Es stürmte etwas und regnete. Insgesamt schien es aber so, dass der erste Winter der Nachkriegszeit ein mildes Gesicht aufsetzen und Mitleid mit den Menschen haben würde, die in Zeiten knapper Lebensmittel ohnehin in großer oder größter Bescheidenheit leben mussten. Doch am 12. Januar 1946 kippte die Temperaturkurve. Plötzlich regierten Schnee und Frost die Flensburger Szenerie. Als sich nach knapp zwei Wochen Tauwetter und ein blaugrauer Himmel zu verbrüdern schienen, sichtete manch einer die ersten Frühlingsboten. Doch es zog eine weitere Kaltfront auf. Selbst der März begann mit Glätte und Schneeverwehungen.
Es war ein langer Winter – und das bei knappen Energiereserven. Kohle und Koks wurden an die Mitarbeiter von Kraftwerk und Straßenbahn ausgegeben, waren sonst aber Mangelware. Die Stromlieferungen waren rationiert. Die Lieferung von Holz erreichte nur knapp 40 Prozent der zugesagten Menge. Die Wälder, die ohnehin schon stark gelitten hatten, erhielten häufig unangemeldeten Besuch. Die Menschen entdeckten überall Rohstoffressourcen. Auf dem Mühlenfriedhof fehlte eines Morgens die hölzerne Eingangspforte. Vier Birken waren gefällt und weggeschleppt worden. Im Frühling stellte man fest, dass rund die Hälfte der Einfriedungspfähle von den Weiden gestohlen worden waren.
Herabsetzung der Lebensmittelrationen
Unmut begleitete die sehr angespannte Nahrungssituation. Zwar bekam Flensburg nun 4,2 Millionen Zigaretten im Monat zugeteilt, bei wichtigen Lebensmitteln musste aber gespart werden. Schon im Januar sollte der Fleischverbrauch je Person um 150 Gramm gesenkt werden. Dafür sollte mehr Fisch verspeist werden, doch die Fänge auf der Förde reichten nicht aus. An Frischmilch konnte nur das Zehntel eines Liters geliefert werden – pro Kopf und Woche versteht sich. Kartoffeln gab es für die Zivilbevölkerung gar nicht. Der schwerste Schlag dann Anfang März 1946: Die vierwöchige Brotration wurde für Normalverbraucher auf fünf Kilogramm halbiert.
In seinem wöchentlichen Bericht schlug das Stadternährungsamt Alarm. „Die Kürzung der Rationen in Brot und Nährmittel haben in der Bevölkerung eine starke Erregung hervorgerufen“, hieß es. Und weiter: „Es steht zu befürchten, dass die Einbruchsdiebstähle zunehmen werden und dass vor allem die Bäckerläden Plünderungen ausgesetzt sein werden.“ Für den Einzelhandel wurden einige Empfehlungen ausgesprochen: Sicherung der Geschäfte, bescheidene Gestaltung der Schaufenster und Vorsicht vor gefälschten Lebensmittelkarten.
Im Zeichen der Kriminalität
Die Kriminalität war hoch in diesen Tagen. Nur die Spitze vom Eisberg landete in der Presse. So berichtete das „Flensburger Nachrichtenblatt“ am 28. März 1946 über Bäckermeister Ernst Thomsen, dem plötzlich 60 Brote fehlten. Und Witwe Margarete Boysen vermisste in ihrem Vorratskeller 85 Konserven und einen Zentner Kartoffeln. Fast zeitgleich erwischte die Polizei eine Diebesbande, der viele Einbrüche in Schlachtereien und Delikatessgeschäften nachgewiesen werden konnten. Einer der Gauner war bei einem Bestatter beschäftigt und hatte einen Zentner Zucker und 170 Pfund Butter-Pakete in einem Sarg versteckt. Auch weniger dramatisch wurde vieles den offiziellen Versorgungswegen entzogen. Der Schwarzmarkt florierte, und allein am 9. März 1946 verhandelte das Landgericht über 18 illegale Hausschlachtungen.
