Torjäger, Shooting-Star, Nationalspieler – trotz seiner erst 22 Jahre steht Marko Grgic schon sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Das Interesse an seiner Person nahm im Sommer mit dem Wechsel vom ThSV Eisenach zur SG Flensburg-Handewitt nochmals zu. Rekordwerte in den sozialen Medien wurden schließlich im Januar registriert, als die Europameisterschaft die Handball-Fans wie ein Magnet anzog. Im Finale warf Marko Grgic fünf Tore, 13 Millionen TV-Zuschauer schauten zu. Danach nahm er mit seinen Teamkollegen die Silbermedaillen entgegen, wurde von Bundeskanzler Friedrich Merz in der Kabine begrüßt und ließ den Abend mit der DHB-Auswahl gesellig ausklingen.

Am nächsten Vormittag holte ihn Freundin Mia vom Hotel in Silkeborg ab. Es ging zurück nach Flensburg. „Nach fünf Wochen bei der Nationalmannschaft wollte ich nur noch schlafen“, verrät das Rückraumass. „Im Kopf musste ich erst einmal kapieren, dass ich mich nicht mehr auf das nächste Spiel vorzubereiten brauchte.“ Es ließen sich sogar ein paar Tage ohne Training einschieben. Endlich konnte sich Marko Grgic wie eine „Couchpotato“ fühlen oder Flensburgs Innenstadt genießen. Zusammen mit seiner Freundin. Sie war einst Bundesliga-Handballerin, zog mit in den hohen Norden und kümmert sich nun um das Marketing oder die Pressearbeit des schleswig-holsteinischen Handballverbandes.

Handball in den Genen
Nicht an Handball denken – das fällt Marko Grgic schwer. Denn in seinem Orbit haben praktisch alle mit seiner sportlichen Leidenschaft zu tun. Er stammt aus einer echten Handballer-Familie. Er hatte das runde, hüpfende Ding, das man so gut werfen und prellen kann, schon als Dreikäsehoch in der Hand. Seine Mutter spielte in der Oberliga, sein älterer Bruder steht im Kader des Drittligisten HG Saarlouis. Und dann ist da noch sein Vater. Danijel Grgic war Bundesliga-Handballer in Eisenach, als Sohn Marko geboren wurde, spielte für die kroatische Nationalmannschaft und den HC Zagreb. Heute ist er Co-Trainer beim Bundesligisten TVB Stuttgart und traf in dieser Funktion schon zwei Mal auf seinen Sprössling. „Vor und nach dem Spiel sieht man sich, in den 60 Minuten blendet man das Private aus“, beschreibt Marko Grgic diese besondere Konstellation. „Man ist so voll mit Adrenalin, dass man gar nicht wahrnimmt, wer auf der anderen Bank sitzt.“

Sein Weg in die Nationalmannschaft war anders als bei den anderen. Das zeigte auch die Reportage „Goldjungs“ auf, die die ARD eine Woche vor dem Start der Europameisterschaft ausstrahlte. Marko Grgic reifte in der Jugend nicht in einem Nachwuchsleistungszentrum, das mit einem Bundesliga-Klub gekoppelt ist, sondern im Unterbau der HG Saarlouis. Beim Drittligisten endete die Karriere des Vaters, da ließ sich die Familie nieder, und da kletterte ein Talent die Jahrgangsstufen hoch, ohne den Experten so richtig aufzufallen. Das „Juwel aus dem Saarland“ genoss die Nähe zur Familie und den Freunden länger als gleichaltrige, ambitionierte Spieler und wurde über Jahre vom Vater oder dem Bruder trainiert. Als Marko Grgic mit 18 Jahren bei den Männern von Saarlouis in der Drittklassigkeit debütierte, trug er die Rückennummer 17 – so wie einst sein Vater.

Von Saarlouis nach Eisenach
Im Sommer 2022 der Tapetenwechsel: von der Saarschleife an die Wartburg. Die Rückkehr an den Geburtsort und an den ehemaligen Familiensitz kannte keinen Hauch von Nostalgie. „Entscheidend waren allein die sportlichen Gründe“, betont Marko Grgic. „Ich konnte in Eisenach in der zweiten Bundesliga spielen, auch die Strukturen waren etwas professioneller.“ Es war die goldrichtige Entscheidung. Die Thüringer stiegen auf, und der Youngster mauserte sich zum Leistungsträger in der Erstklassigkeit. Nun traf er auf etliche Idole seiner Jugend – auch auf den THW Kiel, für den er einst so geschwärmt hatte. „Mich hatte sehr beeindruckt, dass dieser Verein so viel gewonnen und alles auf den Erfolg ausgerichtet hat“, erklärt Marko Grgic. „Mit meinem eigenen Schritt in die Bundesliga war das Fan-Sein natürlich vorbei.“

Nun war er selbst ein Teenie-Schwarm. Seine Popularität wuchs noch mehr, als das Rückraumass im Mai 2024 sein erstes Länderspiel bestritt. Sein zweites war bereits ein Testspiel für die Olympischen Spiele. Im letzten Moment hatte das große Talent tatsächlich noch den Sprung auf den Olympia-Zug geschafft und erlebte tolle sportliche Momente in Paris und Lille. Am Ende hatte Marko Grgic eine Silbermedaille um seinen Hals hängen.

Die SG machte das Rennen
In der kommenden Saison warf er noch mehr Tore für Eisenach. Er wurde Torschützenkönig, doch die Perspektiven unterhalb der Wartburg passten nicht mehr zu seinen. Das Mittelfeld war für seinen Ex-Klub das Höchste der Gefühle, der Jungnationalspieler wollte zu einem Spitzenklub. Die SG machte das Rennen und bekam den Wunschspieler nach zähen Verhandlungen schon im Sommer – ein Jahr vor dem ursprünglichen Vertragsende in Eisenach. „Die Entscheidung war Spitz auf Knopf – und dann war in drei bis vier Tagen allerhand zu regeln“, verrät Marko Grgic.

Er konnte sich noch nicht einmal richtig verabschieden. Das wurde Anfang Oktober nachgeholt, als die SG die Auswärtspartie in Eisenach zu absolvieren hatte. „Es war etwas ungewohnt, als Gegner für eine Nacht in die Stadt zu kommen, in der man vorher gewohnt hatte“, erzählt er. „Und als ich beim Abschlusstraining in der Halle war, hatte ich das Gefühl, dass ich dort gerade erst gespielt und trainiert hatte.“ Die besondere Rückkehr in den „Hexenkessel“ war für ihn ein erfolgreicher Genuss. Nun bestimmt die „Hölle Nord“ sein sportliches Leben. Ein Alltag, der auch die kommende Weltmeisterschaft in den Hintergrund rücken wird. Sie wird im Januar in Deutschland ausgetragen. „Das ist noch weit weg“, betont Marko Grgic. „Mit der SG habe ich in dieser Saison noch ein paar Monate, und dann kommt erst einmal die Hinrunde der nächsten Saison.“

Text und Fotos: Jan Kirschner















