Sie steht in Flensburg als lebendes Beispiel für die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit unserer schönen Heimatstadt, für die 30er Jahre mit dem Beginn des Nazi-Regimes, des Zweiten Weltkriegs, die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre, den Wiederaufbau in den 50er Jahren – bis heute ins noch junge Jahr 2026: Gisela Mikolajewicz, Jahrgang 1933.

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“

Ein Flensburger Kind

Gisela Mikolajewicz ist gebürtige Flensburgerin, im deutschen Schicksalsjahr 1933 geboren, als zweites von drei Kindern der Familie Scheuch. Ihr Vater stammte ursprünglich aus Hessen, ihn lockten die Seefahrt und die Aussicht auf das Kennenlernen der weiten Welt zur Marine. So verschlug es ihn in den hohen Norden nach Flensburg. Er machte die übliche Karriere beim Militär, wurde schließlich sogar zum Marineoffizier befördert. Wie viele andere seiner Kameraden verliebte er sich in eine einheimische junge Frau, bald darauf heirateten sie. Seine Kinder sollten im damaligen Marinelazarett Mürwik (später die Klinik Ost) in der Kelmstraße das Licht der Welt erblicken – doch bei der kleinen Gisela klappte das nicht. Während erst die große Schwester und später auch der kleine Bruder dort zur Welt kamen, wurde das mittlere Kind eine Hausgeburt. Wie es dazu kam? 

„Nun, ich hatte es wohl besonders eilig! Als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten, schaffte sie es nicht mehr ins Lazarett, und so ergab es sich, dass ich praktisch zu Hause, im Bett meiner Großmutter, geboren wurde“, schmunzelt unsere Protagonistin. Die Familie Scheuch wohnte seinerzeit auf dem Friesischen Berg in der Katharinenstraße im Haus Nr. 23, die Großeltern fast nebenan in der Hausnummer 17.

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“

Die Familie Scheuch führte ein für damalige Zeiten normales Familienleben, der Vater arbeitete als Spezialist für Torpedowartung und war bei der Marine in Mürwik tätig, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Einige Jahre später zogen die Scheuchs in eine größere Wohnung nach Jürgensby um. Sie waren ab 1938 in der Mommsenstraße zu Hause. Ein Jahr später, 1939, war es dann soweit, Gisela sollte nun in die Volksschule eingeschult werden. Sie wurde Erstklässlerin in der damaligen „Theodor-Storm-Schule“ – im einstigen Schulgebäude ist heute der „Offene Kanal“ zuhause, in der St. Jürgen-Straße 95. Bald stand jedoch ein erneuter Umzug für die Familie an, sie fanden auch auf dem Ostufer eine besser passende Bleibe für ihre inzwischen fünfköpfige Familie.

In der Weihnachtszeit 1939 zog man dann ein weiteres Mal um, jetzt in die damalige Kaiser-Wilhelm-Straße 134, die heutige Mürwiker Straße 134 (wurde nach dem 2. Weltkrieg umbenannt auf Weisung des Kontrollrates). Nun wohnten sie noch näher an den zahlreichen Marine-Liegenschaften – schräg gegenüber der Ziegeleistraße und unweit des einstigen Marine-Stützpunktes (heute die Marina „Sonwik“). Für die kleine Gisela bedeutete das einen Schulwechsel zur „Mürwik-Schule“, der heutigen Ostsee-Schule.

