Im Wohnzimmer liegen Fotoalben aus mehreren Jahrzehnten auf dem Tisch. Einige Familienbilder hängen an der Wand und bilden den Rahmen für ein Gespräch, das für eine Biografie bis zu fünf Dekaden zurückgehen wird. Es ist eigentlich eine Vier-Augen-Konversation. Doch plötzlich kommt ein Dackel hereingeweht und legt sich unter den Tisch. „Willi wills wissen“, lacht Heiko Frost. Umringt von Frühlingsblumen und einem Teller mit vielen bunten Ostereiern starten wir in ein buntes Leben, das Privates, aber auch viel Beruf und Ehrenamt bietet.

Die Hauptperson ist im Oktober 1967 in Kiel geboren, aber aufgewachsen in Felde (Westensee) in einem eher konservativen Elternhaus. Der Vater war Verwaltungsjurist im Kieler Sozialministerium, die Mutter Lehrerin und Organistin. Zwei ältere Geschwister verstärkten den Eindruck, dass der kleine Heiko etwas anders ist. Er brachte schon aus der Grundschule nicht so prickelnde Noten mit nach Hause und wechselte in der dritten Klasse zur Waldorfschule in Rendsburg. Da lief es etwas besser, der Junge hinterfragte aber stets, warum denn nicht Wichtigeres in der Schule vermittelt werden würde.

Naturschutz und Landwirtschaft
Heiko Frost war kein destruktiver Heranwachsender, eher etwas aufmüpfig – und vor allem ein Idealist. Ihm genügte es nicht mit Trompete und Gitarre zu musizieren, er engagierte sich für politische Themen. Schon als Elfjähriger trat er „Amnesty International“ bei und verteilte Flugblätter in Felde. Nicht viel später gründete er mit einigen Mitstreitern eine Art Verein, um sich für Natur und Umwelt einzusetzen – damit sich das beschauliche Felde nicht in eine „Betonwüste“ verwandeln würde. „Wie sich der Kreis schließt“, schmunzelt Heiko Frost. Gerade ist er Vorsitzender vom Flensburger „Klimapakt“ geworden.

Seine Eltern waren geschockt, als er mit der elften Klasse und dem Realschulabschluss seine schulische Bildungslaufbahn beendete. „Der Heiko lebt von Luft und Liebe“, hieß es. „Mein Gott will, dass ich fröhlich bin“, dachte der Filius. Er hatte längst einen Plan und startete mit einer Ausbildung zum Landwirt, zunächst zwei Jahre in Ostenfeld, dann ein Jahr in Groß Vollstedt. Danach wollte Heiko Frost sein „Faible für Landwirtschaft mit der Pädagogik verbinden“. Als Trittbrett diente ausgerechnet der Zivildienst. Nachdem er im Kreiswehrersatzamt die Anhörungen überstanden hatte und er als Kriegsdienstverweigerer anerkannt war, lag ihm eine Liste möglicher Stellen vor. Ins Auge fiel der Flensburger Holländerhof. Die Arbeit mit behinderten Menschen interessierte ihn, zumal einige Pfadfinder-Kameraden auch gen Norden abwanderten.

Wohnung in Flensburg und Segeltörns
Ende der 1980er Jahre war Heiko Frost das einzige Mal in seinem Leben in Flensburg gemeldet. Seine Unterkunft befand sich in der Glücksburger Straße. Eingebrannt hat sich bei ihm das triste Industriegebiet am Hafen. Die Gegenwart gefällt ihm besser. „Flensburg ist sexy geworden“, findet der ehemalige Zivildienstleistende. „Die Stadt profitiert von der Lage an der Grenze und hat eine so tolle Silhouette, wenn man nachts das Ostufer entlangfährt.“ Damals war er häufiger in der Disco „Roxy“. Er war nicht allein, sondern hatte ein Motorrad, mit dem er viel in der Umgebung unterwegs war – auch nach Dänemark. Der Reiz dieses skandinavischen Landes ließ ihn nie los.

Die spektakulärsten Abenteuer ließen sich mit einem Kumpel erleben, der einen Traditionssegler unterhielt und häufiger Tagestörns organisierte. Heiko Frost, der bis dahin nur mit einem Paddelboot auf Eider oder Westensee unterwegs war, kam nun mit einer ganz anderen Gewässerkategorie in Berührung: dem offenen Meer. 1989 war er sogar Teilnehmer der Regatta „Baltic Sea Race“. Es ging einmal um die Ostsee. „Im Sturm mussten wir nach Helsinki, weil der Kulturattaché von Luxemburg dort an Bord wollte, um ein profitables Projekt zu besprechen“, erinnert sich Heiko Frost. „Was daraus geworden ist, weiß ich nicht.“

Denn noch dramatischer war es im Baltikum. Damals ein Unruheherd in der noch existierenden Sowjetunion. Bei einem Landgang in Tallin wurde der Gast aus Deutschland plötzlich in ein Haus gezogen. „Jetzt ist es zu gefährlich, sich auf der Straße aufzuhalten“, meinten die Bewohner. Draußen rasten Fahrzeuge mit Sirenen vorbei. Weiter ging es in Richtung Litauen. „Vor Klaipeda kam uns eine Jacht entgegen, deren Besatzung uns davon berichtete, dass auf sie geschossen worden wäre“, erzählt Heiko Frost. Er selbst kam heil nach Hause und war auf den Geschmack gekommen. Bald erwarb er den Gaffelkutter „Hanta Yo“. Das Liebhaber-Stück stand einige Jahre in Büdelsdorf. „Vier Stunden waren es bis zur Holtenauer Schleuse, dann war man auf der Ostsee“, verrät Heiko Frost. Nach einigen Jahren verkaufte er das Schiff an einen Holländer. Jetzt besitzt er eine kleine Jolle, die am Limfjord vor Anker liegt.

Hamburg, Bauernhof und Familiengründung
Relativ schnell nach dem 18-monatigen Zivildienst verließ der heute 58-Jährige Flensburg. In Hamburg startete er eine Ausbildung zum Erzieher, holte das Abitur nach und wurde zum Schulsprecher gewählt. Er beschäftigte sich mit politischer Bildungsarbeit und hatte 1993 einen ersten Job: bei einer Jugendhilfe auf der Halbinsel Schwansen. Der Liebe wegen landete er auf einem Bauernhof vor den Toren Flensburgs. Sein Schwiegervater war Landwirt. Zusammen mit seiner damaligen Frau hütete Heiko Frost 35 Schafe und züchtete Pferde. Gerade war eine Holsteinische Stute prämiert worden, da zerbrach die Ehe.

Heiko Frost musste auf andere Gedanken kommen und wechselte zu einem privaten Träger nach Kiel. Wie es der Zufall so wollte, lernte er sehr bald eine ehemalige Arbeitskollegin besser kennen: seine heutige Frau Jeannette. Sie heirateten 1997 und wurden Eltern von drei Kindern: Finja, Annika und Robin. Der Familienvater war für das Diakonische Werk und eine Sozialtherapie in Eckernförde tätig. Nebenbei absolvierte er ein Qualifizierungsstudium der Betriebswirtschaftslehre. Der Titel der Diplomarbeit: „Vergleichende Studie über die sozialpsychiatrische Arbeit in Schleswig-Holstein und Süd-Dänemark.“

Bullerbü und Gemeinderat
Die Familie wohnte damals auf dem „Rüterhof“ in Haby, unweit vom Wittensee. Der Eigentümer war nicht nur der Vermieter, sondern auch einer der Nachbarn. Es war eine Gemeinschaft aus sieben Familien. „Wir sind gemeinsam in den Urlaub gefahren und haben Weihnachten oder Ostern zusammengefeiert“, erzählt Heiko Frost. „Es war ein Stück Bullerbü für unsere Kids.“ Der Vermieter gehörte zu den emsigen Zeitgenossen. Unter anderem gründete er einen Senioren-Förderverein ,,Reisen in Gemeinschaft“, der Tagestouren, zehntägige Reisen oder Ferntrips für Menschen organisiert, die sonst kaum verreisen könnten. Derzeit versucht Heiko Frost dieses Angebot in seinem heutigen Wohnort Schafflund zu etablieren. Im April ist ein nächstes Treffen geplant.

2002 trat er in die SPD ein. „Wenn ich etwas zu meckern habe, dann muss ich auch etwas einbringen“, sagt der 58-Jährige. Damals gehörte er dem Gemeinderat von Haby an. Es ging um den Aufbau eines Kindergartens und die Einrichtung eines Jugendraumes. Die eigenen Kinder besuchten bald eine dänische Schule. „Wenn man so dicht bei Dänemark wohnt, dann sollten die Kinder etwas von der dänischen Sprache und Kultur mitkriegen“, erklärt Heiko Frost.

Der „geliebte“ Knivsberg
Vielleicht war es eine weise Voraussicht. Denn der nächste Umzug überschritt die Grenze. 2007 übernahm Heiko Frost die Leitung der Bildungsstätte auf dem Knivsberg, dem Hotspot der deutschen Minderheit in Dänemark. In den nächsten Jahren baute er das Angebot kontinuierlich aus. Kreativfreizeiten, Musikfestivals und Literaturabende gehörten zum Programm, hinter den Kulissen wurde an einer stärkeren Partizipation der Jugend und an europäischen Projekten gearbeitet. Die Zahl der Übernachtungen stieg binnen weniger Jahre von 7000 auf 20.000 Übernachtungen, während im Gegenzug die Jugendlichen nach Osteuropa reisten und andere deutsche Minderheiten trafen. Ein Austausch, der von Heiko Frost organisiert wurde.

In seiner Leitungsfunktion hatte er häufiger mit dänischen Medien zu tun, als er gedacht hätte. Immer mal wieder wurden in Archiven Dokumente ausgegraben, die auch die Gedenkstätte betrafen. „Wenn es belegt war, dass derjenige etwas Schlimmes getan hat, dann schleiften wir den eingravierten Namen“, berichtet Heiko Frost. Als im Sommer 2012 bei der Fußball-Europameisterschaft die dänischen und deutschen Teams gegeneinander spielten, veranstaltete der Knivsberg ein Public-Viewing. 350 Menschen erschienen und feierten ein Volksfest – entweder mit einem gemalten Danebrog im Gesicht oder einer Deutschland-Fahne in der Hand. Ein dänischer TV-Sender drehte. Am nächsten Tag wunderte sich Heiko Frost, dass der Beitrag überwiegend Szenen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs verwendete. „Da sitzt in der Chefredaktion jemand, der noch nicht so weit ist“, mutmaßte Peter Iver Johannsen, der Generalsekretär der deutschen Minderheit.

Austausch der Schullandheime und Bildungsstätten
Heiko Frost hatte Kontakte nach Berlin, da dem Innenministerium die Unterstützung der deutschen Minderheiten in den Nachbarländern am Herzen lag. Er pflegte ein Netzwerk, das weit verzweigt war. So saß er als Knivsberg-Chef mit anderen Bildungsstätten der Grenzregion zusammen. Ein Austausch, den auch die Landespolitik begleitete. Teilnehmer der CDU war der heutige Ministerpräsident Daniel Günther.

2008 machte sich Heiko Frost auf den Weg, um in Klietz (Sachsen-Anhalt) einer Jahresversammlung des Bundesverbandes für Schullandheime beizuwohnen. Eigentlich hatte er den Mitgliedsbeitrag schon auf einer Streichliste notiert, doch vor Ort genoss er nicht nur die netten Gespräche, sondern erkannte auch die Sinnhaftigkeit einer Vertretung für 240 Schullandheime. „Sie haben nicht einfach nur Betten für Jugendgruppen, sondern im Haus auch immer ein pädagogisches Konzept“, erklärt Heiko Frost. Sehr bald wurde er Landesvorsitzender und fungiert seit 2016 sogar als Bundesvorsitzender, obwohl er sich da schon beruflich neuorientiert und seinen „geliebten Knivsberg“ verlassen hatte.

Neue Aufgabe in Flensburg, Umzug nach Schafflund
2014 hatte ihn der „Rechtsruck“ in Dänemark schockiert. Zudem hatte er das Gefühl, dass er manchen Mitstreitern zu aktiv wäre und an zu vielen Projekten arbeiten würde. Die Gedanken an eine Auswanderung wurden häufiger. Der Zufall wollte es, dass bei einer Veranstaltung auf dem Knivsberg auch ein ehemaliger Leiter auftauchte: Nis-Edwin List-Petersen. Im Gespräch ergab sich, dass seine Ehefrau Brigitte Handler als Geschäftsführerin der Flensburger Kinder- und Jugendinstitution „Adelby 1“ bald ausscheiden würde. Die Nachfolge musste geregelt werden.

Auch Heiko Frost bewarb sich, wähnte sich gut im Rennen, bis ein Mitbewerber die besseren Karten besaß. Zwei weitere Optionen tauchten auf: die Nordsee-Akademie in Leck ähnelte aber zu sehr dem Profil vom Knivsberg und wirkte nicht wie der Ort einer beruflichen Veränderung. Sehr interessant erschien die Aufgabe, in Gifhorn zwei Kirchenkreise zu fusionieren. Doch für einen Umzug nach Niedersachsen fehlte die Rückendeckung der Familie. Plötzlich meldete sich „Adelby1“. Der Wunschkandidat stand doch nicht zur Verfügung, die vermeintlich zweite Wahl wurde zur Dauerlösung. Die war praktisch mit Antritt der Geschäftsführung mit einem nicht kostendeckenden Betrieb konfrontiert und häufiger Gast in den Krisenabteilungen der Banken. „Ich bin unschön aufgewacht“, erzählt Heiko Frost. „Es steckte viel Arbeit dahinter, das Jahr 2015 noch zu einem positiven Abschluss zu bringen.“

Auch privat hatte der Wechsel von Knivsberg nach Flensburg seine hektischen Begleiterscheinungen. Das Leitungshaus mit Blick auf Waldrand und Ostsee war zu räumen. In Wallsbüll stand ein Traumhaus mit Teich und Bäumen. „Ich hatte schon vor Augen, wie ich mit meinem Sohn ein Baumhaus errichte“, verrät Heiko Frost. Doch zwei Termine beim Notar platzten – und dann auch der Kauf. Unter Zeitdruck geriet eine Immobilie in Schafflund in den Fokus. „Eigentlich ein Bratwurst-Grundstück, bei dem jeder auf deinen Grill schauen kann“, dachte er damals. Nach einer Dekade freut sich der Schafflunder über die „hohe Lebensqualität“ seiner neuen Wahlheimat.

Inklusion vor Ort, national und international
Viel Abwechslung bietet der Geschäftsführer-Posten von „Adelby 1“. Der Betrieb – 740 Beschäftigte, 30 Millionen Euro Umsatz – steht für weit mehr als nur für bekannte Kindergärten. Der Oberbegriff ist die Inklusion, die sich nicht auf Behinderte beschränkt, sondern eine gerechte Teilhabe für alle bei den Bildungsprofilen fordert. „Auch Hochbegabte benötigen für sie passende Angebote“, erklärt der Geschäftsführer. „Ebenso müssen sprachliche und kulturelle Barrieren für Migranten abgebaut werden.“ Modelle für frühkindliche und schulische Bildung begleiten seinen Alltag.

Schon etwa zehn Jahre ist es her, dass zwei Praktikanten vom Knivsberg bei „Adelby 1“ hospitierten. Sie stammten aus Russland. Es war der Beginn eines pädagogischen Austausches, der in internationalen Konferenzen zur Inklusion und Fortbildungen am ethnokulturellen Institut von Moskau mündeten. Heiko Frost reiste sogar nach Sibirien, um „über den Tellerrand zu schauen, wertneutral zu beobachten und nicht aus westeuropäischer Sicht zu erklären, was man besser machen kann“. Inzwischen ist diese Zusammenarbeit von der politischen Großwetterlage überholt worden.

Wahlkampf eines Bildungsexperten
2015 wurde der Schafflunder vom Bundesbildungsministerium in das „Fachforum Schule“ berufen. Es ging um eine systematische Umsetzung der Inklusion im deutschen Bildungssystem. „Nonformales Lernen und außerschulische Lernorte wären Lösungen für bessere Pisa-Ergebnisse“, ist Heiko Frost überzeugt. „Es ist genug Geld im System, niemand müsste für Bildung sparen, wenn sich getraut würde, die richtigen Prioritäten zu setzen.“

Er gilt längst als Bildungsexperte und warf im Sommer 2020 seinen Hut für eine SPD-Kandidatur zum Bundestag in den Ring. Nach einigen Monaten der Rückzug: Die Corona-Pandemie erwies sich für „Adelby1“ als zu herausfordernd, um parallel einen Wahlkampf stemmen zu können. 2022 hatte sich die Lage weitgehend normalisiert, doch die Landtagswahl brachte nicht den gewünschten Erfolg. „Ich habe aber nie bereut, diese Erfahrung zu machen und so dicht an der Bevölkerung zu sein“, sagt Heiko Frost im Rückblick. Im letzten September überreichte ihm Ministerpräsident Daniel Günther das Bundesverdienstkreuz am Bande – für seine zahlreichen Tätigkeiten in der Inklusion und für den internationalen Jugendaustausch.

Text: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat















