Hätten Sie es gewusst, welcher Straßenzug einst als „älteste Einkaufsstraße Flensburgs“ galt? Nun, es ist die Schiffbrücke, die vermutlich älteste Straße am und entlang des Flensburger Binnenhafens!
Die Frühzeit
Die Schiffbrücke (auf Plattdeutsch und Petuh Schippsbrüch) liegt am Rande der Flensburger Innenstadt. Sie gilt tatsächlich als älteste Einkaufsstraße der Stadt. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte hat sie sich jedoch immer mehr und mehr zu der teils heute noch genutzten Flensburger Amüsier- und Partymeile gewandelt. Direkt an dieser Straße liegt auch der Schiffbrückplatz (heute heißt er „Willy-Brandt-Platz“). Die Anlegekais entlang der Schiffbrücke gehören zum Historischen Hafen Flensburg und waren bzw. sind stets der Start- und der Endpunkt von Ausflugsfahrten auf der Flensburger Förde gewesen.

Im Mittelalter gab es landgebundene Nutzungsmöglichkeiten des Flensburger Hafens ausschließlich am Westufer, unterhalb der Kirchspiele St. Nikolai, St. Marien und St. Gertrud. Dort am Wasser direkt in unmittelbarer Nähe der Kirchspiele, im Bereich unterhalb der Kirche St. Marien bis etwa zur Höhe des Nordertors, entstand mit der Schiffbrücke auch ein Anlegekai. Der Name der Schiffbrücke ist übrigens erstmals für das Jahr 1408 bezeugt.
Im Erdbuch, dem frühen Vorgänger des aktuellen hiesigen Grundbuchs Flensburgs, wird sie im Jahre 1436 als „Schipbrügge“ erwähnt. Flensburgs Schiffbrücke ist, wie der Name schon verrät, eine Arbeitsplattform in einem Hafen, ein gepflasterter (versiegelter) Ladeplatz mit Befestigung des Hafenufers, somit also kein Bauwerk, das einen Verkehrsweg (Fußweg, Radweg, Straße) über ein natürliches oder künstliches Hindernis führt.

Der Hafen entwickelt sich
Über Jahrhunderte wurde Flensburgs Hafen zu einem immer wichtigeren Faktor für das Wachstum der Stadt Flensburg. Am Hafen und insbesondere an der Schiffbrücke, wo eben damals auch schon Frachtschiffe mit entsprechendem Tiefgang anlegen konnten, wurden Güter angelandet und Handel getrieben.
Der Flensburger Hafen war natürlich nie mit den großen Überseehäfen wie Hamburg oder Bremerhaven zu vergleichen. Doch in der Wertigkeit der schleswig-holsteinischen Ostseehäfen lag die Stadt im Jahre 1898 mit rund 375 000 Tonnen Warenumschlag gleich hinter Kiel mit rund 1 Million Tonnen an zweiter Stelle. Bereits zehn Jahre später (in 1909) nahm Flensburg allerdings im Verhältnis zu anderen Häfen an der deutschen Ostseeküste einen der unteren Ränge ein. So lagen die Häfen in Stettin, Rostock, Danzig, Lübeck und Königsberg sowie Kiel deutlich im Handelsvolumen vor Flensburg.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Flensburgs Stadtbild ziemlich gewandelt. Etwa auf Höhe der Kreuzung der Schiffbrücke mit der Neuen Straße wurden nun große Frachter (die unter anderem Reis geladen hatten) entladen. Weiter nördlich wurde Holz gelöscht (entladen), noch ein weiteres Stück nördlich Fisch, danach folgten Kohle, dazu ein Anleger für fremde Passagierdampfer sowie ein Löschplatz für Kalk und Petroleum. Die starke Betriebsamkeit im Hafen führte durchaus zu einem insgesamt höheren Lebensstandard in Flensburg. Den Flensburgern ging es um 1900 wesentlich besser als um 1850.

