Am Stadtrand befindet sich ein Haus, von dem man einst die Förde und sogar Dänemark sehen konnte. Inzwischen verdecken Bäume die herrliche Aussicht. Ein angrenzendes Waldstück verleiht dafür die Atmosphäre einer Wohlfühloase. Und vor allem der farbenfrohe Garten mit dem Teich. An den Goldfischen erfreuen sich Reiher und Ringelnatter. Keine Frage: Der einstige Flensburger Oberbürgermeister Olaf Cord Dielewicz und seine Frau Ingar fühlen sich in ihrem Zuhause wohl. Auf dem Tisch liegt ein dickes Buch. Es heißt „Wegmarken. Ein persönlicher Bericht“. Aus den 570 Seiten sprudelt schon beim Querlesen eine umfangreiche Vita hervor und beinhaltet viele spannende Kapitel.

Geboren wurde Olaf Cord Dielewicz 435 Kilometer von Flensburg entfernt: in Erfurt, und zwar 1942. Die ersten konkreten Kindheitserinnerungen sind aber mit dem niedersächsischen Wittenburg verbunden, wo der Großvater mütterlicherseits herstammte. „Das sind doch Ilses Kinder“, hieß es dort. Eine Aussage, die dem Jungen und dem Mädchen der übergesiedelten Familie eine gewisse Narrenfreiheit und Geborgenheit garantierte. Zwischen Hühnerstall, Pferden und Ackerfrüchten entstand der recht lang gehegte Wunsch, einmal selbst in der Landwirtschaft tätig zu sein.
Wittenburg, Hannover, Karlsruhe, München
1950 zog die Familie in eine Vier-Zimmer-Wohnung in der Südstadt von Hannover. Der Vater, von Beruf Diplom-Ingenieur, hatte einen guten Job als Produktionsleiter. Weitere Umzüge folgten: Karlsruhe und schließlich München. „Ein Weltdorf mit Herz und 800.000 Einwohnern“, schwärmt Olaf Cord Dielewicz von der Bayern-Metropole in den 1950er Jahren. „Mit Fahrrad und Straßenbahn kam man überall gut hin. München erstickte noch nicht im Verkehr und war die Kulturhauptstadt Deutschlands, deren Angebote die gesamte Familie intensiv nutzte.“ Er selbst trat mit 16 Jahren den „Jungen Europäischen Föderalisten“ bei, was die kosmopolitische Prägung des Elternhauses weiter förderte.

Nach dem Abitur an einem humanistischen Gymnasium entschied sich der junge Mann für die Bundesmarine und eine 18 Monate dauernde Reservisten-Offiziersausbildung. Während der Grundausbildung war er in Glückstadt an der Elbe. Es war der dritte Kontakt mit Schleswig-Holstein, nachdem zwei Familienurlaube in Grömitz an der Ostsee und in Kampen auf Sylt genossen worden waren. Während der Marinezeit fuhr Olaf Cord Dielewicz mit einem Schulgeschwader bis zu den Färöern und der Atlantikküste Spaniens. Einmal lief er in eine Förde ganz im Norden Deutschlands ein, wo an der Marineschule Mürwik festgemacht wurde. „Auf dem Seeweg habe ich mich zum ersten Mal überhaupt Flensburg genähert“, schmunzelt der heute 84-Jährige. Die dramatischste Phase des Wehrdienstes sollte er in Bremerhaven erleben, als während der schweren Sturmflut 1962 eine ganze Nacht lang der Damm am Weserkniep zusammen mit den US-Amerikanern verteidigt werden musste. Eine Katastrophe konnte verhindert werden.

Wegen des Jura-Studiums nach Göttingen
Olaf Cord Dielewicz nahm in München ein Studium auf: Jura, Politikwissenschaft und Soziologie. Ganz konsequent waren die Bemühungen zunächst nicht, da die oberbayrischen Seen beim Segeln oder die kulturellen Angebote zu viel Ablenkung boten. Nach drei Semestern erfolgte der Wechsel nach Göttingen, in „eine Universitätsstadt zum Lernen“. Im Mai 1965 kam es im Auditorium Maximum zu einer folgenreichen Begegnung. Seinerzeit befanden sich unter den 800 Jura-Studenten nur sieben Frauen. Eine von ihnen war die Göttingerin Ingar, die im Treppenhaus dem zugereisten Kommilitonen sofort auffiel. Gemeinsam machten sie sich an den BGB-Schein, führten Streitgespräche auf dem Göttinger Altstadtwall oder in Cafés. „Was vertreten Sie denn für Ansichten!“, wunderte sich die junge Frau bisweilen. Doch schon bald prägte das vertrauliche Du den Alltag des jungen Paares.