Die sehr angespannte Versorgung mit Lebensmitteln und Energie bestimmte am 12. März 1946 die Debatte in der Flensburger Ratsversammlung. CDU-Ratsherr Thomas Andresen wetterte: „Die Arbeitskraft ist für ein Volk das wichtigste Vermögen. Wenn wir jetzt auch noch diese verlieren, sehe ich kaum noch eine Rettung.“ SPD-Ratsherr Hugo Hellwig versuchte für Werftarbeiter und Bauhandwerker etwas herauszuholen: „Es ist nicht dasselbe, ob ein Berufstätiger im warmgeheizten Zimmer sitzt oder ein Arbeiter den ganzen Tag in der Kälte steht.“ Oberbürgermeister Jacob Clausen Möller formulierte einen Appell: „Ich bitte die Militärregierung dringend, doch wenigstens den unschuldigen Kindern zu helfen.“
Maßnahmen gegen den Hunger
In Flensburg gediehen die Gerüchte, dass die Briten die Bevölkerung verhungern lassen wolle. Dabei sorgten die Kriegsfolgen, abgebrochene Transportwege und ungünstige Witterung überall auf dem Kontinent für Probleme. Jacob Clausen Möller traf sich in den nächsten Tagen im „Flensburger Hof“ mit einem britischen Adjutanten – um über Sofortmaßnahmen zu sprechen. Schon zur nächsten Zuteilungsperiode wurden die Rationen für Fleisch und Zucker erhöht – um täglich 40 Kalorien. Es wurde die Schulspeisung für „schwächliche Kinder“ gestartet. Wie es der Zufall wollte, traf auch endlich eine Weihnachtsüberraschung ein: Trockenobst und Backpulver. Bürgermeister Christian Carsten Christiansen suchte derweil einen Reeder, der eine Hochseeflotte aufbauen sollte, „um möglichst viele Fische nach Flensburg zu bekommen“.
Zu den knappen Gütern gehörten auch Kleidung und fast alle Gebrauchsgegenstände. Die Stadt Flensburg richtete im Kraftwerk eine maschinelle Schneiderei ein und organisierte Kurse für die Anfertigung von Kleinmöbeln. In einem früheren Marinegebäude wurde das „Gemeinnützige Versehrtenwerk Flensburg“ eröffnet. Etwa 100 Kriegsgeschädigte stellten Wäscheklammern, Holzlöffel, Kinderspielzeug oder Tischlampen her. Ein anderes städtisches Programm konzentrierte sich auf die 12.000 Kleingärten, die die Selbstversorgung fördern sollten. Für den Frühling wurden ausreichend Saat und Setzkartoffeln zugesagt. Allerdings warteten noch 2000 Mitglieder des Kleingärtnervereins auf die Zuweisung einer kleinen Scholle.
Wohnungsamt prüfte „Personenstandsaufnahme“
Flensburg musste nicht wie viele andere deutsche Städte einen Neuanfang in Ruinen bewältigen, hatte aber mit einem enormem Bevölkerungswachstum zu kämpfen. Anfang Januar 1946 gesellten sich zu den 70.000 Einwohnern immerhin 35.000 Flüchtlinge und 6000 gestrandete Soldaten. Die nächsten drei Monate brachten im Saldo nochmals einen Zugang von 3500 Menschen. Viele kamen in Privatunterkünften unter. Die Militärregierung wünschte eine „Personenstandsaufnahme“. An jeder Haustür sollte eine Liste hängen – mit den Namen der Bewohner und mit Fakten zu den Wohnungen. Bei der Belegung fühlte sich nicht jeder gerecht behandelt, das Wohnungsamt nahm viele Prüfungen vor.
Einen besonderen Fall stieß das „Komitee ehemaliger KZ-Angehöriger“ an: Am Adelbyer Kirchenweg hatten in einer Kriegsbeschädigten-Siedlung von 1936 nicht nur Versehrte des Ersten Weltkrieges ein Haus erhalten, sondern auch einige Träger des goldenen NSDAP-Parteiabzeichens. Das Komitee forderte die Räumung des Wohneigentums. Die Stadt Flensburg schien ratlos und schaltete den Oberpräsidenten ein. Aus Kiel kam der Hinweis, von einer solchen Maßnahme abzusehen, da „keine Rechtsgrundlage“ existiere. Stattdessen beschloss der Flensburger Magistrat, Wohnungen alter Nazis stärker mit Flüchtlingen zu belegen.
Flüchtlinge: Unterkunft und politische Beteiligung
Dennoch reichte das Potenzial an Zimmern nicht für die Neuankömmlinge. An mehreren Stellen der Stadt gab es Barackenlager. Etwa in Kielseng, wo 1000 Menschen auf wenig Platz lebten. Sie erhielten nun einen eigenen Kaufmann, Schuhmacher, Friseur und eine Nähstube. Im Februar bestellte die Stadt 3000 Betten bei einer Holzhandlung. Klagen betrafen nun häufig die Gemeinschaftsverpflegung: Wurde am gelieferten Essen gespart? Eine Überraschung hatte das Kirchliche Hilfswerk parat: Die schwedische Kirche hatte 4000 tiefgekühlte Fische gesendet, die in den Lagern verteilt wurden.