Flensburgs Schritt in die moderne Zeit
Flensburg hatte sich daneben allerdings mehr von einer typischen Hafenstadt zu einem modernen Industrie- und Handelsstandort entwickelt. Der bedeutende Bevölkerungszuwachs, der mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Flensburg zu verzeichnen war, beruhte in erster Linie auf der zunehmenden Industrialisierung der Stadt. Zählte man im Jahr 1792 in Flensburg noch etwa 11.500 Einwohner, waren es 1890 schon knapp 37.000, weitere 20 Jahre darauf (1910) schon über 60.000 Einwohner.
Zu den erfolgreichsten Wirtschaftsunternehmen jener Zeit durften dabei neben der 1872 gegründeten „Flensburger Schiffbaugesellschaft“ auch die hiesigen Reedereiunternehmen gezählt werden.

Flensburgs Reedereien
Im Jahre 1900 waren in Flensburg zehn größere Reedereien ansässig, denen insgesamt 83 Schiffe, größtenteils Dampfer, gehörten. Daneben gab es drei sogenannte „Kapitänseigner“, die jeweils einen kleineren Lastensegler besaßen. Flensburg gehörte damals sogar zu den drei größten Reedereistädten des Deutschen Reiches hinter Hamburg und Bremen. Reedereien zählten damit in jener Zeit zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Stadt. Doch der Aufschwung dieser Branche wirkte sich nur teilweise auf die Bedeutung des Flensburger Hafens aus, da die meisten Schiffe in der „Trampfahrt“, also somit weltweit unterwegs waren und ihren Heimathafen im Verlauf eines Jahres nur sehr selten oder überhaupt nicht anliefen.

Der Flensburger Hafen in den Jahren nach 1910
Nach der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals (in 1948 umbenannt: Nord-Ostsee-Kanal) im Jahre 1895 liefen aus Übersee kommende Schiffe den Flensburger Hafen kaum noch an, der Schwerpunkt des Hafenverkehrs lag längst in der „Kleinen Fahrt“ oder auch Küstenfahrt. Eine der Flensburger Reedereien war die im Sprachgebrauch nur als „Vereinigte“ bekannte Reederei „Flensburg-Ekensunder und Sonderburger Dampfschiffahrtsgesellschaft“ von 1896.
Schon beinahe eine Million(!) Fahrgäste wurden um die Jahrhundertwende gezählt. Im Jahr ihrer Gründung leistete sich die „Vereinigte“ zudem einen prächtigen Dampfschiffspavillon direkt an der Hafenkante. Hier konnten sowohl die Passagiere ihre Fahrkarten kaufen als auch die Flensburger nach einem Spaziergang am Hafen oder nach einer Ausflugsfahrt einen exklusiven Restaurant-Besuch mit Fördeblick genießen. Im Jahre 1908 stieß ein besonders prächtiges Passagierschiff zur Flotte der „Vereinigten“: die allseits bekannte und heute noch fahrtüchtige „Alexandra“.

Die „Vereinigte“ hatte nun den gesamten Passagier- und Güterverkehr auf der Flensburger Förde in ihrer Hand und blieb damit bis in die 1920er Jahre hinein äußerst erfolgreich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte die Förde-Schifffahrt Mitte der 1950er Jahre ihr eigenes „Wirtschaftswunder“: Die „Butterfahrten“ begannen. Der steuer- und zollfreie Bordverkauf von Butter, Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten und anderen Konsumgütern wurde im deutsch-dänischen Grenzgebiet immer mehr zu einem sehr lukrativen Geschäft, das überall an Nord- und Ostsee Nachahmer fand. Die Fahrgastschiffe verwandelten sich in den Jahren in schwimmende Supermärkte, es wurden sogar Passagiere mit Busunternehmen aus ganz Norddeutschland nach Flensburg gefahren. Nach schrittweiser Einschränkung der allseits beliebten „Butterfahrten“ endete das Duty-free-Geschäft am 1. Juli 1999.
Die landseitige Entwicklung der Schiffbrücke
Im Jahre 1900 gab es entlang der Schiffbrücke immerhin 14 Gasthäuser. Einige dieser Lokale, die aufgrund ihrer Lage wohl ein beliebter Anlaufpunkt für viele Fahrensleute gewesen sein dürften, wurden von Männern betrieben, die selbst zuvor zur See gefahren waren. Folgerichtig erhielten diese gastlichen Stätten häufig Namen, die auf einen maritimen Bezug des Inhabers hinwiesen. Dazu gehörten beispielsweise der „Goldene Anker“ an der Schiffbrücke 22 oder das „Cap Horn“, dessen Inhaber, Schankwirt Henrik Jensen, selbst viele Jahre als Schiffszimmermann die Weltmeere befahren hatte, bevor er sich an der Schiffbrücke 29 niederließ. Ein weiterer beliebter Treffpunkt für Seeleute war auch die Gaststätte an der Schiffbrücke 56, die von August Lützen geführt wurde.

