Ortstermin im Flensburger Rathaus: Wenn man am Ratssaal vorbeischreitet, stößt man auf einen langen Gang. Eine große Bilder-Galerie der früheren Stadtrepräsentanten signalisiert, dass hier die Kommunalpolitik beheimatet ist. Die Stadtpräsidentin hat hier ihr Büro – und auch die Fraktionen. Man muss noch um eine Ecke gehen, dann ist man bei den „Grünen/Bündnis ´90“, die in Flensburg eine Fraktionsgemeinschaft mit der kleineren Partei „Volt“ pflegen. Tags zuvor war Fraktionssitzung. Es ging um den städtischen Haushalt und die anstehende Ratsversammlung. Einer von ihnen, nämlich Leon Bossen, nimmt jetzt erneut im Gesprächszimmer Platz. Umgeben von einigen Wahlplakaten stellt er sich einem Interview.

Der junge Kommunalpolitiker ist ein waschechter Flensburger Kopf, denn er ist am 18. März 2001 in der Fördestadt geboren. Die ersten Kindheitserinnerungen sind auch mit der Rude, aber hauptsächlich mit Engelsby verbunden. Die Wohnblöcke im Trögelsbyer Weg entwickelten sich zum Orbit der Kindheit und Jugend. „Meine Eltern konnten mir nicht jeden Wunsch erfüllen, wir mussten immer auf das Geld achten“, verrät Leon Bossen. Seine Mutter ist Halbdänin und Verwaltungsfachangestellte. Sein Vater arbeitet als Koch und war zur Jahrtausendwende vor dem Kosovo-Krieg geflüchtet.

Dänische Schule und das erste ehrenamtliche Engagement
Die Kindheit in Engelsby war von kurzen Wegen geprägt. Die Freunde wohnten alle in der Nähe, der Fußball flog beim IF Stjernen, und die Jörgensby-Skolen war sehr nah. Nach sechs Schuljahren eine Zäsur: Leon Bossen besuchte die Duborg-Skolen. Der Teenager hatte nun einen weiteren Schulweg. Er traf sich frühmorgens am Hafermarkt mit den Freunden und stieg mit ihnen in den Einsatzbus, der alle zur Schule auf der anderen Fördeseite brachte. Seine Vorliebe galt Wirtschaft, Politik, Deutsch, Dänisch oder Geographie. Die Naturwissenschaften entwickelten sich weniger zur Leidenschaft. Die Duborg-Skolen wurde damals umfangreich saniert, sodass zeitweise ganze Jahrgänge in die Schulgasse ausquartiert wurden. „Die Klassenzimmer waren zunächst nicht schön, der Unterricht lief noch mit Overhead-Projektor und Kreidetafeln“, erzählt Leon Bossen. „Schließlich war alles so richtig modern – mit Smartboard und allem Pipapo.“

Mit 16 Jahren engagierte er sich erstmals ehrenamtlich. Sein Herz gehörte der Kleiderkammer am Bahnhof und der Initiative „Flensburg hilft grenzenlos“, die Flüchtlinge und andere Zielgruppen unterstützte. „Ich war jeden Dienstag und Donnerstag am Bahnhof – das war wie eine Familie“, schwärmt Leon Bossen noch immer. Allerdings wurde diese Einrichtung im März 2018 geschlossen. Wegen eines geplanten Fahrrad-Parkhauses hätte die Räumlichkeit halbiert und eine Brandschutzmauer eingezogen werden müssen. Der Verein, der ohnehin Schwierigkeiten hatte, finanzielle Mittel zu generieren, hätte sich mit einer größeren Summe beteiligen müssen. „Das war alles wirklich traurig – und die Räumlichkeit steht immer noch leer“, erzählt Leon Bossen. „Die damalige Schließung war also überhaupt nicht nötig gewesen.“

