Paul Danielsen, 1729 – 1788

Paul Danielsen ist der Gründer der Kaufmannsfamilie dieses Namens, die sich in den folgenden Generationen Achtung und Ansehen in Flensburg erwarb. Das von ihm errichtete Geschäft, das weit über die Grenzen der Stadt bekannt wurde, blieb 150 Jahre in Händen der Familie und besteht heute noch als Firma Meesenburg als das größte Detailgeschäft der Eisenwarenbranche im ehemaligen Herzogtum Schleswig.

Kein leichter Start ins Leben

Er war als jüngstes Kind seiner Eltern am 28. Februar 1729 geboren. An seinen 1731 gestorbenen Vater konnte er sich nicht erinnern, und Mutter sowie Stiefvater starben 1742, als er gerade erst 12 Jahre alt war. Der für ihn bestellte Vormund hat sich gut um seinen Werdegang gekümmert; Paul war der einzige der Brüder, der nach einigen Jahren in der Schreibschule am Marienkirchhof in die lateinische Schule am Klostergang geschickt wurde, und dort Dank der Fürsorge seines Vormunds die Gelegenheit hatte, seine guten geistigen Anlagen zu entwickeln und eine angemessene Bildung zu erlangen. Dass er sich später zu einem selbstbewussten und zielstrebigen jungen Mann entwickelte, hat sicher damit zu tun, dass er früh auf sich selbst gestellt war und sich bei fremden Menschen durchsetzen musste.  

Im Haus des Vormunds fand er ein zweites Elternhaus, alles deutet daraufhin, dass er sich hier wohlfühlte und die Zieheltern ihn wie einen eigenen Sohn betrachteten.

Die Lehrjahre – ein strenges Regiment

Als Paul mit der Lateinschule fertig war, galt es einen Lehrplatz für ihn zu finden. Im Hause des angesehenen Kaufmanns und Vorstehers des Hospitals zum Heiligen Geist, Herrn Joachim Hemping zu St. Marien, fand Rasch die für seinen Pflegesohn geeignete Lehrstelle, und es wurde verabredet, dass er im September 1746 dorthin übersiedelte. Die Lehrzeit wurde, wie damals üblich, auf fünf Jahre festgelegt. Der Lehrling wohnte im Haushalt des Lehrherrn, und so galt es für den jungen Paul, das Haus der Pflegeeltern zu verlassen und sich erneut in seinem jungen Leben an einen neuen häuslichen Kreis zu gewöhnen.

Lehrherr Hemping war eine respekteinflößende und angesehene Persönlichkeit in Flensburg. Er bewohnte ein ansehnliches Haus, in dem sämtliche Familienmitglieder Platz fanden, neben vier Töchtern hatten die Hempings einen Sohn Joachim, mit dem sich Paul gut verstand und eine herzliche Freundschaft schloss.

Das Geschäft betrieb den Verkauf von Eisenwaren, die Hemping aus England und Schweden bezog, und im gesamten Herzogtum Schleswig zum Verkauf anbot. Vermutlich werden viele junge Männer gemeinsam mit Paul im Geschäft gearbeitet haben, und seine Kammer hat er sich vermutlich mit einem weiteren Lehrling geteilt. Die tägliche Arbeit begann in Flensburg für die Lehrlinge im Sommer morgens um 5 Uhr, im Winter eine Stunde später, und da die Lehrlinge zur Hausgemeinschaft gehörten, wurden auch Dinge von ihnen verlangt, die mit dem Geschäft nichts zu tun hatten: Haus, Familie und Geschäft gehörten damals untrennbar zusammen, und so musste Paul auch in der zum Haus gehörenden Landwirtschaft, im Garten und im Haushalt mitarbeiten. Der jüngste Lehrling musste die Öfen anheizen, Kartoffeln schälen, Wasser in die Küche tragen, die Abfälle aus der Küche entfernen, und in vielen Dingen der Hausfrau und den Küchenmädchen zur Hand gehen.

