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	<title>Beate Uhse Chronik Archive - Flensburgjournal</title>
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	<description>Dein Magazin für Flensburg und Umgebung</description>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 12</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Jan 2022 00:11:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Beate Uhse Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Folge 12]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Deutsches Haus – Schauplatz des letzten Auftritts und der Trauerfeier Rund 1100 Aktionäre besuchten am 4. August 2000 die erste Hauptversammlung der Beate Uhse AG nach dem Börsengang. Sie fand in Flensburg im Deutschen Haus statt. Mit Blick auf die große Kulisse sagte Firmengründerin Beate Rotermund: „Ich bin etwas aufgeregt, aber das ist ja auch [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Deutsches Haus – Schauplatz des letzten Auftritts und der Trauerfeier</h2>



<p>Rund 1100 Aktionäre besuchten am 4. August 2000 die erste Hauptversammlung der Beate Uhse AG nach dem Börsengang. Sie  fand in Flensburg im Deutschen Haus statt. Mit Blick auf die große Kulisse sagte Firmengründerin Beate Rotermund: „Ich bin etwas  aufgeregt, aber das ist ja auch ein großer Tag für mich.“ Dann trat die 80-Jährige ans Rednerpult und verkündete: „Ganz sicher  wird Beate Uhse im neuen Jahrtausend noch einige schwierige Dinge zu bewältigen haben, aber mit geballter Tatkraft und dem  guten Willen aller Mitarbeiter, auch der Hilfe von Ihnen, unseren Aktionären, lassen sich die Ziele sicher erreichen.“<br>Nach der Begrüßung setzte sie sich auf ihren Platz auf dem Podium und lauschte den weiteren Ausführungen. Es klang alles  verheißungsvoll. Das Erotik-Unternehmen erwartete für das laufende Jahr eine Umsatzsteigerung von über 50 Prozent auf rund 350 Millionen D-Mark und einen deutlichen Gewinnanstieg. In den Versammlungspausen schrieb Beate Rotermund eifrig Autogramme, und am Ende schüttelte sie viele Hände. Niemand ahnte, dass es ihr letzter großer öffentlicher Auftritt sein würde.<br>Sterblichkeit war das letzte, was man zu diesem Zeitpunkt mit dieser Ikone in Verbindung brachte. Sie pflegte ihren Jugend-Kult,  ließ sich Falten liften, trug gerne pinkfarbene Hosen oder andere auffällige Kleidungsstücke. „Warum soll ich keine Leggins mehr  tragen?“, fragte sie bisweilen rhetorisch. „Meine Beine sehen doch noch ganz passabel aus!“ Beate Rotermund lebte  gesundheitsbewusst, rauchte nicht, trank in Maßen und setzte auf die Ernte des eigenen Gartens. Gerne nahm sie Karotten, Äpfel oder Kartoffeln mit in die Firma.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img fetchpriority="high" decoding="async" width="754" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-754x1024.jpg" alt="" data-id="69199" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-12_4/" class="wp-image-69199" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-754x1024.jpg 754w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-221x300.jpg 221w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-768x1043.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-1131x1536.jpg 1131w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-696x945.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-1068x1450.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4-309x420.jpg 309w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_4.jpg 1237w" sizes="(max-width: 754px) 100vw, 754px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Vor Ort: Auch im hohen Alter besuchte die Chefin manchmal einen der Shops</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img decoding="async" width="681" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-681x1024.jpg" alt="" data-id="69200" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-12_5/" class="wp-image-69200" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-681x1024.jpg 681w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-199x300.jpg 199w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-768x1155.