Wir treffen uns zum vereinbarten Gespräch vor den Räumlichkeiten der Segler-Vereinigung Flensburg in Fahrensodde an der Flensburger Förde. Da das Vereinslokal „Fördeblick“ morgens um 10 Uhr noch geschlossen hat, wechseln wir kurzerhand zum Schnacken auf die vereinseigene Segeljacht mit dem bezeichnenden Namen „Flens“. „Ich bin überzeugter Flensburg-Heimkehrer“, versichert mir mein Gegenüber, der gebürtige „Flensburger Jung“ Günther Klein. Der hat von einem höchst bemerkenswerten Lebenslauf zu erzählen, und nach kurzer Begrüßungsphase, nachdem wir es uns in der Kajüte der „Flens“ gemütlich gemacht haben, gehen wir auch schon in „medias res“.

Eine schöne Kindheit und Jugend auf der Westlichen Höhe
„Ich bin eine geborene Waage, bin am 28. September 1956 in Flensburg geboren. Wir wohnten im damals ersten „echten“ Hochhaus Flensburgs, in der Mathildenstraße 22“, erinnert sich Günther noch genau an seine ersten Lebensjahre. Das Gebäude, einen gelben, 10-stöckigen Ziegelbau, gibt es längst nicht mehr, dort befindet sich heute das AWO-Servicehaus Friesischer Berg. „Unser Hochhaus war weithin sichtbar, eine Art Leuchtturm auf dem Friesischen Berg. Eine große, muntere Kinderschar, heute nennt man sie „die Boomer“, war seinerzeit dort zuhause. Fröhlich bespielte man das Umfeld, besonders gerne die großzügige Rasenfläche rund um das Hochhaus – bis der Hausmeister dem regen Treiben auf seinem kostbaren Rasen immer mal wieder ein lautstarkes Ende setzte.

Meine Eltern waren sehr liebevoll und fürsorglich zu uns beiden Söhnen – ich habe noch einen älteren Bruder, Robert. Der Altersunterschied von zweieinhalb Jahren war ideal: Einerseits hat er als der Ältere immer ein bisschen auf mich aufgepasst, andererseits konnte ich ihn auch gelegentlich erfolgreich ärgern, denn ich war der frechere und immer ein bisschen schneller als er.
Unser Vater Christian arbeitete als Steuerrat im Finanzamt, ging täglich zu Fuß zum Dienst, kam pünktlich mittags zum Essen nach Hause, legte sich dann eine halbe Stunde aufs Sofa, bevor er wieder zurück ins Amt marschierte – eine entspannte Routine, die typisch war für ein ausgeglichenes Familienleben der 60er Jahre. Unsere Mutter „Irmi“ war sowohl Hausfrau und Mutter als auch wochenweise als Buchhalterin bei der Firma Friedrich Warnke Eisen- und Sanitärhandel beschäftigt. Heute ist die Firma sogar noch überregional in Erinnerung durch die erfolgreichen „Werner-Comics“ des Zeichners Brösel. Unsere jährlichen Familienurlaube verbrachten wir gerne im dänischen Skallerup, in der Nähe von Hirtshals, an der Nordsee, die normalen Wochenenden dagegen sehr häufig in Vemmingbund, der Bucht unterhalb der geschichtsträchtigen Düppeler Schanzen, direkt gegenüber dem dänischen Sonderburg.“

Günther wurde in die Nikolaischule auf dem Museumsberg eingeschult (heute das Hans-Christiansen-Haus) und wechselte dann nach vier Jahren aufs Gymnasium. Kurz vor dem Schulwechsel aufs ehrwürdige Gymnasium bekam er schon im zarten Alter von zehn Jahren eine gebrauchte 8-mm-Filmkamera geschenkt. Denn das war sein sehnsüchtiger, damals durchaus ungewöhnlicher Weihnachtswunsch, den die Eltern ihm aber nach intensiver Suche in Hamburger Fotogeschäften tatsächlich erfüllten.
Das Filmemachen wurde nun sehr schnell zu seiner Passion, die ihn durch sein späteres Leben begleiten sollte. Und auch die Eltern und der Bruder bereuten den Kauf nicht, der für Günthers Lebensweg so entscheidend war. Auch wenn sie von nun an regelmäßig als „filmisches Hilfspersonal“ herhalten mussten.