Die Lehrlinge bekamen kein Geld und wurden in der Regel vom Lehrherrn streng gehalten, ihre Wäsche mussten sie selbst waschen, und abends auszugehen, wäre undenkbar gewesen. Sie hatten keine Rechte, sondern nur Pflichten, und wurden üblicherweise während der fünfjährigen Lehrzeit weidlich ausgenutzt.

Paul fasst Fuß in der Familie seines Lehrherren

Zwischen Paul Danielsen und seinem Lehrherrn entstand recht bald gegenseitiges Vertrauen, und als Pauls Lehrzeit 1751 beendet war, blieb er in Hempings Diensten, um während der folgenden Jahre für ihn die Geschäftsreisen nach Schweden und England zu machen. Er behielt sein Heim bei den Hempings, und offensichtlich hat Madame Hemping den mutterlosen jungen Mann besonders in ihre Obhut genommen.

So geschah es dann auch, dass Paul und die zweitjüngste Tochter des Hauses, Lucia Magdalena, Freundschaft schlossen und bald erkannten, dass sie sich ineinander verliebt hatten. Es spricht durchaus für den jungen Paul, dass der vornehme Bürger und kluge Kaufmann Hemping dem jungen Gehilfen seine Tochter zur Ehe versprach. Das junge Paar wurde am 7. April 1757 in der St. Marienkirche von Pastor Holst getraut. Bei seiner Hochzeit war Paul Danielsen bereits 28 Jahre alt, seine junge Frau, Lucie genannt, war im 25. Lebensjahr. Sein ererbtes Vermögen war auf reichlich 3000 Mark Lübsch angewachsen, und da seine Frau auch eine nicht geringe Summe als Mitgift in die Ehe einbrachte, hatte er nun die Mittel, eine eigene Existenz zu gründen und Haus und Hof zu erwerben. Als der Flensburger Kaufmann Johann Paul Gottlieb von Lutten sein der Marienkirche schräg gegenüberliegendes Gewese zum Verkauf anbot, griff Paul Danielsen zu, und kaufte das Objekt Ende des Sommers 1757 für 7500 Mark Lübsch.

Erwerb des eigenen Hauses

Das Gewese sollte 120 Jahre in Händen der Familie Danielsen bleiben und für vier Generationen zur Heimstätte werden. Es lag an der Westseite der großen Hauptstraße, die vom Nordertor bis zum Südermarkt führte, „unweit der Kirche, zwischen Hans Hansen Fuhrmanns Wohnhaus auf der Süder- und Peter Andersens Wohnhaus auf der Norderseite“, und erhielt später die Nummer 107. Als um das Jahr 1900 die Toosbüystraße angelegt wurde, musste das Haus abgebrochen werden und dem Neubau des dort liegenden Hauses Norderstraße 19 weichen (es läge heute direkt auf der Kreuzung Norderstraße/Toosbüystraße, Anm. der Redaktion).

Das Haus war um das Jahr 1570 erbaut worden, war ursprünglich wohl mit dem für Flensburger Häuser typischen Treppengiebel versehen. Es war das übliche Flensburger Fachwerkhaus, wie es mit kleinen Abweichungen in der Fassade überall an der Hauptstraße zu finden war. Nur das Erdgeschoss war bewohnt, die oberen drei Stockwerke wurden als Böden und Lagerräume genutzt. Durch die mittig gelegene Haustür gelangte man in den großen Raum, in dem Paul Danielsens Handlung betrieben wurde. Der Raum diente als Laden, als Empfangsraum und als Kontor. Hier stand auch sein persönliches Schreibpult, das etwa 1,20 m hoch war und an dem er seine schriftlichen Arbeiten erledigte. Neben dem Laden lag das Wohnzimmer. Hinter dem sehr einfach ausgestatteten Wohnzimmer lag das sogenannte „Kabinett“, das damals in keinem Flensburger Haus fehlte. In diesem Raum spielten sich die Dinge des täglichen Lebens ab, hier wurde der Nachmittagstee eingenommen, Gäste empfangen, die Herren pflegten ihre Pfeifen zu rauchen, während die Damen im Wohnzimmer in lebhaftem Geplauder saßen. Auch Verhandlungen mit Geschäftspartnern fanden im Kabinett statt, manche wichtige Entscheidung über das Leben in der Familie, das Geschäft und das Haus wurde hier getroffen.