„Piet Henningsen“
Ein weiteres Zeitzeugnis ist jahrzehntelang (bis Anfang des letzten Jahres 2025) das Restaurant „Piet Henningsen“, gewesen, Schiffbrücke 20. Erstbesitzer des Lokals war der ehemalige Fahrensmann Reinhold Henningsen, der allerdings ausschließlich als Stellenvermittler für Schiffsmaschinisten tätig war. Seine Gastwirtschaft war zugleich Sitz des Flensburger Maschinistenvereins, einem Berufsfachverband, der bereits 1892 als Ableger des in Hamburg ansässigen „Maschinisten- und Heizerverbandes“ gegründet worden war. 1907 übernahm Reinhold Henningsens Sohn Peter, auch „Piet“ genannt, das Lokal. Er betrieb die Heuervermittlung für Maschinenpersonal weiter, schließlich war er selbst einst als Maschinist für eine Flensburger Reederei gefahren und zudem außerordentlich aktiv im Maschinistenverein tätig.

Geschichtsträchtige Häuser an der Schiffbrücke
Auch die Häuser entlang der Schiffbrücke erlebten teilweise sehr wechselvolle Zeiten, beispielhaft sei das Haus Nr. 32 erwähnt: Herzstück des heutigen modernen Hotels „Hotel Hafen Flensburg“ ist das im Jahr 1852 erbaute imposante Gebäude an der Schiffbrücke 32. Es wurde wahrscheinlich nach den Vorgaben des damaligen Stadtbaumeisters Laurits Albert Winstrup gebaut. Der war ein dänischer Architekt und königlicher Bauinspektor und just in jenen Jahren Stadtbaumeister in Flensburg. Das auffällige Gebäude wurde unter dem Namen „Kayser’s Hof“ bekannt. Der Name geht auf den einstigen Besitzer Marcus Hinrich Kayser zurück. Der ersteigerte das Gebäude im Oktober 1852 und eröffnete am 1. Mai 1853 ein Hotel mit dem Namen „Kayser’s Hof“.

Das Haus erlebte in den nachfolgenden Jahrzehnten eine wechselvolle Geschichte, wurde gar im Jahr 1972 als „ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ unter Denkmalschutz gestellt. Vor und auch nach dieser Auszeichnung waren diverse Unternehmungen dort ansässig, so u. a. in 1960 „Schloss Gottorf Rum“, (Firma Schloss Gottorf mit einem Rum-, Weinbrand- und Likör-Vertrieb), in 1961 Zerssen & Co., (ein Schiffsmakler und Firma für Schiffsausrüstung aus Kiel), von 1963 bis 1976 ein Hotelbetrieb namens „Casino“, ab 1976 die Firma Tuborg GmbH aus Kiel („Tuborg-Bier“), bis dann Anfang im Jahre 1981 Kai Uwe Jensen ins Spiel kam. Jensen war ein u. a. im dänischen Grenzhandel bekannter hiesiger Kaufmann, der im Jahre 2015 verstarb. Er investierte und baute seinerzeit viel um, eröffnete dann in 1982 im Hause Norddeutschlands Superdisco „Kayser’s Hof“, etablierte 1984 sowohl im Umfeld und als auch im Hinterhof zahlreiche gastronomische Betriebe wie das „Hard-Rock-Cafe“ und „Bourbon Street“, in 1985 kam ein „Eros-Center” dazu, 1997 folgte die „Sunny Discothek“. Im Hinterhof entstanden die seinerzeit bei der Jugend extrem angesagten Läden wie „Crypton“, „Coin Castle“, „Diskothek Harlekin“, „Confetty“ und der „Speicher“.

Kai Uwe Jensen kaufte alle Häuser des Ensembles nach und nach auf. Gegen 2005 verschwanden alle Pächter und Jensen verfolgte die Idee seines Hotelprojektes, das er aufgrund einer Insolvenz jedoch nicht mehr umsetzen konnte.
Die Neuzeit an der Schiffbrücke
Noch bevor die Förde-Schifffahrt mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zum Erliegen kam, fiel der Dampfschiffpavillon dem Abriss zum Opfer. Die Holzkonstruktion war von unten her durchgerottet, zudem mussten die dort an der Schiffbrücke verlegten Eisenbahn-Schienen dringend erneuert werden. So wurde der Pavillon folgerichtig im Jahr 1936, nach einer nur knapp 40jährigen Lebensdauer, abgerissen. Es wurde als Ersatz ein neues Abfertigungsgebäude an gleicher Stelle gebaut: Es entstand – leider – ein zweckmäßiger, nichtssagender und rechteckiger Flachbau aus rotem Ziegelstein, nicht gerade ein „Hingucker“. Auch diesem Bauwerk war keine besonders lange Lebenszeit vergönnt: Es wurde im Jahr 1996 im Zuge der Neugestaltung der Schiffbrücke abgerissen.

Nach der endgültigen Beseitigung von Zollzäunen und dem erwähnten Servicegebäude begann man im Millenniumsjahr 2000 schließlich damit, eine weitläufige und großzügige Promenade für Fußgänger und Radfahrer dort anzulegen. Später kamen noch ein neuer Fähranleger und ein Bootssteg für klassische Yachten hinzu. Die Sicht- und Wegeverbindungen zwischen der Innenstadt und der Förde konnten im Zuge dieser Baumaßnahmen deutlich aufgewertet werden.
Im Jahr 1993 ins Leben gerufen, fand bis 2017 jeweils in den „ungeraden“ Jahren im Flensburger Binnenhafen das „Dampf Rundum“ statt, seit 2019 wird es vom Historischen Hafen Flensburg organisiert – einer von den Vereinen des Hafens gegründeten gGmbH. Das Hafenfest bietet als besondere Attraktion diverse Rundfahrten auf historischen Dampferschiffen an. Die Schiffbrücke stand und steht an diesen drei Tagen stets im Mittelpunkt des Geschehens. So wurden unter anderem im Hof des Schifffahrtsmuseums Flensburg (Schiffbrücke Nr. 39) Dampfmaschinen von einheimischen Modellbau-Clubs ausgestellt und ein umfangreiches Kulturprogramm rundete das Großereignis ab, das in allen Jahren von über einer Viertelmillion Interessenten besucht wurde.
Überhaupt das Flensburger Schifffahrtsmuseum: Es ist ein 1979 gegründeter Zweigbetrieb des Städtischen Museums, und wurde 1984 im ehemaligen Zollpackhaus an der Schiffbrücke (pünktlich zur 700-Jahr-Feier der Stadt) eingeweiht. Das Haus bietet zur Stadtgeschichte einen Überblick über die Seefahrttradition Flensburgs. Hier erfährt man praktisch alles über den Hafen und die Kaufmannshöfe, über Reeder und Kaufleute, über Werften und Schiffe, über Tauwerk und Takellage, über Maschinen und Motoren, über Maschinisten und Kapitäne und deren Alltag auf See.

Ausblick
Die Schiffbrücke hat – nicht nur für Einheimische – enorm viel zu bieten: Sie war, ist – und wird es wohl auch künftig bleiben: ein Aushängeschild der Stadt und der Geschichte Flensburgs. Daran wird auch das augenblickliche Problem an der Schiffbrücke nichts ändern können: Die am 23.11.2023 abgesackte Kaikante – ursächlich war wohl das Jahrhundert-Hochwasser im Oktober 2023 – wird aktuell zurückgebaut. Bis zum Jahre 2030 soll hier eine neue Promenade entstehen. Wir müssen wohl noch viel Geduld aufbringen, bis wir einmal wieder entspannt mit einem Eis oder einem Fischbrötchen in der Hand die Hafenspitze durchgängig zu Fuß oder per Fahrrad in Gänze umrunden können.
Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Stadtarchiv Flensburg