Das sportliche Hobby Segeln
Günthers Vater war schon seit seinen Jugendjahren begeisterter Wassersportler und Mitglied im SVF, der Segler-Vereinigung Flensburg, die damals noch am Ballastkai lokalisiert war. Er war – nicht zuletzt wegen seines beruflichen Hintergrunds – jahrzehntelang im Vereinsvorstand als geschätzter Kassenwart aktiv. „Bi Krischan, dor währ immer allens schier“, erinnern noch heute alteingesessene Vereinsmitglieder. Und so hört es gelegentlich noch Günther, der die Liebe zum Wassersport schon als kleiner Steppke geerbt hat, zunächst als Kapitän eines hübschen, knallroten Gummiboots. „Noch mit über 95 besuchte Vater regelmäßig „seinen“ Verein. Ich führe jetzt die Tradition weiter und bin im Verein aktiv, aktuell als Bootspate der „Flens“. Dazu später mehr …

Als Gymnasiast mit der Kamera unterwegs
„Die Schuljahre am „Alten Gym“ waren kein Zuckerschlecken für uns Schüler. Wir wurden von den Lehrern auf hohem Niveau gefordert, insbesondere im altsprachlichen Zweig, dem ich angehörte. Der hatte es mit dem Büffeln von lateinischer Grammatik und Alt-Griechisch durchaus in sich.“
Alt-Griechisch, die Sprache der bedeutenden frühen Philosophen des Abendlands, gilt als noch schwerer zu erlernen als Latein, das ebenfalls eine prägende Rolle in der Entwicklung der europäischen Kultur spielte. Der Unterricht in den alten Sprachen vermittelte aber nicht nur Sprachkenntnisse, sondern auch Einblicke in die Philosophie und die Geschichte der Antike. „Das hat mich schon früh geprägt, ohne dass es mir damals wirklich bewusst wurde. Damals war ich von der Lernerei eher genervt, vor allem vom Vokabel-Pauken“, erinnert sich mein Gesprächspartner lächelnd. „Doch die Schulzeit wurde uns durch mehrere Klassenfahrten in den jeweiligen Altersstufen Unter-, Mittel- und Oberstufe versüßt, auf denen ich stets mit meiner Kamera die Reisen filmisch dokumentierte – anfangs noch mit der alten, federwerksbetriebenen Normal8-Kamera, später auf „Super8“, und dann sogar mit Ton!“

Im Jahr 1975 bestand Günther das Abitur – das Ende September 2025 anstehende 50jährige „Abi-Jubiläum“ organisierten er und ein paar ehemalige Flensburger Mitschüler in einem hiesigen Restaurant. „War schon sehr interessant zu sehen, was 50 vergangene Jahre so anrichten. Ich war froh und glücklich, die einstigen Mitschüler wiederzusehen. Trotz äußerlicher Veränderungen kamen wir sofort wieder in gute Gespräche und schwelgten natürlich in Erinnerungen an die damaligen Pennäler-Zeiten!“
Die Studienjahre
Noch zu Schulzeiten hatte Günther am „Alten Gym“ einen Filmclub ins Leben gerufen, hatte selbst schon Anfang 1972 mit viel Engagement den Dreh eines Dokumentarfilms über den „Salondampfer Alexandra“ begonnen. „Das wurde dann aber am Ende weniger eine Dokumentation als vielmehr ein „Experimentalfilm“, lächelt Günther. „Rasant und wild-geschnitten nach dynamischer Musik, dem Klavierkonzert in F-Dur von George Gershwin. Sozusagen ein früher Videoclip. Und eine echte Initialzündung für meine weitere Entwicklung.“ So war sein Werdegang früh vorgezeichnet: Er wollte beruflich nach erfolgtem Abitur unbedingt Filmregisseur werden.