Viele Flüchtlinge lebten nun schon seit bald einem Jahr in Flensburg, galten aber noch nicht als Bürger. Die Militärregierung forderte ihre Integration in die Kommunalpolitik. Der Magistrat besprach dieses Thema. „Sämtliche Stadträte erklärten sich gegen die Berufung der Flüchtlinge zu Ratsherren, da man dadurch die Flüchtlinge als Partei anerkennen würde“, wurde am 18. Februar 1946 protokolliert. „Es sei nicht die Absicht, Flüchtlinge über städtische Angelegenheiten entscheiden zu lassen.“ Einen Monat später nahmen erstmals sechs Neuankömmlinge an der Ratsversammlung teil. Sie durften nicht abstimmen, konnten aber über ihren Sprecher Kurt Poppe Wünsche einbringen.
Die Geburtsstunde der politischen Parteien
Flensburg gab sich eine neue Ortssatzung. Die Stadtvertretung bestand aus Oberbürgermeister, seinem Stellvertreter und 35 Ratsherren. Aus ihrer Mitte wählte das Gremium am 31. Januar 1946 Friedrich Drews zum Stadtdirektor. Als Bindeglied zur Verwaltung, die die Beschlüsse und Weisungen umzusetzen hatte, diente der Magistrat. Von den 35 Ratsherren gehörten zwölf der bürgerlichen Fraktion an, zehn der SPD, neun der dänischen Minderheit und vier der KPD. Vier Flensburger Vertreter wohnten in Kiel den Sitzungen des Provinzial-Landtags bei: Steuerberater Thomas Andresen (CDU), Fabrikant Friedrich Klaus (CDU), Geschäftsführer Hermann Olson (SPD) und Rechtsanwalt Willi Johannsen (dänische Minderheit).

Im Winter 1946 erlebten die Parteien ihre Renaissance. Die Premiere hatte die SPD am 5. Januar im Deutschen Haus. Es war ein Plädoyer für einen „Demokratie-Sozialismus“. Die Kommunisten zogen wenige Tage später nach, konnten aber rund 1000 Interessierte nicht mehr in die völlig überfüllte „Neuen Harmonie“ lassen. In den nächsten Wochen feierte die KPD ihre Ikonen Lenin, Liebknecht und Luxemburg, ehe bei einer Kundgebung im Deutschen Haus starke Gewerkschaften und eine Zerstückelung des Großgrundbesitzes gefordert wurden.
In der Aula des Alten Gymnasiums feierte die Christlich-demokratische Partei ihre Gründung. Schnell kam es zu einer Namensänderung: Am 20. Februar traf sich der CDU-Bezirksverband im Deutschen Haus. Die verbale Musik spielte in diesen Tagen allerdings im linken Parteienspektrum. Am 10. März freute sich die Flensburger SPD über den Besuch ihrer Spitzenkraft. „Es muss ein Neuaufbau und kein Wiederaufbau Deutschlands vorgenommen werden“, sagte Kurt Schumacher und griff die Konkurrenz an: „Die Kommunisten sind nur ein Werkzeug in fremden Händen.“ 18 Tage später versammelte die KPD eine große Zuhörerschaft und propagierte die „Einheit der Arbeiterklasse“.
Fehlende Disziplin im Straßenverkehr
Es waren unruhige Zeiten, die ihre traurigen Spuren auch im Verkehr hinterließen. Mitte Januar war Flensburg geschockt, dass binnen Kürze drei Kinder schwer verletzt wurden. In der Bismarckstraße fuhr ein Sechsjähriger mit dem Schlitten unter einen Lastwagen. Ein Fünfjähriger in der Neustadt und eine Dreijährige in der Norderstraße waren unachtsam und wurden von Fahrzeugen erfasst. Flensburgs Polizeipräsident Konrad Fulda kündigte am 23. Januar 1946 verstärkte Polizeikontrollen an: „In letzter Zeit hat die Verkehrsdisziplin aller, ganz besonders der Kraftfahrzeugfahrer, erheblich nachgelassen.“
Doch schon am nächsten Nachmittag ereignete sich in der Friedrich-Ebert-Straße der nächste schwere Verkehrsunfall. Eine Zugmaschine schoss auf einen Gehweg. Dort standen zwei Polizeibeamte, einer verstarb am nächsten Morgen an seinen schweren Verletzungen. In den nächsten Wochen schien mehr Disziplin zu herrschen, ehe in der zweiten Märzhälfte zwei weitere Fußgänger überfahren und getötet wurden. Die größte Trauer löste allerdings das Schicksal zweier kleiner Knaben aus. Sie waren vom Spielen nicht zurückgekehrt und wurden schließlich in einem Wasserbehälter tot aufgefunden.