Die Anfänge in der Kommunalpolitik
Er hatte sich sehr über die Kommunalpolitik geärgert und wollte es besser machen. Er verfolgte eine Sitzung bei den Linken, trat dann – noch nicht volljährig – Ende 2018 bei den Grünen ein. „Meine Mutter hat den Mitgliedsantrag unterschrieben“, schmunzelt er, um mit ernstem Ton zu ergänzen: „Die Grünen waren die einzige Partei, die sehr klar bei einigen Fragen war – zum Beispiel wurde intern nicht darüber gestritten, ob man solidarisch mit den Menschen in Not ist.“ Leon Bossen war sehr bald aktiv in der Grünen Jugend, die damals auf „nur drei bis vier Leute“ geschrumpft war. Vom Neuling stieg er zum Sprecher auf, war mit dem Organisationsaufbau beschäftigt, um Leben in die Nachwuchsgruppierung zu bringen. Er freute sich, dass sich nach zwei Jahren rund 30 junge Menschen beteiligten.

Sein Tag hätte damals schon gerne mehr als 24 Stunden umfassen dürfen. Leon Bossen beschäftigte sich immer mehr mit der Politik, feilte an seinem Abitur und jobbte nebenher bei einem Grenzhandel in Harrislee – bis plötzlich die Grenze geschlossen wurde. Die Welt steckte mitten in der Corona-Pandemie. In einer Tankstelle am Friedenshügel ging es weiter. Im Juni 2020 hatte Leon Bossen das Abitur bestanden. Gerade war der erste Corona-Lockdown etwas gelockert worden. Der Abi-Ball musste dennoch ausfallen. Die Zeugnisvergabe war „auf Abstand“ möglich. Die legendären Mützen wurden auf der Schulterrasse verteilt. Die jungen Abiturienten waren zwei Wochen in Flensburg unterwegs und feierten. „Ich habe aber weder im Neptunbrunnen gebadet noch bin ich in den Hafen gesprungen“, verrät Leon Bossen. „Asche auf mein Haupt, aber dafür bin ich nicht der Typ.“

Studienbeginn in Aarhus und Rückkehr nach Flensburg
Der weitere Plan sah so aus: ein Germanistik-Studium in Aarhus. Der Flensburger richtete sich bereits in der jütländischen Stadt ein, als sich die Situation plötzlich änderte. „Zur Überraschung aller wurde nicht nur der Studiengang verkleinert, sondern auch ein hoher Numerus Clausus festgelegt, weil sich plötzlich deutlich mehr Menschen auf den Studiengang beworben hatten“, berichtet er. Spontan schrieb er sich für ein Lehramt ein. Der Studienbeginn paarte sich mit einem erneuten Corona-Lockdown. „Ich hatte mir alles etwas anders vorgestellt“, erzählt Leon Bossen. „Es war unter diesen Umständen sehr schwer, soziale Kontakte zu bekommen.“ Zu Weihnachten 2020 kehrte er zurück nach Flensburg und arbeitete erst einmal in der Paketausgabe bei der Hauptpost in der Bahnhofstraße. Interimsmäßig übernahm er die Geschäftsführung des Grünen-Kreisverbandes. Zudem kümmerte er sich beim Verein „Villekula“ um die Buchhaltung und einige Personalangelegenheiten.

Leon Bossen stieg in die Kommunalpolitik ein und wurde bürgerliches Mitglied im Ausschuss für Bürgerservice, Schutz und Ordnung. Parallel dazu amtierte er als Sprecher der Grünen Jugend und äußerte sich kritisch zum Hotelprojekt am Bahnhofswald. Anfang 2021 lähmten Ausgangssperren und ein jegliches Kontaktverbot das öffentliche Leben in Flensburg. „Und das bei 40.000 Single-Haushalten im Stadtgebiet“, erinnert sich Leon Bossen. „Die Grüne Jugend schrieb einen Brief an Oberbürgermeisterin Simone Lange und an den Ministerpräsidenten Daniel Günther, der sogar handschriftlich antwortete.“ Das Ergebnis: In die allgemeine Verfügung wurde für Single-Haushalte der Kontakt zu einer festen Kontaktperson zugelassen. Als nächstes förderte die Grüne Jugend die Gründung eines Kinder- und Jugendbeirats für Flensburg.

Wahlen auf Bundes- und Stadtebene
Am 26. September 2021 wurde der Bundestag gewählt. Leon Bossen unterstützte den Wahlkampf des Direktkandidaten Robert Habeck vor allem im Social-Media-Auftritt. Nach der erfolgreichen Wahl stieg er als Mitarbeiter im Wahlkreisbüro ein. Er kümmerte sich um Bürgeranfragen, besuchte anstelle des oft in Berlin weilenden Ministers örtliche Veranstaltungen, bereitete Termine vor und moderierte Themen. Als Kreisvorstand hatte Leon Bossen einen direkten Draht zur Basis. Außerdem war er nun wieder Student. Zunächst hatte er sich in Kiel für Politik und Soziologie eingeschrieben, weil es in Flensburg nichts Vergleichbares gab. Ab 2022 wurde dann an der Europa-Universität ein sozialwissenschaftlicher Studiengang aufgebaut. Im Oktober wechselte Leon Bossen auf ein Fernstudium: Er hatte einfach zu viele Aufgaben, um an der Uni ausreichend Präsenz zeigen zu können.

Gerade die Kommunalpolitik wurde ihm immer wichtiger. Bei der Kommunalwahl im Mai 2023 trat der junge Flensburger als einer von zwei Spitzenkandidaten der Grünen an. Mit Spannung verfolgte er am Wahltag in der Bürgerhalle das Eintreffen der Ergebnisse. Die Grünen erreichten stolze 23,6 Prozent. „Das kam sehr überraschend“, erzählt Leon Bossen. „Nach dem Heizungsgesetz waren wir bundesweit abgestürzt. Ich rechnete nur mit fünf oder sechs Sitzen, jetzt waren es zehn.“ Er selbst gewann auf dem Sandberg das Direktmandat und übernahm zusammen mit Katja Claussen die Fraktionsspitze.

Ratsversammlung und Tourismus
Aufgrund der bei den Grünen praktizierten Trennung von Amt und Mandat gehörte der Twen nicht mehr dem Kreisvorstand an, war dafür nun fast jeden Tag im Rathaus. Der damals 22-Jährige saß als nun jüngstes Ratsmitglied weiterhin im angestammten Ausschuss für Bürgerservice und nun auch im Hauptausschuss. Über dieses Gremium werden zahlreiche Beteiligungen der Stadt kontrolliert und Aufsichtsräte besetzt. Leon Bossen fungiert bei der Tourismus-Agentur Flensburger Förde – kurz TAFF – als Aufsichtsratsvorsitzender. „Es bieten sich spannende Perspektiven aus grüner Sicht, Nachhaltigkeit und Wertschöpfung zu Vereinen“, betont der Kommunalpolitiker.

Mit seinem Amt pflegt er eine Zusammenarbeit mit TAFF-Geschäftsführer Gorm Casper. Es ist eine Strategie für die Jahre bis 2028 entstanden, die aufgrund der städtischen Haushaltslage auf Konsolidierung setzen muss und das Marketing der Region als Kernkompetenz begreift. Im stetigen Austausch kommt Leon Bossen mit etlichen Themen in Berührung: die Folgen der Sturmflut von 2023, ein Wohnmobilkonzept, die Förde-Card oder auch die Belebung der Innenstadt durch Events. Zuletzt wurde der klassische Weihnachtsmarkt eine Woche früher gestartet, um die Einnahmen zu erhöhen. „Meine persönliche Meinung“, verrät Leon Bossen. „Das Modell hat sich bewährt. Das nächste Mal können wir gucken, wo wir noch kleinere Anpassungen mit den Erfahrungen aus dem letzten Jahr vornehmen.“

