Wer auf ihr vor 30, 40 oder 50 Jahren ging, wird sie auf dem ersten Blick nicht wiedererkennen. Die Rede ist von der Brücke, die einst von „Hertie“ über die Süderhofenden zum früheren Standort des Zentralen Omnibusbahnhofs, kurz ZOB, führte. Heute benutzen sie Radfahrer und Fußgänger, die aus Flensburg-Weiche kommen, um die Bundesstraße 200 zu queren und ins Gewerbegebiet Süd zu gelangen. Das Bauwerk ist nicht mehr knallblau gestrichen wie einst, sondern nüchtern betongrau. Auch die Aufgänge, die Rolltreppen und vor allem die Überdachung fehlen. Aber im Kern ist dieses Objekt ein Kind der 1970er Jahre.

Die gedanklichen Ursprünge gehen sogar noch weiter zurück. Schon 1959, als das Warenhaus „Hertie“ mit der Stadt Flensburg über den Erwerb des damaligen Rathaus-Geländes am Holm verhandelte, wurde über eine bessere verkehrliche Erschließung des Umfelds gesprochen. Die Süderhofenden firmierten einst als Europastraße 3, die Autos rollten direkt an der innenstadtseitigen Bebauung vorbei. Für Fußgänger sollte ein praktikabler Überweg geschaffen werden, und zwar zum ZOB, der sich – anders als heute – direkt an den Bahndamm schmiegte. Der Blickfang war das noch junge „Ufo“. Dieser Pavillon diente als Wartehalle und beherbergte Fahrkartenausgabe sowie Gastronomie.

Vor 50 Jahren aufgestellt: Die ZOB-Brücke
Die Süderhofenden im Charme der 1980er Jahre

Eine erste Planung für die Schublade

Die ZOB-Brücke wurde schließlich im Kaufvertrag erwähnt. Die Flensburger Ratsversammlung fasste am 31. Januar 1963 einen entsprechenden Beschluss. Die Kommunalpolitik hatte allerdings nicht mit dem Widerstand der lokalen Wirtschaft gerechnet. Die IG Stadtmitte hatte „rechtliche und städtebauliche Bedenken“. Der Einzelhandelsverband befürchtete eine „wesentliche Beeinträchtigung der Belange des Flensburger Einzelhandels“. Die Industrie- und Handelskammer sah sogar eine „Wettbewerbsverzerrung zugunsten eines Großunternehmens“. Die IHK schaltete deshalb einen Hamburger Juristen ein. Dieser meinte: „Der Bau einer Fußgängerbrücke, die in einem Kaufhauskomplex mündet oder vor ihm endet, ist aus verschiedenen rechtlichen Erwägungen unzulässig.“ Am 19. Dezember 1963 zog der Hertie-Bevollmächtigte Helmut Strahl die Reißleine. „An einer Fußgängerbrücke ist der Konzern nicht mehr interessiert“, teilte er mit. „Die vorgesehenen Mittel sollten anderweitig eingeplant werden.“

Das Projekt schlummerte eine gute Dekade in der Schublade. Der Flensburger Verkehr hingegen nahm weiter zu, während in der Innenstadt eine Fußgängerzone immer mehr Gestalt annahm. Nicht nur Autos, auch die Busse wurden aus einigen Straßen verbannt. Die Stadtwerke überarbeiteten ihr Liniennetz, werteten den Südermarkt ab und schickten noch mehr Busse über den ZOB, wo die Stadt immer häufiger Stauungen registrierte. Die ZOB-Brücke gewann wieder an Aktualität. „Die Verwirklichung ist wünschenswert im Interesse der Allgemeinheit, weil eine verkehrsmäßige Erleichterung eintreten wird – für die Sicherheit der Fußgänger und die Leichtigkeit des Fahrzeugverkehrs“, meinte Oberbürgermeister Heinz Adler.

Umgestaltung und Neuausrichtung mit ZOB-Brücke

Plötzlich musste es schnell gehen. Für eine Investitionszulage des Bundes musste bis zum 30. Juni 1975 ein Bauantrag gestellt werden. Erst drei Tage vor Ablauf der Frist trafen sich die Vertreter Flensburgs in Frankfurt mit dem Hertie-Management. Eine neue Architektenzeichnung lag auf dem Tisch: 35 Meter lang, fünfeinhalb Meter hoch und vier Meter breit sollte die Brücke werden. Sie sollte in zweiter Ebene über der Lieferanten-Zufahrt von „Hertie“ entspringen, wo bereits eine Rolltreppe und ein Abgang zur Rathausstraße existierten. Auf der ZOB-Seite sollten eine Betontreppe und eine Rolltreppe, die 7000 Personen pro Stunde befördern konnte, angebracht werden. Im Gesamtpaket von 400.000 D-Mark war auch eine Überdachung des Überwegs enthalten. „Die brauchen wir angesichts der Flensburger Witterungsbedingungen“, grinste Helmut Strahl.

Vor 50 Jahren aufgestellt: Die ZOB-Brücke
Das zentrale Brückenteil befindet sich heute am Sophienhof

Erste Ergebnisse der illustren Gesprächsrunde sickerten durch. Das „Flensburger Tageblatt“ hatte erste Schlagzeilen. Die IHK reagierte „überrascht“. Die Gerüchteküche brodelte. Die Stadt lud deshalb für den 2. Juli 1975 zu einer Pressekonferenz ein, um dem erneuten Unmut der hiesigen Ökonomie vorzubeugen. Die Stimmung war aber eine andere als 1963. Die Süderhofenden befand sich zwischen Rathausstraße und Nikolaistraße ohnehin in einem Prozess der Umgestaltung. Ein Ärzte- und Bürohaus sollte gebaut, neue Zufahrten geschaffen und ein anderes Gebäude abgerissen werden. Da würde sich die ZOB-Brücke, die schon für den B-Plan Berücksichtigung gefunden hatte, gut einfügen. Zwar wurden wieder Stimmen laut, die „Hertie“ als größten Gewinner dieser Infrastruktur betrachteten, wenn die Menschenströme direkt ins Warenhaus geleitet würden. Es wurden aber auch Vorteile für die gesamte Innenstadt samt Fußgängerzone erkannt. Eine Inbetriebnahme der Brücke für das Weihnachtsgeschäft 1975, spätestens aber zu Ostern 1976, schien möglich.

Passagen-Lösung und Bedenken

Allerdings mussten einige Bedingungen erfüllt werden. Natürlich sollte die Brücke auch nachts genutzt werden können. Da hatte „Hertie“ aber geschlossen. Es entstand die Idee eines direkten Zugangs zum Holm – und zwar zwischen „Rats-Apotheke“ und „Bücher Rüffer“. Allerdings scheiterten die zähen Gespräche. Schließlich einigte sich die Stadt mit „Hertie“ darauf, dass die Passage des Kaufhauses werktags von 6 bis 21 Uhr geöffnet sei, samstags etwas kürzer. In der übrigen Zeit mussten die Treppen an der ZOB-Brücke gewählt werden, um zur Rathausstraße oder zur Nikolaistraße zu gelangen.

Nur Freunde hatte die geplante Infrastruktur gewiss nicht. In einem Leserbrief warnte ein Flensburger, dass „der ZOB auf ewige Zeiten durch eine Autorennstrecke von der Innenstadt getrennt“ werden würde. Die Eigentümerin vom Hotel „Europa“ fürchtete um die Effizienz ihrer Leuchtreklame, wenn sie durch den Brückenbau verdeckt wäre. Die Anlieger der Rathausstraße sagten einen Rückgang ihrer Geschäfte voraus. Zu einer Informationsveranstaltung der Stadt im Mai 1976 erschienen aber nur 30 Interessierte.

Vor 50 Jahren aufgestellt: Die ZOB-Brücke

Ratsbeschluss und Vertrag mit „Hertie“

Am 3. Juni 1976 votierte die Ratsversammlung nochmals für die ZOB-Brücke – bei nur einer Gegenstimme. Der Wortlaut des Beschlusses: „Der Bau einer Fußgängerbrücke über die Süderhofenden wird beschlossen, die vorgebrachten Bedenken werden im Sinne der Vorlage beschieden. Bei jeder weiteren zukünftigen Gestaltung ist sowohl mindestens ein zweiter Durchgang zum Holm als auch ein Abgang nach Süden sicherzustellen.“ SPD-Stadtrat Helmut Schumann zeigte sich zufrieden: „Der Schutz der Fußgänger ist das Hauptanliegen der Ratsversammlung.“ Es kursierte auch die Frage, ob „Hertie“ am Ende der Passage weiterhin Blumen, Obst oder Schallplatten anbieten könne. CDU-Ratsherr Wilhelm Jensen betonte: „Eine weitere, wettbewerbsneutrale Passage zum Holm ist möglich, wenn die Anlieger die dazu benötigte Grundstücksfläche zur Verfügung stellen würden.“

Es sollte allerdings noch einige Wochen dauern, bis der nötige Vertrag mit „Hertie“ geschlossen wurde. Einige Formulierungen mussten mehrmals angepasst werden, der ursprünglich angedachte Fahrstuhl auf der ZOB-Seite flog aus dem Konzept. Der Magistrat der Stadt musste sogar eine interne Sondersitzung einberufen. Erst Ende September hatte die Warenhauskette unterschrieben. Einen Monat später beschloss der Bauausschuss die Submissionen. Das Ergebnis musste nochmals geprüft werden, weil das Angebot einer Baufirma rechtzeitig eingegangen war, dann aber von einem städtischen Mitarbeiter vergessen wurde. Dann meldete sich die ZOB-Gesellschaft, die das „Ufo“ im „toten Winkel“ wähnte, wenn Rolltreppe und fußläufiger Abgang nur in südliche Richtung verlaufen würden. Sie stemmte selbst die zusätzlichen 80.000 D-Mark für eine „Nordtreppe“.

Montage und Malerarbeiten

Am 27. November 1976 begrüßten zu später Stunde rund 150 Schaulustige einen Schwertransport aus Hamburg. Die Süderhofenden wurden bis in die Morgenstunden für den Verkehr komplett gesperrt, da ein großer Kran das imposante Brückenteil auf den Treppenturm am ZOB und auf einen Pfeiler vor „Hertie“ hievte. Ein paar Stunden später folgte die Überdachung, zwei Tage später die Rolltreppe. Schließlich wurde die Brücke am 10. Dezember 1976 eingeweiht – verbunden mit einem feierlichen Empfang im ZOB-Restaurant. Zeitgleich wurden die bisherigen Fußgängerampeln abgeschaltet. Erst im August 1977 waren die Maler am Werk und verpassten der Brücke das auffällige Blau.

Vor 50 Jahren aufgestellt: Die ZOB-Brücke
Man kann noch erahnen, wo sich einst die ZOB-Brücke befand

Zwei Dekaden später veränderte sich in diesem Bereich vieles. Aus „Hertie“ wurde „Karstadt“ – verbunden mit einem größeren Umbau. Ein Großraum-Kino kündigte sich an. Und der ZOB, an dem täglich 26.000 Fahrgäste ein- und umstiegen, sollte auf die Westseite der Süderhofenden verlegt werden und den Platz mit dem Straßenverkehr tauschen. Damit wurde die ZOB-Brücke überflüssig. Im Februar 1997 wurde sie abgebaut. Im Mai 2002 bekamen Teile der Brücke eine neue Aufgabe. Sie verbinden nun am Sophienhof die Carl-Benz-Straße mit der Schleswiger Straße.

Text: Jan Kirschner       
Fotos: Jan Kirschner, Stadtarchiv Flensburg 
    

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