Auf dem Wohnzimmer-Tisch liegen Bücher und Zeitschriften, die einen Ruhestand dokumentieren, der gar keiner ist. Joachim Pohl war über Jahrzehnte Redakteur bei einer Tageszeitung, nun ist er offiziell Rentner, aber weiterhin als freier Mitarbeiter journalistisch tätig. Er arbeitet im Vorstand der Flensburger Hofkultur mit, ist aktives Mitglied im Deutschen Alpenverein und pflegt seine Musik-Passion in mehreren Variationen. Dazu gesellen sich die eine oder andere Reise.

Joachim Pohl ist ein eingefleischter Flensburger Kopf, aber kein waschechter. Er wurde 1955 in Schleswig geboren und wuchs in Husum auf. Friesisch gehört bis heute in Teilen der weit verzweigten Familie zum guten Ton. Nach dem Abitur 1974 an der Hermann-Tast-Schule kam er erstmals mit Flensburg in Berührung: Die Briesen-Kaserne in Weiche war der Schauplatz für die dreimonatige Grundausbildung der Bundeswehr. Nach dem Wehrdienst entschied sich der junge Mann für ein Lehramtsstudium in Kiel: Geografie und Englisch. 1982 hatte er das erste Staatsexamen in der Tasche, 1984 das zweite. Dazwischen lag das Referendariat in Husum – auch an der früheren Schule.

Berufseinstieg in Flensburg
So einfach war es damals nicht, eine passende Stelle zu ergattern. Die beste Möglichkeit bot Flensburg: eine Anstellung am Abendgymnasium, das schon damals im Förde-Gymnasium untergebracht war. Der Schulleiter hieß auch Pohl, war mit dem Junglehrer aber weder verwandt noch verschwägert. Der fuhr zunächst zwischen, zog jedoch nach wenigen Monaten auf die Westliche Höhe. Dennoch lag der Arbeitsplatz nun 27 Kilometer entfernt. Die deutsche Nachschule (Efterskole) in Tingleff, getragen von der deutschen Minderheit, war der neue Lehrort. Der Schwerpunkt: Deutsch. Aber auch das war nur ein kurzes Intermezzo. Joachim Pohl übernahm dann in Flensburg einen Lehr-Job in der Berufsqualifikation und arbeitete mit arbeitslosen Jugendlichen, die oftmals keinen Hauptschulabschluss hatten.

Nebenbei hatte der Pädagoge eine freie Mitarbeit bei der Tageszeitung etabliert. Schon als Referendar hatte er für die „Husumer Nachrichten“ geschrieben. Nach seinem Umzug gen Ostsee war das „Flensburger Tageblatt“ der Auftraggeber. Das Steckenpferd war die Musik. 20 Jahre zuvor war „Rubber Soul“ von den Beatles das erste gekaufte Album gewesen. Rolling Stones, Chicago und Cream waren weitere Lieblinge der Jugend. Und ein legendärer Gitarrist und Sänger. „Auf meinem Husumer Zimmer hatte ich ein kleines Radio“, erinnert sich Joachim Pohl. „Als die Nachricht kam, dass Jimi Hendrix in London gestorben ist, brach für mich eine Welt zusammen.“ Das war 1970.

Musik mit der Band und als Journalist
Natürlich drehte sich die Erde weiter. Joachim Pohl hatte nun eine eigene Gitarre – und sehr bald auch einen E-Bass. Den brauchte seine erste Band in Husum damals noch. Als Redakteur einer Schülerzeitung lernte er die nordfriesische Musik-Szene kennen. Einmal kam Udo Lindenberg, ein neuer Komet am deutschen Rocker-Himmel, für ein Konzert nach Husum. Und plötzlich bot sich Joachim Pohl die Chance für ein Interview. „Ich war so aufgeregt, dass ich gar nicht wusste, was ich fragen sollte“, schmunzelt er heute und versichert: „Ein Bericht ist entstanden.“

Mit dem Studium hatte er das Musizieren vernachlässigt, die Musik war aber der Schwerpunkt der Berichterstattung. In den späten 1980er Jahren war der freie Mitarbeiter des „Flensburger Tageblatts“ häufiger bei Konzerten in der „Galerie“ am Holm, im „Roxy“ in der Norderstraße oder im „Lagerhaus“ an der Segelmacherstraße. Und das „Volksbad“ entwickelte sich immer mehr zu einem Kulturzentrum.

Joachim Pohl hatte offenbar eine gute Schreibe. Zumindest bot der Verlag ihm im Oktober 1988 ein Volontariat an. „Dieses Angebot habe ich als gute Chance gesehen“, erzählt er. „Mir brachte der Journalismus Spaß – und die Job-Aussichten waren gut.“ Der Neueinsteiger wanderte die nächsten beiden Jahre durch die Redaktionen. Allein ein halbes Jahr arbeitete er für das Wochenend-Magazin des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages. Dort hatte er bald eine eigene Rubrik: „Pohls Pop-Piste“. Ein hübsches Wortspielchen, denn Pop war nicht nur die Thematik, sondern auch sein Spitzname und Kürzel, unter dem unzählige Berichte erschienen.

Ein Redakteur der Flensburger Lokalredaktion
Zum 1. Oktober 1990 war das Volontariat abgeschlossen – und eine Übernahme als Redakteur war sicher. Der damalige Chefredakteur fragte im Einstellungsgespräch, wo er denn am liebsten arbeiten würde. Joachim Pohl antwortete: „In der Flensburger Lokalredaktion.“ So geschah es. Die Arbeit eines Journalisten war noch eine ganz andere. Zwar tippte nur noch eine Kollegin die Texte auf einer Schreibmaschine, die diese dann mit in den Ruhestand nahm, aber die Computer-Anwendungen befanden sich vor 35 Jahren in der Steinzeit. Die Redaktion saß in der Holm-Passage, eine andere Abteilung auf der anderen Straßenseite gestaltete die Zeitung. Die Druckerei war gerade nach Rendsburg abgewandert. In den 1990er Jahre erreichte das Internet allmählich den Berufsalltag. In Fortbildungen wurden die Journalisten für neue Redaktionssysteme geschult, mit denen sie selbst die Seiten „bauten“.

Privat ist Joachim Pohl mehrmals in der Region umgezogen. Eine Zeit lang wohnte er zur Miete in der Norderstraße – fußläufig zum „Volksbad“. Er gründete eine Familie, Sohn Peter kam zur Welt. Kurz danach erfolgte der Umzug in ein Eigenheim. In Mürwik entstand Mitte der 1990er Jahre Flensburgs erste Öko-Siedlung, die einen besonderen Energiestandard hatte und auf deren Dächer das Gras wuchs. Die Eigentümergemeinschaft kümmerte sich um den gemeinsamen Innenhof und die Carports. Joachim Pohl saß jahrelang im Beirat und schätzt noch immer die Konstanz in der Nachbarschaft: Viele Pioniere leben seit gut drei Dekaden in der Siedlung.

Der Schreibtisch in der Holm-Passage
Beruflich gab es mehr Veränderungen. In der Flensburger Lokalredaktion arbeitete der Journalist bis 2018 mit vier verschiedenen Ressortleitern zusammen: zunächst mit Thomas Schunck, dann Gerhard Nowc sowie Helge Matthiesen und schließlich Carlo Jolly. Joachim Pohl berichtete über Kultur und Musik, aber auch sehr viel über Bauprojekte und Stadtentwicklung. Er war dabei, als die Osttangente 2001 dem Verkehr übergeben oder die Schiffbrücke aufwändig umgebaut wurde, sah aber auch manch hochtrabendes Vorhaben platzen – sei es ein großes Hotel am Hafen oder ein Spielcasino im Deutschen Haus. „Uns wurde immer eingebläut, nicht mit dem Rathaus zusammenzuarbeiten“, erklärt der langjährige Redakteur. „Wir sollten der Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik auf die Finger schauen, sie kontrollieren und Konflikte nicht scheuen.“

Die bis 2013 währende Innenstadtlage des Lokalressorts hatte durchaus ihre Vorteile. „In der Mittagspause traf man eigentlich immer Leute, sodass man viel erfahren konnte“, erzählt Joachim Pohl. „Man war schnell im Rathaus, bei den Stadtwerken, den Gewerkschaften oder den Museen.“ Der Umbau des ZOB vollzog sich Ende der 1990er Jahre praktisch vor dem Schreibtisch. Und manchmal rollte auf dem Bahndamm ein Zug, der zum Stadtfest sollte oder mit Panzern beladen war.

Musik-Highlights in Flensburg, Hamburg und Dänemark
Die Einweihung der Campushalle Ende 2001 brachte bis dahin ungeahnte musikalische Highlights nach Flensburg. Einmal konnte der Journalist Rick Parfitt, den Sänger von Status Quo, interviewen. Ein anderes Mal probte Peter Maffay die letzte Woche vor dem Tournee-Start in der Fördestadt. Joachim Pohl schaute spontan in der Halle vorbei, hatte ein ebenso spontanes wie lockeres Gespräch mit dem Musiker und hatte eine spannende Idee: In Flensburg gab es einen Lehrer, der einst im rumänischen Siebenbürgen mit Peter Maffay zur Schule gegangen war. Direkt vor dem ersten Konzert – auch in der Campushalle – kam es tatsächlich zum Treffen der Schulfreunde. Die beiden vertieften sich in Erinnerungen, bis sich die Musik-Legende erhob: „Jetzt muss ich ja wirklich auf die Bühne.“ Joachim Pohl erlebte diesen Tour-Auftakt im Backstage-Bereich.

Für andere Gigs fuhr er weiterhin nach Hamburg. David Bowie, Eric Clapton, Mark Knopfler oder Simply Red – Künstler aus dem obersten Regal. „Abends war ich oft mit einem Fotografen los und nach dem Konzert ging es wieder zurück nach Flensburg“, erzählt Joachim Pohl. „Am nächsten Morgen schrieb ich als erstes den Bericht, dann ging es wieder an die Lokalberichterstattung.“ Ein besonderes Kapitel waren die Roskilde-Festivals, von denen er in den 1990er Jahren mehrfach berichtete. Auf dem riesigen Gelände stand auch ein Journalisten-Zelt, in dem Computer aufgestellt waren. Die geschriebenen Texte wurden dann ausgedruckt und gefaxt. E-Mails gab es noch nicht. „Einmal habe ich auch in der Redaktion angerufen und meinen Bericht diktiert“, grinst der Flensburger.

Berufliche Umzüge in die Fördestraße und nach Schleswig
2013 zogen große Teile des Verlages, darunter auch das Lokalressort, an die Fördestraße. Joachim Pohl hatte vom eigenen Zuhause zum Großraumbüro nun einen sehr kurzen Weg. Eines Tages gruppierten sich ein paar Kollegen vor seinem Schreibtisch. Den Abend zuvor hatten sie beschlossen, eine Band zu gründen. „Pohl, du spielst doch Bass?“, fragte einer. Der Angesprochene reagierte zunächst zögerlich: „Das ist aber sehr lange her!“ Für die Kollegen war das so etwas wie eine Zusage. „Was man einmal gelernt hat, verlernt man doch nicht“, meinten sie. Joachim Pohl lieh sich vom Flensburger Musiker Niklas Heitmann einen E-Bass und probierte ihn aus. Ja, es ging wirklich. Also erwarb er bei der lokalen Musik-Legende „Cuddel“ Jensen ein Instrument und verstärkte die „Engines“. Sie trafen sich einmal die Woche im Proberaum und traten gelegentlich auf. Zuletzt ging bei einem Benefizkonzert in der Bergmühle der Hut herum für soziale Projekte in der Nordstadt. Die „Engines“ bereicherten aber auch schon das Flensburger Dampf-Rundum oder das Schleswiger Stadtfest. Auf der Setliste standen Rock- und Pop-Klassiker.

2018 wechselte Joachim Pohl eher unfreiwillig in die Schleswiger Stadtredaktion. In seiner Geburtsstadt gewöhnte er sich aber schnell ein. Drei Jahre lang fuhr er zwischen, dann begann das Rentner-Dasein, das gewiss kein Ruhestand ist. Der 70-Jährige ist weiterhin auch als Journalist tätig. Hauptsächlich in Flensburg und Schleswig – gelegentlich auch in Eckernförde oder Angeln – nimmt er Termine wahr und berichtet auf Honorar-Basis.

LPs, Hofkultur und Oluf-Samson-Gang
Der Musik-Leidenschaft kann nun ausgiebiger ausgekostet werden. Mit sieben Leuten hat Joachim Pohl eine Vinyl-Gruppe gegründet, die sich Langspielplatten oder Singles anhört und dabei in die Musikgeschichte abschweift. Gerne besucht der langjährige Redakteur die Konzerte unbekannter Bands im Ex-Sultan-Markt oder die „Folk Baltica“. Die „Flensburger Hofkultur“ hat sich für ihn zu einem echten Projekt entwickelt. Jahrelang hatte er über dieses Sommerereignis berichtet und befand sich mit Organisator Thomas Frahm im regen Austausch. Mit dem Ausscheiden als Redakteur bestand kein Interessenskonflikt mehr: Joachim Pohl bot seine aktive Mitarbeit an. Es war kein einfacher Einstieg. 2021 war das Format wegen der Corona-Pandemie begrenzt. Dann zog sich das Flensburger Kulturbüro von der Veranstaltung zurück. Der Verein „Flensburger Hofkultur“ organisiert seitdem das Programm in Eigenregie und stellte einen Geschäftsführer ein.

Joachim Pohl gehört als zweiter Vorsitzender dem Vorstand an und war mit einigen Mitstreitern Ende Januar für ein paar Tage in Freiburg. Bei der Internationalen Kulturbörse fahndeten die Nordlichter nach möglichen Künstlern für die Hofkultur. Das Motto lautete: anhören und buchen! Der Auftakt der 2026er Auflage war jedoch schon vorher fix. Am 24. Juli gastiert die Latin-Swing-Formation „Ayom“ im Hof des Schifffahrtsmuseums, wo 700 Leute Platz finden.

Vor zwei Jahren verfasste Joachim Pohl einen umfangreichen Rückblick auf die 30-jährige Geschichte der „Flensburger Hofkultur“, der sogar als Buch erschien. Der Titel: „Die Altstadt als Bühne“. Dieses Werk ist bei Weitem nicht das einzige publizistische Erzeugnis aus seiner Feder. Seit einigen Jahren arbeitet er an dem jährlich erscheinenden Magazin für das Norden-Festival in Schleswig mit. Im letzten Jahr recherchierte er gemeinsam mit Eiko Wenzel und Martin Müller zum Oluf-Samson-Gang. Der Journalist skizzierte die Entwicklung von der Rotlicht-Meile zur gutbürgerlichen Gasse. Dafür recherchierte er in alten Zeitungen und Akten und interviewte eine ehemalige Prostituierte, die viel erzählen konnte.

Die Familie und ein Herzensverein
Eine große Bedeutung hat die Familie. Seine drei Geschwister wohnen in Regensburg, Hamburg und England. Väterlicherseits gibt es häufiger ein Familientreffen mit Kusinen und Cousins. Derzeit plant er seine vierte Reise nach Namibia. Sein Sohn Peter lebt seit einigen Jahren mit seiner Tochter in der Hauptstadt Windhoek. Der Gast aus Deutschland fühlte sich bei der Tour durch die Wüsten Kalahari und Namib zur Hafenstadt Swakopmund wie in einem Road-Movie.

Der Sohn hatte einige Jahre im Nachwuchs der SG Flensburg-Handewitt gespielt, was das Interesse am Handball vergrößerte. Die eigentliche sportliche Liebe ist allerdings „grün-weiß“: Werder Bremen. Als Kind war Joachim Pohl einmal mit seinem Vater in der Hansestadt, da dieser bei seinem Arbeitgeber „Jacobs Kaffee“ einen Kleinbus abzuholen hatte. Es ging mit dem Zug in die Stadt des deutschen Meisters von 1965 und mit der Straßenbahn am Weserstadion vorbei. Seither schlug das Sportherz „grün-weiß“, was einige Besuche in Kino-Sportbars auslöste, heutzutage aber hauptsächlich mit Radio und Fernseher befriedigt wird.

Bergwanderungen und Radtouren
Seit 2021 gehört Joachim Pohl dem „Deutschen Alpenverein“, dem Fachverband fürs Klettern und Wandern, an. Die Flensburger Sektion ist die nördlichste, mit 1100 Mitgliedern aber gewiss nicht die kleinste. Der Journalist war kurzzeitig Klimaschutz-Referent und stellt das Vereinsheft „Bergblick“ zusammen. Für den Mai organisiert er eine Fahrt nach Oberhausen – eine Ausstellung im Gasometer zum Thema „Wald“. Häufiger gibt es Wanderungen in der Region – vom Mauseloch nach Solitüde, in die Fröruper Berge oder rund um den Westensee. Manchmal geht es auch wesentlich weiter. Im nordafrikanischen Atlasgebirge musste der 4100 Meter hohe Jbel Toubkal gemeistert werden. „Die Luft wird oben immer dünner“, berichtet Joachim Pohl. „Man kommt schwer atmend auf dem Gipfel an und blickt dann auf viele weitere Berge und eine große Wüste.“

Bodenständiger sind seine Radtouren. Aber nicht weniger ambitioniert. An der jährlichen „Schokofahrt“, bei der Schokolade von Amsterdam nach Flensburg per Lastenrad transportiert wird, nahm er 2024 teil. Die Schokolade ist im Flensburger Rumkontor an der Norderstraße erhältlich. Mit zwei Freunden ist er seit 1997 jeden Sommer für eine Woche auf zwei Rädern unterwegs. Ganz Dänemark, viele Ecken von Deutschland und Teile der Niederlande und Frankreich haben sie schon erkundet. Einmal ging es sogar über die Alpen nach Bozen. Das nächste Mal soll es von Freiburg aus am Neckar entlang bis nach Mannheim gehen. Zurück in Flensburg wartet dann wieder ein anderes der spannenden Projekte, die Joachim Pohl mit Herzblut begleitet.
Text: Jan Kirschner
Fotos: Kirschner, privat