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Geschwister Scheuch, 1941

Der Zweite Weltkrieg

„Vom Krieg bekamen wir kaum etwas mit, wir als Kinder sowieso nicht“, weiß Gisela zu erzählen. Doch der Lauf der Ereignisse hatte auch Auswirkungen auf ihre Familie. Im Jahr 1941 wurde Giselas Vater an einen weit entfernten Ostsee-Standort nach Kolberg an die dort beheimatete Torpedoschule versetzt. Dort war er im Rang eines Ober-Ingenieurs als Leiter der Torpedowerkstatt eingesetzt. Nun zog die ganze Familie Scheuch mit Sack und Pack nach Kolberg um. „Uns gefiel es dort durchgehend sehr gut, wir wohnten nicht sehr weit weg vom herrlichen Ostseestrand, hatten sogar den ganzen Sommer über einen Strandkorb gemietet und führten dort ein beschauliches und wohlbehütetes Leben – jedenfalls bis etwa 1944. Nach und nach flogen immer häufiger feindliche Bomber-Geschwader in großer Höhe über uns hinweg, vermutlich auf dem Weg nach Berlin. Wir wurden allerdings nicht behelligt von diesen Kriegsmaschinen. Unsere Eltern wurden zunehmend unruhiger, denn die Russen waren auf dem Vormarsch Richtung Deutschland. So sah sich unser Vater schließlich zum Handeln gezwungen.“ Giselas Vater organisierte dienstlich über die Reichsbahn im Februar 1945 für seine Familie und noch weitere betroffene Angehörige einen zusätzlichen Viehwaggon für den Rücktransport der Zivilisten nach Schleswig-Holstein. Das klappte anstandslos und so flohen die Scheuchs vergleichsweise komfortabel per Zug nach Flensburg. Der militärische und von Soldaten bewachte und begleitete Zugtransport sollte Lufttorpedos nach Kopenhagen bringen, sollte auf der Reise allerdings Halt machen in Flensburg-Weiche, um die mitreisenden Zivilisten abzusetzen. Immerhin 11 Tage dauerte diese abenteuerliche Zugfahrt, unterwegs mit einem längeren Aufenthalt in Stettin, wo die Begleitsoldaten sogar Essen und Getränke für die mitreisenden Zivilisten „organisierten“. Schließlich erreichte die Familie Scheuch mit den anderen Mitreisenden wohlbehalten und erleichtert ihren Zielbahnhof in Flensburg-Weiche.

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Im Strandkorb, Kolberg 1944

Wieder zurück in Flensburg

Zu Fuß machten sich Mutter und die Kinder vom Bahnhof Weiche auf zur Wohnung der Oma in der Katharinenstraße, wo sie vorerst unterkamen. Ihre letzte Wohnung in Flensburg-Mürwik war natürlich nicht mehr frei, dort wohnten mittlerweile andere Bürger zur Miete. Doch die Scheuchs sollten erneut Glück haben: „Unsere „alte“ Wohnung wurde ziemlich bald wieder frei, und wir durften einen Teil der Wohnung übernehmen“, staunt Gisela noch heute über die damaligen günstigen Umstände. Schließlich war es in jenen Tagen nicht gerade einfach, in der Stadt Flensburg, die voller Flüchtlinge war und aus allen Nähten platzte, unterzukommen. „Wir hatten reichlich Platz in der Mürwiker Straße, die Wohnung hatte immerhin 3,5 Zimmer und eine zusätzliche unbeheizte Schlafkammer. Als Grundbedingung für den Wiedereinzug mussten wir aber in unserer einstigen Wohnung zusätzliche Flüchtlinge mit aufnehmen.“

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Bruder Kalle mit Putzi, 1947

Für Gisela stand ein erneuter Schulwechsel an. Hatte sie noch in Kolberg ein Schuljahr lang das dortige Gymnasium besucht, so kam sie in Flensburg nun aufs „Lyzeum“ im Südergraben, auch ein Gymnasium. „Dort gefiel es mir allerdings überhaupt nicht, und ich war sehr froh, dass meine Eltern mich schon bald ummeldeten: Ich kam nun auf die Duborg-Skolen (eine Mittelschule), die ich von 1947 bis 1950 besuchte. Für mich war es gut, dass es an den dänischen Schulen damals für alle Schüler und Schülerinnen jeden Morgen ein Frühstück gab. Ich war in jenen Jahren ein sehr mageres Kind, beinahe unterernährt, und zur Freude meiner Eltern und meiner Oma wurde ich so allmählich wieder aufgepäppelt. Überhaupt gefiel es mir an der dänischen Schule bestens, ich hatte nette Mitschüler, gute und freundliche Lehrer, und so wurde ich auch eine gute Schülerin und schaffte im Jahr 1950 meinen Mittelschul-Abschluss mit einem sehr guten Abgangszeugnis“, denkt sie gern an ihre Schulzeit zurück.   

