Landesweiter Nahverkehrsplan 2027 bis 2031: Was bringt er Flensburg?

Die Reaktionen reichen von Euphorie über Optimismus und Skepsis bis hin zu Ablehnung. Im Januar wurde ein Entwurf des neuen landesweiten Nahverkehrsplans (LNVP) veröffentlicht, der in Februar und März das Flensburger Rathaus und die politischen Gremien beschäftigte. Vom vielseitigen Papier, das für den Zeitraum von 2027 bis 2031 aufgelegt wird, versprechen sich Bahnfreunde den großen Wurf. Ein Innenstadtbahnhof, ein Knotenpunkt in Weiche und weitere Haltepunkte in der Fördestadt sind mehr als eine Utopie. Erste Kostenschätzungen schwanken zwischen 27 und 70 Millionen Euro – je nach Ausbaustufe. Es ist auch von bis zu 100 Millionen Euro zu lesen, die aus dem vielzitierten Sondervermögen des Bundes fließen könnten.

Im Dezember vermeldete der SSW erstmals, dass das Land bis 2031 insgesamt 20 Millionen Euro aus Bundesmitteln für den „Eisenbahnknoten Flensburg“ bereitstellen würde. „Als SSW-Landtagsfraktion haben wir lange und intensiv dafür gearbeitet, dass Flensburg endlich wieder eine zeitgemäße Schienenanbindung bekommt“, teilte die Landtagsabgeordnete Sybilla Nitsch mit. Ende Februar tauchte dann auf einer Liste des Kieler Wirtschafts- und Verkehrsministeriums ein Posten „Knoten Flensburg“ auf, der sogar mit einem Finanzierungsvolumen in Höhe von 100 Millionen Euro veröffentlicht wurde. „Ein echter Meilenstein, der der drittgrößten Stadt des Landes sehr gut zu Gesicht steht“, war daraufhin aus den Kreisen der Koalitionspartner CDU und Grüne zu hören. Da kursierte bereits der LNVP im Rathaus und in den Fraktionen.

Hat der bisherige Bahnhof bald ausgedient?
Ist-Zustand: Ein stillgelegter Bahndamm

Reaktivierung innerstädtischer Gleise?

Ein Satz in der Bestandsaufnahme wirkt wie ein Fundament für einen bunten Projekte-Kanon. Dieser lautet: „Der Schienenverkehr in Flensburg als Oberzentrum der deutsch-dänischen Grenzregion wird unterdurchschnittlich genutzt.“ Die Attraktivität müsste unbedingt gesteigert werden. Als wichtigste Maßnahme wird ein neuer Bahnhof im Zentrum der Fördestadt skizziert. Es heißt: „Sämtliche in Flensburg endenden Fahrten von Kiel, Hamburg und Dänemark können zum innerstädtischen Halt am ZOB geführt werden.“ Dafür müsste das vorhandene, aber zum Teil zugewachsene Gleis für den Personenverkehr reaktiviert und genug Platz für die Bahnhofsinfrastruktur gefunden werden.

Hat der bisherige Bahnhof bald ausgedient?
Letztmals hielt im Dezember 2014 fahrplanmäßig ein Zug in Weiche Bahnhof

Ist ein Fernbahnhof in Weiche machbar?

Eine große Bedeutung wird auch einem Vorhaben im Südwesten der Grenzstadt zugeschrieben. Im LNVP kann man lesen: „Ein weiteres Element zur Verbesserung des Nah- und Fernverkehrsangebots in Flensburg ist die Wiedereröffnung des Bahnhofs Flensburg-Weiche.“ Bis 2014 hatte der Regionalexpress in Weiche gehalten. Bereits Ende 2023 gab es ein einhelliges Votum in der Ratsversammlung für einen Haltepunkt an den Ferngleisen – damit die Züge der Jütland-Route nicht an Flensburg vorbeirauschen. Da es sich nicht um ein Nahverkehrsprojekt handelt, ist die Finanzierung noch unklar. Im Rathaus geht man davon aus, dass die Gelder für die beiden Bahnsteige aus der Stadtkasse gezogen werden müssten. Zugleich hofft man, dass das Land bei einer zu schaffenden Fußgänger-Überquerung über die Gleiskörper oder bei einem Fahrstuhl zur Seite springt. So zumindest lässt sich diese Formulierung im LNVP interpretieren: „Der Fernbahnhof könnte in einem Gesamtkonzept mit einem Regionalbahnhof verknüpft und realisiert werden.“

Hat der bisherige Bahnhof bald ausgedient?
Ein Haltepunkt am Fördepark?

Eine spannende Frage bleibt, ob der Stadtteil Weiche überhaupt die Kapazitäten für mehr als einen Haltepunkt hat. Die Eisenbahnunterführung des Ochsenweges ist schon jetzt ein Nadelöhr. Deshalb gedeihen immer wieder Vorschläge für einen Fernbahnhof in direkter Nachbarschaft der Bundesstraße 199 und dem Flugplatz „Schäferhaus“. Im LNVP taucht immerhin ein Haltepunkt „Citti-Park“ auf. Auch weitere Stationen an der Exe, am zukünftigen Zentralkrankenhaus, am Fördepark, in Tarup und in Harrislee sind in einer Skizze erfasst. Die Stadt wirbt zudem für Haltepunkte am Deutschen Haus und am Wohngebiet „Hochfeld“. Das gedankliche Gerüst für eine Art Flensburger S-Bahn ist vorhanden.