Allerdings bremste ihn noch vor dem Schulabschluss ein schwerer Unfall aus. In der Straße „Schützenkuhle“ war er als Beifahrer auf einem Kraftrad unterwegs, als am Rosenmontag 1972 der betrunkene Fahrer eines entgegenkommenden Wagens die Kontrolle über sein Gefährt verlor und Günther mitsamt seines Freundes Stefan Koch durch die Luft schleuderte. „Ich erlitt einen komplizierten, mehrfachen Oberschenkelbruch sowie üble Kopfverletzungen – der Helm verhinderte zu meinem Glück Schlimmstes. Immerhin benötigte ich etwa zwei anstrengende Jahre, um die Unfallfolgen zu überwinden. In jenen Jahren lernte ich das Spazierengehen zu schätzen, dankbar, es überhaupt wieder zu können.“
Gleich nach dem Abitur bewarb sich Günther an der Filmhochschule in München, damals noch mit Gehstock. „Ich wurde nach München eingeladen und mein eingereichter Bewerbungsfilm, jener „Experimentalfilm“ über die Alexandra, fand erstaunlich viel Beifall. Aufgrund meiner erst 18 Jahre wurde mir aber empfohlen vor der zugesagten Aufnahme in die Filmhochschule noch ein bis zwei Jahre „zu hospitieren“. Nun, aufgrund meiner schulischen Neigung zu Geisteswissenschaften und Kunst begann ich gleich „nebenan“, an der Ludwig-Maximilian-Universität, Vorlesungen in Evangelischer Theologie, Kunstgeschichte, und Theaterwissenschaft zu belegen.“
Und Günther findet Geschmack an dem facettenreichen Hochschulstudium. Und an dem studentischen Betrieb in einer netten WG, die eine 85-jährige, ehemalige Opernsängerin in ihrer großen Etagenwohnung in der Prinzregentenstraße eingerichtet hat. „Für ein Jahr wechselte ich sogar zwischenzeitlich nach Wien, um mein kunstgeschichtliches Wissen zu vertiefen. Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre war die Situation unter den Studenten ja völlig anders als heute: Wir haben uns kaum gefragt, wo und wie wir später einmal unser Geld verdienen sollten. Uns bewegten vielmehr „die großen Fragen des Lebens“, über die wir in endlosen Diskussionen kreisten. Meistens bei gutem Bier in München und süffigem Wein in Wien. Eine wirklich schöne, sehr freiheitliche Zeit war das, ohne allzu großen Druck. Das war wahrscheinlich die beste Epoche für Studenten in den letzten hundert Jahren“, ist sich Günther ziemlich sicher.

Nach dem abgeschlossenen Theologiestudium belegte er in Mainz schließlich noch als drittes Studium den Aufbaustudiengang „Journalistik“ „Da wurde wieder meine alte Leidenschaft für den Dokumentarfilm lebendig“, resümiert Günther. „Ich sah mich immer noch als Filmemacher – und eigentlich nicht als Pfarrer.“
Sein Start ins Leben als Filmemacher
Im Zuge der empfohlenen Hospitanz kam noch zu Münchner Zeiten ein ganz anderer, fruchtbarer Kontakt zustande. „Ich habe gelegentlich für den Bayerischen Rundfunk kleine Filmchen gemacht, auch der täglichen Brötchen wegen. Kurze Einspieler für die „Abendschau“, die allabendlich im „Dritten“ lief. Die Redaktion war ganz zufrieden mit meinen bescheidenen Werken. Und auch mit mir, diesem in Bayernland etwas fremd anmutenden, norddeutschen Theologiestudenten, der aber offenbar etwas vom Filmen verstand und mit Kameraleuten, Cuttern und Redakteuren ganz gut zurecht kam.

Mein zweites „nebenberufliches“ Standbein hatte mit alldem jedoch weniger zu tun: Ich hatte inzwischen den Führerschein der Klasse 2 bestanden, fuhr für eine Münchner Baufirma immer mal wieder Betonmischer und war so auch am Bau von mehreren Münchener U-Bahnstationen beteiligt. Es machte jedenfalls immer Eindruck, wenn ich gelegentlich zum Frühstück bei Freunden und vor allem Freundinnen mit dem Betonmischer vorfuhr. Und dann habe ich auch noch bei den Museumslichtspielen beim Deutschen Museum als Filmvorführer gejobbt, denn Filme-SEHEN war ja auch meine große Leidenschaft“, schildert Günther seine sehr umtriebige Studentenzeit in der bayrischen Metropole.

Die Jahre in Mainz
Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Journalistik-Studium fand er eine erste Anstellung beim Südwestfunk-Fernsehen in Mainz. Bis 1990 war er dort als Redakteur, Autor und Regisseur tätig und durfte in dieser Zeit neben zahlreichen Kurzbeiträgen acht große Dokumentationen realisieren. Darunter den prämierten Film über jüdisches Leben im „Haus Mainz, Haifa“, die Zukunftsfiktion „Deutschland in 30 Jahren“ oder das historische Märchen „Der Hauptmann von Luxemburg“. Für sein kleines Fernsehspiel „Eifel“ gab es 1988 sogar eine Auszeichnung als „program of the year“ des Europäischen Filmpreises. Außerdem war er federführend für das Kirchenressort des SWF Mainz zuständig.
Mit Genehmigung seines Chefredakteurs konnte er für das ZDF zahlreiche 30-minütige Dokumentarfilme in der Reihe „Reisebilder aus der DDR“ realisieren, eine der ersten Reihen des bundesdeutschen Fernsehens, die in nicht immer konfliktfreier Kooperation mit der DEFA in Ostberlin entstanden. „Es waren Dreharbeiten, die sehr viel Fingerspitzengefühl erforderten“, erinnert sich Günther, damals gerade Anfang 30 und zunächst unvertraut mit dem Land, dessen System ihm absurd-fremd erschien. „Die Dokumentationen sollten das gemeinsame kulturelle Erbe und das Verbindende beider deutscher Staaten aufzeigen, ganz im Sinne von Willy Brandts Ost-Politik des erhofften „Wandels durch Annäherung“. Sozusagen geschichtliche Dokumentationen mit diplomatischem Anspruch.“

Ein paar Jahre später, nach der Wende, realisierte Günther dann noch einen Dreiteiler über die „Politische Justiz in der DDR“. „Da habe ich dann noch die ganze Tragik dieses Unrechtsstaates in der direkten Begegnung mit Opfern und Tätern nacherleben können, oft emotional belastend.“
Umzug und beruflicher Wechsel nach Wiesbaden
Im Jahr 1991 wechselte Günther Klein als Redaktionsleiter, verantwortlicher Produzent und Filmemacher zur IFAGE/Tellux-Filmproduktion in Wiesbaden. Unter seiner redaktionellen Leitung entstanden dort nicht nur ambitionierte Fernsehspiele und Spielserien („Schwarz greift ein“), populäre Magazinsendungen (ZDF-Gartenmagazin „Grün und Bunt“) und anspruchsvolle Doku-Reihen für die dritten ARD-Programme („Menschen, Länder, Abenteuer“, „Schätze der Welt“), sondern auch innovative internationale Doku-Dramen. Gemeinsam mit ZDF-Redakteuren entwickelte er für das Hauptprogramm am Sonntagabend ein „Bildungsprogramm“, das bis heute unter dem Label „Terra-X“ ein großes Publikum findet. Des Weiteren entstanden in jenen immerhin 16 Jahren in Wiesbaden zahlreiche Prime-Time-Produktionen, die auch international erfolgreich waren, wie etwa die vielbeachtete 13-teilige ARD-Millenniums-Reihe „2000 Jahre – Die ganze Geschichte des Christentums“, die 2001 mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, oder die 21-teilige ZDF-Reihe „Imperium – Aufstieg und Fall großer Reiche“ mit dem renommierten Schauspieler Maximilian Schell.

In Wiesbaden wurde Günther auch privat heimisch, fand dort eine großzügige Altbauwohnung, die er nach und nach zu seinem Refugium ausbaute und im Laufe seiner beruflichen Karriere mit vielen Mitbringseln und Erinnerungsstücken ausstaffierte. „Mein Zuhause in Wiesbaden ist mittlerweile regelrecht zu einem Museum geworden. Deshalb ist es fast unmöglich, den dortigen Wohnsitz völlig aufzugeben“, stellt Günther klar, jedoch mit leichtem Augenzwinkern. „Allerdings ist auch das kulturelle Angebot in Wiesbaden mit seinem „Vorort“ Frankfurt natürlich sehr beeindruckend. Da kann Flensburg nicht so ganz mithalten“, resümiert mein Gegenüber, „auch wenn Flensburg seinen ganz eigenen, Seeluft-duftenden Charme ausstrahlt, der wiederum jeden großstädtischen „Binnenländer“ neidisch machen könnte. Der Rhein kann es jedenfalls nicht mit unserer schönen Ostsee aufnehmen“, ist Günther überzeugt. „Allerdings feiert man südlich von Flensburg auch ganz außergewöhnliche Feste, die ein echtes Nordlicht regelrecht erschüttern können, zum Beispiel die „Fassenacht“: ein lustiger, aber auch strenger Brauch, dem sich auch die Zugereisten nicht entziehen dürfen, wenn sie im Rheinland überleben wollen!“, schmunzelt Günther.

Zusammenarbeit mit Arved Fuchs
Ziemlich gegen Ende des vorherigen Jahrtausends entstand eine gedeihliche Zusammenarbeit mit Arved Fuchs, dem bekannten deutschen Polarforscher, Abenteurer und Buchautor. Im Zuge seiner Expedition „Arctic Passages“ im Jahr 1998 wurde ein Heißluftballon nach Spitzbergen geschafft und am historischen Ort der Aufstieg gewagt. „Der eiskalte Traum“ hieß der Film von Günther, mit dem in der ZDF-Reihe „Höllenfahrten“ dem tragischen Schicksal der Nordpol-Ballonfahrt von Salomon August Andrée genau hundert Jahre zuvor ein filmisches Denkmal gesetzt wurde. „Es war keineswegs ungefährlich, am Originalschauplatz auf schwankenden Eisschollen die Spielszenen zu drehen. Für die rumänischen Schauspieler, die in historischen Kostümen über das Eis rutschten, war es ihre erste Auslandsreise überhaupt!“

Der Autor und Hochschuldozent
Im September 2006 verließ Günther Klein die Ifage/Tellux-Gruppe, um neben seiner nun freieren Filmarbeit auch in der Lehre tätig zu werden. Er unterrichtete an der Hochschule Rhein-Main (Wiesbaden), gab dort sein Fachwissen weiter. Er vertrat die Professur „Film“ im Studiengang Kommunikationsdesign und war zudem Mentor der „Masterclass Non-Fiction“ an der Internationalen Filmschule Köln (IFS Köln). „Schnell habe ich Gefallen an der Lehre im Hochschulbetrieb gefunden. Es hat mir sehr gefallen, mein Wissen weitergeben zu dürfen, aber auch meine Ratschläge und meine bescheidenen Lebenserfahrungen. Manchmal sind die ja wichtiger als das Fachwissen. Gelegentlich kommt da neben dem Dokumentarfilmer dann aber auch der Pfarrer wieder durch, befürchte ich.“

Als freischaffender Künstler sehr umtriebig
Als freischaffender Produzent und Filmemacher realisierte Günther nach 2006 noch drei große Geschichtsdramen für das ZDF, in denen die Schauspieler Ben Becker, Dietmar Schönherr und Rolf Hoppe die Rollen von Martin Luther, Sigmund Freud und Johann Wolfgang von Goethe verkörperten. „Das war ein langgehegter Wunsch von mir, gerade auch die Arbeit mit Dietmar Schönherr in seinem letzten Film. Und ich wollte einmal so richtig das Dokumentarische mit dem Fiktionalen verschmelzen.“

So entstand eine neue Form der biografischen Erzählung, später dann „Biopics“ genannt – eine neue Fernsehform. Ein Jahr später, im Zeitraum 2008/2009, erarbeitete Günther eine 6-teilige ZDF-Weltgeschichte mit dem Präsentator Hape Kerkeling unter dem Titel „Historia Mundi“. Es handelt sich um einen lockeren Gesamtabriss der Weltgeschichte. „Weltgeschichte mit Lächeln und Augenzwinkern“, nennt es Günther. Ab Ende 2009 arbeitete er zusammen mit Maximilian Schell an ihrem halbfiktiven, halbbiografischen Spielfilm „Hamlet reloaded“.
„Ich liebe das Zusammenspiel von Musik und Film. So hatte ich es ja schon ganz zu Anfang beim Alexandra-Film versucht. Und das war auch meine Absicht, als ich mich mit dem russischen Konzertpianisten Lev Vinocour zusammentat, um für ZDF-Arte 2011 einen einstündigen Film über den Komponisten Franz Liszt zu realisieren, anlässlich dessen 200. Geburtstags.“ Danach entstanden noch zwei weitere Filme in musikalischem Stil: „Luthers Lieder“ und „Die 3Groschenoper“. Für eine weitere Dreier-Staffel „Imperium“, die im Juni 2011 ausgestrahlt wurde, inszenierte Günther die Spielszenen in Rumänien, der Karibik und den USA („Piraten“, „Ritter“ und „Indianer“). In den Folgejahren von 2013 bis ins Jahr 2021 entstanden weitere, sehr unterschiedliche Programme wie „Die Geschichte der Schönheit“ mit Senta Berger, die „Bodenseegeschichten“, „Wettstreit der Kathedralen“ und „Portrait-Malerinnen“.
Filmen – für ihn eine Berufung