Mit 24 Jahren Vorsitzender des Hauptausschusses der Stadt Flensburg
Vor rund einem Jahr gab es im Stadtrat einige Änderungen durch eine weitere Fraktionsbildung und Umstrukturierungen innerhalb der Parteien. Ein Ergebnis: Leon Bossen wurde Vorsitzender im Hauptausschuss. Er hat dadurch noch mehr mit den Stadtwerken, dem Polizeibeirat, diversen Zweckverbänden und dem Wirtschaftsbeirat zu tun. Neu eingeführt wurde ein Sitzungsplan mit Zeitlimits für die einzelnen Punkte der Tagesordnung. „Dann schließe ich die Redeliste“, erklärt er. „Wir wollen keine Fünf-Stunden-Sitzungen mehr. Für mich wären diese vielleicht noch machbar, aber für eine alleinerziehende Mutter sind sie kaum zu regeln.“ Es geht um die Verknüpfung von Ehrenamt, Familie und Beruf.
Die Kommunalpolitik ist keine Profession, sondern muss in die persönliche Freizeit integriert werden. Zeit für andere Hobbys bleibt da kaum. Leon Bossen schafft es dennoch ab und an, auf Reisen zu gehen. „Ich war fast in jeder europäischen Hauptstadt zumindest einmal gewesen“, erzählt er. Besonders erwähnenswert sind zwei Interrail-Touren. Mit 18 war er einmal eine Woche von Flensburg nach Lissabon und zurück unterwegs. „Wir haben jede Nacht irgendwo anders übernachtet“, verrät er. 2022 ging es auf Schienen nach Italien: Mailand, Rom, Neapel und Venedig.

Alltag zwischen Studium, Rathaus und Akademie Sankelmark
Der Alltag ist dicht getaktet. Morgens beschäftigt sich Leon Bossen mit Kommunalpolitik oder dem Studium. Von 11 bis 16 Uhr ist er in der Akademie Sankelmark. Seit September 2023 hat er dort einen 20-Stunden-Job. „Robert Habeck hat mir viele Möglichkeiten eröffnet“, erklärt der 24-Jährige. „Nun habe ich aber eine Arbeit mit viel mehr Selbstständigkeit.“ Er kümmert sich im Minderheiten-Kompetenz-Netzwerk (MKN) um ein aktuelles Jahresprojekt, das vom Berliner Innenministerium gefördert wird. Im Dezember wurde die digitale Plattform „Who We Are“ gestartet, wo praktisch jeder eigene Beiträge hochladen und seine eigenen Geschichten erzählen kann.
In der Stadtpolitik drehte sich zuletzt viel um den Haushalt 2026, der zwei Wochen vor Weihnachten trotz eines Defizites von 48 Millionen Euro beschlossen wurde. In der Debatte ging es um Einsparungspotenziale und Streichungen von Projekten – auch für den Fall, dass nicht alle benötigten Kredite genehmigt werden. Im Hauptausschuss wurde vor dem Hintergrund der Stadtentwicklungsstrategie „Flensburg 2030plus“ über Effekte gesprochen, die sich aus Digitalisierung, Entbürokratisierung und Entlastung von Mitarbeitern ergeben würden. Vieles kam auf den Prüfstein. „Den Nachtbürgermeister habe ich praktisch geboren und begraben“, sagt Leon Bossen. „Das Flensburger Nachtleben und die Nachtkultur sollten wir aber weiterhin politisch behandeln. Gerade bei jungen Menschen ist es wichtig für die Attraktivität einer Stadt, dass nicht schon ab 20 Uhr die Straßenbeleuchtung ausgeht.“
Text: Jan Kirschner
Titelfoto: Marcus Dewanger
Fotos: Jan Kirschner, privat















