Für einige Zeitgenossen mag der Mückenwald nicht mehr als eine Ansammlung von Bäumen sein, die sich zwischen Alter Ochsenweg und Alter Husumer Weg auf immerhin 25 Hektar erstreckt. Wer aber dort spazieren geht und vielleicht auf einem Weg stehen bleibt, um entspannt durchzuatmen, wird den Aufenthalt in der grünen Lunge von Flensburg-Weiche sicherlich genießen. Keine Frage: Der Mückenwald hat eine wichtige Naherholungsfunktion für den Stadtteil, er birgt aber auch manche Geheimnisse und vergessene Geschichten, die es wert sind, ans Tageslicht geholt zu werden.
Tragisches Unglück
Am 23. Januar 1952 war ein Schüler am Nachmittag vom Flüchtlingslager zum Mückenteich geeilt. Es herrschte Dauerfrost, das Gewässer war scheinbar zugefroren. Am Abend fand man die Leiche des Jungen, er war beim Spielen auf dem dünnen Eis eingebrochen. Es herrschte große Trauer im Flüchtlingslager. Bei der Beerdigung auf dem Friedenshügel standen die Schulkinder von der Kapelle bis zum Grab. Ein Chor der „Schule am Flugplatz“ sang.
Schwere Belastung
Die Flensburger Stadtverwaltung war im Frühling 1953 mit dem „glaubhaften Gerücht“ konfrontiert, dass bei Kriegsende größere Mengen von Waffen und Munition im Mückenteich versenkt worden waren. „Das Baden muss daher als gefährlich angesehen werden“, hieß es. Verbotsschilder wurden aufgestellt. Die Feuerschutzabteilung des Kieler Innenministeriums suchte den gesamten Uferstreifen bis auf ein Meter Wassertiefe ab. Es wurde aber nur etwas Schrott geortet. Auch danach wurde immer wieder die Mär erzählt, dass ein Panzer oder gar ein Flugzeug auf dem Grund des kleinen Sees liegen würden.
Ende der Badestelle
Im Sommer 1953 sah man wieder vereinzelt Schwimmer im Mückenteich. Das Ordnungsamt der Stadt Flensburg stellte Schilder auf: „Baden auf eigene Gefahr!“ Ganz in der Nähe gab es bereits das Freibad Weiche. Dessen Wasserqualität wurde damals bemängelt – bis ein Professor aus Kiel erklärte: „Das Baden im Mückenteich ist weit gesundheitsgefährdender.“

Das Ende der Gaststätte
Christine Werk übernahm zum August 1952 die Wohnung und die Gaststätte am Mückenteich. Sie beantragte, fünf Lichtmasten aufzustellen und 200 Meter Kabel durch eine Tannenschonung zu verlegen. Die Gastronomin erhielt nicht nur eine Absage, sie trat auch eine ungeahnte Lawine los. Vorgänger Seneka Sönksen hatte in der Kriegszeit von einem städtischen Gremium die Ausschankerlaubnis für Flaschenbier, Branntwein und nikotinhaltige Waren erhalten. Das Liegenschaftsamt hatte diesem Vorgang aber nicht zugestimmt. Auch das Wohlfahrts- und Jugendamt hatte große Bedenken. „Die Schankstelle liegt ganz unbeobachtet, es kann ungestört gefeiert werden“, meinte die städtische Behörde und ergänzte: „Auch für viele Jugendliche des großen Flüchtlingslagers Flensburg-Weiche bildet die Schankwirtschaft eine Gefahr, da in vielen Familien der Vater und damit oft eine straffe Erziehung fehlt.“
Ein städtischer Waldarbeiter beobachtete, dass am Mückenteich weiterhin Tanzabende mit Musikkapelle gefeiert und alkoholische Getränke konsumiert wurden. Das Liegenschaftsamt kündigte den Pachtvertrag zum 1. Juli 1953 und ordnete den Abriss an. Die Wirtin klagte gegen diese Entscheidung, bekam vor Gericht aber kein Recht. Im September 1954 war der Räumungstermin fix. Die Verkaufshalle ging an die Flensburger Brauerei. Ein Gärtner war damit beauftragt, das Fundament zu beseitigen.
Waldbrände
Am 23. März 1954 entdeckte der Revierförster einen Waldbrand. Eine 1,4 Hektar große Kultur mit Fichten und Lärchen, die erst sechs Jahre zuvor gepflanzt worden waren, wurde vernichtet. Die Täter waren zwei Jugendliche, 16 und 14 Jahre alt. Die Schadenssumme betrug 2300 D-Mark. Gut zwei Jahre später, am 23. April 1956, brannte es nachmittags am Mückenteich. Ein Zehnjähriger war von Freunden verleitet worden, mit Feuerzeug trockenes Gras in Brand zu setzen. Schnell war ein halber Hektar mit Lärchen und Fichten vernichtet – ebenfalls eine junge Schonung. Die Eltern wurden regresspflichtig gemacht.
Naturnaher Schulweg
Das ehemalige Offizierskasino in Weiche schmiegt sich noch heute an den Mückenwald. Heute gehört es zum Dialyse-Zentrum, in den 50er Jahren diente es als dänische Schule. Viele der Jungen und Mädchen kreuzten auf ihrem Schulweg das Gehölz und kamen am Mückenteich vorbei. Kirsten Jordt erinnert sich: „Auf dem Wasser schwammen Schwäne, deren Nest auf der Seite zum Weg lag. Einmal wollten wir nachschauen, ob im Nest Eier liegen. Wir wurden vom Schwanenpaar durch wütendes Fauchen und mit ausgebreiteten Flügeln angegriffen und verjagt. Seitdem hatten wir großen Respekt vor den Schwänen. Ebenso vor den vielen Libellen, die um uns herumschwirrten.“ Im Winter holte manch Schüler die Schlittschuhe heraus und flitzte in der Pause auf dem zugefrorenen Mückenteich. Von Fußball-Veteranen des TSV Weiche-West weiß man, dass so mancher Konditionslauf um das Gewässer führte.
Text: Jan Kirschner