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Gisela mit 20 Jahren, 1953

Start ins Erwachsenenleben

Mit dem Mittelschul-Abschluss in der Tasche bewarb Gislea Mikolajewicz sich bei einigen Flensburger Firmen um eine Lehrstelle. Sie wurde schließlich angenommen von der Firma „Anthon & Söhne“, einer hiesigen Maschinenbau-Firma mit damaligem Sitz in der Friesischen Straße. „Dort absolvierte ich eine dreijährige Lehre zum Industriekaufmann“, erzählt mir meine Gesprächspartnerin. „Ich habe dort viel gelernt, aber auch viel gearbeitet“, weiß sie zu berichten. „Lehrjahre waren damals keine Herrenjahre, wie es so schön heißt. Ich hatte eine 48-Stunden-Woche, verdiente im ersten Lehrjahr 45 Mark, zum Ende der Lehrzeit jedoch bereits 75 Mark im Monat. Viermal täglich legte ich die Strecke von Mürwik in die Friesische Straße bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zurück, morgens und nachmittags hin, zur Mittagspause und abends zurück. Das war für mich ein gutes Training, denn ich war in meiner Freizeit begeisterte Turnerin beim Turnklub Mürwik, ging regelmäßig zum Turnen in die Sporthalle an der Reitbahn und später in der Marinesportschule.“

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Feldhandball-Länderspiel auf dem Eckener Platz, 1951

Nach der Lehre wechselte Gisela den Arbeitgeber. „Ich bekam eine Anstellung bei der Flensburger Werft als Industriekaufmann. Inzwischen hatte ich Gerd Mikolajewicz kennengelernt, bald „gingen“ wir beide miteinander, wie es früher hieß. Wir waren jung und frisch verliebt, hätten gern eine gemeinsame Wohnung bezogen. Über den Arbeitgeber von meinem Gerd bestand die Möglichkeit, eine Werkswohnung zu bekommen. Doch um einen Anspruch auf die begehrte Werkswohnung zu haben, musste man verheiratet sein. So heirateten wir kurzentschlossen im Jahr 1955 und erhielten kurz darauf die ersehnte Werkswohnung in der Möwenstraße, einer Nebenstraße der Harrisleer Straße, nahe dem Schwarzenbachtal. Im Jahr 1958 kündigte sich bei uns Nachwuchs an, unser erster Sohn wurde schließlich geboren, wir waren jetzt eine kleine Familie.“ 

Eine sportbegeisterte Familie

Gisela und auch ihr Ehemann waren von Jugend an begeisterte Handballer, gingen beide in diesem Sport förmlich auf. Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre war Handball sehr beliebt in Flensburg. Neben dem einstigen Feldhandball wurde bald vermehrt auch Hallenhandball gespielt. Die Männer des FTB waren seinerzeit sehr erfolgreich, sie hatten mit Siegfried Perrey und Bernd Kuchenbecker auch zwei überregional bekannte Handballer in ihrer Mannschaft. „Wir Mädchen schwärmten für die Spieler, insbesondere Bernd Kuchenbecker himmelten viele von uns an“, schmunzelt Gisela in Erinnerung an ihre Spielzeit ebendort. „Das tollste Spiel durfte ich als 19jährige mit meiner Jung-Mädchenmannschaft sogar in der Kieler Ostseehalle spielen. Wir bestritten dort das Vorspiel vor den Männern, die anschließend gegen den THW Kiel spielten.“

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Ehepaar Mikolajewicz, 1980

Gisela spielte damals für den Verein „Sportfreunde Flensburg“. Die Handball-Abteilung des Flensburger TB war von 1950 bis 1954 als „Sportfreunde Flensburg“ ein eigenständiger Verein!

Die Mutter und Hausfrau

„Wie es damals allgemein üblich war, blieb ich nach der Geburt unseres Sohnes fortan zu Hause, war jetzt fürsorgende Mutter und Hausfrau. Das wollte mein Ehemann auch so: „Du hast ja schließlich mich“ sagte er.“ In den ersten Jahren war Gisela auch mit den anstehenden häuslichen Pflichten ausgelastet, zumal sich in 1968 ein zweiter Sohn dazugesellte. Die Familie zog nach einigen Jahren wieder um vom Westufer nach Jürgensby, fand eine ansprechende Wohnung nahe dem St.-Jürgen-Platz. Ende der 60er Jahre war die Familienplanung bei den Mikolajewicz endgültig abgeschlossen, nun stand für die Familie allerdings ein großes und bedeutsames Projekt an: der Bau eines Eigenheims im aufwachsenden Stadtteil Mürwik.   

„Im Jahre 1969 war unser eigenes Haus dann bezugsfertig, wir zogen erneut um, diesmal in unser eigenes Reich. Und es kam wie erhofft: Wir fühlten uns ab dem ersten Augenblick im Birkenhof zu Hause“, denkt Gisela gern an jene Anfangsjahre zurück. „Heute wohne ich immer noch beziehungsweise schon wieder hier in unseren eigenen vier Wänden und habe es nie bereut hier zu wohnen und zu leben.“ Die Söhne wuchsen heran, gingen erst zur Grundschule und später aufs Gymnasium, machten beide ihr Abitur und fanden anschließend ihren eigenen Weg ins Leben. Beide Jungen waren von klein an wie die Eltern begeisterte Handballer, die ganze Familie ging auch gern zum Zuschauen in die Hallen der Region. „Gern hätte auch ich, wie meine beiden Geschwister und unsere Söhne, das Abitur gemacht. Doch meine Jungs trösteten mich über dieses vermeintliche Versäumnis hinweg, schlugen mir sogar vor, doch einfach als Gasthörerin einzelne Studiengänge an der Flensburger PH zu belegen – was ich sehr zu meiner Freude später auch in die Tat umsetzte. So hörte ich Deutsche Geschichte, Literatur und Dänisch und war begeisterte „Studentin“. Ich fand so immer mehr Gefallen an öffentlichen und allgemein zugänglichen Bildungsstätten und fing einige Zeit später an, erste Kurse an der hiesigen Volkshochschule zu besuchen und zu belegen.“

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Harald Kellermann

Im März 1992 verstarb dann plötzlich und unerwartet ihr Ehemann. Die Söhne waren zu dem Zeitpunkt längst erwachsen und hatten das Elternhaus verlassen, standen schon auf eigenen Füßen. Um den Verlust des Ehepartners besser verarbeiten zu können, intensivierte Gisela Mikolajewicz ihre Aufenthalte in der VHS, zudem nahm sie seit Jahren schon im Flensburger Stadion an den dort stattfindenden Sportabzeichen-Abnahmen teil. „Schon als meine Jungs heranwuchsen, war ich regelmäßig mit ihnen zum Laufen, Springen und Werfen im Flensburger Stadion, später übernahm ich sogar selbst die Abnahme der Sportabzeichen bei anderen Teilnehmern“, lässt Gisela durchblicken, dass sie schon immer eine begeisterte vielseitige Sportlerin war und ist. Einmal jährlich gab es als offizielles „Dankeschön“ für alle Sportabzeichen-Prüfer ein gemeinsames Essen in Glücksburg-Schwennauhof, das der LSV Schleswig-Holstein veranstaltete.

Karriere an der Volkshochschule

Gisela Mikolajewicz war mittlerweile zum Stammgast an der VHS Flensburg geworden. Insbesondere interessierten sie jene Kurse, deren Inhalte sich speziell um Flensburg, die Stadtgeschichte und die angrenzende Region drehten.

„Eines Tages fiel eine langjährige Dozentin der Kursreihe „Flensburg zum Kennenlernen“ krankheitsbedingt aus. Bald kam die Leitung der VHS auf mich zu und fragte mich, ob ich es mir vorstellen könnte, den entsprechenden Dozentenplatz vorübergehend zu übernehmen. So war ich plötzlich von einer Hörerin zur Dozentin aufgerückt. Schnell merkte ich, dass der Posten für mich maßgeschneidert war, ich kniete mich mit großer Begeisterung in die neue Aufgabe rein und übte diese Position über viele Jahre aus!“ 

Ihr Engagement an der VHS sollte zu einer ständigen Einrichtung werden und wurde von ihr noch ausgeweitet. Nach einigen Jahren gründete die umtriebige Witwe sogar einen VHS-Reiseclub! „Diese Einrichtung kam bei den Flensburgern „bombig“ an, der Zuspruch übertraf meine anfänglichen Erwartungen bei Weitem“, schmunzelt die Seniorin. „Es dauerte gar nicht lange, da waren wir oft mit bis zu 50 Teilnehmern auf diesen Tagestouren in ganz Schleswig-Holstein mit Reisebussen unterwegs. Die Touren waren regelmäßig ausgebucht, oft standen noch zusätzlich bis zu 25 weitere Personen auf der Warteliste.“ Immerhin gute zehn Jahre lang, von 2002 bis 2012, war Gisela als Reiseleiterin einmal im Monat auf Achse.