Das berufliche Leben als Filmemacher hat Günther Kleins Leben geprägt. „Ich habe mich dabei gelegentlich wie ein finanziell gut abgesicherter Student gefühlt. Es passierte ja immer etwas Neues, und ich konnte immer wieder Neues lernen. Das war ein großes Privileg. Die Arbeit war niemals eintönig, nicht immer vorhersehbar. Oft war Improvisationsgeschick gefordert, gelegentlich auch Bewältigung von kleineren und größeren Gefahren. In vielen Regionen der Welt ist ja allein die Bewältigung des Alltags für die Menschen mühselig oder sogar lebensbedrohlich. Neben politischer Unsicherheit, Kriminalität und furchtbarer Armut grassieren vielerorts Krankheiten, denen oft nur mangelnde Gesundheitsfürsorge gegenübersteht. Diese Lebensumstände haben oft die Arbeit in der Fremde zusätzlich erschwert, auch mental belastet. Ohne einheimische Guides und die oft verblüffende Freundlichkeit fremder Menschen ging vieles gar nicht“, erzählt Günther von seinen Auslandserfahrungen. Sehr oft war Rumänien Drehort für die Spielteile der Dokumentationen. Es gibt in Bukarest noch eine alte, funktionierende Spielfilmkultur mit einem großen Kostümfundus, besonders für historische Sujets. „Und oft, wenn ich von besonders kargen Drehorten zurückkam, staunte ich wieder über den Reichtum und die Wohlfahrt Deutschlands, über unser schönes Land, in dem es ganz selbstverständlich ist, dass man wirklich in jedem Supermarkt, selbst im kleinsten Dorf, zu jeder Zeit alles findet, was ein Mensch zum Leben braucht.“

Der überzeugte Flensburg-Heimkehrer
Trotz seiner jahrzehntelangen „Flensburg-Abstinenz“ hat Günther Klein die Verbindung nach Flensburg immer gehalten. „Meine Eltern hatten beide das große Glück, in Frieden und bei guter Gesundheit alt werden zu dürfen. Mutter wurde immerhin 97, Vater wurde sogar 99 Jahre alt.“ Der Vater verstarb 2011, die Mutter im Jahre 2016. Bis zuletzt konnten sie zuhause in der eigenen Wohnung in der Marienallee wohnen und leben. Nicht zuletzt wegen der Eltern war Günther ein regelmäßiger Flensburg-Besucher.

Allmählich verschiebt sich sein Lebensmittelpunkt nun aber immer mehr von Wiesbaden in Richtung Flensburg. Aus dem Besucher wird langsam wieder ein Einheimischer. „Die Frage nach Heimat ist eine Frage der Emotion. Eine Frage des Herzschlags. Hier in Flensburg wohne ich nun in der einstigen Wohnung meiner Eltern in der Marienallee, zwischen Ochsenmarkt und Friesischer Straße. Alles sieht in den drei Zimmern eigentlich immer noch so aus wie damals, als hier noch Mutter lebte. In einer Welt, in der sich ständig alles verändert, ist es sehr schön, wenn es etwas gibt, das sich nicht ändert“, findet Günther. Und ganz in der Nachfolge seines Vaters, der ja „ewig“ Mitglied in der Segler-Vereinigung Flensburg war, tritt Günther in die Fußstapfen dieser Tradition ein, in die „Seglerheimat SVF“.

Die Segler-Vereinigung Flensburg (SVF)
„Ja, auch der Verein gibt mir das Gefühl, wieder zuhause angekommen zu sein“, bestätigt mir der überzeugte „Heimkehrer“. Über 400 Mitglieder und eine große Jugendabteilung sorgen dafür, dass auf dem Vereinsgelände immer „was los“ ist. Günther ist angetan vom Einsatz vieler Mitglieder, die sich engagieren und sogar Segelkurse für Erwachsene und Jugendliche anbieten. Das Clubheim wird ebenfalls regelmäßig für gesellige Zusammenkünfte genutzt, die Lokalität „Fördeblick“ ist ein echtes Vorzeige-Restaurant mit tollem Blick auf den Yachthafen und die Flensburger Förde. Und noch ein besonderes Highlight bietet die Seglervereinigung Mitgliedern und solchen, die es werden wollen: Sie können auf Vereinsbooten trainieren oder Boote gegen kleine Gebühr mieten, von der sportlichen Jolle bis hin zum „bewohnbaren“ Tourenboot, wie eben der „Flens“, auf der wir jetzt auch noch nach zwei Stunden gemütlich plaudern.

