Kurt Tomaschewski ist gebürtiger Ostpreuße, er wurde am 23. Dezember 1935 in Wigrinnen im damaligen Kreis Sensburg in Masuren geboren. Der ländliche Ort gehört heute zum polnischen Staatsgebiet, und führt den Namen Wygryny. Der kleine Kurt erlebte ruhige erste Lebensjahre im ländlichen Bereich, entwickelte folgerichtig die ersten Berufswünsche wie Landwirt und Eisschnellläufer(!) aus dem häuslichen Umfeld heraus. Sein Vater war ursprünglich gelernter Bäcker, musste den Beruf jedoch wegen einer Mehlkrätze aufgeben, er schulte um und wurde Elektriker.
Als sein Vater eine Arbeitsstelle als Elektriker auf der Schichau-Werft in Königsberg annahm, zog die Familie bald in die große Stadt um. Die Stadt Königsberg liegt im Südosten der Halbinsel Samland in der Pregelniederung, mit Zugang zur Ostsee. Kurt war fasziniert von der riesigen Metropole, ihn begeisterte nahezu alles was er sah. Ganz besonders hatte es ihm ein Industriebetrieb angetan, eine Dreherei, wo er mit glänzenden Augen die durch die Luft hüpfenden Späne beobachtete.
Der Vater wurde als Beteiligter am U-Boot-Bau, einer kriegswichtigen Tätigkeit, lange immer wieder vom Kriegsdienst freigestellt, im Juni 1944 wurde er als Mann von 32 Jahren doch noch eingezogen. Im Kampf gegen die vorrückenden russischen Truppen wurde seine Kompanie fast vollständig aufgerieben, nur einige wenige Soldaten kehrten von dem grauenhaften Einsatz zurück. Kurts Vater hat den verzweifelten Kampf gegen die Panzer der roten Armee nicht überlebt.

Die Flucht

Der Zweite Weltkrieg machte auch vor Ostpreußen und seiner Metropole nicht Halt. Als die russische Armee Ende 1944 immer weiter nach Westen vordrang, und eine Einnahme der östlichen Gebiete Deutschlands absehbar war und unmittelbar bevorstand, schloss sich die kleine Familie Tomaschewski, bestehend aus Mutter, Kurt, und seinem wenige Monate alten Bruder, den Flüchtenden an.
Die Mutter packte ein Federbett in den Kinderwagen, einige wichtige Habseligkeiten in einen Bandoneon-Koffer, schnappte sich die beiden Jungen, schloss die Haustür ab und legte den Schlüssel unter die Matte – sie wollte ja bald wieder zurückkehren … Kurt trug seinen Schultornister mit einigen Schulheften und etwas Spielzeug; und los ging die Reise ins Ungewisse! Im Hafen von Königsberg herrschte ein Mordsgedränge vor den Schiffen, Kurt wurde sogar von seiner Mutter getrennt.
Sie war bereits an Bord, und der Junge stand weinend auf der Pier. Ein hilfsbereiter Matrose holte den Jungen trotz des großen Durcheinanders schließlich doch noch aufs Schiff, und übergab ihn seiner glücklichen Mutter. Sie flüchteten im Januar 1945 an Bord des Passagier- und Frachtdampfers der Sierra-Klasse „Der Deutsche“, auf dem sich noch weitere etwa 3.000 Passagiere befanden, zunächst nach Stettin. Mit der Eisenbahn fuhren sie anschließend weiter nach Pasewalk. Dort angekommen, kamen sie bei einem Ehepaar unter, das anfangs über die Einquartierung der Flüchtlinge nicht glücklich war. Doch schlossen die Gastgeber den kleinen Gerd, Kurts jüngeren Bruder, besonders in ihr Herz, behandelten ihn fast wie einen eigenen Enkel. Doch Ende April 1945 ging die Odyssee weiter: Nach erneuter Einschiffung in Ueckermünde ging die Flucht an Bord des Fahrgastschiffes „Oceana“ weiter Richtung Westen, bis schließlich am 7. Mai abends das finale Ziel erreicht wurde:
In Apenrade sollten die Flüchtlinge von Bord gehen – doch Dänemark nahm keine weiteren Flüchtlinge aus dem Osten auf. So lief das Schiff schließlich in den Flensburger Freihafen ein. Nicht nur Kurt war froh, dass die Odyssee vorbei war: Er hatte während der gesamten Überfahrt unter Seekrankheit gelitten. Trotz dieser Einschränkung war Kurt seiner Mutter eine große Hilfe während der Seefahrt: Für seine Leute, aber auch für andere Bedürftige, holte er regelmäßig Milch und Nahrungsmittel von der Essensausgabe ab, und war behilflich wo er nur konnte.

Als Flüchtling in Flensburg

Am 8. Mai 1945 mussten alle Flüchtlinge das Schiff verlassen, nachdem die Nacht zuvor noch an Bord in der Flensburger Förde auf Reede verbracht wurde. Nun standen sie plötzlich mit ihrem bisschen Hab und Gut an der Straße Kielseng in Flensburg, und hatten keine Bleibe.
Die Tomaschewskis kannten aus der Vorkriegszeit einen in Flensburg lebenden U-Boot-Kommandanten, mit dem der Vater sich bei diversen Werftliegezeiten des Seemanns in der Schichau-Werft angefreundet hatte. Bei jener Familie kamen die drei Ostpreußen anfangs unter, in der Fruerlunder Straße, wurden jedoch bald anderweitig in der Apenrader Straße einquartiert, ehe sie endgültig im zum Flüchtlingslager umfunktionierten „Schützenheim“ in der Alsenstraße eine Bleibe fanden. Hier „wohnte“ die Familie Tomaschewski rund anderthalb Jahre mit etwa 100 anderen Menschen zusammen in einem großen Tanzsaal, der mithilfe von Wolldecken in sogenannte kleinere Wohn-Abteile unterteilt war. Kurts Mutter war damals die einzige Frau, die in dieser Flüchtlingsunterkunft einen eigenen Kinderwagen besaß.
Es dauerte gar nicht lange, bis eine andere Mutter darum bat, den Wagen ausleihen zu dürfen. Natürlich half man sich gegenseitig, wo es nur ging. Deren krankes Kind litt jedoch unerkannt an Diphtherie, einer potenziell lebensbedrohlichen Infektionskrankheit. Kurts kleiner Bruder Gerd steckte sich an, erkrankte schwer, und musste bald zusammen mit der Mutter zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht werden.
Das gerade einmal 13 Monate alte Baby verstarb kurz darauf, die Mutter lag noch wochenlang im Krankenhaus. Kurt hatte sich zum Glück nicht angesteckt, obwohl er oft näheren Kontakt zu dem Säugling hatte. Auf sich allein gestellt, besuchte der junge Kurt beinahe täglich die Mutter, legte auf dem Weg ins Krankenhaus zu Fuß weite Strecken zurück, wobei er während der eisigen Wintermonate sogar über die zugefrorene Flensburger Innenförde marschierte und dabei das brüchige Eis der Fahrrinne überquerte – ohne sich der Gefahr, die ihm dabei drohte, bewusst zu sein.
Einsam und tieftraurig beerdigte er zudem ganz allein den kleinen Bruder. Seine Mutter und er wohnten insgesamt sieben Jahre in hiesigen Flüchtlingslagern, zuletzt bis zum Juni 1952 in einer Baracke der ehemaligen Luftwaffe in der Apenrader Straße, direkt gegenüber der Petri-Schule. Kurt besuchte anfangs eben diese Petri-Schule, wurde dann nach einem Schuljahr allerdings zur Schule Ramsharde in der Bauer Landstraße umgeschult. Dort machte er schließlich seinen Schulabschluss im Jahre 1951.

Die Lehrjahre

Kurt und seine Mutter bekamen – endlich – im Jahr 1952 eine kleine Wohnung in der Tilsiter Straße zugewiesen, in einem der SBV-Häuser, die der damals sehr rührige SBV unter Willi Sander eigens für die Unterbringung von Geflüchteten bauen ließ.
Kurts größter Berufswunsch war der Beruf eines Drehers. Gern hätte er Dreher erlernt, bekam allerdings „nur“ eine Lehrstelle als Betriebselektriker bei „Hein Schliep“, der ehemaligen Flensburger Zylinder- und Kurbelwellenschleiferei in der Batteriestraße. Kurt hatte Glück mit dem Betrieb: Sein Lehrmeister und Ausbilder war Heinz Sack, der sich um den Jungen wie ein Vater kümmerte, ihn anleitete, und auch dafür sorgte, dass er wie alle anderen Lehrlinge während seiner Lehrzeit sämtliche Abteilungen des relativ großen Betriebes zu durchlaufen hatte. Besonders die Tischlerei hatte es Kurt angetan; seit jener Zeit ist er ein begeisterter Holzbearbeiter, überhaupt ein geschickter Handwerker, der auch gern in seiner Freizeit alle möglichen handwerklichen Tätigkeiten ausübt.
Kurt war ein guter und fleißiger Lehrling, sog förmlich angelerntes Fachwissen auf, und legte folgerichtig eine gute Gesellenprüfung mit ordentlichen Noten ab. Nach bestandener Prüfung blieb er dem Betrieb noch weitere sechs Monate treu, war in dieser Zeit als sogenannter Springer tätig: Er wurde immer in der Abteilung eingesetzt, wo gerade Not am Mann war.

Beruf und Sport

In seiner kargen Freizeit ging es dem jungen Kurt wie vielen seiner Altersgenossen: Er verfügte über einen unbändigen Bewegungsdrang, spielte begeistert mit anderen bei jeder Gelegenheit Fußball, lief und sprang für sein Leben gern. Schnell stellten die anderen Sportkameraden fest: Der kann das ja richtig gut! Auch sein Ausbilder Heinz Sack erkannte Kurts sportliche Talente, und empfahl ihm den Sportverein TSV Nord Harrislee, in dem seinerzeit ein rühriger Trainer und Betreuer wirkte. So kam es dann auch: Kurt fand seine sportliche Heimat bei den Leichtathleten des TSV Nord in Harrislee.
Mit den anderen Athleten war er viel auf Achse, erst im näheren Umfeld, später im gesamten Schleswig-Holstein, praktisch an jedem Wochenende fanden irgendwo Sportfeste statt, und Kurt war bald bekannt als sehr guter Sprinter und herausragender Weitspringer. Ihm gefielen auch die nach den Wettkämpfen stattfindenden Feste ausnehmend gut, es wurde Musik aufgespielt, und heftig das Tanzbein geschwungen. Da Kurt inzwischen als guter Leichtathlet bekannt war und meistens in den Siegerlisten ganz oben stand, wollten jetzt immer häufiger die Mädels gerade mit ihm unbedingt tanzen. Das gefiel dem jungen Kurt wirklich gut, er hatte aber ein ungelöstes Problem: Er konnte nicht bzw. nicht gut tanzen. Die Lösung dafür hieß folgerichtig: Tanzstunden in einer Tanzschule nehmen!
Gesagt, getan: Kurt meldete sich für einen Tanzkursus bei der Tanzschule Heuser in der Toosbüystraße an, laut Aussage seines dortigen Tanzlehrers, dem Seniorchef, war Kurt als Tänzer begabt, hatte ein gutes Ohr für Rhythmus und Musik sowie Bewegungstalent. Der junge Tänzer erlernte bei den zahlreichen Tanzstunden nicht nur die richtigen Schrittabfolgen und das Gefühl fürs Tanzen, sondern er lernte auch ein hübsches und nettes Mädel kennen: Karen Bössow. Es dauerte nicht sehr lange, und die beiden wurden in 1953 ein Paar, „gingen miteinander“, wie man das damals nannte.
Für den jungen Mann stellte sich bald die Frage, welchen Berufsweg er künftig einschlagen sollte. Eines Tages las er eine Anzeige, dass der erst kürzlich neu aufgestellte Bundesgrenzschutz (BGS) junge Männer für seinen Dienst suchte. Kurt bewarb sich auf eine Stelle beim BGS, und wurde prompt zu einem Einstellungstest eingeladen. Der Test umfasste unter anderem auch Eignungsprüfungen über sportliche und körperliche Fitness. Bei den Tests seiner sportlichen Möglichkeiten wies er die anwesenden Prüfer darauf hin, dass seiner Meinung nach die Sprunggrube für die Weitsprungübung wohl zu kurz sei. Milde lächelnd forderten die Prüfer ihn jedoch auf, erst einmal loszuspringen. Kurt nahm Anlauf, sprang … und landete jenseits der mit Sand gefüllten Sprunggrube!!
Keine Frage: Der BGS nahm den jungen Mann, der nicht nur den Sporttest, sondern auch alle anderen Prüfungsaufgaben gut bewältigte, gern auf. Kurt war fortan Angehöriger des Bundesgrenzschutzes. Als guter Sportler war Kurt nun häufig auch als BGS-Angehöriger landesweit auf Achse, seine „Sahne“-Disziplinen waren Sprint, Weitsprung und Dreisprung, seine Bestmarken waren 11,0 Sekunden über 100 m und 7,21 m im Weitsprung!
Er nahm mehrfach in den Jahren 1954 und 1955 an den Deutschen Polizei-Meisterschaften teil, als Mitglied einer 4×100-m-Staffel errang er sogar einmal den ehrenvollen Titel „Deutscher Polizei-Meister“!
Seine durchaus mögliche Karriere beim BGS endete jedoch, bevor sie richtig beginnen konnte. Der Grund dafür waren die immer intensiver geführten Gespräche in der bundesdeutschen Öffentlichkeit, in denen zunehmend von der Einführung einer „Bundeswehr“ die Rede war, die dann schließlich auch tatsächlich erfolgte: Nur zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Kapitulation erfolgte die Gründung der Bundeswehr. Der Kalte Krieg war ihr „Geburtshelfer“: Die verschärfte Konfrontation zwischen der westlichen Welt und der Sowjetunion ebnete den Weg zur Gründung der Bundeswehr in den Jahren 1955 und 1956. Geplant war anfangs noch, dass die BGS-Angehörigen in die Bundeswehr integriert werden sollten. Kurt hatte – nach seiner bisherigen Lebensgeschichte durchaus einleuchtend – „die Nase voll“ von kriegerischen Konflikten, und wollte unbedingt einen Zivilberuf ausüben. Konsequent kündigte er sein Engagement beim Bundesgrenzschutz, und suchte sich einen neuen Arbeitsplatz, diesmal allerdings im zivilen Leben.

Die Jahre der Weichenstellungen

In Flensburg fand Kurt eine Anstellung bei der örtlichen Standortverwaltung (StOV), er wurde in der Nähe des Flensburger Marinestützpunktes als Elektriker beschäftigt, in den Torpedobunkern – am Hang unterhalb der Fernmeldeschule gelegen – war er unter anderem zuständig für die Wartung und Instandsetzung von Torpedos, die dort nach Einsatzfahrten der S-Boote eingelagert wurden. Zusätzlich bemühte er sich darum, seinen „Meister“ im erlernten Beruf zu machen. Das gelang ihm dann auch: 1960 legte er mit Erfolg seine Meisterprüfung als Elektromeister vor der Handwerkskammer Flensburg ab!
Überhaupt war das Jahr 1960 für Kurt ein gutes Jahr: Im Juni heiratete er seine langjährige Freundin Karen, und in relativ kurzer Zeit war sogar die Familie Tomaschewski komplettiert: In den Jahren 1961 und 1963 wurde das jungvermählte Paar zu freudestrahlenden Eltern von zwei gesunden Töchtern!
Beruflich machte Kurt einen kurzen Abstecher in den Süden der Republik, bewarb sich beim Landesgefängnis in Mannheim, wurde auch angenommen, doch schon nach sechs Wochen „dort unten“ stellte er fest, dass ihm die Region und der dortige Arbeitsplatz nicht gefielen – umgehend kehrte er nach Flensburg zurück.
Kurt bewarb sich um eine Anstellung beim Landesbauamt in Schleswig-Holstein. Einen Elektromeister wie ihn konnten die gut gebrauchen, Kurt erhielt die gewünschte Anstellung, und trat am 19. Februar 1962 – genau einen Tag nach der großen Sturmflut, die damals über Hamburg und Schleswig-Holstein hereinbrach – seinen Dienst an, als „Technischer Angestellter für Baumaßnahmen im Bereich Elektro- und Fernmeldetechnik bei Landes- und Bundesliegenschaften“ beim Landesbauamt in Schleswig. Im Dezember 1962 ließ er sich zum Landesbauamt in Flensburg versetzen.
Die junge und anfangs noch kleine Familie lebte in der ersten Zeit nach der Hochzeit recht beengt mit einer kleinen Tochter bei der Schwiegermutter in der Friedastraße in einem Zimmer mit 16 Quadratmetern, ehe es ihnen gelang, eine Zwei-Zimmer-Wohnung des SBV in der Mürwiker Straße 51 zu ergattern, damals noch eine Wohnung mit Ofenheizung. Hier lebten sie zu viert auf engstem Raume. Auf Dauer war das jedoch auch keine Lösung.
Als Landesbediensteter ließ Kurt sich in eine Liste der Wohnungssuchenden eintragen, und erhielt schließlich im Jahr 1964 eine Landesbediensteten-Wohnung in Flensburg in der Straße Am Ochsenmarkt, im Hause Nr. 9, zugewiesen. Diese Wohnung hatte immerhin zweieinhalb Zimmer. Die Kinder waren drei Jahre und etwas über ein Jahr alt, die Miete betrug seinerzeit 129 D-Mark, bei einem monatlichen Einkommen von etwa 700 D-Mark.
Das Geld war zwar knapp, doch die jungen Leute kamen einigermaßen über die Runden. Die Tomaschewskis hatten es im Folgejahr allerdings finanziell besonders knapp, weil sie einen Bausparvertrag abgeschlossen hatten und ausgerechnet im Dezember die gesamte Jahresprämie abgebucht wurde. Was nun? Keine Geschenke für die Kinder? Keinen Weihnachtsbraten?

Ein Weihnachtsmärchen der besonderen Art

Karen kaufte – sie war zu einem Arzttermin in der Stadt – am Südermarkt drei Lose der Weihnachtslotterie. Beim Öffnen stand auf einem dieser Losabschnitte: „Ein Auto“. Aufgeregt erkundigte sie sich am Lotteriestand, ob das wahr sei. Ihr wurde der Gewinn bestätigt, und als sie abends zu Hause davon erzählte, meinte ihr Mann nur: „Ja, ja, ein Schokoladenauto!“ Als sie dann ergänzte, dass es sich tatsächlich um einen nagelneuen VW-Käfer handeln würde, gab es den ersehnten Jubelschrei! Sie behielten das Auto jedoch nicht, sondern verkauften es einem befreundeten Nachbarn für eine mittlere vierstellige Summe – sehr zur eigenen Freude sowie der des Autokäufers! Am 23. Dezember bekamen sie das Geld bar auf die Hand – ein wunderbares Weihnachtsgeschenk: Sie konnten nun den Kindern eine Freude machen, und der ersehnte Festtagsbraten stand an den Feiertagen auf dem Tisch!

Die mittleren Lebensjahre

Im Jahre 1975 wurden die Tomaschewskis dann endgültig sesshaft! Sie zogen noch einmal um, blieben aber in der Nähe wohnen: Sie bezogen eine Vier-Zimmer-Wohnung in der gleichen Straße. Am Ochsenmarkt 32 lautete die neue Adresse, die neue Wohnung hatte immerhin 84 Quadratmeter, und jedes Mädel bekam sein eigenes Reich. Kurt hatte seinen endgültigen Platz im Berufsleben gefunden, die Kinder wuchsen heran, und die Familie blieb dieser Gegend, dieser Wohnung bis ins Jahr 2017 treu – insgesamt wohnten die Tomaschewskis 42 Jahre lang ebendort!
Nachdem die Töchter „aus dem Gröbsten raus“ waren, fing Karen wieder an zu arbeiten; anfangs an eineinhalb Tagen in der Woche, später erhöhte sie die Arbeitszeit auf zweieinhalb Tage in der Woche. Die Eheleute waren sich einig, dass sie als Hausfrau und Mutter hauptsächlich für die Kinder da sein sollte – deshalb blieb es bei einer Teilzeitbeschäftigung.
Kurt fühlte sich wohl auf seiner Arbeitsstelle, hatte meistens viel zu tun, nahm sich manchmal sogar noch Arbeit mit nach Hause. Im Beruf war er sehr engagiert, übernahm nach und nach immer mehr Verantwortung, auch für andere, für die zahlreichen Kollegen und ihre Bedürfnisse. Er trat in die Gewerkschaft ein, wurde in den Personalrat gewählt – und war über 30 Jahre lang in wechselnden Funktionen tätig. Er war aktiv als Personalratsvorsitzender, Mitglied im Bezirks- und Hauptpersonalrat, Mitglied im Ortsgruppen und Bezirksvorstand der Deutschen-Angestellten-Gewerkschaft, Mitglied der Aufsichtsbehörde für Unfallversicherung und als ehrenamtlicher Arbeitsrichter im Landesarbeitsgericht Kiel, stand überall für die Belange der Kollegen und Kolleginnen ein. Die Familie kam jedoch trotz der vielen Ämter, die er bekleidete, nicht zu kurz. Selbstverständlich stand er auch für seine Liebsten ein: 13 Jahre lang war Kurt als Klasseneltern- und Elternsprecher an den jeweiligen Schulen seiner Töchter stets wiedergewählt worden – eine Anerkennung seines Einsatzes im Gemeinwesen. Übrigens, heute beinahe unvorstellbar, hat er sämtliche Termine wahrgenommen, ohne jemals mit dem Auto vorgefahren zu sein. Er besitzt nämlich weder einen Führerschein noch ein Auto, er hat sämtliche Wege lebenslang zu Fuß, mit dem Fahrrad, oder manchmal mit Bus und Bahn zurückgelegt!

Hobbies

Wie bereits erwähnt, war und ist Kurt „ein Handwerker vor dem Herrn“! Zeit zum Basteln und Handwerkern hat er immer noch gefunden, neben seinen geliebten Holzarbeiten war er stets zur Stelle, wenn eine seiner Töchter oder ein Kollege oder Freund Unterstützung brauchten, die handwerkliches Geschick erforderte.
Ein weiteres Hobby unseres Protagonisten ist das Fotografieren. Vom Knipsen bis zum Entwickeln – alles hat er selbst gemacht. Als Mitglied der Redaktion „Mittendrin 50+“, die viermal im Jahr Artikel im Flensburg Journal veröffentlicht, hat er unzählige Berichte verfasst, aus denen man eindeutig erkennt: Er ist ein Jäger und Sammler! Schmuck, Uhren, Fotoapparate, Bügeleisen, Schreibmaschinen, Schmuck aus Haaren, und noch manches mehr!
Dennoch hat er kein eigenes Museum, etwa in einem größeren Kellerraum, sondern alles ist gut sortiert in seiner Wohnung, natürlich in „seinem Reich“ – einem Arbeitszimmer, untergebracht.
Der Sport wurde schon mehrfach erwähnt: Zahlreiche Medaillen hat er in seiner aktiven Zeit in den Jahren von 1951 bis 1965 gewonnen, in seinen Glanzjahren 1954 und 1955 gehörte er sogar zum Kader der deutschen Nationalmannschaft der Leichtathletik.
Ein so guter Sportler, der über seinen eigenen Erfolg hinaus für seinen Sport lebt, wird zwangsläufig irgendwann auch Funktionär: Kurt wurde ein angesehener Kampfrichter in seiner Sportart, nahm in dieser Funktion sogar an den Olympischen Spielen 1972 in München teil, und bekam dabei hautnah das dramatische Geschehen um den Terroranschlag auf die israelische Olympiamannschaft mit. Kurt war auch als Trainer in seinem Metier aktiv, von 1972 bis 1978 wirkte er als Übungsleiter bei den Leichtathleten des TSV Nord in Harrislee, und gab den Nachwuchstalenten gern sein umfangreiches Wissen und seine Erfahrung mit auf den Weg. Seine Verdienste um den Leichtathletiksport blieben nicht unbemerkt: 1973 erhielt er die silberne Ehrennadel des schleswig-holsteinischen Leichtathletikverbands überreicht in Anerkennung seiner Leistungen für seinen Sport.
Im Jahr 1983, im Alter von 47 Jahren, erhielt Kurt eine hohe Auszeichnung, auf die er zu Recht stolz sein darf: Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm für sein ehrenamtliches Engagement und seine Leistungen, die er jahrzehntelang für die Allgemeinheit vollbracht hat, das Bundesverdienstkreuz am Bande; es wurde ihm vom damaligen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins Uwe Barschel anlässlich des jährlichen Arbeitnehmerempfangs in Kiel feierlich überreicht!
Außer der Leichtathletik hatte sich Kurt Tomaschewski auch dem Schießsport verschrieben. Das Schießen und den Umgang mit Waffen erlernte er bereits in seiner Dienstzeit beim Bundesgrenzschutz.
Nach Beendigung seiner aktiven Leichtathletikzeit begann er zunächst mit dem Luftgewehrschießen in der Flensburger St.-Johannesgilde. Später wechselte er kurzzeitig zu den Sportschützen Flensburg, um schließlich seine endgültige Heimat in der St.- Nikolai-Schützengilde von 1583 e. V. zu finden. Mit Ausnahme vom Tontaubenschießen konnten auf dem Schießstand der Gilde in Klues alle Pistolenund Gewehrdisziplinen durchgeführt werden. Im Jahr 1973 rief Kurt das „1. Flensburger Vorderladerschießen“ ins Leben, und organisierte gleichzeitig diese Veranstaltung, die ab 1974 noch insgesamt 46mal wiederholt wurde. Zu diesem Ereignis, das 2020 der Pandemie zum Opfer fiel, kommen die Teilnehmer aus ganz Deutschland und sogar aus Dänemark. Seine weitere Liebe gilt seit weit über 40 Jahren insbesondere historischen Uhren, längst ist er ein gesuchter Experte auf jenem Gebiet, wurde sogar gelegentlich von einheimischen Händlern und Juwelieren bei speziellen Fachfragen zu Rate gezogen. Ihn interessiert und fasziniert bei Uhren insbesondere deren oft komplizierte Mechanik. Seine gesammelten Exponate hat er mittlerweile in andere Hände gegeben.

Feiern im Kreise der Familie

Ruhestand – Ruhestand im Ehrenamt?

Am 31. Dezember 1995, nach insgesamt 34 Jahren in der Landesbauverwaltung und insgesamt fast 45 Arbeitsjahren, ging Kurt Tomaschewski in den Ruhestand. Ruhestand? Okay, beruflich ist der Begriff passend, doch wie heißt es so schön: Kein Platz für Ruhestand im Ehrenamt!
Insgesamt elf Jahre lang brachte Kurt seine Erfahrungen ins Altenparlament des Landes Schleswig-Holstein ein und war auch als gewähltes Mitglied im Seniorenbeirat der Stadt Flensburg aktiv. Seit 1997 gehört er zum Redaktionsteam der Fachstelle für Senioren, die bei der Stadt Flensburg angesiedelt ist. Vierteljährlich berichtet das Team über zahlreiche Themen, von 1997 bis 2007 in der Zeitschrift „Aktiv dabei“, seit 2007 im Flensburg Journal.
Über Kurt und sein mit Engagement für das Ehrenamt erfülltes Leben gäbe es noch viel zu berichten, ob nun über sein jahrelanges Blutspenden, sein mehr als 20 Jahre andauerndes Dasein als ehrenamtlicher Arbeitsrichter, oder über Anekdoten aus seiner Zeit in der Gewerkschaft ver.di. Für seine vielfältigen Aktivitäten wurde er im Jahre 2014 mit dem „Queisser-Seniorenpreis“ ausgezeichnet, eine begehrte Ehrung in unserer Region und verdiente Würdigung seines Wirkens – nicht nur wegen der ausgelobten Geldprämie!
Seit über 60 Jahren steht ihm seine Ehefrau Karen zur Seite, und hat ihm immer den Rücken gestärkt und freigehalten. Wie heißt es doch so schön: „Hinter jedem starken Mann steht auch eine starke Frau!“ Die für den Juni 2020 vorgesehene Feier der Diamantenen Hochzeit von Kurt und Karen konnte wegen der Pandemie leider nicht stattfinden – die beiden Eheleute tragen es mit Fassung, haben in ihrem langen Leben bereits ganz andere Krisen gemeistert.
Ihren Altersruhesitz haben sie vor etwa drei Jahren im Stadtteil Mürwik gefunden, genießen in einer fast barrierefreien und geräumigen Neubauwohnung ihr Leben – sie wären wohl auch gern in der Wohnung Am Ochsenmarkt wohnen geblieben, man kannte die Nachbarschaft, die Wohnung war mietgünstig, doch machte ihnen das Treppensteigen zunehmend Probleme. Heute erfreuen sie sich an ihren längst erwachsenen Töchtern, und an drei Enkelkindern, die allesamt einen ordentlichen Platz im Leben gefunden haben.
Das Flensburg Journal bedankt sich bei den Tomaschewkis für ein interessantes und kurzweiliges Gespräch, und wünscht den beiden Eheleuten noch viele Jahre bei guter Gesundheit in ihrem jetzigen Lebensumfeld!

Mit den Tomaschewskis sprach Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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