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Als stolze Oma, 2000

Im Rahmen ihrer Tätigkeiten in der Volkshochschule lernte sie eines Tages Harald Kellermann kennen. Der war seinerzeit auch Single und teilte Giselas Interessen. Bald wurde die Verbindung zu ihm immer intensiver, sie wurden schließlich Partner. „Harald hatte im nahegelegenen Wees ein großes Einfamilienhaus. Wir zogen nach einigen gemeinsamen Jahren im Jahr 2002 zusammen. Wir verlebten viele abwechslungsreiche und schöne Jahre, Harald unterstützte mich immer bei all meinen vielen Aktivitäten. Ich blieb dort in Wees wohnen, bis Harald leider krank wurde, schließlich sogar in ein Pflegeheim musste. Bis zu seinem Tod blieben wir eng verbunden, ich besuchte ihn regelmäßig am Krankenbett und im Pflegeheim, bis er verstarb.“  Lange Jahre besaß Gisela ein Sommerhäuschen in Norgaardholz an der Ostseeküste. „So hatten wir den Sommer über immer eine feste Anlaufstelle. Überhaupt war die ganze Familie seit jeher bei jeder Gelegenheit am Strand, in den 30er Jahren sonnten und badeten wir in Klein-Westerland (heute ist dort das Klärwerk angesiedelt), in Kolberg an der unendlich langen und feinsandigen Ostseeküste, später in Flensburg mal am Ostseebad, aber auch gegenüber an der Solitüde“, erinnert sich meine Gesprächspartnerin gern an jene schönen Zeiten und Sommertage.   

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Als Stadtführerin…

Sie wird zur stadtbekannten Flensburgerin

Neben den VHS-Kursen sowie den Reisetätigkeiten wurde Gisela in Flensburg als Stadtführerin aktiv und durch diese Tätigkeiten bald stadtbekannt. Sie durfte sogar als Zivilistin regelmäßig Stadtführungen durch die Marineschule veranstalten. Das war nicht gerade selbstverständlich, war sie mit ihrer Gruppe von Teilnehmern in jener historischen Liegenschaft ja auf dem Gelände einer militärischen Sicherheitszone unterwegs.

Im Jahr 2001 veröffentlichte sie sogar ein eigenes Buch: „Erinnerungen an Flensburg – wie es einmal war“. Das Buch ist längst ausverkauft – für Interessierte ist es leider nur noch im Antiquariat erhältlich. Im Zuge ihrer vielen Aktivitäten lernte unsere Gesprächspartnerin Frau Dr. Glüsing kennen, die frühere Leiterin des Flensburger Schifffahrtsmuseums. 

„Frau Dr. Glüsing bat mich bald darauf, doch auch einige Führungen durch das Schifffahrtsmuseum zu übernehmen, daneben auch ebendort Vorträge über die abwechslungsreiche Flensburger Stadtgeschichte zu halten.“ Dazu fand sich Gisela schnell bereit, war nun auch in unserem geschätzten Schifffahrtsmuseum aktiv. Gerade in den ersten Jahren nach dem Millenniumswechsel bis etwa zur Mitte des letzten Jahrzehnts war Gisela Mikolajewicz beinahe überall in der Stadt bei Führungen anzutreffen, war regelmäßig im Schifffahrtsmuseum zu Hause und verbreitete durch die engagierte und kurzweilige Art ihrer Vorträge bei den Zuhörern viel Spaß, Lust und auch Interesse an der Flensburger Stadtgeschichte und dem Leben hier im hohen Norden. Ihr Wirken und Schaffen blieben schließlich auch in der Flensburger Öffentlichkeit nicht unbemerkt. Die hiesige Tageszeitung nahm sie sogar in die Liste der „Menschen des Jahres“ für das Jahr 2013 auf – da war sie immerhin schon 80 Jahre alt, trotz dieser stolzen Jahreszahl jedoch immer noch geistig und körperlich „fit wie ein Turnschuh“ – wie es im Volksmund heißt. 

