Ende Juni lief im NDR-Fernsehen ein Beitrag mit dem Untertitel „Schleswig-Holsteins schönste Förde“. Gemeint war die Schlei. Das lässt sich toppen, meinten die Gründungsmitglieder des Flensburger Vereins und gaben sich und dem zu Flensburg führenden Meeresarm schon vor Jahren den ganz und gar nicht bescheidenen Titel „Die schönste Förde der Welt“.
Nun ja, Zyniker meinen, dass der Superlativ bei der zahlenmäßig bescheidenen Konkurrenz leicht zu erreichen ist. Eckernförder und Kieler Bucht, Schlei mit Einschränkung und Trave, ebenfalls unter Vorbehalt, dürfen sich im geologischen Sinne Förde nennen. Verwirrend wird es zudem, dass dänische Förden dort Fjorde heißen, aber eigentlich keine sind.
Nun nochmals ein „Aber“. Darum ging es den Vereinsgründern 2013 nicht. Sie wählten bewusst die kleine Provokation, um die Scheinwerfer auf die Flensburger Region zu richten. Nicht neue Touristen waren die Zielgruppe ihrer nachfolgenden Aktionen. Ironischerweise hatten die Touristikwerber zwischenzeitlich mit ‚Flensburg Fjord‘ geworben, die Dänen tun es immer noch. Nein, sie werben um das, was in der Region rar zu werden droht, sie buhlen um Arbeitskräfte. Während die Süd-, West-, Mittel- und Ostdeutschen den unverwechselbaren Reiz von Wasser, Strand und Flens-Stadt entdeckt haben, ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass im vergangenen Jahrzehnt einige Großbetriebe der Stadt den Rücken gekehrt haben, damit vordergründig ein Überangebot an Arbeitskräften für die restlichen Unternehmen bestand. Aber so einfach ist es nicht. Angebot und Nachfrage müssen zusammenpassen. Die Unternehmensstruktur in und um die Stadt verändert sich. Hightech-Firmen statt Massenproduktion. Kopf- statt Handarbeit, und vor allem der Verlust an Arbeitskräften durch altersbedingten Abgang machen Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistung zu schaffen.

Woher nehmen und nicht stehlen?

Ohne „Stehlen“ wird es in Zukunft nicht gehen. Denn nicht nur an der Küste, in ganz Deutschland klafft die Lücke zwischen Arbeitskräfteangebot und -bedarf. Der Hochkonjunktur ist es geschuldet, dass Fachkräfte in fast allen Branchen rar geworden sind. Den Nachwuchs, der im Norden, nicht zuletzt an den Flensburger Hochschulen entsteht, gilt es zu motivieren, nach dem Studium die Zelte nicht abzubrechen, sondern den Zugang zu hiesigen Betrieben zu finden. Schwieriger noch, Talente aus dem großen Rest des Landes an die Förde zu locken, besser gesagt, sie zu motivieren, hier zu arbeiten und zu leben. Damit sind wir bei Thema und Programm der ‚Schönsten Förde der Welt‘.
Die im Verein zusammengeschlossenen 61 Unternehmer haben erkannt: Es gilt nicht die Nadel im Heuhaufen zu finden, sondern die Nadel muss motiviert werden, den Haufen (den großen deutschen und internationalen Markt) zu verlassen und den Weg nach Norden zu suchen.
Dass nicht nur gesucht, sondern gefunden wird, dafür wollen die Vereinsmitglieder mit ihren Aktionen sorgen.
Gleich mehrere Filme hat der Verein bei ‚Bewegtbild‘ in Auftrag gegeben.
Der Hauptfilm fängt mit einer Negativaussage an. „Was weiß ein Westfale über Flensburg?“ Bestenfalls, dass es die Stadt der „Punkte“ ist. Die anderen ‚P‘s hat man, weil ihrer ständigen Wiederholung überdrüssig, weggelassen. Dann aber folgen Bekenntnisse von Alt- und Neu-
flensburgern, die das Negativimage umkehren sollen: „Wir leben dort, wo andere Urlaub machen“, „Flensburg strahlt etwas Nicht-Aggressives aus“. „Das Flair der alten Seehandelsstadt, das finde ich schön.“ „Es ist alles da, was man im Alltag und kulturell braucht. Und trotzdem ist es überschaubar.“ Es folgen eine Reihe „weicher“ Standortfaktoren wie Freizeit, Bildung, Gesundheitsversorgung, die deutsch-dänische Kultur, der Sport und nicht zuletzt bezahlbarer Wohnraum.
Die ‚harten‘ Faktoren sind attraktive Wirtschaftsunternehmen wie die FSG, Robbe & Berking, Queisser und zahlreiche High-Tech Unternehmen.
Wie bekannt aber sind diese Schätze im Rest der Republik oder gar Europas?
Wer selbst abseits der Grenzstadt in der Mitte Deutschlands lebt, bekommt eine ernüchternde Antwort: „So gut wie nichts.“ Wer gar Schilder mit „Flensborg“ sieht, fragt sich: „Gehört diese Stadt eigentlich (noch) zu Deutschland?“ Nur Autofahrer auf der A7 erfahren schon bei Frankfurt, wo es lang geht. Denn die deutsche Bezeichnung für die Europastraße E45 endet eben genau dort: In Flensburg.
Die Initiatoren der „Schönsten Förde der Welt“ haben den Mangel erkannt und pfiffig den inzwischen abgenutzten Slogan „I love (NY, München, Hamburg)“ umgekehrt in „Flensburg liebt dich“.
Wir fragten Günter Fenner (Mürwiker Werkstätten und Vorsitzender des Vereins) und Timo Klass (Agentur Hochzwei und Gründungsmitglied) nach der Entstehungsgeschichte der Initiative.

Aus der Not geboren

„Flensburg ist pro Kopf gerechnet der stärkste Wirtschaftsstandort im Norden – das Herz der Region“. Doch das Herz leidet nach Meinung der 61 Vereinsmitglieder, allesamt Unternehmer aus Industrie, Handel, Dienstleistung und Handwerk, an ‚Blutmangel‘ in Form von fehlenden Fach- und Führungskräften.
Allein die Mürwiker Werkstätten, so ihr Geschäftsführer Günter Fenner, benötigen in den nächsten Jahren 75 neue Mitarbeiter. In anderen Unternehmen ist der Bedarf und damit der Mangel noch wesentlich höher. Der kann seiner Meinung nach nur behoben werden, indem Studenten, Auszubildende und Fachkräfte vor Ort gehalten oder hierher ‚gelockt‘ werden. Doch locken auch andere Städte und Regionen. Deshalb werben die Flensburger mit einem ‚Liebesbrief‘ überregional für ihre Stadt.
Statt „Sie sucht ihn“ heißt es sinngemäß „Wir suchen Dich“. Und wie in Kontaktanzeigen üblich, werden die Vorzüge des Bewerbers herausgestellt.
„Wir sind liebenswert und bieten eine starke Wirtschaft, eine breite Bildungslandschaft, vielfältige Kultur, herrliche Lage, zusammengefasst: Die besten Chancen für ein erfülltes Leben.“
Damit wirbt der Verein nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Er versucht, möglichst viele Unternehmen der Stadt für die gemeinsamen Anstrengungen zur Anwerbung von Mitarbeitern zu gewinnen. Denn offensichtlich ist nicht allen die Tragweite der Entwicklung bewusst.
Entstanden ist die Initiative nach Aussage von Gründungsmitglied Timo Klass aus einer lockeren Gesprächsrunde von gestandenen und jüngeren Unternehmern. Sie kamen zu der Überzeugung, dass „der Fachkräftemangel die Achillesferse der Wirtschaft sein wird.“ Timo Klass ergänzt: „Wir machen Standortmarketing, kein Stadt- oder Tourismusmarketing, auch wenn sich die Bereiche zuweilen überschneiden.“ Und er kritisiert auch das Verhalten vieler aus der Region, wenn er sagt: „Damals zumindest war es so, dass man sich schlechter geredet hat, als man wirklich war. Als Konsequenz wollten wir aus ‚Flensburg ist schön, aber…‘ ein ‚Flensburg ist schön, weil…‘ machen.“
Ein Beispiel für das neue positive Denken ist die Beschreibung der Lage Flensburgs. Von der Mitte der Republik aus gesehen ist Flensburg ganz oben – am Rande. Aus hiesiger Sicht liegt Flensburg in der Mitte, zwischen Kontinentaleuropa und Skandinavien oder auch Westeuropa und den baltischen Staaten. Klass fordert: „Wir müssen Flensburg als Oberzentrum der Region und Dänemarks etablieren.“ Daher auch der Slogan: ‚Die schönste Förde der Welt‘, weil Dänemark bewusst in die Werbung für die Region mit einbezogen werden soll. Nicht nur Flensburger Unternehmen, auch dänische wie Danfoss oder Ecco sind für Fachkräfte aus dem Süden interessant und kommen der Belebung der Region zugute. Die Werbung darf sich nicht auf mögliche Beschäftigte beschränken, sie muss die ganze Familie ansprechen, so Timo Klass. Während die Frau etwa bei Queisser eine Anstellung findet, könnte der Partner bei einem dänischen Unternehmen nördlich der Grenze arbeiten. Die dänischen Unternehmer fühlen sich, so Klass, durch die Flensburger Kampagne nicht ‚einvernommen‘, sondern profitieren davon. So ist einer der Anschubfinanzierer der Danfoss Chef Jørgen Mads Clausen. Als Muster für diese grenzüberschreitende Vermarktung gilt die Öresundregion mit Kopenhagen auf der dänischen und Malmö auf der schwedischen Seite. Dort erfolgte die Namensgebung ‚Greater Kopenhagen‘. Malmö entfällt in der Namensgebung. Durchaus mit Zustimmung der Großstadt Malmö. Grund: Kopenhagen ist einfach bekannter, etwa als Flugverkehrskreuz im Norden. Ähnlich sehen es die Vereinsmitglieder von „Flensburg liebt dich“ mit ihrem Bezug zur deutschen Fördestadt. Sie ist überregional bekannter als etwa Sonderborg oder Apenrade.

Nach innen stolz machen – nach außen begeistern

Die Doppelstrategie des Vereins wird in seinen Publikationen deutlich, auch in den für die sozialen Medien produzierten Filmen. Die Flensburger selbst sollen von der Attraktivität ihrer Region überzeugt werden. Denn sie sind letztlich im Idealfall die besten Botschafter. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Oft wurde das halbleere statt das halbvolle Glas gesehen. Da unterschieden sich die Flensburger von anderen, die das Positive ihres Ortes in den Vordergrund stellten. Dies zu wandeln, haben sich die 61 Unternehmer vorgenommen. Denn das, was für Besucher attraktiv ist, Wasser, Wind und Wellen, ist für die Einheimischen Alltag.
„Wir leben da, wo andere Urlaub machen“, wurde zwar als Werbespruch benutzt, war aber im Bewusstsein der ‚Einheimischen‘ eine Selbstverständlichkeit. Und nicht allen war und ist es vergönnt, die besonderen Privilegien der Region, Segeln, Surfen, Golfen, zu nutzen. Mit etwas Abstand gewinnt man jedoch der Stadt weitere, auch weniger privilegierte Reize ab. Die Aufgeschlossenheit der Menschen, die zunehmende Attraktivität der Flensburger Innenstadt, der Hafenspitze, der grünen Oasen, des lebendigen Lebens am Nordermarkt. Damit wird es auch leichter, andere zu überzeugen, sich der Stadt mit einem positiven, offenen Blick zu nähern.
Dass dies gelingt, beweist Joschka Baumann, erfolgreicher Verkaufsberater für VW und AUDI aus der Nähe von Darmstadt. Was ihn und seine Familie bewogen hat, die Frankfurter Metropolregion zu verlassen und bei KATH in Flensburg eine Anstellung zu suchen, erzählt er uns im Interview.
„Es war die Erkenntnis, dass das Leben hier lebenswerter ist, dass unser Sohn mehr Kind sein kann, weil die Eltern mehr Freizeit haben und man den Fokus auf die Dinge richten kann, die wichtig sind im Leben. Im Rhein-Main-Gebiet ist der Druck im Beruf immens. Wir denken auch an die Zukunft. Wir haben nahe Flensburg ein wunderschönes großes Haus mit Garten gefunden. Für den Preis hätten wir uns im Süden bestenfalls eine einfache Eigentumswohnung leisten können. Das empfinde ich als Aufstieg. Der berufliche Wechsel ist für mich leicht, da ich von VW zu VW wechsle.
Das Verkaufen läuft hier noch menschlicher ab. An meinem bisherigen Arbeitsplatz waren die Kunden oft sehr überheblich, damit der Konkurrenzkampf sehr groß. Im Norden zählen stärker die Themen Beratung und Service. Im Rhein-Main-Gebiet gehen Kunden zur Konkurrenz, weil das Auto dort ein paar Euro weniger kostet. Beratung ist ihnen weniger wichtig.
Für das Geld, das ich hier verdiene, kann ich mir mehr leisten, habe damit mehr Lebensqualität. Auch lockt der restliche Norden, etwa Norwegen als Urlaubsland. Zumal hier das ganze Jahr Urlaub vor der Tür liegt. Insgesamt erhoffe ich mir und meiner Familie mehr Zeit für uns selbst. Der erste Kontakt zum Norden kam durch einen Urlaub in der Nähe von Eckernförde. Wir kamen immer wieder zurück und haben dort Freunde gefunden. So kamen wir dem Norden immer näher.“
Joschka Baumann ist eine Ausnahme, folgt man den Zielgruppenbeschreibungen der ‚Flensburg liebt dich‘-Aktivisten. Ihr Zielhorizont ist weniger an den großen Industriezentren orientiert, sondern am norddeutschen Umfeld. Die Statistik sagt, dass der Arbeitnehmer in der Regel nicht bereit ist, mehr als 200 km von seinem Heimatstandort entfernt nach Arbeit zu suchen. Hamburg steht für die Flensburger ganz oben auf der Adressatenliste. Gegen Hamburg als Arbeitsort sprechen die hohen Mietkosten, der alltägliche Verkehrsstau.
Besonders für junge Familien sieht der Verein einen klaren Standortvorteil für Flensburg. Die Mieten sind ‚noch‘ bezahlbar, das Angebot an Kitas und Schulen reichhaltig, das Verkehrsaufkommen vergleichsweise moderat und der Freizeitwert hoch.
Eine nicht weniger attraktive Zielgruppe, so Timo Klass, sind Rückkehrer. Menschen, die hier aufwuchsen oder studiert haben, ihre ersten Berufserfahrungen in einer Großstadt machten und jetzt nach mehr Lebensqualität, der viel zitierten ‚Work-Life-Balance‘ suchen.
Eine Entscheidung für Flensburg ist nicht nur eine Entscheidung für den Job, sondern auch für Schule, Kita, Freizeit, Sport. Das haben auch die Gründer von ‚Flensburg liebt dich‘ erkannt und richten ihre Events und Fördermaßnahmen darauf aus. Und sie können Erfolge aufweisen. 36.000 Menschen haben sich das Video über den Flensburg-Song mit Lena Mahrt angesehen, 2.200 Teilnehmer und 15.000 Zuschauer wirkten beim ‚2. Flensburg liebt dich Marathon‘ mit und 17.000 sahen sich das längste Hotdog der Welt (218 Meter) an.
„Wir müssen auffallen und Dinge anders machen“, sagt Timo Klass, „um nicht im Grundrauschen des Mediendschungels unterzugehen.“
Schwer messbar der unmittelbare Erfolg. Das gesteht Günter Fenner ein. Zumindest die Medien-Reaktionen waren deutlich. Von sh:z bis NDR berichteten Print- und Funkmedien über die Aktionen. Und das, so hoffen die Initiatoren, bleibt nicht ungehört und ungesehen.

Kosten – Nutzen

Um die anfangs beteiligten Firmen bei der Stange zu halten, verspricht man ihnen eine Win-win-Situation. Zum einen der direkte Nutzen durch vermehrte Stellenbewerber, zum anderen die Möglichkeit, mit den erstellten Medien, den Videos etwa, für das eigene Unternehmen zu werben. Für die Beitragskosten, je nach Mitarbeiterzahl zwischen 500 und 5.000 Euro, erwarten die Sponsoren nicht nur einen Imagegewinn für die Stadt, sondern auch einen unmittelbaren Nutzen für das eigene Unternehmen. So sparen sie möglicherweise Aufwendungen für die Mitarbeiterwerbung und müssen Interessenten die weichen Faktoren der Region nicht von „Null-an“ erklären. Außerdem stärkt die Aktion, so die Absicht, das Firmennetzwerk in der Region und den Informations- und Erfahrungsaustausch.
Angst vor einer Konjunkturdelle haben weder Günter Fenner noch Timo Klass. Sie sehen auf lange Sicht einen wachsenden Bedarf an Arbeitskräften für die Region. Damit die Notwendigkeit, weiter intensiv um Arbeitskräfte zu ringen.

Bericht: Dieter Wilhelmy, Fotos: Benjamin Nolte, Die schönste Förde e. V.