Verbesserungen auf bestehenden Verbindungen

Wem das alles zu sehr nach Zukunftsmusik klingt, kann im neuen LNVP auch einige Angaben zu den bestehenden Verbindungen finden. Aus dem Süden sollen wesentlich mehr Schienenfahrzeuge heranrollen. In Jübek etwa sollen sich Züge aus Kiel und Husum teilen oder vereinen, um Flensburg auf zusätzlichen Routen anzufahren. Auch die Strecke von Flensburg in die Landeshauptstadt soll aufgewertet werden. Die neue Brücke in Lindaunis lässt aber noch etwas auf sich warten, sodass derzeit eine Behelfsquerung für Fußgänger über die Schlei eingerichtet ist. Zudem wird auch die neue Levensauer Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal demnächst eine mehrmonatige Sperrung des Schienenweges auslösen.

Hat der bisherige Bahnhof bald ausgedient?
Ein Haltepunkt im Wilhelminental?

Im LNVP nicht mehr enthalten ist die Reaktivierung der Bahnstrecke von Flensburg nach Niebüll. Die meisten Anrainer-Gemeinden setzen auf die größere Flexibilität und engere Taktung von Buslinien. Vielerorts sind bereits die Bahnübergänge beseitigt worden. Der LNVP empfiehlt allerdings eine „Sicherung“ der Strecke für die weitere Zukunft. Auch die Stadt Flensburg hat die seit 45 Jahren stillgelegte Trasse noch nicht abgeschrieben und spricht von einer „zu untersuchenden Angebotsmaßnahme“.

Seit 30 Jahren Ideen für eine verbesserte Bahninfrastruktur

Insgesamt sieht man sich in der Fördestadt mit dem LNVP bestätigt. Fast alle Eckwerte eines letztjährigen fraktionsübergreifenden Antrages wurden berücksichtigt. Sein Titel: „Weichenstellung für die Zukunft: Neustart Bahninfrastruktur Flensburg“. Einige Kommunalpolitiker sehen langjährige Bemühungen endlich fruchten. Vor rund einer Dekade hatte es etwa eine deutsch-dänische Arbeitsgruppe gegeben, die sich für die Jütland-Route stark machte und Konzepte andachte. Es ist sogar schon 30 Jahre her, dass der Fahrgastverband „Pro Bahn“ diverse Haltepunkte am Rathaus, im Zentrum, auf der Rude, in Weiche und in Harrislee ins Gespräch brachte. Plakativ forderte dieser: „Mit der Bahn von Hamburg direkt in die Flensburger Innenstadt.“ Im Juli 2000 fand der Kongress „Der Norden hält Anschluss“ statt. Am Rande kündigte der damalige Oberbürgermeister Hermann Stell an, per Gutachten den besten Standort für einen neuen Fernbahnhof klären zu lassen. Die lange Schleife im Süden der Stadt galt damals schon als Hemmnis. Ein Vorschlag kam auf den Tisch, landete aber schnell wieder in der Schublade: ein Fernbahnhof in Weiche.

Hat der bisherige Bahnhof bald ausgedient?
Ein Biotop in Gefahr: das Scherrebektal

Was wird aus Scherrebektal und dem heutigen Bahnhof?

Jetzt scheint mehr Elan und vor allem finanzielles Futter hinter den Plänen zu stecken. Allerdings sind noch viele Dinge zu konkretisieren, die weit über Details hinausgehen. Am ZOB gab es bislang erst eine Begehung des Bahndammes. Mit klaren Ergebnissen wird nicht vor Herbst gerechnet. Ein Knackpunkt könnten auch einige zu bauende Verbindungskurven darstellen. Eine würde das schützenswerte Biotop „Scherrebektal“ mit seinen urtümlich wirkenden Fischteichen zerstören. Zum Teil müssten auf kurzer Distanz so große Höhenunterschiede gemeistert werden, dass Spötter anmerken: „Wollt ihr eine Zahnradbahn bauen?“ Klar ist: Es wird nicht ohne Informationsveranstaltungen und Planfeststellungsverfahren funktionieren.

Hat der bisherige Bahnhof bald ausgedient?
Im Dezember 1927 erhielt Flensburg diesen Bahnhof

Und dann ist da noch der bestehende Bahnhof, der seit Dezember 1927 das Herz der hiesigen Eisenbahninfrastruktur bildet. Ein Jahrhundert später scheint seine Zeit abzulaufen. Im LNVP heißt es: „Langfristig würde der Bestandsbahnhof in Flensburg für den Bahnbetrieb stillgelegt und könnte nachgenutzt werden. Durch Verbindungskurven wäre eine Umfahrung des Bahnhofs möglich.“ Die Stadt Flensburg hat ihr Sanierungsgebiet „Bahnhofsumfeld“ im Blick und möchte an dieser Stelle zumindest einen Haltepunkt erhalten.

Text und Fotos: Jan Kirschner   

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