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
…kennt Gisela ihr Flensburg bestens

„Gerade diese Tätigkeiten waren für mich in all den Jahren mein Lebenselixier, zusätzlich auch eine schöne Abwechslung und echte Lebensqualität“, sagt sie augenzwinkernd. „Nicht nur regelmäßig den Haushalt und den Garten instand zu halten ist wichtig – auch die geistige Tätigkeit hält einen jung, für mich ist das richtiges Gehirnjogging.“ Ihr bedeutete der Kontakt und der Austausch mit anderen und interessierten Menschen immer sehr viel. Die Stadtführungen und die vielen Gespräche waren dabei stets wechselseitig befruchtend. „Man ist dabei nicht nur die Gebende, sondern bekommt auch von den Zuhörern etwas zurück. Das machte mich stets glücklich und zufrieden.“

Eine lustige Geschichte hatte sie mit Beate Uhse erlebt. Weil Gisela oft auch abends im Dunkeln zu Fuß in Flensburg unterwegs war, belegte sie bei der örtlichen Polizei einen Selbstverteidigungs-Kurs speziell für Frauen. „Neben zahlreichen anderen Damen nahm auch die bekannte Beate Uhse daran teil, und sie wurde mir als Trainingspartnerin zugeteilt. Der Leiter des Kurses nahm mich vorher beiseite und bat mich: „Miko – tu mir einen Gefallen, nimm bitte Rücksicht auf Frau Uhse, du bist ja schließlich durchtrainiert und kräftig.“ Beate musste schmunzeln, als ich ihr davon erzählte. Überhaupt war sie ganz normal, bodenständig, bildete sich nichts auf ihre Bekanntheit ein“, lächelt Gisela, die früher von vielen einfach nur „Miko“ gerufen wurde. 

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Als stolze Oma, 2000

Im Ruhestand

Seit gut fünf Jahren, seit 2020, wohnt Gisela Mikolajewicz wieder im eigenen Heim im Birkenhof. Viele Jahre war das Haus anderweitig vermietet, doch nach dem Tod des Partners sehnte sie sich wieder in die gewohnte Umgebung zurück. Als die langjährigen Mieter dann umzogen, ist sie wieder von Wees nach Mürwik zurückgezogen. „Ich wurde sehr schnell wieder heimisch – als ob ich nie weg gewesen war“, lächelt sie.

„Nun freue ich mich hier in meiner – allerdings oftmals viel zu großen – Wohnung darüber, dass ich noch einigermaßen gut beieinander bin, auch wenn ich das eine oder andere Zipperlein tapfer zu ertragen habe.“ 

Gisela Mikolajewicz hat immer noch regelmäßig etwas vor, die Söhne besuchen sie regelmäßig und rufen sie oft an, der mittlerweile 25jährige Enkel ist bei jeder Gelegenheit bei seiner Oma zu Besuch, auch wenn er inzwischen in Aarhus lebt.

Gisela Mikolajewicz - „Sie verkörpert ein Jahrhundert Flensburg“
Ihr im Jahre 2001 veröffentlichtes Buch ist längst vergriffen

Vor einem Jahr – mit 92 Jahren – hat sie das Autofahren aufgegeben. „Das war wohl eine gute Idee“, denkt sie heute. „Dafür fahre ich jetzt regelmäßig mit dem Bus vom Kiefernweg zum Twedter Plack zum Einkaufen. Das nötige Deutschland-Ticket habe ich stets in der Manteltasche dabei, obwohl viele Busfahrer mich längst kennen und einfach reinwinken.“ Und sie ergänzt: „Ich gehe immer noch mit meinem Sohn regelmäßig zum Handball zur SG in die Campushalle. Zu Weihnachten haben mir übrigens meine Jungs zwei Tickets für die Europa League-Heimspiele geschenkt. Ob ich inzwischen wohl die älteste Zuschauerin in der „Hölle Nord“ bin?“, lacht sie zum Schluss unseres Gespräches.

Mit Frau Mikolajewicz sprach Peter Feuerschütz
Fotos: privat  

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