Vom Laden und vom Kabinett führten Türen auf die große Diele, den sogenannten Pesel, der die vorderen Räume mit den dahinterliegenden Zimmern verband. Der Pesel diente auch als Speiseraum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden. An den Pesel, der sprichwörtlich den Mittelpunkt des Hauses bildete, schloss sich der 5 Stufen höher gelegene Saal mit seinen vier großen Südfenstern und einem breiten Westfenster an. Es gab damals nicht ein Bürgerhaus in Flensburg, in dem der Saal fehlte. Er war der einzige Luxus, den sich die wohlhabenden Kaufmannsfamilien damals leisteten, bei ihrem ansonsten genügsamen und äußerst bescheidenen Lebensstil. Der Saal galt als der Repräsentationsraum der Familie und war Ausdruck sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung als auch ihrer guten wirtschaftlichen Lage. So einfach und spartanisch die Wohnräume auch waren, so prunkvoll und luxuriös stattete man oftmals den Saal aus. Das war auch im Hause Danielsen so, der Saal wurde nur bei feierlichen Gelegenheiten geöffnet, hier wurden die Kalenderfeste des Jahres und die frohen Begebenheiten in der Familie gefeiert, aber auch die Verstorbenen des Hauses wurden hier auf ihr letztes Lager gelegt und traten von hier aus ihren Weg zum nahen Friedhof an.  

Grundstück und Lebensmittelpunkt

Hinter dem Haus war der schmale und lange Hofplatz, mit einem Wirtschaftsgebäude, das diverse Lagerräume für Vorräte, eine Waschküche, Stallungen, Knechtekammern, sogar eine kleine Brauerei, beherbergte. Da die Lagerräume nicht ausreichten, ließ Paul Danielsen im Jahr 1760 einen hohen dreistöckigen Speicher bauen, der quer am oberen Ende des Hofplatzes errichtet wurde. Dieser Speicher trennte den gepflasterten Hof vom Garten, der sich hinter dem Gewese den Abhang hinauf erstreckte (150 Jahre später wurden die südlichen Häuser der Toosbüystraße auf dem Gelände des Danielsen-Gartens gebaut.)

Der Garten war einerseits Erholungsort für das junge Paar, gleichzeitig wuchsen hier aber auch Obstbäume und Ziersträucher sowie Blumen und das für die Küche erforderliche Gemüse. Dieses war das Reich, in dem die Danielsens dreißig Jahre glücklich miteinander leben sollten. Die Eheleute sprachen privat untereinander plattdeutsch, man schrieb jedoch auf Hochdeutsch und unterhielt sich auch so, privat wie auch geschäftlich. Mit den Dienstboten und Knechten dagegen wurde Dänisch gesprochen, das war seinerzeit noch die Sprache der einfachen Bevölkerung, die am Althergebrachten festhielt und die die Mode der wohlhabenden Bürgerschaft nicht mitmachte.

Schwierige Zeiten für Geschäftsleute

Die Gründung von Danielsens Geschäft fiel in eine Zeit, da der Flensburger Handel unter den vielen Restriktionen litt. Viele der alteingesessenen Kaufmannsfamilien gerieten in Konkurs, oder verließen ihre Heimatstadt, um woanders ihr Glück zu finden. So kam es, dass in dieser Zeit neue Familien die entstandene Lücke schlossen, die aus dem Handwerkerstand emporgestiegen waren oder aus der bäuerlichen Bevölkerung der Umgebung stammten. In diesen Zeiten traten die später in Flensburg so bekannten Namen wie Dethleffsen, Stuhr, Christiansen, Jordt, Rickertsen, und nicht zuletzt Danielsen zum ersten Mal in Erscheinung. 