Die Einweihung der Pädagogischen Hochschule
Ende Februar trafen neue Fibeln, Lesebücher und Rechenblätter ein. Ein Schritt zur Normalität in den Flensburger Schulen. Große Klassen waren die Reaktion auf den Lehrermangel, den es zu lindern galt. Der Geist der ehemaligen pädagogischen Akademie in Kiel-Hassee erwachte, konnte zunächst aber nicht im zerstörten Kiel realisiert werden. Die Militärregierung ordnete die Einrichtung einer Pädagogischen Hochschule an, und zwar in Flensburg. Im Südflügel der ehemaligen Kriegsmarineschule leisteten ab dem 21. März 1946 gut 200 Absolventen in beengten Verhältnissen einen „pädagogischen Zehnkampf“. Es waren ausschließlich Männer, die als ehemalige Kriegsteilnehmer nur 15 Monate zu studieren hatten.
Bei der Einweihung erklang eine Ouvertüre von Brahms. Oberstleutnant Wilcox, Chef der Erziehungsabteilung der Militärregierung, sagte: „Wenn die Lehrer die heranwachsende Jugend nicht zu echter Menschlichkeit und Sittlichkeit erziehen, droht die Gefahr, dass die Katastrophe Nazi-Deutschlands sich wiederholt.“ Flensburgs Oberbürgermeister Jacob Clausen Möller versprach, dass die „Hochschule sich stets dem Wohlwollen der Stadt erfreuen“ werde. Zuvor hatte die Stadt allerdings andere Pläne. Sie wollte in der Marineschule – unter dem Eindruck einer Seuchengefahr – ein großes Krankenhaus aufbauen und befürchtete, dass die Pädagogen-Ausbildung schon sehr bald nach Kiel abwandern könnte.
„Hunger nach geistiger Nahrung“
Die Militärregierung intervenierte. So erschienen zum Frühlingsbeginn 1946 immerhin 220 junge Männer – zumeist in abgetragenen Wehrmachtsuniformen – am ehemaligen Marinestandort. Sie hatten Decken, Handtücher, Tischlampen, Teller, Essbesteck und Schreibmaterial dabei. Die meisten kamen in zwei Baracken des Heinz-Krey-Lagers unter. Eine Kelle Suppe oder Brot mit Aufstrich gab es in einer Essbaracke. Die Mägen knurrten oft, groß war aber auch der „Hunger nach geistiger Nahrung“. Ein Pädagoge, ein Biologe, ein Mathematiker, ein Theologe und ein Kunstwissenschaftler dozierten. Für ein Praktikum mussten die jungen Männer oft mit Fahrrad oder zu Fuß in entlegene Dörfer und sammelten erste Lehrerfahrungen in Klassen mit 55 Kindern.
Der erste Direktor der Pädagogischen Hochschule war Gerhard Bohne, der Theologe. Seine Amtszeit währte allerdings nur kurz. Der Stundenplan begann montags immer erst um 14 Uhr, da den Studenten und auswärtigen Dozenten ein längeres Wochenende gegönnt war – auch um sich „zu Hause richtig satt zu essen“. Es war im Juni 1946, als eine Delegation mit zwei britischen Pädagoginnen den neuen Mürwiker Lehrbetrieb besuchen wollte – ausgerechnet an einem Montagvormittag. Vor Ort waren da nur die Sekretärin und der Hausmeister. Zwar wurden noch schnell der in Flensburg lebende Biologie-Professor und 100 Studenten zusammengetrommelt, um einen Vortrag über „Vogelschutz“ zu starten, das Kind war aber bereits in den Brunnen gefallen. Die eine der beiden Britinnen sah eine Verletzung der Aufsichtspflicht. „Die Unterbringung der Studenten ist doch nicht mit einem Internat zu verwechseln“, versuchte sich Gerhard Bohne zu verteidigen. Es half nichts: Er wurde nach Dithmarschen versetzt. Eduard Becker, der Mathematiker, wurde sein Nachfolger.
Erster Normalstudiengang im Sommer 1946
Ende Juli 1946 wurden knapp 100 Studenten von Flensburg nach Kiel versetzt. Dort nahm eine zweite Pädagogische Hochschule ihre Arbeit auf. Gleichzeitig begann in Flensburg der erste Normalstudiengang – mit 94 jungen Frauen und Männern. Die Stadt im hohen Norden stand bei den Bewerbern hoch im Kurs. Einer schrieb: „Ich denke, dass die Luft echter akademischer Freiheit, echten Gemeinschaftsgeistes, die nach den Schilderungen der Studierenden in Flensburg herrschen soll, mir außerordentlich wohltun wird.“ Einen wichtigen Stellenwert hatte auch das „demokratische Denken“. Mitte Oktober 1946 fand in der Aula der Flensburger Mädchen-Mittelschule eine dreitägige Tagung statt – mit Themen wie „Demokratische Selbstverwaltung“ oder „Der geistesgeschichtliche Ursprung der Grundrechte“. 1946 war das erste vollständige Jahr der Nachkriegszeit, was für Deutschland mit einer neuen politischen Ordnung verbunden war.
Text: Jan Kirschner
Titelfoto: Stadtwerke Flensburg












