Architekt im Beruf und Ehrenamt

Wenn man Glenn W. Dierking in seinem Reihenhaus im Stadtteil Engelsby besucht und vor dem Kamin über aktuelle Geschehnisse, über Architektur, oder die Entwicklung Flensburgs spricht, serviert der Hausherr seinem Gast Kaffee oder Tee. Dann kommt auch eine Unterlage zum Einsatz, die ein Motiv mit einem Baumkänguru ziert. Australien? Ja, Australien! Auf dem weit entfernten Kontinent begann die Biografie von Glenn W. Dierking, dort wurde er am 30. Mai 1954 geboren.
Seine Eltern hatten sich in der Nachkriegszeit im Flensburger Borgerforeningen kennengelernt, doch attraktive Arbeit war damals in der Fördestadt, am Rande der jungen Bundesrepublik, noch Mangelware. Sie beschlossen auszuwandern. Da das knappe Geld nur für ein Schiffsticket reichte, reiste zunächst der Vater nach Adelaide, nach anderthalb Jahren folgte die Mutter. Ihr Sohn bekam mit der Geburt einen australischen Pass, den er noch immer besitzt.

Der Orbit des Alltags drehte sich um Adelaide, die Arbeit stand im Fokus. Ausflüge in die Weite Australiens waren nicht möglich. Die schönsten Kindheitserinnerungen produzierte ein Park in der Nähe. Da hüpften Kängurus herum. „Man bemerkte doch einen arg eigenartigen Geruch, wenn man sie anfasste“, erinnert sich Glenn W. Dierking. „Dagegen nahm man Koalas gerne in den Arm.“ Kindergarten, Vorschule und erste Klasse – er lernte die Grundzüge des englischen Schulsystems kennen, das schon damals auf Ganztagsschulen basierte. Schularbeiten wurden auch in der Schule erledigt – und nicht erst, wenn man am Nachmittag nach Hause kam. „Für die ersten Klassen war keine Tasche nötig“, berichtet der 67-Jährige. „Es blieb alles in der Schule.“
Nach einigen Jahren verstarb in Flensburg der Großvater mütterlicherseits. Die Oma kam für ein halbes Jahr nach Australien. „Sie schwärmte so sehr von Flensburg, dass meine Mutter großes Heimweh bekam und zurückwollte“, erzählt Glenn W. Dierking. „Mein Vater wollte Australien nicht verlassen, hatte aber gegen zwei Frauen keine Chance.“ Anfang 1961 war die Familie vier Wochen lang auf einem italienischen Schiff unterwegs, um nach Triest zu gelangen. Die Eltern unternahmen bei den Stopps in Perth, Aden oder Alexandria einige Ausflüge. Ihr Sohn blieb immer mit der Oma an Bord und sammelte dort Bilder, die haften blieben. Im Hafen von Dschibuti etwa brachten dunkelhäutige Männer auf ihren Schultern vollgepackt Säcke über eine Rampe auf einen Frachter. Ein strenger Mann mit Peitsche beaufsichtigte sie. Oder das Rote Meer, in dem die roten Korallen wirklich eine unglaubliche Farbgebung kreierten.

Das Finale der Rückfahrt wurde strapaziös. Im Mittelmeer tobte drei Tage lang ein Sturm. Bis auf den Vater waren alle seekrank, ernährten sich von Tee und Zwieback. Glenn W. Dierking wagte sich mit seinem Papa einmal neugierig ans Deck. Auf dem Meer türmten sich die Wellen so hoch, dass die Schraube am Heck aus dem Meer herausragte. Kurz darauf baute sich vor dem Bug der nächste Wellenberg auf. Aus diesen dramatischen Bildern entwickelte sich kein Trauma vor dem Wasser. In den 90er Jahren schloss sich Glenn W. Dierking sogar einer Gruppe an, die mit Vorliebe die dänische Südsee besegelte. Und einmal mieteten sich die Flensburger sogar ein Segelboot in Pula und fuhren die kroatische Küste mit ihren vielen Inseln und Buchten ab.
Als Siebenjähriger war allerdings noch keine Zeit für Reisefieber. Zunächst einmal musste ein Kulturschock verdaut werden. Die neue Umgebung in Flensburg wirkte trostlos. Statt einem Einfamilienhaus in Adelaide mit viel Sonne, einem großen Garten und tropischen Früchten musste nun eine Wohnung im Sankt-Johannis-Viertel genügen. Die Glücksburger Straße hoch ging es zur Jørgensby-Skolen. „Es gab noch keine Fernheizung“, erinnert sich Glenn W. Dierking. „Gestank drang aus den Öfen und aus den Schonsteinen schwarzer oder gelber Rauch.“
Im Winter sah er erstmals in seinem Leben Schnee. Leichtsinnig lutschte er einen Eiszapfen und erkrankte schwer. Dann verzögerten sprachliche Probleme das mentale Ankommen im hohen Norden Deutschlands. „Meine Eltern wollten für immer in Australien bleiben und sprachen deshalb nur noch Englisch“, erklärt der gebürtige Australier. „Nun musste ich Deutsch und Dänisch lernen. Mein Vater sprach Dänisch, meine Mutter Deutsch mit mir. Und wenn ich einmal in den Sommerferien für vier Wochen bei einer Familie in Dänemark war und mein Dänisch verbesserte, vergaß ich im Gegenzug viele deutsche Wörter.“ Kurzum: Die ersten Monate in Flensburg waren für den Jungen eine große Herausforderung.

Schon bald zog die dreiköpfige Familie nach Rendsburg. Der Vater fand eine Stellung beim dänischen Jugendverein und absolvierte vorher in Kopenhagen eine Ausbildung zum Pädagogen. Ab 1965 leitete er ein dänisches Jugendheim in Rendsburg. Dort existierte allerdings keine dänische Realschule. So fuhr Sohn Glenn täglich mit dem Bus 33 Kilometer nach Schleswig und nach Schulschluss wieder zurück. Ab der zehnten Klasse lebte er wieder in Flensburg. Inzwischen war ihm die Stadt bestens vertraut. Er hatte dort seine Großeltern regelmäßig besucht und war auch zu Punktspielen im Handball oder zu Turnieren in Badminton zu Gast. Nun wohnte Glenn W. Dierking im Schülerheim an der Marienhölzung und bastelte an der Duborg-Skolen am Abitur. Er lebte erstmals ohne Eltern und genoss die Freizeit mit vielen neuen Freunden. Das Flensburger Nachtleben kannte schon Dauerbrenner wie den „Börsenkeller“ und das „Porticus“.
1975 entschied sich der junge Mann dafür, für sechs Monate die Sportvolkshochschule (Idrætshøjskolen) in Sonderborg zu besuchen. In jener Zeit rannte er nicht nur die 100 Meter in elf Sekunden, sondern erwarb auch Lizenzen als Trainer und Schiedsrichter im Handballbereich und absolvierte eine Ausbildung zum Schwimmlehrer. Später konnte er in einem ehemaligen Freibad der dänischen Minderheit in Engelsby zwei Sommer lang als Badeaufsicht fungieren und auch den Schwimmunterricht leiten. Wesentlich prägender war die Sportvolkshochschule allerdings mit ihrem Bildungsauftrag, der neben Sport auch die Einführung ins dänische Staatswesen vorsah. „Ich fühlte mich nun gut gerüstet, es war wie ein Sprungbrett in die dänische Gesellschaft“, betont Glenn W. Dierking. „Vor kurzen hatten wir unser 45-jähriges Jubiläum, die Schule hinterlässt immer noch viele gute Erinnerungen.“

Er ging nach Aarhus und studierte Architektur. „Reisen ist Leben, dann wird das Leben reich und lebendig“, schrieb einst der dänische Dichter Hans Christian Andersen. Und nach dieser Maxime lockerten einige Touren nach Venedig, Kreta, Südfrankreich oder Rom die Theorie im Hörsaal auf. Und für 1981 drängte sich der Wunsch nach zwei Semestern im Ausland auf. Natürlich sollte es Australien sein. Der 24-Stunden-Flug mit einigen kurzen Zwischenhalten war allerdings nur schwer bekömmlich. „Ich hatte mehrere Tage einen Jetlag“, erzählt Glenn W. Dierking. „Zum Glück war noch eine Woche Zeit bis zum Studienbeginn.“
Er wohnte bei einer befreundeten Familie in Adelaide, die mehrmals in Flensburg zu Besuch war. „Ich wollte nicht als Tourist, sondern als Teil der Gesellschaft in Australien sein“, erklärt der 67-Jährige. Er bekam gleich 26 Kommilitonen. Mit einigen unternahm er Touren in den feuchten Nordwesten oder ins Outback. Nicht ohne Nervenkitzel. „Wir schliefen in den ungemütlichen Quartieren der Schafscherer oder blickten in das grimmige Gesicht eines sechs Meter langen Krokodils, das nur durch einen Maschendrahtzaun von uns getrennt war“, erzählt der Flensburger.
Die Erfahrungen in „Down Under“ waren vielschichtiger Natur. Glenn W. Dierking fuhr in New South Wales sogar mal in einem Wintersportgebiet auf Skiern. „Aber man war schnell den Berg runter“, berichtet er. „Es ist nicht so wie in den Alpen, wo man auch bis zu 30 Minuten lang wedeln kann.“ Das Nordlicht weilte für einen Ski-Urlaub schon in Hochgebirgsregionen der Schweiz und Frankreichs.
Glenn W. Dierking war nach seinen beiden Auslandssemestern nie wieder in Australien. Für das Jahr 2000 hatte er an einen Trip an die Ostküste gedacht, wegen der Olympischen Spiele in Sydney waren aber frühzeitig alle Unterkünfte ausgebucht. In den 80er Jahren war es zunächst darum gegangen, als Architekt Fuß zu fassen. Die ersten Schritte machte er in Aarhus, dann schweifte das Interesse immer häufiger gen Norden. Viele Aufträge trudelten aus Norwegen ein. Dort herrschte damals ein Bau-Boom, es gab unheimlich viel zu tun. 1987 heuerte der junge Architekt in Lilleström, unweit von Oslo, an. Dort wurden ein neues Rathaus und ein neues Polizeigebäude errichtet. Unterirdische Gänge, Gefängniszellen und Verhörräume benötigten andere Erfordernisse als das sonst übliche Tagesgeschäft. Die Phase in Norwegen endete abrupt. „Plötzlich meinte mein Chef, mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen zu müssen“, erzählt Glenn W. Dierking. „Er suchte keinen Nachfolger, sondern schloss seine Firma einfach.“
So kehrte er 1991 überraschend nach Flensburg zurück. Zunächst war er angestellt, nach zwei Jahren machte er sich selbstständig. In der „Flensborg Avis“ hatte die Union-Bank inseriert: „Räumlichkeiten zu vermieten“. In die Große Straße 4 zog Glenn W. Dierking zunächst zusammen mit drei dänischen Architektur-Firmen ein, die kurz nach der deutschen Wiedervereinigung auf Aufträge im Osten hofften. Aber so einfach war es nicht. „Es gab dann in Dänemark wieder mehr zu tun – und es war längst nicht so kompliziert wie in Deutschland“, schmunzelt der Architekt.

Auf maximal fünf Mitarbeiter wuchs sein Stab in den letzten 28 Jahren. Er wollte stets den Überblick behalten. „Jedes Detail in jedem Projekt möchte ich kennen und von Anfang bis Ende dabei sein“, betont er. Immer wieder kam es zu grenzüberschreitenden Kooperationen mit deutsch-dänischen Bauherren und Kollegen. Glenn W. Dierking begleitete die Sanierung des Strandhotels in Glücksburg, den Bau der Sydbank am Rathaus und den Umbau der Alten Post zu einem Hotel mit 80 Zimmern. Es entstanden viele soziale Bauten wie Kirche, Jugendfreizeitanlagen, Kindergärten oder Versammlungshäuser der dänischen Minderheit. Auch für große Speditionen war der Flensburger tätig.
Der SSW fragte ihn 1996, ob er sich in der Stadtpolitik engagieren und vielleicht sogar in die Ratsversammlung einsteigen möchte. „Damals sollte ein Umbruch eingeleitet werden“, verrät Glenn W. Dierking. „Es gab ein paar alte Hasen, die schon 20 oder gar 28 Jahre in der Kommunalpolitik tätig waren und demnächst aufhören wollten.“ Er selbst fand den Weg als bürgerliches Mitglied in den Planungsausschuss. Als Architekt waren die Stadtplanung, die Ästhetik und das Design von Bauwerken oder die Landschaftsplanung logische Themen für das neue Ehrenamt. Eine zentrale Frage beschäftigte ihn stets: Wie sollte eine Stadt optimalerweise funktionieren?
Als er nach zwei Jahren gefragt wurde, ob er in den Stadtrat einziehen möchte, lehnte Glenn W. Dierking ab und ließ sich auf den eigentlich aussichtslosen Listenplatz 15 setzen. Ein Todesfall und mehrere Absagen manövrierten ihn 1999 erstmals in den Stadtrat. 2003 war es ähnlich. Erneut nahm er mit Listenplatz 15 vorlieb, rückte dann aber doch bald nach. „Damals gab es noch die drei großen Parteien und eine kleine“, erzählt der Kommunalpolitiker aus seinen Anfängen. „Wenn sich zwei große Parteien inhaltlich zusammenfanden, dann wurde es so beschlossen. Heute sind es neun Parteien, und es wird ewig diskutiert.“
Inzwischen sitzt der 67-Jährige seit 21 Jahren im Stadtrat, mit dem Planungsausschuss feiert er am 6. Dezember eine persönliche Silberhochzeit. „In dieser langen Zeit gab es viele Baustellen“, holt er aus. „Sie sind nicht nur physikalischer, sondern oft auch planerischer Natur, da man einfach nicht weitergekommen ist.“ In aktuellen Kontroversen spricht er sich gegen eine kostenintensive Verlegung des Flensburger Wirtschaftshafens vom Ost- auf das Westufer aus und hofft, dass schon bald Züge in den ZOB-Bereich einfahren. „Mit 33.000 Pendlern sowie etlichen Schülern, Touristen und dänischen Kunden ist das Fahrgastpotenzial sehr groß“, betont Glenn W. Dierking. „Eine Stadt, die sich CO2-neutral verhalten will, muss auch danach handeln. Das haben leider viele noch nicht begriffen.“

Er sitzt im Aufsichtsrat der regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Wireg“ und der „Tourismus-Agentur Flensburger Förde“. Im grenzüberschreitenden Gedankenaustausch mit Sonderborg und Apenrade mischt der SSW-Politiker als einer von zwei Flensburger Stadträten mit. Derzeit rangiert das Verbot der intensiven Muschelfischerei ganz oben auf der Agenda. „Apenrade und Sonderborg müssen in dieser Frage über Kopenhagen gehen, auf der deutschen Seite warten wir auf den Kreis Schleswig-Flensburg“, berichtet Glenn W. Dierking. „Für Untersuchungen wurden dänische und deutsche Biologen beauftragt. Sie kommen nicht zu einem gleichen, sondern sogar zum selben Ergebnis. Der Sauerstoffgehalt der Flensburger Förde wie auch im Kleinen Belt ist ganz einfach zu gering. Und dann sollte man den Meeresgrund durch die Muschelfischerei nicht noch weiter zerstören.“
Seit 2014 vertritt der SSW-Politiker Flensburg auch im neunköpfigen Vorstand des Vereins Als-Fyn-Brücke. Der einstige Oberbürgermeister Simon Faber hatte ihn ins Spiel gebracht. Das Ziel: Zwischen Fünen und Alsen soll eine elf Kilometer lange, feste Verbindung gebaut werden. Inzwischen kann der Verein auf ein Rückgrat von 1600 Mitgliedern zurückgreifen. „Im Folketing gab es nun einen Beschluss für Voruntersuchungen in den nächsten zwei Jahren – das ist ein Riesenschritt nach vorne“, sagt Glenn W. Dierking über den Stand der Dinge.

2004 war er für die seit 850 Jahre bestehende St. Knudsgilde vorgeschlagen und aufgenommen worden. „Das ist Schießen, Gemütlichkeit und ein Austausch mit vier Gilden in Jütland“, erklärt er. „An den Abenden, an denen wir uns treffen, schießen wir zunächst, dann essen und unterhalten wir uns im großen Saal der Knudsborg.“
Der große Tag der Gilde ist stets der 25. Juni. Dann schreiten die Mitglieder im Schwalbenschwanz und mit Zylinder hinter der Kutsche, in denen Majestät und Eldermann Platz genommen haben. Das erste Ziel ist das Rathaus, wo der Umzug vom Stadtpräsidenten empfangen wird. Dann wird mit den Brüdern und Schwestern geschossen und lange gefeiert. 2018 war es Glenn W. Dierking, der zum Schützenkönig der St. Knudsgilde gekürt wurde. 2019 kam eine Einladung nach Kopenhagen zur Königlichen Schießgesellschaft, wo der Geburtstag von Prinz Joachim gebührend gefeiert wurde. „Dieses Erlebnis war natürlich ein Höhepunkt in der Zeit als Schützenkönig“, schwärmt Glenn W. Dierking.

Text: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner, privat

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