Die Commerz-Verordnung von 1742 wurde später gemildert und die Flensburger erhielten wieder allerlei Zugeständnisse, doch Paul Danielsen baute sein Geschäft anfangs vorwiegend auf den Verkauf landeseigener Produkte auf, wie damals viele der Flensburger Kaufleute. Er führte jedoch auch Waren aus England ein, die er im gesamten Herzogtum Schleswig verkaufte. Hauptsächlich Steingut, das er aus Liverpool und Hull erhielt, nach Husum verschiffen ließ, und dort mit eigenen Fuhrwerken abholte. Sein Hauptgeschäft lag aber im Export einheimischer Waren zu den dänischen Inseln, den russischen Ostseeprovinzen und nach Norwegen. Er verkaufte ganze Schiffsladungen von Ziegelsteinen und Dachpfannen, die in den vielen Ziegeleien entlang der Flensburger Förde gebrannt wurden. Er exportierte aber auch Pferdebohnen, Hafer aus Nordfriesland, stellte selbst Kerzen her und verkaufte diese dann weiter. Er kaufte im nahen Tondern Marschochsen auf, die er in Flensburg schlachtete und einsalzte, um das Fleisch in speziellen Holzbottichen nach den Kolonien in Westindien zu verkaufen. Nach Kopenhagen lieferte er fassweise Flensburger Branntwein, nach St. Petersburg Honig und nach Christiania Wolle und Wollfries.

Bereits 1759 erwarb Danielsen zusammen mit dem Kaufmann Christian Rönnenkamp ein eigenes Schiff, eine Galeasse namens „Botilla“. Als Reeder dieses Schiffes muss er gute Geschäfte gemacht haben, denn er wird noch viele Jahre später als dessen Besitzer erwähnt.

Das Familienleben

Wie bei den Eltern und Großeltern gehörte auch bei Paul und Lucie Danielsen die Kirche zum Rhythmus ihres täglichen Lebens. Es gab keinen Sonntag ohne Kirchgang, und in regelmäßigen Abständen gingen sie zur Beichte und empfingen das heilige Abendmahl. Im Jahre 1758 hatte Paul in der Marienkirche einen Stuhlstand für 100 Mark Lübsch erworben, der fortan zum Hause gehörte und in dem die vier folgenden Generationen des Geschlechts das Wort Gottes hören sollten. 1761 wurde Paul Danielsen zum Kirchengeschworenen gewählt, und hatte als ehrgeiziger Bürger auch nichts dagegen, einmal einen Sitz in der Bürgervertretung zu bekommen, daneben war es für ihn als Geschäftsmann durchaus zuträglich, einen solchen Posten zu bekleiden. Er machte in der Folgezeit oft gute Geschäfte mit der Kirche.

Paul und Lucie Danielsen bekamen insgesamt 6 Kinder, die alle im Haus gegenüber der Marienkirche geboren wurden, von denen aber nur drei das Kindesalter überschritten. Der einzige Sohn Joachim, der Nachfolger des Vaters im Haus und im Geschäft werden sollte, wurde auf die lateinische Schule im Klostergang geschickt, während die Töchter eine der damals zahlreichen Privatschulen in Flensburg besuchten.

Die Familie wird größer und größer

Als 1768 sein Bruder Martin und dessen Ehefrau kurz nacheinander verstarben, übernahm Paul die Vormundschaft für zwei ihrer Kinder, den 14jährigen Hans und die sechsjährige Ingeborg, die er und seine Frau in ihr Haus aufnahmen. Obwohl das Haus der Danielsens groß war, reichte der vorhandene Platz nicht mehr für die jetzt auf sechs Köpfe angewachsene Kinderschar aus, und so ließ der Hausherr den ersten Stock ausbauen und dort Stuben für die heranwachsenden Kinder und die inzwischen größer gewordene Zahl der Dienstboten herrichten. Auch das zweite Stockwerk wurde später ausgebaut, hier sollten künftig die in der Handlung beschäftigten Lehrlinge wohnen. 

