Das kennen Sie doch bestimmt auch: „Der tickt doch nicht ganz richtig!“, denkt man manchmal, wenn sich jemand nicht an die für einen selbst als normal geltenden Regeln hält. Das ist durchaus übliche Alltagssprache und „Alltagsdenke“, die aber Zuschreibung, Vorurteile und Stigmata gegenüber Menschen mit einer psychischen Erkrankung enthält. Vorschnell und oft leicht dahin gesagt, übergeht man damit schnell seine Verunsicherung, wenn sich jemand anders verhält, als von einem selbst erwartet.

Wie die „Brücke Flensburg“ entstand

Vor mittlerweile fast 50 Jahren vollzog sich in unserer Gesellschaft eine Entwicklung dahin, seelischen Erkrankungen gegenüber eine andere Einstellung zu entwickeln. Langsam, aber doch stetig geschah dies, und letztlich nahm auch die Politik den Ball auf, und veränderte ihre Sozialgesetzgebungen entsprechend. So hat im Jahr 1973 die im Auftrag des Bundestages eingesetzte Psychiatrie-Enquete einen ersten Zwischenbericht veröffentlicht, der unter anderem die elenden und teilweise unwürdigen Umstände in den Anstalten der Nachkriegspsychiatrie hierzulande beschrieb.
In Flensburg wurde Ende der 70er Jahre von einigen Betroffenen sowie auf diesem Gebiet engagierten Sozialarbeitern*innen anfangs eine Selbsthilfeinitiative ins Leben gerufen, und erste Schritte auf dem Weg zu organisierter Hilfe unternommen.
Hervorgegangen aus der erwähnten Selbsthilfeinitiative, unterstützt die seinerzeit ins Leben gerufene „Brücke Flensburg“ seit ihrer Gründung am 13.06.1980 Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen.
In den ersten Jahren seines Bestehens fand der Verein eine Heimstätte in der Rathausstraße, ist aber schon längst in der Waitzstraße 3 heimisch geworden. Der dortige Gebäudekomplex – das einstige Landratsamt (bis 1974) des Kreises Flensburg-Land – hat sich schnell als optimale Basis für die „Brücke Flensburg“ erwiesen.
Wesentliches Ziel ist es damals wie auch heute, den Betroffenen die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. „Wir unterstützen sie dabei, gesundheitliche Stabilität zu erlangen und ihr Leben in Selbstbestimmung sowie größtmöglicher Zufriedenheit zu führen“, ergänzt Geschäftsführer Dirk Johannsen.
2005 wurden die Angebote der Einrichtung, für die bis dahin der Verein Brücke e. V. Flensburg selbst Träger war, in eine gemeinnützige GmbH übergeleitet.
„Zu unseren Unterstützungsangeboten gehören heute zwei Begegnungsstätten, der Bereich der Ambulanten Betreuung, eine Tagesstätte, verschiedene Wohneinrichtungen, eine Ergotherapie-Praxis, Angebote für Eltern mit psychischen Schwierigkeiten und ein Präventions-Projekt“, zählt Johannsen mit berechtigtem Stolz die heutigen Angebote und Leistungen der „Brücke Flensburg“ auf.
Mittlerweile beschäftigt die „Brücke“ immerhin 58 hauptamtliche Mitarbeiter, und es besteht durchaus Bedarf für die Einstellung weiterer fachkompetenter Kollegen und Kolleginnen.

Für wen ist die „Brücke“ da?

Die Fachleute der „Brücke“ begleiten Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen, die zur Bewältigung ihrer Erkrankung und zur Verbesserung ihres psychischen Wohlbefindens Unterstützung benötigen. Das sind sowohl Menschen in akuten, schwierigen Lebensphasen als auch diejenigen, die für eine längere Zeit eine begleitende Unterstützung benötigen. Zudem bieten die Begegnungsstätten vielfältige Möglichkeiten für soziale Kontakte und die Gestaltung des Alltags an.
„Da sein“ bedeutet:
Zuhören – beraten – begleiten – unterstützen – motivieren – gemeinsam suchen
„Ganz wichtig: Zunächst sind wir einfach da und versuchen zu verstehen – die Situation, die persönliche Verfassung, den akuten Gemütszustand. Im Rahmen einer wertschätzenden Begegnung versuchen wir gemeinsam mit dem betroffenen Menschen herauszufinden, wobei Unterstützung benötigt wird“, beschreibt Dirk Johannsen die ersten Kontaktaufnahmen. Er ergänzt:
„Wir begleiten Menschen auf ihren individuellen Wegen und unterstützen sie dabei, ihre persönlichen Möglichkeiten zu entdecken und zu entfalten, um ein möglichst zufriedenes Leben führen zu können. Handlungsleitend ist für uns der Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe.“

Was heißt das für die „Brücke“?

„Der Mensch wird als selbstständiges Individuum gesehen – einzigartig in seinem Sein, mit seiner jeweiligen Lebensgeschichte und seinen eigenen (Lösungs-)Wegen. Folglich stimmen wir unser Handeln darauf ab, dass Menschen im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten bestmöglich am Leben in der Gesellschaft teilhaben und zur Selbsthilfe befähigt werden. Unsere Haltung und unser Handeln basieren maßgeblich auf Werten wie Respekt, Selbstbestimmung, Verlässlichkeit, Begeisterung und Qualität“, erläutert der Geschäftsführer.

Plakatkampagne „MiteinAndersSein“

Was die „Brücke“ auszeichnet

Die „Brücke“ Flensburg hat maßgeblich an der Entwicklung und Umsetzung außerklinischer Angebote im Sinne einer gemeindenahen Sozialpsychiatrie für Flensburger Bürger*innen mitgewirkt.
„Wir stellen uns seit über vier Jahrzehnten kontinuierlich der fachlichen und gesellschaftlichen Entwicklung und entwickeln uns und unsere Angebote beständig weiter“, führt der Geschäftsführer mit berechtigtem Stolz aus.
Will man die „Brücke“ Flensburg mit wenigen Schlagworten beschreiben, zeichnet sie Folgendes aus:
Im Mittelpunkt – der Einzelne mit seinem individuellen Unterstützungsbedarf
Sowohl als auch – Fachlichkeit und Menschlichkeit
Von … bis – kurzfristige und/oder langfristige Unterstützung
Qualität – Weiterentwicklung und Reflexion des eigenen Tuns
Mitgestalten – Enttabuisierung psychischer Erkrankungen

Jubiläumsbroschüre – interessant und hilfreich

Antistigma-Kampagne „MiteinAndersSein“

„Seit Gründung der „Brücke“ Flensburg vor über 40 Jahren setzen wir uns für den Abbau von Diskriminierung und Stigmatisierung psychisch erkrankter Personen ein. Stigmatisierende Einstellungen gegenüber psychischen Erkrankungen gab es im Jahre 2020 immer noch, und wird es wohl auch zukünftig noch geben.
Diese sind wesentlicher Faktor der Verhinderung des Sich-Öffnens und Hilfeholens bei seelischen Herausforderungen. Ganz konkret heißt das, sie stehen massiv seelischer Gesundheit sowie deren Stärkung, Erhaltung oder Wiedererlangung entgegen.
Um auf eben dies aufmerksam zu machen, problematische Vorurteile aufzunehmen und passende Alternativen anzubieten, haben wir die Öffentlichkeitskampagne unter dem Motto „MiteinAndersSein“ zusammengestellt.
Diese Kampagne stellt in vier verschiedenen Plakatmotiven sogenannte Stigmen gegenüber psychischen Erkrankungen und Herausforderungen dar. Dabei ist es eigentlich offensichtlich, dass seelische Herausforderungen „normal“ sind und jedermann/jederfrau betreffen können.“
Die Kampagne wird bei der „Brücke“ insbesondere von den Mitarbeitern Bente Klabes und Roger Grahl betreut und vorangetrieben. „Unser Ziel ist es, dass unsere Plakate die Mitmenschen zum Nachdenken bewegen und sie ins Gespräch darüber bringen, wie man gut oder besser mit diesen Herausforderungen umgehen könnte und sollte“, bringen es Bente und Roger auf den Punkt. Neben den Plakatmotiven, die seit einiger Zeit an unterschiedlichen öffentlichen Stellen in der Stadt Flensburg aufgetaucht sind, gibt es eine eigene Webseite für die „MiteinAndersSein“-Kampagne (miteinanderssein.de). Die Motive waren und sind am Deutschen Haus, aber auch an Werbeflächen in hiesigen Supermärkten, in Bussen, sowie an diversen Stellen im Internet zu sehen. „Auf der „MiteinAndersSein“- Homepage geben wir persönlichen Erfahrungen mit Stigmatisierung Platz und Raum“, ergänzen Bente und Roger bei der Vorstellung der Kampagne im Gespräch.
Die Plakatmotive gehen auf Alltagssprüche ein, die man gern und oft gedankenlos nutzt, wenn man jemanden beschreiben will, der „anders“ gehandelt hat: Dann „tickt der eben nicht richtig“, oder „er hat ein Rad ab“, hat „nicht mehr alle Latten am Zaun“, oder er hat eben „eine Macke“! Lächelnd räumt Roger Grahl in einem Nachsatz ein: „Bedanken müssen wir uns insbesondere bei den Kollegen des Landesverbands Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern, die eine tolle Kampagne ins Leben gerufen haben (www.antistigma-mv.de), auf deren super Ansätzen wir unsere eigenen Ideen aufgebaut haben!“
Beide Protagonisten, wie auch „Brücke“- Geschäftsführer Dirk Johannsen, sind erkennbar stolz auf die angelaufene Kampagne, freuen sich auf ein künftiges gutes und faires „MiteinAndersSein“ – und sind guter Dinge, dass man mit dieser Aktion wirklich etwas bewegen wird!

Das Flensburg Journal bedanktsich für ein interessantes und äußerst lehrreiches Gespräch.
Mit den genannten „Brücke“nbauern sprach Peter Feuerschütz!
Fotos: Benjamin Nolte

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