemark, forderten ebenfalls die Einsatzkräfte aus Flensburg. Das THW in Deutschland ist so strukturiert, dass im Einsatzfall Komponenten und Gruppen aus diversen Ortsverbänden zusammengezogen werden können und diese somit in kurzer Zeit enorm leistungsfähig und einsatzbereit sind. Ausstattung und Ausrüstung werden dabei deutschlandweit nahezu einheitlich vorgehalten, so dass auch bei großen Schadenslagen keine Eingewöhnung oder Schulungen notwendig sind, sondern jeder Ortsverband Technik und Fahrzeuge kennt.
„Die Fachgruppe Führung und Kommunikation ist die zweite Einheit im Ortsverband Flensburg“, so Seidel, „sie leistet bei Großschadenslagen Führungsunterstützung und teilt sich in Führungstrupp, Führungs- und Kommunikationstrupp und den Fernmeldetrupp auf.“ Diese Fachgruppe verfügt unter anderem über spezielle Fahrzeuge um vor Ort Führungs- und Lagezentren aufzubauen.
Regionale Besonderheiten spielen bei den Ortsverbänden des THW in Deutschland ebenfalls eine Rolle. Während bestimmte Fachgruppen bei jedem Ortsverband vorgehalten werden, fordern regionale Bedürfnisse mancherorts eine Ergänzung. In Flensburg gibt es eine Gruppe zur Bereitstellung von Notbrunnen um in Extremsituationen die Trinkwasserversorgung gewährleisten zu können, und ein Ölwehrboot des Havariekommandos, zur Bekämpfung von Öl-Unfällen auf Gewässern.
„Mit unserem Mehrzweckarbeitsboot (MzAB) können wir zusätzlich mittels Sidescan-Sonar nach vermissten Personen oder größeren Gegenständen unter der Wasseroberfläche suchen und mittels Löschmonitor kleinere wasserseitige Brandbekämpfungen durchführen“, erklärt Seidel, „hierzu sind wir aber auf Material und Personal der Feuerwehren angewiesen, da das THW keine Brandbekämpfung durchführt.“ Tageszeitabhängig kann das Boot in 45 Minuten einsatzbereit sein. Durch die flache Bauart und absenkbare Bugklappe kann das Boot in sehr flachen Gewässern eingesetzt werden und nahezu überall anlanden. Auch für eine gegebenenfalls notwendige Rettung von Personen oder Sachgütern ist der Zugang auf Höhe der Wasseroberfläche vorteilhaft.
Welche technischen Möglichkeiten und Ressourcen das Technische Hilfswerk im Flensburger Ortsverband für den Ernstfall bereitstellen kann, ist enorm. Den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, sowie dem Flensburger Umland ist dies meist gar nicht bekannt, das weiß auch Nils Seidel: „Feuerwehren sind für die Bürger ständig präsent, im Einsatz sieht man uns selten, wobei wir gerade auch in den letzten Monaten vielfältig unterstützt und beraten haben.“
Unterstützt von weiteren Ortsverbänden, waren die Flensburger Helfer des THW Anfang und Mitte des Jahres 14 Wochen lang an der dänischen Grenze im Einsatz. „Wir haben dort unsere Schwesterbehörde, die Bundespolizei, bei den grenzpolizeilichen Maßnahmen im Zuge der Wiedereinführung der Grenzkontrollen mit Corona-Bezug unterstützt“, so Seidel, „bei der Ausleuchtung der Kontrollstellen, sowie der Logistik mit Führungsstelle, Aufenthaltscontainern und der Funkkommunikation konnten wir mit unserem Equipment einen wichtigen Beitrag leisten.“
Es sind oftmals die vermeintlich kleineren Hilfeleistungen, die das Flensburger THW leistet. Besonders bei der Bewältigung der Corona-Pandemie konnte der Ortsverband Flensburg auch die Gesundheitsämter und Krankenhäuser unterstützen. „Vor der Zentralen Notaufnahme der Diako in Flensburg haben wir im Frühjahr ein Zelt zwecks Vorsichtung von Patienten und Krankenhausbesuchern aufgebaut, sowie im Auftrag der Stadt Flensburg vor wenigen Wochen den Aufbau einer Corona-Teststation auf dem Campus unterstützt.“
Die Corona-Pandemie hat im Jubiläumsjahr des THW nicht nur für Einsätze gesorgt, sondern auch Ortsverbände, wie den in Flensburg, vor neue Herausforderungen gestellt. „Der Pandemieplan sieht bei uns eine Trennung der einzelnen Gruppen vor, somit ist für das kameradschaftliche Miteinander eine große Umgewöhnung notwendig geworden“, berichtet Seidel, „aber auch verwaltungstechnisch gab und gibt es Herausforderungen zu bewältigen. Es dürfen sich immer nur die gleichen Einheiten treffen und auch im Einsatzfall ist es nun schwieriger Einheiten überörtlich auszutauschen, da diese ebenfalls in Einsätze gebunden sind bzw. für solche vorgesehen sind.“
Bereits ab 10 Jahren kann man sich ehrenamtlich im Flensburger Ortsverband engagieren. Die Jugendgruppe trifft sich alle 14 Tage dienstags von 16.45-19.00 Uhr. Mit Vollendung des 18. Lebensjahres und nach Beendigung der Grundausbildung steht einer Tätigkeit in den Fachgruppen nichts mehr im Wege. Weitere Informationen finden Sie auch im Internet unter www.ov-flensburg.thw.de

Text und Fotos: Benjamin Nolte

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