Die sechs Kinder wuchsen gesund um Paul und Lucie auf, bis im Jahr 1777 das Glück der Eltern getrübt wurde, denn die 12jährige Lucie erkrankte an den Masern und verstarb leider.

Nachdem der Sohn Joachim die lateinische Schule erfolgreich absolviert hatte, schickte sein Vater ihn nach Norwegen, wo er in Drontheim eine kaufmännische Lehre durchlaufen sollte. Zwischen Drontheim und Flensburg bestand seit alten Zeiten eine rege Handelsverbindung, und Zweige vieler Flensburger Familien hatten sich in dieser lebhaften Stadt niedergelassen. Für Joachim Danielsen sollte dieser Aufenthalt im Ausland später große berufliche Vorteile bringen, da er so die großzügigen dortigen Verhältnisse kennenlernte und ihm der Überseehandel vertraut gemacht wurde. Nach 5 Jahren Norwegen und einem weiteren Jahr in Kopenhagen kehrte er 1784 nach Flensburg zurück, er hatte sich mittlerweile zu einem geschickten Kaufmann und einem in den Umgangsformen gewandten und kultivierten Menschen entwickelt. In Drontheim hat er Englisch gelernt, in Kopenhagen seine Dänisch-Kenntnisse erweitern und verfeinern können, ihm fiel es aber nicht schwer, sich zu Hause mit den Mitgliedern seiner Familie wieder auf Plattdeutsch zu unterhalten, seiner Muttersprache.

Paul überträgt dem Sohn Joachim Aufgaben im Geschäft

Paul Danielsen überließ nun seinem Sohn die Geschäftsreisen. Der junge Joachim reiste in die Marsch, nach Eiderstedt und Angeln, er besuchte die jährlichen großen Märkte in Friedrichstadt und Tönning, und nahm in Husum die für die heimische Handlung dort aus England ankommenden Waren an. Doch der Vater sandte ihn auch nach Liverpool, nach Kopenhagen, Königsberg und Riga, wo er alte Handelsbeziehungen belebte und neue zu knüpfen versuchte. In der Zeit um 1780 erlebte die Handlung der Danielsens einen deutlichen Aufschwung, der mit der Rückkehr des Sohnes noch gesteigert werden konnte. Dazu kam noch, dass insgesamt die Flensburger Wirtschaft in dieser Zeit aufblühte.

Mit der Erweiterung der Handlung nahm auch Paul Danielsens Import aus den russischen Ostseeprovinzen zu, aus denen er in großen Mengen Hanf, Flachs, Eisen und Tee einführte. Als die Herrnhuter Brüdergemeinde 1776 bei Hadersleben ihre Kirche sowie Brüder- und Schwesternhäuser erbaute, stiegen die Preise für Ziegelsteine aufs Doppelte, von 4 Mark 4 Schilling auf 8 Mark 8 Schilling. Sämtliche an der Flensburger Förde gelegenen Ziegeleien produzierten in dem Sommer ausschließlich sogenannte Mittelsteine für die Herrnhuter, und auch Paul Danielsen gelang es, hier ins Geschäft zu kommen, und gut an der Lieferung der Ziegelsteine nach Hadersleben zu verdienen.

Das Flensburger Stadtfeld

Bereits im Jahre 1766 war das sogenannte Flensburger Stadtfeld aufgeteilt worden. Bis dahin konnte jeder Flensburger Bürger sein Vieh einfach irgendwo auf dem zur Stadt gehörenden Landgebiet grasen lassen. Nach der Neuaufteilung des Stadtfelds erhielt jedes Haus zwei Koppeln, die sogenannten Lücken, eine nahe der Stadt gelegene Binnen- und eine weiter draußen liegende Außenlücke. Diese Lücken hatte jeder Hausbesitzer ein­koppeln zu lassen, sie gehörten fortan zum Gewese und waren von diesem nicht zu trennen.

Paul Danielsen hatte bei der Aufteilung des Stadtfeldes schlecht abgeschnitten, denn seine Binnenlücke Nr. 201, die er zum Grasen seines Viehs nutzen musste, lag schon sehr weit draußen, etwa eine halbe Stunde Weg vom Marientor entfernt, ungefähr dort, wo heute die Straße Falkenberg liegt, während seine Außenlücke Nr. 146 noch eine halbe Stunde Fußweg weiter nach Westen zwischen Schäferhaus und der Marienhölzung lag. Hier draußen wurde Getreide angebaut. Das Vieh wurde ausschließlich zum eigenen Gebrauch gehalten, da jeder Hausstand im 18. Jahrhundert noch ganz auf Selbstversorgung eingestellt war. Paul Danielsen hielt drei Kühe, deren Milch auch zur Butter- und Käsezubereitung genutzt wurde. Den Sommer über blieben die Kühe auf der Binnenlücke und wurden draußen gemolken.

Das Stadtfeld war in St. Marien nur auf vier Wegen erreichbar, durch das Nordertor und den Schlossgang im Norden oder durch den von der Marienkirche auf die westliche Höhe führenden Kuhgang und den an der Heiliggeistkirche vorbei führenden Heiligengeistgang im Süden des Kirchspiels. Der Kuhgang wurde auf halber Strecke vom Marientor begrenzt, nach dem der Gang später den Namen Marienstraße erhielt. Hier im Kuhgang drängte sich morgens und abends das durchgetriebene Vieh und verdunkelte die Stuben der eng aneinander liegenden niedrigen Häuschen.

Neben den Kühen hielten die Danielsens auch Schweine, die überwiegend zum Eigengebrauch dienten, für die Handlung wurden zudem drei Pferde gehalten, und neben einem Rollwagen stand unter dem sogenannten Halbdach auf dem Hof der gute Kutschwagen, der von der Familie für Sonntagsfahrten in die Marienhölzung, nach Kielseng oder anderen beliebten Ausflugsorten genutzt wurde. Dann gab es noch einen leichten zweirädrigen Reisewagen, den Paul für seine Geschäftsreisen in Anspruch nahm. Sein Sohn Joachim pflegte seine kürzeren Geschäftsreisen meistens per Reitpferd zu erledigen.

Auf dem Hofplatz tummelten sich außerdem, neben den obligatorischen Hühnern, die in Madame Danielsens Obhut waren, zahlreiche Hunde und Katzen, die damals in keinem Flensburger Kaufmannshaus fehlten. So herrschte im Hof tagsüber stets reges Leben, erst abends kehrte Ruhe ein. An der Südmauer des hinteren Wohnhauses rankte wilder Wein empor, der die hohen Saalfenster umschattete und in warmen Sommern kleine saure Trauben spendete. Pauls Stolz war jedoch ein Feigenbaum, der an der Südmauer des Pferdestalls wuchs und an dem gelegentlich sogar in heißen Sommern kleine Feigen wuchsen, die jedoch nie reif werden konnten.

Die erwachsenen Kinder gehen ihrer Wege

Die älteste Tochter Maria war zur „Demoiselle“ herangewachsen, und musste die Mutter in dem großen Hausstand unterstützen. Vetter Hans verließ das Haus und ist, der alten Familientradition folgend, Seemann geworden, dessen Schwester Ingeborg verzog nach Schleswig, wo sie bei Paul Danielsens Schwager im Haushalt tätig war.

Madame Lucie Danielsen wurde nur 55 Jahre alt. Sie galt lange Zeit ihres Lebens als kränklich und schwächlich. Al sie am 16. Januar 1787 starb, wurde ein glückliches Familienleben zerstört, denn sie war viele Jahre lang der Mittelpunkt der Familie, und hinterließ eine Lücke, die nicht wieder zu schließen war.

Die 27jährige Maria übernahm nun die Führung des Hauswesens, und die Erziehung der jüngeren Geschwister, und mit Unterstützung von ihrem Bruder Joachim und der 20jährigen Schwester Anna kümmerte sie sich auch um den verwitweten Vater. Um diese Zeit gab es in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft eine bauliche Veränderung: Das große und steile Ziegeldach der Marienkirche wurde abgerissen und durch ein barockes, ein sogenanntes französisches Dach, ersetzt.  

Das Zeitalter der Aufklärung begann sich auch in Flensburg bemerkbar zu machen. 1788 erhielten die hiesigen Bürger ihre erste eigene Zeitung, und im Hause Danielsen wurde die erste Nummer des vom Buchdrucker Jäger herausgebrachten „Flensburgische Wochenblat für Jedermann“ mit Freude begrüßt. Das Blatt wurde in kleinem Oktavformat herausgegeben, enthielt meist Mitteilungen des Magistrats und Anzeigen aus der Bürgerschaft, und bestand in der Regel nur aus vier Seiten. Es wurde schon bald ein unentbehrlicher Faktor im Leben der Stadt und hat das Leben von zwei Generationen Flensburger Bürger treu begleitet.

Flensburgs Wirtschaft blüht auf

Das Erscheinen der Zeitung fiel in die Blütezeit der Flensburger Wirtschaft: Auch bedingt durch das wiedergewonnene Absatzgebiet Norwegen standen den Kaufleuten vielfältige Absatz-Möglichkeiten offen. Die Branntweinbrennereien schossen förmlich aus dem Boden, um das Jahr 1788 hatte Flensburg bei einer Einwohnerzahl von rund 10.000 Menschen nicht weniger als 145 selbständige Branntweinbrennereien, die sich in folgenden Jahren noch vermehren sollten. Auch die Stadt selbst dehnte sich aus; es war den Bürgern bisher verboten, sich außerhalb der Tore und Stadtmauern anzusiedeln, da aber nun die Bevölkerungszahl ständig wuchs und es keine Möglichkeit in dem schmalen Stadtgebiet zwischen Hafen und Stadtmauer zur Errichtung neuer Häuser gab, sahen Bürgermeister und Rat sich gezwungen, im Jahr 1777 die Errichtung von Wohnhäusern außerhalb des Nordertores zu erlauben und den Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich außerhalb der Tore und Stadtmauern anzusiedeln.

Ein tragischer Tod

Die Handlung der Danielsens, in der beide – Vater und Sohn – mit vereinten Kräften arbeiteten, wuchs und steigerte ständig ihren Umsatz. Aus diesem vollen Arbeitsleben wurde der Vater jedoch plötzlich herausgerissen: Er wurde beim Beaufsichtigen des Abladens eines Wagens auf dem abschüssigen Hofplatz von diesem überrollt, als der Wagen unvermutet ins Rollen kam, ihn überfuhr und dabei einquetschte. Den dabei erlittenen großen Schmerzen erlag er am nächsten Tag, dem 25. August 1788, im Alter von nur 59 Jahren.

Wenn man auf sein Lebenswerk in diesen nur 59 Lebensjahren zurückblickt, hat er es vom Waisenjungen zu einem erfolgreichen Großkaufmann und allseits anerkannten Bürger Flensburgs geschafft, neben den günstigen Zeitverhältnissen lag dies zweifellos auch an seinem strebsamen Wesen und seiner beruflichen Tüchtigkeit. Er steht zu Recht als eine der markantesten Persönlichkeiten seiner Familie im Ansehen. Die nachfolgenden Generationen hatten in ihrer Zeit nur das zu bewahren, was Paul Danielsen in seinem Lebenswerk erreicht hat, und wenn sie nach mehr als 100 Jahren in Flensburg gleich angesehen waren, hatten sie diese Stellung doch letzten Endes dem Urgroßvater und Begründer ihres Hauses Paul Danielsen zu verdanken.

Text: Flj überarbeitet  
Foto: Foto Raake  

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