Olaf Cord Dielewicz entschied sich nach einem sehr guten Abschluss zunächst für die wissenschaftliche Schiene. Als Assistent nahm er die Studentenunruhen von 1968 aus einem anderen Blickwinkel wahr. Er musste häufiger die Vorlesungen gegen aggressive Studenten schützen. Einmal forderte eine Protestgruppe zügigen Einlass in einen überfüllten Hörsaal. „Ich will hier rein“, polterte der lautstarke Anführer. Diesen kannte Olaf Cord Dielewicz von den Jusos. Der Eindringling war aber einen Kopf kleiner und ließ sich von der Präsenz des Assistenten einschüchtern. Schimpfend zog dieser von dannen: „Warte nur, bis wir dran sind, dann schaffen wir Leute wie euch ab.“ Das war Gerhard Schröder, der 30 Jahre später Bundeskanzler werden sollte.

Der Weg in die Kommunalverwaltung
Die Universität empfand Olaf Cord Dielewicz doch nicht als die Berufung. Aber auch eine klassische Juristen-Laufbahn behagte ihm nicht. Deshalb fing er 1973 in der Kommunalverwaltung von Northeim, einem Städtchen nördlich von Göttingen, an. „Man war nah an den Menschen, selbst an den Entscheidungen beteiligt und bearbeitete eine große Vielfalt an Themen“, schildert der 84-Jährige seine damaligen Beweggründe. Nach zwei Jahren war die neugebildete Kommune Osterholz-Scharmbeck das neue Betätigungsfeld. Olaf Cord Dielewicz war nun Stadtdirektor, was in etwa dem Bürgermeisteramt in Schleswig-Holstein entsprach. Das Thema, das alles andere überstrahlte, war die Verlegung einer großen US-Division in seine Stadt. Die Stadtverwaltung unterstützte dieses Anliegen, wünschte sich aber nicht nur Soldaten, sondern auch die Ansiedlung von Familien. Dabei hatte auch Ehefrau Ingar eine wichtige Rolle. Sie gründete einen deutsch-amerikanischen Club und lud sieben Frauen zu einem Kaffeekränzchen ein, überzeugte diese von der notwendigen Betreuung der US-Familien und initiierte ein Schneeball-System, sodass in relativ kurzer Zeit 1750 deutsch-amerikanische Patenschaften geschlossen werden konnten.

Die Bewerbung in Flensburg
Der Zufall wollte es, dass der Stadtdirektor aus Niedersachsen im Jahr 1981 auf einer Konferenz Bodo Richter traf. Dieser war damals der Oberbürgermeister von Flensburg. „In vielen Punkten befanden wir uns auf einer Wellenlänge“, erzählt Olaf Cord Dielewicz. „Er sagte mir: Flensburg ist eine schöne Stadt, für die solltest du dich interessieren, wenn ich mal weggehe.“ Rund ein Jahr später fand sich tatsächlich eine Stellenausschreibung in der Zeitung: Im November 1982 sollte die Flensburger Ratsversammlung einen neuen Oberbürgermeister auf neun Jahre wählen. Das Interesse war geweckt. Bodo Richter, den es nach Wuppertal zog, ging ans Telefon. „Auf deinen Anruf hatte ich gewartet“, schmunzelte er und erklärte seinem potenziellen Nachfolger die Flensburger Gepflogenheiten: „Die SPD ist derzeit nicht die stärkste Fraktion, aber der SSW stimmt normalerweise im dritten Wahlgang für den SPD-Mann.“ So kam es auch: Zwei Mal lag der CDU-Kandidat vorne. Vor dem letzten Durchgang schied der SSW-Vertreter aus. Seine Parteikollegen votierten fast alle für Olaf Cord Dielewicz.

Der „Neue“ wurde am 1. Februar 1983 mit einem Schiffshorn begrüßt. Von seinem Büro hatte er nur kurze Wege zur Bürgerhalle und in den Ratssaal. Wilhelm Petersen, als „Willy Zeremonie“ die Koryphäe des Hauptamtes, verschob seinen Ruhestand, um den neuen Bürgermeister ein Jahr lang einzuarbeiten. Dieser wohnte zunächst in einer kleinen Dachgeschosswohnung am Friesischen Berg und ging oft zu Fuß zum Rathaus. Im November zog die Familie nach – neben Ehefrau Ingar auch die beiden Söhne Lars (1972) und Jan (1976). Im Fokus befand sich zunächst ein Baugebiet in Tarup, aber dann reizte am Stadtrand ein erst fünf Jahre altes Haus. Die Lage war herrlich, inzwischen sind es 43 Jahre.
Das große Stadtjubiläum und handfeste Krisen
1984 brachte viel Glanz nach Flensburg. Die Stadt feierte ihre 700-jähriges Jubiläum. Schon der erstmals ausgerichtete Neujahrsempfang sprengte alle Erwartungen und den Rahmen der Bürgerhalle. Festakt, Festball, Stadtfest oder ein kilometerlanger Festumzug – die Feierlaune der Nordlichter begeisterte den noch frischen Oberbürgermeister, der in den Kontakt mit vielen Menschen kam. „Es war ein Fest der Flensburgerinnen und Flensburger für Flensburger und Flensburgerinnen“, bilanziert er heute und erzählt eine Anekdote: „Die Flensburger Gastronomie hat einen Flensburger Teller kreiert, und das ganze Jahr tanzten die Löwen im Stadtwappen – bei Augenbrauen runzelnder Duldung durch Historiker und Heraldiker.“ Dank zahlreicher Spenden und Flensburger Sachleistungen belastete das Jubiläum den Stadthaushalt nur mit 660.000 D-Mark und erzeugte eine riesige Werbewirkung.

Friede, Freude, Eierkuchen herrschte aber keineswegs im hohen Norden. 1986 schoss die Arbeitslosenquote in Flensburg auf 20 Prozent. Unternehmen meldeten Konkurs an, und auch die Werft geriet in kritisches Fahrwasser. Die Stadt besaß damals ein großes Aktienpaket. Deshalb war auch Olaf Cord Dielewicz voll in das Rettungsprogramm involviert. Er feilte in vier Jahren an einem Dutzend Lösungsvorschlägen, schließlich übernahm die Lübecker Werft Oldendorff den Flensburger Traditionsbetrieb – auf Vermittlung von Ministerpräsident Björn Engholm.

Die Sitzungen in den städtischen Gremien hatten seit der Kommunalwahl 1986 einen anderen Charakter. Die „Grünen“ waren noch eine junge Partei. „Sie hatten damals einen ideologisch-dogmatisch übersteigerten Redebedarf“, erinnert sich Olaf Cord Dielewicz ungern. „Die Sitzungen waren nun alle zwei bis drei Mal so lang wie vorher.“ Ein anderer ewiger Nährboden für Diskussionen war die Flensburger Krankenhauslandschaft. Neben den beiden konfessionellen Trägern war auch die Stadt eine direkte Akteurin, die im Mai 1986 endlich den ersten Spatenstich ihrer neuen Frauen- und Kinderklinik registrierte. Die Einrichtung im Marienhölzungsweg blieb nur wenige Jahre eigenständig.

Flensburg in einem veränderten Europa
Die Großwetterlage änderte sich. Seit September 1987 befanden sich Olaf Cord Dielewicz und weitere Vertreter des Rathauses im Austausch mit einer Delegation aus Neubrandenburg. Wenige Wochen später erfolgte der angemeldete Gegenbesuch in einem Kleinbus. Die merkwürdig vertäfelten Hotelwände und die riesigen Fotografen-Objektive bereiteten den Gästen aus dem Westen ein Unbehagen, dennoch dominierte das Wohlwollen auf beiden Seiten. Noch im November 1987 wurde der Partnerschaftsvertrag unterzeichnet. Zwei Jahre später fiel die Mauer. Neubrandenburg und Flensburg gehörten sehr bald demselben Staat an. Am 3. Oktober 1991 reiste Olaf Cord Dielewicz zur Festveranstaltung in der Partnerstadt. „Viele Westdeutsche müssen lernen, statt sich in Egoismus, Geiz und Besserwisserei gegenüber den Ostdeutschen abzukapseln, auf sie in Hilfsbereitschaft, Opferbereitschaft und menschlicher Zugewandtheit zuzugehen.“

Der Oberbürgermeister selbst war da gerade erst wiedergewählt worden – mit großer Mehrheit in der Ratsversammlung. Die zweite Amtszeit prägten der Abzug der Bundeswehr, die Expansion des Mobilfunkunternehmens „Motorola“ oder der Aufbau der Wirtschaftskooperation mit der Flächengemeinde Handewitt. Ein internes Thema war die Wandlung des Rathauses von der Behörde zum Dienstleistungsunternehmen. „Kostendenken ist teilweise noch wenig entwickelt, und oft fehlt das Bewusstsein, Leistungen gegenüber Kunden zu erbringen“, stellte Olaf Cord Dielewicz fest. Er selbst zog 1995 in die 13. Etage. In den unteren Stockwerken sollten das Bürgerbüro und andere viel frequentierte Abteilungen einziehen.
Sparkassen- und Giroverband statt Rathaus
Die Arbeitswochen mit 60 bis 80 Stunden schlauchten durchaus. Auf eine dritte Amtszeit ließ sich Olaf Cord Dielewicz nicht mehr ein. Er schied sogar etwas früher aus als geplant. Am 30. September 1999 um punkt 23.59 Uhr verließ er das Flensburger Rathaus. Keine zehn Stunden später wurde er in Kiel als „Herr Präsident“ gegrüßt. Olaf Cord Dielewicz hatte seit 1988 verschiedene Ehrenämter im Sparkassen- und Giroverband, leitete auch mehrmals die Verbandsversammlung und saß im Aufsichtsrat der Landesbank. Nun war er der neue Präsident, unterstützt von 120 hauptamtlichen Mitarbeitern.

Gut sechs Jahre war nun das Verbandsgebäude in Kiel-Mettenhof der berufliche Bezugspunkt. Die Suche in Kiel und Umgebung nach einem Haus blieb erfolglos, sodass das Haus am Fördewald der Wohnsitz bleiben konnte. Für gelegentliche Übernachtungen genügte ein Dozentenzimmer in der Sparkassen-Akademie. Kontaktpflege zur Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Außendarstellung gehörten zu den wesentlichen Aufgaben des Präsidenten. Das Sponsoring hatte einen Schwerpunkt: das Schleswig-Holstein Musik-Festival. Der Leonard Bernstein Award wurde für Nachwuchssolisten gespendet. Olaf Cord Dielewicz überreichte die Auszeichnung persönlich – vor einem Konzert. Der erste Preisträger war Lang Lang. Die ersten Takte verfolgte er noch im Backstage-Bereich, ehe er verschwand. Einem Hörsturz, der Anfang der 1990er Jahre zu spät erkannt wurde, folgten weitere gesundheitliche Sorgen. Ein Tinnitus nervt unermüdlich. „Man meidet alles, was laut ist, und man ist nicht mehr so gesellig“, verrät der 84-Jährige. „Am schönsten ist es an der See, denn dort ist die Brandung lauter als der Tinnitus mit seinem Zischen und Pfeifen.“

Nach seinem dritten Hörsturz im Januar 2005 reifte der Entschluss schon mit Ende des Jahres vorzeitig mit knapp 64 Jahren in Rente zu gehen. Reisen und Golf waren nun die größten Hobbys. Mit der alten Segel-Passion war es schon zur Jahrtausendwende vorbei, nachdem die Söhne „abgeheuert“ hatten. Sie leben heute mit ihren Familien in Elmshorn und am Bodensee. Die vier Enkel sind zwischen 12 und 16 Jahre alt.
Erinnerungen und der Lebensabend
Vor zehn Jahren begann noch einmal ein großes Projekt. Olaf Cord Dielewicz hatte viele Reden und Unterlagen gesammelt und wollte diese für die Gesellschaft für Stadtgeschichte zusammenstellen. Ihr Geschäftsführer Broder Schwensen schlug ein Erinnerungsband vor. 2019, pünktlich 20 Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt des Oberbürgermeisters, erschien der Wälzer. „Es ist etwas anders geworden als ursprünglich geplant“, erklärt der Autor. „Ich habe mich sehr genau an Fakten, den Quellen im Stadtarchiv und öffentlich zugängigen Unterlagen orientiert.“

Der Alltag ist ruhig geworden. Im letzten Februar reisten Olaf Cord Dielewicz und seine Ehefrau Ingar noch einmal nach Amrum, jetzt erleben sie ihr Zuhause „wie eine Ferienwohnung“. Sie lesen viel, gehen bei Holnis und Glücksburg an der Förde entlang und erfreuen sich am Garten, den sie mit Unterstützung eines Gärtners in Schuss halten. „Wir sind für jeden Tag dankbar“, sagt sie. Er lächelt: „61 Jahre hält Ingar es nun schon mit mir aus.“
Mit Olaf Cord Dielewicz sprach Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat















