Ostern 1946
Die Kinder drehten ein Glücksrad, lachten über den Kasper, angelten Metallfischchen aus einem kleinen Teich und warfen Bälle auf Pappfiguren. Besonders spannend war der Märchenwald im Innenhof eines ehemaligen Marinegebäudes. Die Kleinen pirschten über Moospolster sowie an Tannenbäumen und Knusperhäuschen vorbei. Bei jedem Fundstück leuchteten die Augen, da sie es gegen Stofftiere, Windräder oder Bälle eintauschen konnten. Und die etwas Größeren vergaßen bei so viel Glück völlig, dass schon direkt nach den Festtagen die zweiwöchigen Schulferien enden würden.
Flensburg erlebte im April 1946 das erste Ostern in Friedenszeiten seit sieben Jahren. Es hatte mehr als Symbolcharakter, dass sich ein ausgedienter Militärtrakt in Mürwik zum Veranstaltungsplatz für einen Ostermarkt verwandelt hatte. Das jüngst gegründete Versehrtenwerk war als Veranstalter aufgetreten. In einer naheliegenden großen Halle hatten einige fleißige Hände einige Schaubuden gewerkelt, die dann Schülerinnen der Auguste-Viktoria-Schule mit Osterhasen und Glücksschweinchen schmückten. Später strömte die Kinderschar mit einem Fackelzug auf die Straßen Flensburgs. Derweil verweilten die Eltern in einer Schenke, wo Tanz, Tombola und Varieté geboten wurden.

Eine Kettenschaukel als Attraktion
Dieser Ostermarkt in Mürwik war auch als Ersatz für den Frühlingsmarkt auf der Exe zu sehen. Der Magistrat der Stadt Flensburg hatte diese Tradition abgesagt, weil das Veranstaltungsgelände von den Briten in großen Teilen als Auto-Schrottplatz zweckentfremdet worden war. Ein kleines Volksfest gab es die Ostertage dann aber doch. Die Attraktion: eine spektakuläre Kettenschaukel, die hunderten von Kindern einen Höhenflug garantierte. Dazu spielten eine Konzertorgel und einige Harfenistinnen.
Im Kalender stand Ostern am 21. und 22. April 1946. Einige Tage vorher waren die Uhren auf Sommerzeit gestellt. Ein knappes Jahr nach Kriegsende lebten die meisten Menschen in bescheidenen Verhältnissen, wenn nicht in Armut. Der Zweite Weltkrieg zeigte fast täglich seine Nachwirkungen, oftmals mit schicksalsreichem Charakter. Kurz vor Ostern kehrte der Schlachter Andreas Diederichsen unerwartet aus russischer Gefangenschaft zurück. Er galt als verschollen. Installateur Julius Carstensen starb. Auf der Beerdigung ließ man seine Brieftauben aufsteigen – mit den Worten: „Flieg in Frieden“.
Blumenpracht in Flensburg
Glaubt man den Zeitgenossen, waren es die kleinen Freuden, die Ostern 1946 zu einem unvergesslichen Erlebnis machten. Schon am Gründonnerstag standen in manchen Häusern und Wohnungen bunte Teller, die mit Primeln, Veilchen und Gänseblümchen gefüllt waren. Aus Briefkästen hingen Zweige mit Blumenknospen. Ein Dank der Einquartierten an ihre Wirtsleute für die Unterstützung in schweren Zeiten.
Am Karfreitag war ein Spaziergang in der Natur das Hoch der Gefühle. Die Friedhöfe lockten mit einem prächtigen Gelb der Osterlilien. Wo viel Licht, da allerdings auch Schatten. Als eine sogenannte Flüchtlingsfrau ihren Sohn die Blumen von einigen Gräbern pflücken ließ, entzündete sich ein Streit mit einer alteingesessenen Flensburgerin. Vielleicht waren die Gemüter auch noch etwas aufgewühlt: Wenige Tage zuvor waren auf dem Alten Friedhof einige Gedenktafeln der Schlacht von Idstedt zerschlagen worden. Nach den Tätern wurde noch gesucht. Der Magistrat hatte eine Belohnung von 1000 Mark aufgerufen.
Knappe Kartoffeln und Kaninchenplage
Am Ostersamstag hielt in der Marienstraße vor einem niedrigen Haus eine Kutsche, die Schaulustige magisch anzog. Es entstieg eine junge Braut, die schnell im Hauseingang verschwand. Ein Eldorado war am sonnigen Ostersonntag der grüne Hang an den Süderhofenden, wo viele die Wonne genossen, nachdem sie die beengten Verhältnisse des Alltags verlassen hatten. Etliche Kinder jubelten über kleine Aufmerksamkeiten – auch wenn es nur ein paar Rosinen waren. Lebensmittel waren noch immer rationiert, das Sortiment übersichtlich. Gerade erst waren Berechtigungsscheine für den Kauf von Mehl und Backschrot zurückgezogen worden. Vier Flensburger wurden bei einer Zugkontrolle erwischt, da sie – entgegen den Bestimmungen – auf dem Dorf einige Lebensmittel wie Eier und Käse gekauft hatten. Auch Kartoffeln befanden sich darunter, obwohl es an diesen Erdfrüchten mangelte. Ende April 1946 trafen in zehn Waggons etliche Saatkartoffeln ein. In den Kleingärten rüstete man sich für die Pflanzsaison. In der Zeitung erschienen „Hausrezepte“ gegen die Kaninchenplage. Manch einer fürchtete um sein Gemüse, da auch Draht zum Einzäunen ein rares Gut war.
Kirchen, Kultur und Kinos
Die Glocken der Flensburger Kirchen läuteten zum Osterfest kräftig. Besonders gut waren die dänischen Gottesdienste in der Heiliggeistkirche und in der Sankt-Jürgen-Kirche besucht. In der Marienkirche erwies sich die Johannispassion als Publikumsmagnet. Das Städtische Orchester trumpfte im Deutschen Haus mit einem energiegeladenen Cembalo-Konzert auf. Wenige Stunden später führten die Städtischen Bühnen den „Zarewitsch“ auf. Als zu klein erwies sich die Neue Harmonie für den beliebten „Urfaust“. Das Tivoli-Theater lud zu einem „Riesen-Oster-Programm“ ein, während im „Bellevue“ ein Schauorchester zwei Tanzabende begleitete.

In den Kinos liefen noch keine Nachkriegsproduktionen. Das Capitol („Dir Zuliebe“), das Holm-Kino („Mädchen in Weiß“), das Mürwik-Kino („Frasquita“) und das Roxy („Ich werde dich auf Händen tragen“) zeigten harmlose Liebes- und Musikkomödien. Anspruchsvoller war es im Colosseum, wo das britische Melodram „Gaslicht und Schatten“ auf der Leinwand flimmerte.
Fußball-Bezirksklasse und Marienhölzung als Magneten
Besondere Spannung herrschte am Ostersonntag auf dem Sportplatz am Sender. 3000 Zuschauer verfolgten das Stadtderby der erst im Januar eingerichteten Bezirksklasse Nord der Fußballer. Flensburg 08 entthronte mit einem 4:3-Erfolg den bisherigen Spitzenreiter und Lokalmatador ATSV. Die Presse berichtete: „Unheimlich harte Schüsse prasselten abwechselnd auf beide Tore in einem schnell hin und her wogenden Kampf.“ Der ATSV rehabilitierte sich am Ostermontag mit 4:1 – in einem Vergleich gegen Post Hamburg.
Ein besonderes Flensburger „Osterei“ war die Wiedereröffnung der Gaststätte in der Marienhölzung. Nach einer Sanierung lud der Pächter Peter Brodersen an beiden Feiertagen zu einem Gartenkonzert. Der Ansturm soll riesig gewesen sein – auf die 1000 Sitzplätze unter hohen Buchen und Eichen. Wenige Tage später beschäftigte sich der Magistrat mit der rauschenden Premiere. Die Stadtoberen wollten keine öffentlichen Tanzveranstaltungen dulden, da es sich um eine „Erholungsstätte“ handeln würde. Und ein Eintritt von eineinhalb Reichsmark für ein Konzert wäre ja überteuert, mehr als 30 bis 50 Pfennig sollten es nicht sein.
Text: Jan Kirschner