Sein Einsatz auf der „Alexandra“ als Käptn-Lehrling
Neben seiner Vereinstätigkeit als Bootspate arbeitet Günther Klein noch an seinem neuen maritimen „Flensburg-Projekt“. Den Seeschifferschein und die nötigen Funklizenzen hat er schon, das heißt, er darf gewerblich auf Schiffen Personen befördern. Aber demnächst will er als verantwortlicher Kapitän auf der Brücke eines besonderen Traditionsschiffes stehen, eben jenes kohlebefeuerten „Salondampfers Alexandra“, dem er als Jugendlicher seinen „Experimentalfilm“ widmete. Dieser Film war es ja, der ihn nach München brachte und damit den weiteren Lebensweg bestimmte. „Aktuell fahre ich bei jeder Gelegenheit als „Käptn-Lehrling“ und übe den zärtlichen Umgang mit dieser empfindlichen, 118 Jahre alten Dame.“

Seine „Liebste“ zieht mit
Günther Kleins langjährige Freundin und Partnerin Elke, seine „Liebste“, ist durchaus angetan von Günthers Plänen, hat längst ihr Herz an Flensburg – und auch an die „Alexandra“ – verloren und kommt stets wieder gern mit ihm in seine alte Heimat zurück, die auch schon ein bisschen „die ihre“ geworden ist. „Sie bezeichnet sich als ursprüngliche „Rand-Berlinerin/Ost“, doch ist die Liebe zur See auf sie übergesprungen, spätestens nach einigen sausenden Katamaran-Jagden mit meinem alten Hobiecat 16 in der Vemmingbunder Bucht.“

Seine Sicht auf Flensburg
Ziemlich zum Ende unseres Gesprächs kommen wir auf die aktuelle Situation in und um Flensburg zu sprechen. „Als jemand, der im Laufe seines Lebens viel gesehen und erlebt hat, empfinde ich meine Heimatstadt Flensburg als besonders schön. Wir leben hier in einer wirklich hübschen Stadt, nicht zu klein, nicht zu groß, deutsch, aber zugleich auch dänisch, eine Gegend, die viel Potential in sich birgt, die von der Natur begünstigt und landschaftlich reizvoll ist. Insbesondere die Förde, den Binnenhafen um die Hafenspitze herum, die Strände und Seglerhäfen sollten wir unbedingt pflegen und instand halten – das gilt übrigens auch für die Struktur unseres alten Stadtkerns, der viele Kriege und sogar die Stadtbild-Visionen der 60er und 70er Jahre einigermaßen schadlos überstanden hat. “

„Nach meinem Gefühl sind wir aber gerade in dieser entscheidenden Zeit dabei, unser städtebauliches Potential aus dem Blick zu verlieren, gerade was die Zustände unserer Küsten und Fördebegrenzungen angeht. Die abgesackte Kaikante ist ein Paradebeispiel für den bedenklichen Trend zu zögerlicher Verschleppung. Denn dass die Wiederherstellung dieses – auch touristisch unabdingbaren – Herzstücks Flensburgs weitere sechs Jahre(!) dauern soll, ist auch mit noch so vielen Argumenten weder mir noch einem Flensburger Bürger wirklich plausibel zu machen. Jede Verzögerung führt hier zu allgemeinem Kopfschütteln und frustrierter Resignation – mit allen bedenklichen Folgen für die Stimmung in der Stadtgesellschaft.“
Das Flensburg Journal bedankt sich bei Günther Klein für ein sehr angenehmes und informatives Gespräch. Wir freuen uns darauf, in nicht allzu ferner Zukunft zu ihm an Bord der „Alexandra“ zuzusteigen und einige schöne Stunden auf dem Wasser unserer Förde verbringen zu dürfen!
Mit Günther Klein sprach Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat















