Geschwister – das kann die Wissenschaft belegen – sind wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Auch Mads Mensah Larsen, das Rückraum-
ass der SG Flensburg-Handewitt, kann diese Aussage bestätigen. Er schmunzelt: „Ich wollte immer das machen, was auch mein drei Jahre älterer Bruder Martin machte.“ Und das war als Dreikäsehoch: Handball. Der Däne musste sich sogar noch etwas gedulden, konnte zwar mit in die Halle, durfte aber erst spielen, als er endlich fünf Jahre alt war. Es müssen niedliche Szenen gewesen sein, als ein kleiner Junge zum ersten Mal zum großen Ball griff – in Holbæk. Damals dachte wohl noch niemand in der dänischen Hafenstadt, die auch abseits der Tourismus-Hot-Spots nicht mit Freizeitmöglichkeiten geizt, dass gerade eine große Karriere beginnen sollte.
Und die Laufbahn von Mads Mensah Larsen nahm wirklich sehr große Ausmaße an. Über allem steht der Olympiasieg von 2016. Ein sportlicher Höhepunkt, der nur möglich war, weil die gesamte dänische Auswahl total auf das große Ziel fokussiert war und sich nicht vom Ambiente in Rio de Janeiro ablenken ließ. „Bis auf ein Basketball-Spiel habe ich nichts von Brasilien gesehen“, lächelt der 29-Jährige. „Selbst bei der Gold-Party blieben wir im olympischen Dorf.“ Ähnlich war es bei der Weltmeisterschaft 2019, als die Dänen – bis auf das Halbfinale in Hamburg – in Herning zum Titel düsten. Das große Prickeln dann beim Empfang in Kopenhagen. „Vor dem Rathaus drängten sich auf jedem Flecken und in jeder Gasse die Menschen“, staunt Mads Mensah Larsen noch immer.
Eine große Bedeutung misst er auch den beiden Meisterschaften mit den Rhein-Neckar Löwen zu. „Es ist etwas Besonderes, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte einen solchen Titel zu gewinnen“, erklärt er. „Man kämpft das ganze Jahr um etwas und dann wird gegen Ende der Saison der Druck immer größer.“ Einen Haken gab es bei der Premiere allerdings: keine ausgedehnte Feier. Die Entscheidung fiel erst am letzten Spieltag, an einem Sonntag – und am Montag rief bereits das Nationalteam. „Wir hätten früher den Sack zumachen müssen“, witzelt Mads Mensah. Bei der Titelverteidigung 2017 klappte das besser. Die Rhein-Neckar Löwen siegten am drittletzten Spieltag bei der SG, dem einzigen Verfolger, und durften kurz darauf zur Sause auf Mallorca.
Der Handball-Profi hat auch die Klippen kennengelernt, die eine Karriere bisweilen stören können. Es fanden sich aber stets Lösungen, die die Hindernisse aus dem Weg räumten. Schon als junger Teenager vermisste Mads Mensah Larsen in Holbæk gleichaltrige Weggefährten. Er spielte mit wesentlich älteren Jungen Handball, was körperlich kaum zu kompensieren war. Deshalb wechselte das Talent nach Himmerlev (bei Roskilde) und gedieh weiter. Und 2012 eine Erfahrung, die einem Berufssportler nicht zu wünschen ist. Beim ehrgeizigen dänischen Handball-Projekt stieg der Mäzen aus, die Kasse war leer – und die Spieler standen plötzlich ohne Verein da. Mads Mensah Larsen hatte Glück im Unglück und erhielt schnell ein Angebot aus Aalborg. „Dort hatte ich zwei gute Jahre“, sagt er. Danach hatte er das nötige Rüstzeug für den Wechsel in die Bundesliga.
Schon 2013, als sich die SG mit seinem Ex-Klub Aalborg in der Champions League duellierte, interessierten sich die Nordlichter für das Rückraumass. Sein damaliger Trainer Nikolaj Jacobsen nahm es allerdings mit zu den Rhein-Neckar Löwen. Es wurden sechs Jahre. Nun soll Mads Mensah Larsen seine Dynamik, seinen besonderen Armzug und seine Explosivität bei der SG einbringen. „In Flensburg haben schon mehrere dänische Handball-Legenden ihr Können unter Beweis gestellt“, schwärmte er vor seinem Wechsel. „Für mich ist es eine große Ehre, diese Geschichte weiterzuführen.“
Zwischenzeitlich kehrte etwas Ernüchterung ein, da ein paar kleine Verletzungen „etwas nervten“, wie der 29-Jährige zugibt. „Mal ist man richtig dabei, dann wieder nicht – jetzt scheint aber alles stabiler zu sein“, berichtet er. „In der Mannschaft fühle ich mich wohl – vor allem auch sportlich. Mein Handball-Verstand sagt mir, dass es Sinn macht, was wir spielen.“ Und die komischen Zeiten mit den Absagen von Begegnungen und Geisterkulissen? „Natürlich lebt das gesamte Handball-Konstrukt auch von der Intensität und der Atmosphäre in den Hallen“, weiß Mads Mensah. „Dafür dass jetzt alles etwas anders ist, können weder der Verein noch meine Mitspieler etwas. Wir müssen uns auf Handball konzentrieren, dann kommt der normale Alltag hoffentlich bald wieder.“ Er selbst war bereits im März positiv auf das Coronavirus getestet worden und zeigte damals kurzzeitig Grippe-Symptome.
Er trägt zwei Nachnamen. Larsen kommt von der Mutter, Mensah vom Vater, der aus Ghana stammt. Ein afrikanischer Einschlag findet sich im Steckbrief. Das Lieblingsgericht ist Fufu. Dabei handelt es sich um einen stärkehaltigen Brei aus Maniok und Kochbananen, der mit einer Suppe serviert wird. „Das hat mein Vater viel zu lange nicht mehr gekocht“, schmunzelt Mads Mensah Larsen, der selbst vier Mal in Ghana war, das letzte Mal allerdings vor zwölf Jahren. „Wir flogen immer über Weihnachten und Neujahr nach Ghana, da es dann nicht ganz so heiß ist“, erklärt der Leistungssportler. „Aber in den letzten Jahren war eine Reise wegen des Handball-Programms nicht möglich.“ Seine Eindrücke in Westafrika? „Dort ist das Leben anders, wir in Europa sind schon privilegiert. Aber in Ghana sind viele Menschen zufrieden und es ist deutlich besser als in anderen Ländern Afrikas.“ Anders ist es auch in Handewitt, wo Mads Mensah Larsen jetzt mit seiner Frau Line und seinen beiden kleinen Kindern lebt. „Es ist dort ideal für eine Familie – ruhig und fast etwas langweilig“, sagt der Handballer. Ein Jahr in Kopenhagen, zwei Jahre in Aalborg – das bot ganz andere Lebensumstände mit mehr Menschen und mehr Programm. Ganz in der Nähe wohnt nun Lasse Svan. Zusammen spielen sie auf der Play-Station gegen andere Gegner. Warum nicht gegeneinander? Etwa aus Angst, den Kapitän zu ärgern? „Nein“, schüttelt Mads Mensah Larsen mit dem Kopf und gibt mit einem Lächeln zu: „Lasse ist zu gut, gegen ihn kann ich nicht gewinnen.“

Text: Jan Kirschner
Fotos: Jan Kirschner

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