Er erblickte das Licht der Welt an einem „dunklen Tag in einem schwarzen Jahr“ (frei nach Brecht), das sich im Laufe des Jahres noch weiter verdunkeln sollte – es war der 28. Januar 1939, und der kleine Eckart wurde geboren; im beschaulichen Flensburg, in der elterlichen Wohnung in der Reepschlägerbahn. Noch vor seinem ersten Geburtstag begann der Zweite Weltkrieg, und Eckart kann sich noch gut daran erinnern, was Krieg bedeutete: „Wenn die Sirenen heulten (und die Kinder mit), war Zuflucht und Gefängnis zugleich der eigene dunkle, feuchte und nach Klo stinkende Keller unten im Mietshaus. Das änderte sich auch nicht, als die Familie 1942 umzog, allerdings nur eben um die Ecke: Die neue Adresse hieß jetzt Südergraben 30.“ „Wenn mich einmal jemand fragte, wo ich wohnte, habe ich immer geantwortet: „In Flensburg, direkt zwischen Lyzeum und Gefängnis!“, platzt es augenzwinkernd aus ihm heraus.

Die Kriegsjahre

Eines Tages war Eckarts Vater plötzlich weg, „im Krieg“, was immer das auch für ihn bedeutete. Ja, der Vater war „eingezogen“ worden. 1944 wurde er zum Kradmelder ausgebildet, und das Kradfahren hätte ihn fast das rechte Bein gekostet. Nach einem Unfall war das Bein um zwei Zentimeter kürzer: Tischlerberuf ade, aber auch das Soldatendasein, zum Glück! Er durfte nun in Hamburg studieren, wurde Gewerbelehrer. So kam er zwischendurch auch wieder zur Familie zurück. Inzwischen war eine weitere Schwester, Gunde, geboren.
„Ich litt genauso unter der Unvorhersehbarkeit der Kriegszeit wie unter Furunkeln (Schweinsbeulen), Scharlach, Typhus, Keuchhusten und weiteren Krankheiten“, kann unser Protagonist der damaligen Zeit und seinen ersten Lebensjahren nicht viel Gutes abgewinnen.
„Wir Kinder spielten mal wieder auf der verkehrsarmen Reepschlägerbahn „Tick-Steh“, „Hoch-Tick“ oder ähnliches“, weiß Eckart noch aus dieser Zeit zu berichten. „Meine ältere Schwester Ute, ich und das ganze Nachbarschaftsvolk („da muss wohl ein Kinderheim oder was noch Schlimmeres sein“, meinten vorbeikommende Erwachsene) tummelten uns draußen herum. Stolz zeigte uns eine Nachbarstochter in BdM-Uniform (Naziorganisation, Bund deutscher Mädchen) ein Bild, fragte mich, ob ich den denn schon mal gesehen hätte? Ich sah nur einen Mann mit Schnurrbart, der kniend einen Schäferhund umarmte. Da kannte ich nur einen: Den Lumpensammler Charlie Chaplin, der mit Hund und Blockwagen Altmaterial ankaufte. „Das ist Charlie Chaplin, in feinem Zeug!“ Schweigen von Schwester Ute, entsetzter Ruf des BdM-Mädchens: „Kennst du noch nicht mal unseren Führer, das gibt‘s doch nicht!“ Spiel vorbei, beide Parteien nach Haus, Rapport auf beiden Seiten! Unser Vater, inzwischen Gewerbelehreranwärter, hörte Utes Bericht und kriegte es mit der Angst zu tun. Mutter kramte meinen Sonntagsstaat zusammen, Vater fand das einzige Bild unseres Führers in „Mein Kampf“, einem Hochzeitsgeschenk der NSDAP, in der hintersten Reihe im Bücherschrank. Ein Schnellkurs in Sachen Hitler folgte. An den Besuch bei den Nazi-Nachbarn erinnere ich mich nicht mehr, es lief wohl alles glatt. So blieb Hitler unser Anführer und wir die Angeführten, denn der Krieg war bald zu Ende.“
„Einer der letzten sonnigen Herbsttage, mit Ute, meiner ältesten Schwester, Frauke, meiner jüngsten und Gisela, unserem Pflichtjahrmädchen, waren wir mit der Sportkarre (Schwarzmarktartikel) bis zum Hafen bei „Holm und Molzen“ gebummelt und saßen nun auf einem Holzbalken an der Kaimauer. Frauke, gerademal zwei, saß auf Giselas Schoß, baumelte mit den Beinen über der Hafenkante. Da löste sich eine ihrer Sandalen und fiel ins Hafenwasser. Langsam pendelnd versank er, seine rote Farbe wurde immer dunkler, er verschwand. Frauke verstarb Weihnachten ‚44 an Scharlach. Und ich träumte immer wieder denselben Traum: Im Halbtraum versank nicht etwa der Schuh im Wasser, sondern … ich.“ Eckarts Traum, der zum Glück nur ein Traum blieb.
Er kann sich noch an andere Details aus der Zeit gut erinnern: „Zu den sich häufenden Luftangriffen brach auch noch ein früher Winter ein. Zuerst ernteten wir noch Obst, Gemüse und kriegten auch mal Eier vom Garten und Stall unserer Großeltern in Engelsby. Dann kam die Zeit, wo zu den Kartoffeln die Schalen, zu den Erbsen die Schoten gegessen wurden. Das Brot aus den Ausgabestellen – Bäcker gab es nicht mehr – war so matschig, dass wir es zu Kugeln kneteten. Es gab Kunsthonig (aus Holz, sagte man), Sparfett mit Grieß und Fleischersatz. Zu Weihnachten wünschte ich mir statt eines Wunschtellers ein richtiges Stück Schwarzbrot mit Speck – und bekam es.
Ute und ich waren inzwischen alt genug zum Einkaufen. Das bedeutete: Langes Anstehen mit Lebensmittelkarten und Anschreibebuch. Der Winter 1944/45 war „arschkalt“, und das nicht nur draußen, sondern auch drinnen: Die Einfachverglasung war kaputt, Rollglas und Presspappe ließen Wind, Regen und Kälte durch, die Zentralheizung war unbrauchbar. Neben dem Küchenherd hatten wir nur einen Ofen in der Wohnstube, alle anderen Zimmer waren bitterkalt. Strom und Wasser fielen unvorhersehbar aus, wir mussten zu Krischan Dethleffsens Brunnen am Pferdewasser laufen, um unsere Eimer füllen und nach Hause schleppen zu können. Aus Opas Zimmerei auf der östlichen Höhe in der Kappelner Straße holten wir in Holzpantinen bei Schnee und Matsch per Blockwagen Sägereste, Späne und Sägemehl. Das hieß: Eine halbe Stunde hin, wärmen und packen in der leimduftenden Werkstatt und bergab-bergauf wieder zurück. Dann saßen wir zu viert bei Petroleum- und Kerzenlicht im Halbdunkel um den fast schon glühenden Ofen, sangen, lasen vor, spielten Karten … und der nächste Alarm heulte uns in den Keller!“

Die letzten Kriegstage waren schrecklich

Viele Städte waren platt gemacht, doch Flensburg hatte bis zuletzt ziemliches Glück gehabt: Am 23. April 1945 sollte es endgültig aus sein für Flensburg: 148 Bomber mit je 6 t Bombenlast hatten sich Marineschule, Werft und Stadtzentrum als Ziele gesetzt. Aber eine dichte Wolkendecke verbarg die Stadt und das neutrale Dänemark war zu nah. Die Bomberflotte drehte ab.
Die Alliierten begannen das Reichsgebiet zu besetzen, und die zahlreichen Flieger den restlichen Luftraum zu erobern. Wirklich ernst wurde es erst für uns nach Hitlers Tod Ende April 1945, als Dönitz und sein Staat aus Berlin flohen und die „Reichshauptstadt“ nach Flensburg verlegten. Und dazu schwappten noch über 2 Millionen Flüchtende aus dem Osten nach Schleswig-Holstein, fluteten das Land, drifteten gar bis ins besetzte Dänemark. Auch Flensburg wurde überschwemmt: Die Einwohnerzahl stieg auf über 100.000, zahllose Lager, Baracken aus Holz, Nissenhütten aus Wellblech und zwangsweise Einquartierungen machten die Wohn- und Versorgungslage zur Katastrophe. Und in diesen wüsten Ameisenhaufen mussten auch noch die „Tommis“ (Engländer) hineinbomben!
Eckart denkt mit Grausen an ein schreckliches Erlebnis: „In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 regneten rund 200 Spreng- und Brandbomben auf das schlafende Flensburg. Bis dahin waren wir im Südergraben (außer zerborstenen Fenstern) noch glimpflich davongekommen. Nachts um halb zwölf hörte Mutter beim Strümpfestopfen leises Sirenengeheul (Dachsirenen auf öffentlichen Gebäuden waren kaputt, es fuhren nur noch Autos mit Heulern auf einigen Straßen). Mutter weckte uns Kinder, rannte durchs Haus, polterte an den Türen, brüllte „ALARM“, und dann alle Mann ab in den Keller. Und dann knallte es, dass das ganze Haus wackelte. Staub fiel von der Decke, vernebelte den spärlich beleuchteten Raum. Von „Haus brennt“ bis „eingestürzt, zugeschüttet“ gellten mir Schreie in den Ohren. Schließlich wagte sich eine der Frauen (Männer gab es ja nicht) über den Notausgang in den Hof: „Das Haus steht, Dach ist weg, gegenüber Voll­treffer!“ Als endlich das Flakgeknatter und das Bombenrumpeln aufhörten, wagten wir uns nach oben.
Die Druckwelle der Bombenexplosion von gegenüber hatte uns Bauschutt, Bombensplitter und Mobiliarreste in einem Orkan durch die Wohnung gefegt, und dieses unter Mitnahme von Fenstern, Türen und Möbeln. Zum Glück blieben uns schlimmere Schäden erspart – nach einigen Wochen Arbeit war die Wohnung wieder in passablem Zustand
Eigentlich sollte Eckart im Sommer `45 mit sechs Jahren in die Schule. Aber da winkte man ab, alle infrage kommenden Gebäude waren voll mit Verwundeten und Flüchtlingen. So wurde er nur registriert und auf das nächste Jahr vertröstet. Mit seines Vaters Job war es ähnlich, auch sein Arbeitsplatz, die Berufsschule im Klostergang (ehemalige Lateinschule) war ebenso zweckentfremdet. So teilte er an zwei Wochentagen Lebensmittel aus, wovon auch Familie Gutschmidt profitierte. Nach der Kapitulation war die Ernährung noch immer eins der größten Probleme. Zwar war inzwischen jeder kleine Fleck zum Gemüsebeet umgewidmet, aber bis zur Ernte war es noch weit.

Die Schulzeit

„So kam es dann 1946 zu meiner Einschulung: Wir wohnten auf der Westlichen Höhe, die Schule lag jedoch auf der östlichen Höhe, dazwischen die Stadt, ein Fußweg von einer guten halben Stunde. Unsere Ausstattung: Lederranzen, Schiefertafel, Griffeln, Schwamm, Lappen und Essgeschirr. Letzteres war für fast drei Jahre mein ständiger Schulbegleiter, denn es gab Schulspeisungen. Schleswig-Holstein war Teil der englischen Besatzungszone, wir bekamen verschiedene Suppen, Brote mit Wurst, Käse oder Marmelade, und zum Nachtisch: gelben, fies schmeckenden Lebertran! Eine unserer Mutproben: „Trinkst du zwei Löffel Lebertran, trink ich ein Tintenfass aus!“, und ich trank den Lebertran! Aber die „Care“-Nationen wechselten: Die Schweden verwöhnten mit Kekssuppe, zum Wochenende gab es Brötchen und Kakao und für zuhause Schokolade und Trockenbananen. Aber es dauerte noch lange, bis ich in die erste reife Banane biss.
Schule, Zeit und Ort wechselten: Wir, meine Schwester Gunde und ich, zogen in die Pestalozzi-Schule, in der Waitzstraße, wechselten uns ab, 14 Tage vormittags, 14 Tage nachmittags, inklusive Lehrerwechsel. Zwei Wochen eine alte Dame, die mit „Fräulein“ angeredet werden wollte, sie setzte je nach Güte der Antworten die Guten nach vorne, die Schlechten nach hinten, mit allem Pick und Pack und das mehrfach die Stunde. 14 Tage ein alter Mariner, Lob gab es nicht, die Strafen waren reiner Sadismus, neben Schlägen auf Hände und Gesicht und Radiergummi am Hinterkopf kräftig hochziehen war das Stockreiten gefürchtet: Stock zwischen die Beine, mit starken Lehrerhänden mehrfach vom Boden hochgerissen und fallengelassen. Nach fehlerhaften Antworten wurde eher geschimpft, gelästert oder bestraft, aber weder berichtigt noch erklärt. Dazu kam noch die Hackordnung auf dem Schulhof in den Pausen: Die Älteren und Stärkeren tyrannisierten jeden Schwächeren. Und so einer war ich leider auch.“ Eckart denkt nicht gern an jene Zeit zurück.

Winterleiden und -freuden

„In den 50er Jahren hatten wir kältere und schneereichere Winter als heute. Drinnen wie draußen froren wir ständig. Ein Gasherd in der Küche und ein Ofen in der Stube waren die einzigen Wärmequellen, die Zentralheizung war wegen des kaputten Kessels unbrauchbar. Die Winterklamotten: Holzschuhstiefel, Kniestrümpfe, lange Stoffhosen, mehrere Pullover, Anorak, Pudelmütze wärmten nur bei viel Bewegung. Bei Schneefall besserte ich mein Taschengeld durch Schneefegen auf. Das ging nur vor der Schule, von halb sechs bis sieben, so um die 5 Grundstücke, je Meter 10 Pfennig. Nach Schule und Schulaufgaben war Schlittenfahren angesagt. Im bergigen Flensburg gab es fantastische Hacker- und Schlittenhügel. Zu Weihnachten hatte mir mein Opa, der Zimmermann, einen Kastenschlitten geschenkt, flach und schwer, konkurrenzlos schnell! Gesteuert wurde er, wie damals üblich, mit einer Pinne, einem etwa zwei Meter langen Stock, der an der Spitze einen kräftigen Nagel trug. Der wurde beidhändig achteraus geführt und erlaubte kontrollierte Kurvenfahrt.“

Gymnasium

1951 wechselte Eckart aufs Alte Gymnasium: Der „mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig“ war besetzt, so kam er für ein Jahr in den altsprachlichen Zug. „Von 1951 bis Ostern 1957 war ich Befehlsempfänger in einer extrem elitären Struktur. Kleine Fehler wurden nicht berichtigt sondern bestraft. Es galt nicht „Non scholae, sed vitae discimus“ (wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben), es war umgekehrt: Wir paukten lebensfremd! Und es wurde geschlagen! Aus einem Anlass wie diesem: Erdkundeunterricht, im Zeugnis hatte ich eine „Eins“, aus Versehen sprach ich ihn, den Herrn „Doktor“, bei einer Antwort ohne seinen Titel an, eigentlich sollte ich ja ab 16 gesiezt werden. Die Antwort erfolgte brüllend: „Du infamer Zwerg, beleidigst mich vorsätzlich durch Verstümmelung meines Namens! Du kannst dich jetzt sofort entscheiden zwischen „Blauem Brief“ an die Eltern mit Eintragung ins Klassenbuch oder Ohrfeige! Komm nach vorne!“ Meine Antwort, ich bitte um eine Ohrfeige, wurde sofort umgesetzt: Er holte aus, ich drehte mich reflexartig weg, er wechselte blitzartig die Schlagrichtung von Vor- auf Rückhand und schmetterte mir seine knochige Hand voll ins Gesicht. Nasenbluten, geplatzte Lippe, Wackelzahn waren die Folgen. Mein „Herr Doktor“: „Wasch dich mal draußen, und renn nie wieder gegen eine geschlossene Tür, hast du verstanden?!“ Ja, die Ohrfeige war das Eine, das Zweite und Wichtigere: Ich wollte Schluss machen mit der ungeliebten Penne, Schlosser lernen, Ingenieur werden wie mein Onkel in Karlsruhe. Das letzte, was das „Gym“ mit mir machte, war anzudrohen: Wenn ich nicht freiwillig gehen würde, bekäme ich so viele „Mangelhaft“ und „Ungenügend“ ins Zeugnis, dass sie mich rausschmeißen könnten. Auch wenn es meinem Vater nicht Recht war, ich ging Ende März 1957 mit „mittlerer Reife“ ab.“ So lässt Eckart, wohl aus seiner Sicht gut nachvollziehbar, kein gutes Haar an seiner Schulzeit.

Die Lehrjahre – Maschinenschlosser

Nun begann die prägende Phase seines Lebens: Er sollte Maschinenschlosser werden. „Ich wurde zum Handwerker, meine physische und psychische Einstellung wurde in dreieinhalb Jahren grundlegend umgebaut. Am 1. April 1957 standen wir vierundzwanzig Berufsanfänger am Fabriktor der „Gebrüder Klaus – Molkerei- und Kühlmaschinenfabrik“, in der Heinrichstraße, alle in brandneuen Blaumännern. Nach einer kurzen Führung landeten wir in der Lehrwerkstatt. Eine Firma mit 160 Beschäftigten, davon 100 Lehrlinge!“
Das erste Lehrjahr bestand nur aus Feilen, Meißeln, Sägen. Der Arbeitstag begann um 7.15 Uhr, 17.00 war Feierabend, Stempeluhr zu Beginn und Ende. Jeden 2. Sonnabend 4 Stunden Klo putzen, die gesamte Firma reinigen. Es war hart, 8 Stunden auf den Beinen, zum ersten Mal Schwerarbeit für Muskeln und Sehnen, bei vielen Kollegen führte das zu Krämpfen und Sehnenscheidenentzündungen. „Ich kam ganz gut klar. Einmal pro Woche war Berufsschule, von 8 bis 14.30, Fachkunde, -Rechnen, -Zeichnen, Gemeinschaftskunde. Aber wir waren in einer Förderklasse, hatten alle Mittlere Reife. So wurden wir von unserem Lehrer automatisch zum Abendunterricht angemeldet: „Ihr wollt ja doch Ingenieur werden, also weiter lernen, nix vergessen!“ Dazu kam das Berichtsheft, jede Woche Tätigkeitsnachweise, Bericht in Normschrift, dazu möglichst eine Zeichnung. Und das war nicht genug Beschäftigung, ich war noch immer fasziniert von Naturwissenschaften, und die Kurse gab es in der Volkshochschule. Es war eine interessante Zeit, Einsteins Relativitätstheorie, Atomphysik, aber auch höhere Mathematik und Literatur und Kunst belegte ich. Der Alltag in der Firma war kräftezehrend, öde und langweilig, und führte gelegentlich zu Aggressionen, Prügeleien.

Elektriker

Als dann nach einem halben Jahr unser Meister mit der Frage kam: „Wer versteht etwas von Elektrizität?“, da meldete ich mich spontan. „Unser Elektriker geht in Rente, sein Gehilfe hat sofort gekündigt. Du bist ab sofort Betriebselektriker. Neben den üblichen Reparaturen und Neuinstallationen baust du die Gießerei in die Tischlerei um, dafür kriegst du zwei Helfer, und denk daran, du bezeichnest dich ab sofort als gelernter Elektriker. Und zieh dir mal den Kittel hier an, sonst hält man dich für einen Schlosser!“ Ich war baff, keine Ahnung vom Fach, Schichtbetrieb mit 12 Schleifern und entsprechend vielen Maschinenwartungen und Reparaturen, Großmaschinen abklemmen und anschließen, Leitungen, Sicherungen, Dosen installieren. Neben unserer Firma in der Johannisstraße war eine Elektrofirma mit Laden. Ich ging hin und erklärte dem Chef meine Lage: „Ich kaufe alles Material bei euch und krieg dafür einen Schnellkursus in E-Technik“. Er darauf: „Die sind wohl verrückt geworden! Gut, ich gebe dir einen Meister an die Hand, der wird dir helfen und dein Werk überprüfen. Und ein paar Fachbücher kriegst du auch.“ So war ich endlich raus aus der Lehrwerkstatt, hatte meine Elektrikerbude, büffelte E-Technik in Theorie und Praxis und wies meine Helfer an.
Eines Tages kam ein Eilauftrag auf mich zu: Die Geschäftsleitung quäkte, wir bezahlten den Strom unserer Nachbarin, Beate Uhse. Sie war nämlich in unser ehemaliges Modelllager der Gießerei eingezogen, streng geheim, denn für ihre „Pornobücher“ interessierte sich die Staatsanwaltschaft. Bloß, unsere Zähler registrierten ihren Strom. Bei der ersten Begehung meinte sie: „Hier hast du die Schlüssel, aber nichts weitersagen, und ich weiß, du wirst klauen, aber übertreib das nicht.“ So trennte ich dann ihre heiße Sex-Gestaltung von unserer kalten Nahrungserhaltung. Und sie meinte, ich könne auch so nebenbei ihre Büro-, Lager- und Produktionstechnik technisch überwachen, sie würde auch gut bezahlen. Was sie denn auch tat, dafür klaute ich dann hin und wieder ein paar ihrer Pornos und verscherbelte sie in der Firma an die Kollegen.“

Maurer

„Im Gegensatz zur Gießerei war es in der Tischlerei stets kalt, wir brauchten unbedingt eine Heizung. Für die Vorarbeiten wurde ich ausgeguckt. Mal wieder musste ich mir was selbst beibringen: Zum Glück diesmal mit genauen Vorgaben. Meine beiden Helfer meißelten, ich mauerte. Mit Zollstock, Wasserwaage und Maurerschnur, nach Vorschrift angesetztem Mörtel und wie immer ständig befürchtend, etwas nicht fachgerecht auszuführen. Nach Fertigstellung des Fundaments und Abbinden des Mörtels wurde der tonnenschwere Ofen auf die einzementierten Bolzen gesetzt und verschraubt. Ich mauerte den Schornsteinanschluss und die Stunde der Wahrheit schlug: Der Schornsteinfeger kam zur Abnahme der Ofenanlage. Er prüfte alles, was messbar war und wollte zuletzt wissen, wer das gemauert hat. Das hatte ich erwartet und antwortete: „Irgend so ein Maurermeister aus Angeln, ich hab nur seine Telefonnummer.“ „Dann grüß ihn man von mir, er hat gute Arbeit geleistet.“

Schmied

Einerseits war ich stolz, andererseits hatte ich keinen Bock auf den ständigen Jobwechsel, schließlich wollte ich schlossern. Außerdem war ich noch zum Jugend- und Auszubildenden-Sprecher gewählt worden, das heißt, Mitglied des Betriebsrats. Vorsitzender war August der Schmied, berüchtigt für Stress pur, keiner ging da freiwillig hin. Ich sagte dem Ausbilder, „Ich will schlossern, und wenn es in der Schmiede ist“, und August empfing mich: „Dien Vörgänger wär no veerteindag kaputt; du Gutschmidt, dat heet Schlechtschmee, büst no een Wuch wech!“ Ich gab mir Mühe, die körperliche Anstrengung war enorm, Voraussetzung war ein präzises Zusammenarbeiten zwischen Hand- und Vorschlaghammer. Ich kämpfte acht Stunden am Tag mit Schlagtechnik, Arm- und Bauchmuskulatur. Nach einer Woche meinte der wortkarge August ganz nebenbei: „Ick glöf, ut di kann doch noch een Schmee warn!“ Ich war freudig überrascht, Schmied: Beherrscher des Feuers, Magier in der Behandlung des Stahls, ein Beruf mit tausendjähriger Tradition, und ich erklomm die ersten Stufen!
Für viele von uns Lehrlingen war es eintönig, langweilig, nicht so für mich. Berufsschule, Abendkurs zur mittleren Reife, dazu noch Vorlesungen an der Volkshoch- und Seemaschinisten-Schule, das war die Theorie. In der Praxis war ich „Allrounder“, ich arbeitete inzwischen an allen Werkzeugmaschinen, war Fachmann in Löten, Schweißen, Brennen und wurde oft zu Montageaufgaben in anderen Firmen eingesetzt, ja, sogar als Elektriker ausgeliehen! Aber eins wollte ich noch unbedingt: zur NORLA (Norddeutsche Landmaschinen-Ausstellung) in Rendsburg. Zur Belohnung für gute erbrachte Leistungen bekam ich die Erlaubnis. Ich hatte es geschafft, Reise nach Rendsburg!

Gießerei

Und nun waren 3 Jahre Lehrzeit rum, Firma und Schule wollten mich vorzeitig in die Gesellenprüfung schicken, doch ich wollte nicht. Einerseits war ich erst zum Herbst an der Ingenieurschule Karlsruhe angemeldet, andererseits fehlte mir noch die Gießerei, und die hatte meine Firma nicht. Ich blieb stur, verwies auf meinen Ausbildungsplan (mit Gießerei) und so schickte man mich zu „Anthon und Söhne“, ein knappes halbes Jahr „Praktikum“.
Bei „Gebr. Klaus“ spielte ich den „Allrounder“: Ausleihelektriker in der Feldmühle, Kaffeerösterei und Rumfirmen, Spätschichtarbeiter (16 bis 24 Uhr) an Säge und Marmorierbank (Kreismuster auf Niro- und Alutafeln), Dreher, Fräser und immer wieder Schmied: schwere Richtarbeiten, August wollte nur mich haben. Dazu die Schule: Meine zweite Fachschulreife hatte ich in der Tasche, die Facharbeiterprüfung hatte nur einen Haken: Der mit den besseren Abschlussnoten wird vom Verlierer einen Abend mit Essen und Trinken freigehalten, und Kumpel Gerd hatte nach 3 Lehrjahren als Technischer Zeichner mit 2 und 1 in Praxis und Theorie bestanden. So kam für mich nur eine doppelte Eins in Frage: Ich zeichnete Transparent mit Tusche, verwarf alles und zeichnete neu, was nicht „Sehr gut“ war. Alles lief wie geplant: der Schummelzettel war überflüssig, die Untermaß gefertigten Teile fanden reißenden Absatz (Stück 5 DM) und mein Gesellenstück fand ich 10 Jahre später in einer Metallsammlung meines Klassenlehrers. Ich war glücklich, hatte alles geschafft: Zweite mittlere Reife, Führerschein, Facharbeiterprüfung mit „Eins, eins“ und zu guter Letzt die Aufnahme in die Karlsruher Ingenieurschule. Damit waren Lehre und Berufsschule beendet. Wir Schüler trafen uns ein letztes Mal mit unserem Lehrer im Klassenraum und verabschiedeten uns. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich in 10 Jahren wieder in diesem Raum stehen würde, dann aber nicht in, sondern vor der Klasse!

Die „Wanderjahre“

Eckart zog um in den Süden des Landes, nach Karlsruhe, und verbrachte zwei Semester an der dortigen Ingenieursschule, war dort aber nicht besonders glücklich mit der angebotenen Ausbildung. Ein Studienkollege gab ihm den Tipp: „Ich hab aus Berlin gehört, da kann man ohne Abi auf Lehrer studieren und dazu in Abendkursen das Abi nachholen. Mach das bloß, denn Gewerbelehrer werden überall gesucht.“ So schrieb ich denn an die Pädagogische Hochschule und das Berlin-Kolleg und bekam positive Antworten: „Drei Jahre Studium an der PH, drei Jahre Abi-Abendkurse im Berlin-Kolleg“. Ing-Schule ade, Reise nach Berlin, Aufnahmegespräche und -prüfungen, beides erfolgreich! Sein Berliner Examen wurde jedoch in einigen Bundesländern, auch Schleswig-Holstein, nicht anerkannt – so kam er ins Bundesland Bremen, genauer nach Bremerhaven … Hier verbrachte er fünf intensive Jahre, dennoch hat er bei aller Betriebsamkeit und trotz der vielfältigen Erlebnisse und Eindrücke in seinen Wanderjahren nie sein Ziel aus den Augen verloren: Die Rückkehr nach Flensburg!

Zurück zu den Wurzeln

Im Jahre 1970 war es soweit, Eckart kehrte in seine Heimatstadt Flensburg zurück. Seine Eltern waren fünf Jahre vorher, 1965, vom Südergraben weggezogen in den Stadtteil Engelsby, wohnten jetzt im Trögelsbyer Weg Nr. 27. Eckart kam dort vorerst bei seinen Eltern unter, er war mittlerweile zum Assessor befördert worden, und kam hier an die Berufsschule – wie schon erwähnt – in den gleichen Klassenraum, den er schon aus seiner Schülerzeit gut kannte. Er machte recht schnell Karriere, wurde alsbald Abteilungsleiter an der Schule für metallverarbeitende Berufe. 1972 lernte er seine zukünftige Ehefrau Ute kennen, heiratete 1974, und schon ein Jahr später zogen die jungen Eheleute erneut um, in den Trögelsbyer Weg Nr. 5 – hier wohnen sie übrigens auch heute noch. Die kleine Familie erhielt bald Zuwachs: Ein Sohn und eine Tochter – beide längst erwachsen, in München bzw. Krefeld lebend, machten das Familienglück vollkommen, inzwischen sind sogar zwei Enkel (ein Zwillingspärchen) hinzugekommen. Im Jahr 2002 trat die Schulleitung an Eckart heran, er möge sich schnell entscheiden, ob er – bei geringen finanziellen Einbußen – sofort in den Ruhestand versetzt werden möchte. Das verlockende Angebot nahm Eckart sofort an, ging im Alter von 63 Jahren in den Ruhestand.

Der Ruhestand

Eckart war zeitlebens ein extrem umtriebiger Mensch, und das blieb er auch in seinem sogenannten „Ruhestand“. Viel Hobbies waren sein Eigen, denen er sich nun ungehemmt widmen konnte. Von Stadtführungen über Umlandführungen bis hin zum Segeln, am liebsten in den zahllosen Gewässern der heimischen Ostsee mit dem eigenen Segelboot.
Seine ganz große Leidenschaft sind allerdings Steine, Steine, und nochmal Steine: Er sammelt sie solange er denken kann, und bearbeitet und katalogisiert sie, vorzugsweise in seinen privaten Kellerräumen, die mehr einer bestens ausgestatteten Werkstatt ähneln als einem herkömmlichen „normalen“ Vorrats- und Waschkeller. Seine zahllosen Berufe spiegeln sich somit auch in seinem Tun wider, er hält über viele Fachgebiete Vorträge, verkauft die bearbeiteten Steine auf unzähligen Märkten, fertigt Bronzegüsse an, so hat er neben vielen anderen Arbeiten mit hiesigen Künstlern Flensburgs Stadtsiegel und diverse Bronze- und Schautafeln für Flensburg gegossen. Die Einnahmen, die er mit seiner Umtriebigkeit erzielt, gehen zur Hälfte drauf für der Anschaffung seiner vielen, vielen Werkzeuge und Arbeitsutensilien, die andere Hälfte des eingenommen Geldes spendet er für gute Zwecke.
„Nebenbei“ – scheinbar ist er nicht ganz ausgelastet – ist er seit über 40 Jahren ehrenamtlich tätig, sein Engagement begann damals mit der Auflösung der letzten Flensburger Flüchtlingslager. Seit gut zwanzig Jahren liegt ihm der Verschönerungsverein Flensburg e. V. am Herzen, mit dem ihm die Schaffung vieler hochwertiger bronzener Gedenktafeln gelang, und viele andere Projekte (Weiße Pforte in der Marienhölzung usw.).
Seine inzwischen 81 Lebensjahre sieht man ihm überhaupt nicht an, wir drücken ihm die Daumen, dass er noch möglichst lange bei guter Gesundheit seinen vielfältigen Neigungen und Hobbies mit viel Einsatz und Freude nachgehen kann – man merkt ihm an, dass er nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes „steinreich“ ist, sondern auch in seinem Tun für sich selbst, seine Familie, und nicht zuletzt der Stadt Flensburg und dieser Region!
Sein Tag ist auch heute stets ausgefüllt, und wenn er gerade nichts anderes zu tun hat, arbeitet er an einem Buch über sein äußerst abwechslungsreiches Leben. Das Buch möchte er in gut einem Jahr abgeschlossen haben und anschließend veröffentlichen!

Text: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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