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-1021x1536.jpg 1021w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-696x1047.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-1068x1607.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5-279x420.jpg 279w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_5.jpg 1118w" sizes="(max-width: 681px) 100vw, 681px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Rüstig: Kopfstand mit fast 80 Jahren</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Vor allem aber war sie vital und sportlich. Zwar hatte sie im hohen Alter ihren Flugschein nicht mehr erneuern lassen und Tennis  aus Sorge um ihre Knie aufgegeben, aber stolz präsentierte die rüstige Seniorin, dass Handstand und auf dem Kopfstehen keinerlei  Probleme darstellen würden. Und auf dem Golfplatz in Glücksburg war sie gerne stundenlang unterwegs.<br>Mit 76 Jahren entdeckte Beate Rotermund sogar noch eine neue Leidenschaft: das Tauchen. 30 Jahre lang hatte sie in der Karibik  geschnorchelt und die Unterwasserwelt von oben beäugt, jetzt wollte sie zu Riffen, Korallen und Fischen abtauchen. Im November  1995 buchte die Unternehmerin kurz entschlossen einen Flug auf die Malediven und entdeckte nach der Ankunft sogleich ein Schild: „Der nächste Tauchkurs beginnt morgen.“ Über Nacht arbeitete sie ein Lehrbuch durch, saugte alles wissbegierig auf. <br>Schon bald beobachtete die Norddeutsche eine Muräne in ihrem Loch oder ritt auf einem Rochen. „Beim Tauchen lernt man eine  völlig neue Welt kennen – ähnlich wie beim Fliegen, bloß dass der Kontakt mit der Natur noch viel intensiver ist“, schwärmte sie.  Sie freundete sich mit Tauchlehrer Heinz und dessen Freundin an. Mehrmals entfloh sie dem deutschen Winter für ein paar Wochen, um vor den Caymans, den Bahamas oder den Niederländischen Antillen abzutauchen. Bei einem Tauchgang brach sich Beate  Rotermund den linken Arm. Ein Missgeschick, das sie nicht weiter beklagte.<br>Ihre Familie war groß geworden: Allein neun Enkelkinder zählte sie, von denen sie unbedingt „Beate“ genannt werden wollte. „Und  Kind, wenn du jemals zu mir Oma sagst, dann sage ich in Zukunft nur noch Enkel“, hob sie den mahnenden Zeigefinger. Sie  schaltete sich ein, wenn es um die Ausbildung der jungen Generation ging und mochte es, wenn sie viele aus ihrer Familie um sich hatte – wie einst auf dem Gutshof in Ostpreußen. An ihrem 75. und 80. Geburtstag war der Clan mit Segel- und Motorbooten in der Karibik unterwegs.<br>Zwei bis drei Mal im Jahr landete Beate Rotermund in Florida. 18 Stunden waren es von Tür zu Tür, von Glücksburg nach Fort  Myers. Sie liebte zu Silvester ein Fondue unter Palmen. Oft weilte sie den kompletten Januar in den USA. 1998 ging es fast direkt  weiter nach Südafrika, wo ihre Stieftochter lebte. Und zu Ostern rief wieder Florida. Fernreisen hatten für Beate Rotermund ihren Reiz. Im Sommer 1999 war sie erstmals in China („ein irres Land“). Ein knappes Jahr später folgte Australien.<br>Ein RTL-Team heftete sich im Juli 1999 an die berühmte Firmengründerin. Es wurde eine Doku über das Lebenswerk gedreht. An  ihrem 80. Geburtstag saßen zu später Stunde immerhin 1,2 Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen. Die TV-Macher hatten sogar  Ex-Freund John Holland zu einer Reise nach Flensburg bewogen. Danach schrieb sich das frühere Liebespaar einige Briefe, die aber distanziert wirkten. „Ich möchte ein neues Auto fahren, ein neues Flugzeug fliegen und aus den Schulden rauskommen“, teilte der US-Amerikaner mit. Beate Rotermund antwortete mit Kritik: „John, du hast nie hart genug dafür gearbeitet, das Geld zu verdienen, um den Lebensstil zu leben, den du wolltest. Du hast nur den Mund geöffnet und gehofft, dass die gebratenen Tauben dir in den Mund fliegen.“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img decoding="async" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_1-752x1024.jpg" alt="" class="wp-image-69196" width="509" height="686"/><figcaption>Ratgeber: Kurz vor ihrem Tod ging Beate Rotermund unter die Autoren</figcaption></figure></div>



<p>Die alleinstehende Frau war durchaus daran interessiert, einen neuen Partner kennenzulernen, hatte aber hohe Ansprüche, was den Mann an ihrer Seite betraf. Im Februar 1999 zahlte sie per Scheck eine Summe von fast 14.000 D-Mark an eine Partnervermittlung. Ohne konkretes Ergebnis. Ein paar Monate später schrieb auf einen Zeitungsbericht hin ein 79-jähriger Ingenieur im Ruhestand die  Redaktion an, die den Brief weiter nach Schausende leitete. Zunächst wirkte Beate Rotermund interessiert, rückte private  Telefonnummer und Adresse heraus. Doch als ein seitenlanger Erguss mit Anlage folgte, was wie eine Bewerbung wirkte, antwortete die Millionärin kurz und knapp: „Ihre Mappe mit den Originalunterlagen sende ich Ihnen anbei zurück.“<br>Obwohl sie viel unterwegs war, ließ Beate Rotermund ihr „Baby“, die Firma, nicht aus dem Auge. Sie hatte zwar schon vor einer  Dekade den Vorstand verlassen, ließ sich als hauptamtliche Aufsichtsratsvorsitzende, ausgestattet mit einem gutdotierten  Beratervertrag – weiterhin Werbekonzepte, neue Strategien und Pressemeldungen vorlegen. Von 9 bis 14 Uhr saß sie gewöhnlich<br>im Büro, fühlte sich in Entscheidungsprozessen inzwischen häufiger übergangen. „Meine Leistungen und mein Engagement sind  nicht geringer geworden – trotz meiner 80 Jahre“, mahnte sie einmal an. Ein paar Monate später glaubte sie, „die Beate-Gallions-Puppe zu sein, die eingesetzt wird, wo es nötig ist, im Übrigen aber nicht für voll genommen wird.“<br>Gar nicht im Sinne der Firmengründerin war die Schlagzeile des „Flensburger Tageblatts“ vom 25. Oktober 2000: „Verlässt Beate  Uhse Flensburg?“ Schon länger war klar, dass die Versandhaus-Logistik und die Katalog-Herstellung zum Januar 2001 von Flensburg ins niederländische Walsoorden verlagert werden sollten. Nun befürchtete der Betriebsrat, dass auch das  Wareneingangslager nach Wiesbaden verschoben werden könnte und die Flensburger Gutenbergstraße bald ausgedient haben könnte. Aus Florida meldete sich Beate Rotermund. „Der Sitz bleibt in Flensburg, aber es führt kein Weg an einer Auslagerung des  Vertriebs und weiterer Teile des Unternehmens vorbei“, erklärte die Aufsichtsratsvorsitzende. „Wenn sich ein Betrieb wie Beate  Uhse international profilieren möchte, bleibt es nicht aus, dass aus Kostengründen liebgewordene Standorte an günstigere Plätze verlegt werden müssen.“<br>In der Gutenbergstraße kehrte keine Ruhe ein. Nach einigen Wochen organisierte sich sogar ein Streik, bis ein neuer Haustarif die  Wogen glättete und betriebsbedingte Kündigungen als Folge einer Verlegung der Versandabteilung in die Niederlande ausgeschlossen wurden. Das bekam Beate Rotermund aber nur noch am Rande mit, denn sie musste immer wieder neue  gesundheitliche Hiobsbotschaften verdauen. „Wir Alten haben hier ein Wehwehchen, da ein Zwickerchen“, sagte sie einmal. „ Damit müssen wir leben. Wir müssen versuchen, nicht daran zu denken.“ Doch es war ernster.<br>Bereits im Sommer 2000 ließ sich die Unternehmerin von den Ärzten untersuchen. Sie hatte Beschwerden, ein bekannter Tumor im  Kopf wurde aber nicht als deren Ursache gesehen. Anfang September kam sie ins Krankenhaus, wo ihre Gebärmutter entfernt wurde. Sie schien sich gut zu erholen, war wieder häufiger im Büro zu sehen und reiste nach Florida. Im November 2000 musste Beate Rotermund zwei weitere Male operiert werden – aufgrund eines Darmverschlusses. Sie lag kurzfristig auf der Intensivstation, wog nur noch 35 Kilogramm, aß wie ein „kleines Vögelchen“ und musste sogar über Weihnachten im Krankenhaus bleiben.<br>Im Februar 2001 war die 81-Jährige kräftig genug, um nach Florida zu reisen. Dort waren ihr Ferienhaus und ein Shopping-Center  in Myers Beach in eine Holding überführt worden, was ihr nicht so recht behagte. Nach etlichen Faxen und Telefonaten mit Sohn Ulrich und dem befreundeten Geschäftsmann Richard Orthmann fand sich ein Kompromiss. „In meinem letzten Lebensabschnitt wünsche ich mir Harmonie und keine Probleme“, reagierte Beate Rotermund erleichtert.<br>Es schien ihr wieder besser zu gehen. Fünf Mal stand sie auf dem Golfplatz und spielte alle 18 Löcher. „Es ging ordentlich,  allerdings fehlte mir noch Power“, meinte sie und bilanzierte: „In den ersten sechs Wochen in Florida waren deutliche gesundheitliche Besserungen zu spüren.“ Mitte März 2001 bemerkte sie allerdings erstmals stark geschwollene Füße, Mitte April  gesellten sich starke Schmerzen im rechten Knie hinzu. „Mein Kopf macht Probleme, der Kreislauf ist schlecht, und ich fühle mich  nur im Liegen wohl“, haderte Beate Rotermund.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="751" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-1024x751.jpg" alt="" data-id="69198" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-12_3/" class="wp-image-69198" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-1024x751.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-300x220.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-768x563.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-696x510.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-1068x783.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-573x420.jpg 573w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3-80x60.jpg 80w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_3.jpg 1121w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Geschmückt: Der Schreibtisch von Beate Rotermund nach ihrem Tod</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="673" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-1024x673.jpg" alt="" data-id="69201" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-12_6/" class="wp-image-69201" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-1024x673.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-300x197.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-768x505.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-1536x1010.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-696x458.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-1068x702.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-639x420.jpg 639w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6-741x486.jpg 741w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_6.jpg 1589w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Deutsches Haus: 1000 Gäste zum Abschied</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Kurzum: Aus Florida kehrte sie – ganz anders als 1984 nach ihrer Krebs-OP – nicht gestärkt zurück. Für Mai 2001 hatte sie sich ein  Golf-Programm ausgedacht, ließ sich dann aber in eine Spezialklinik in Baden-Baden einweisen. Der zehntägige Aufenthalt endete  ohne klare Diagnose. Sie war abgemagert und wirkte zerbrechlich, als sie mit ihrem Autor einige Kapitel für die Neuauflage ihrer Biografie besprach. Beate Rotermund erschien bei einer Aufsichtsratssitzung. Sie wollte über Strategien sprechen, war aber kaum  noch fahrtüchtig. Mehrere Verkehrsteilnehmer beobachteten, wie sie mit ihrem dunkelblauen Jaguar zwischen Wees und Glücksburg nur sehr langsam unterwegs war und dabei mehrfach auf die andere Straßenseite geriet. Im Juni schaffte Beate Rotermund keine  drei Treppenstufen mehr aus eigener Kraft. Sohn Ullrich charterte einen kleinen Flieger am Schäferhaus. Seine Mutter schlief fast  den gesamten Flug, der in Sankt-Gallen endete. Das Ziel: eine angesehene Privatklinik. Die Ärzte in der Schweiz entdeckten eine Pneumonie im rechten Lungenflügel, vermuteten weitere Erkrankungen und empfahlen eine konservative Behandlung.<br>Die Öffentlichkeit bekam von dieser kritischen Lage nichts mit. Am 20. Juni 2001 zeigte die ARD eine Dokumentation über den  ungewöhnlichen Lebensweg von „Beate Uhse“. Die Protagonistin plauderte routiniert vor der Kamera und lief in weißen Shorts  herum. Fünf Tage später strömten 1000 Aktionäre in das Hamburger Theater „Neue Flora“ zur zweiten ordentlichen  Hauptversammlung. Beate Rotermund fehlte gesundheitsbedingt, während Vorstandssprecher Otto Christian Lindemann  verkündete: „Unsere Vision ist, weltweit die Nummer eins im Erotik-Markt zu sein.“ Der Umsatz erreichte 2000 stolze 320 Millionen D-Mark. Von den 1120 Mitarbeitern waren nur noch 180 am Standort Flensburg beschäftigt.<br>Ortswechsel: In Sankt Gallen besserte sich der Zustand der Unternehmensgründerin nicht. Sohn und Schwiegertochter saßen oft  am Krankenbett. Die Lungenentzündung blieb hartnäckig, die Nieren versagten. Bevor Beate Rotermund in einen Heilschlaf versetzt wurde, sagte sie: „Ulrich, pass auf beim Autofahren! Da passiert immer so viel.“ Zuletzt war sie nicht mehr bei Bewusstsein. In der Sterbeurkunde steht als Todesdatum: 16. Juli 2001 um 11.30 Uhr.<br>Bereits tags darauf landete ein Privatflieger am Flugplatz „Schäferhaus“. An Bord: ein Sarg. Am 18. Juli 2001 wurde Beate Rotermund im engsten Kreis auf dem Friedhof in Glücksburg beigesetzt – direkt neben dem Grab von Sohn Klaus. Schwager Horst Joachim Frank sprach für die Familie: „Beate war ein langes Leben beschieden, ein Leben auch voller Mühe und Arbeit, aber darum  ein erfülltes Leben in der helfenden Zuwendung zu ihren Mitmenschen.“<br>Um den Ansturm der Boulevard-Presse zu vermeiden, hatte man aus dem Begräbnis ein Geheimnis gemacht. Erst während dieses  stattfand, teilte das Unternehmen den Tod seiner Gründerin mit. „Beate Uhse ist es durch ihr offenes und seriöses Auftreten erfolgreich gelungen, die Erotikbranche aus der Schmuddelecke zu holen“, hieß es in der Konzernmitteilung. Ihr Schreibtisch wurde mit Blumen geschmückt. Tags darauf füllten die Todesanzeigen im „Flensburger Tageblatt“ eine ganze Seite. Auch die Stadt  Flensburg verschickte einen Nachruf auf Beate Rotermund. „Stets war ihr Leben geprägt von Pioniergeist, Mut und  Entdeckungslust“, hieß es unter anderem. Oder: „Über Jahrzehnte sicherte sie eine große Zahl von Arbeitsplätzen, war stets präsent und von unschätzbarem Wert als Werbung für ihre Heimatstadt.“<br>Auch 2001 stand das Deutsche Haus am ersten Freitag im August ganz im Zeichen von „Beate Uhse“. Eine Foto-Collage grüßte von  der Fassade. Statt zur Hauptversammlung trafen nun 1000 Menschen zu einem „Volksfest“ ein, das sich Beate Rotermund anstelle  einer klassischen Trauerfeier gewünscht hatte. Die Beate Uhse AG hatte für den 3. August um 15 Uhr aber offenbar mit einem  größeren Ansturm gerechnet, da sie das Gelände absperren, Shuttle-Busse von der Exe fahren und zwei Leinwände im Umfeld des  Deutschen Hauses aufstellen ließ.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="731" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-1024x731.jpg" alt="" data-id="69197" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-12_2/" class="wp-image-69197" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-1024x731.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-300x214.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-768x548.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-696x497.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-1068x762.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-589x420.jpg 589w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2-100x70.jpg 100w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_2.jpg 1124w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure></li></ul></figure>



<p>Nach dem Auftakt-Song „Country Roads“ spielte die Gruppe „Tennessee“ die ganze Palette der Western-Lieder, die Beate  Rotermund so schätzte. Launige Film-Sequenzen liefen im Saal, Fotos und Texte hingen an den Wänden im Deutschen Haus. Sonnenblumen-Gestecke garnierten zunächst die Bühne und wurden später im Halbkreis um das Grab in Glücksburg gelegt. „Ich  finde diesen fröhlichen Abschied schön, weil er am besten dem Wesen dieser lebenslustigen Frau entsprach“, meinte Aufklärungspionier Oswalt Kolle, der extra aus Amsterdam angereist war. Auf das Kondolenz-Plakat schrieb er: „Freundin und  Mitkämpferin“.<br>Otto Christian Lindemann, Vorstandssprecher der Beate Uhse AG bezeichnete Beate Rotermund „als Ikone der Erotik und eine  Person der Zeitgeschichte“. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Rohwer meinte: „Die Stadt Flensburg hat ihre  bekannteste Persönlichkeit verloren, das Land Schleswig-Holstein seine bedeutendste Unternehmerin, die Unternehmerschaft eine visionäre Leitfigur mit ungeheurer Tatkraft, großer Zielstrebigkeit und verdientem Erfolg.“ Patensohn Detlef Bindert sprach im  Namen der Familie: „Sie wird stets mehr sein als nur ein Bild, mehr als eine Erinnerung.“ Immer wieder tauchte ihr Gesicht auf der  Leinwand auf. Mit Blick auf die Zukunft des Unternehmens sagte sie in einer Sequenz: „Alles wird so bleiben, wie es ist.“<br>Da irrte sie sich: Bereits im Oktober rauschte der Aktienkurs nach einer Gewinnwarnung nach unten. Bald folgten rote Zahlen. 2012 verließen auch das Marketing, die Unternehmenskommunikation sowie die Personalverwaltung Flensburg. Das Gebäude in der  Gutenbergstraße wurde verkauft. Dort war die „Beate Uhse New Media“ mit ihren 30 Mitarbeitern zeitweise noch Mieter. Auch das ist Vergangenheit. Zwei Telefonanschlüsse mit Flensburger Vorwahl findet man zwar noch im Internet, doch wenn man sie eintippt, kommt die Durchsage: „Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben.“ </p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="581" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-1024x581.jpg" alt="" data-id="69202" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-12_7/" class="wp-image-69202" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-1024x581.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-300x170.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-768x436.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-1536x871.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-696x395.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-1068x606.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7-741x420.jpg 741w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_7.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Friedhof Glücksburg: Die letzte Ruhestätte</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="760" height="905" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_8.jpg" alt="" data-id="69203" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_8.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-12_8/" class="wp-image-69203" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_8.jpg 760w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_8-252x300.jpg 252w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_8-696x829.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2022/01/Beate-Uhse_Teil-12_8-353x420.jpg 353w" sizes="auto, (max-width: 760px) 100vw, 760px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Gutenbergstraße 12: Nur noch ein Fahrradständer erinnert an Beate Uhse</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>„Beate Uhse“ ist nicht nur aus Flensburg verschwunden, sondern hangelt sich zwischen Insolvenz und Bedeutungslosigkeit. Die  Aktien sind ein Pennystock. Wesentlich besser geht es dem Ableger „Orion“, der 1981 aus der Realteilung hervorgegangen war. Auf dessen Homepage kann man lesen: „Tatsächlich verbindet uns einiges mit Beate. Die Firmen selbst verbindet hingegen sehr wenig, außer eine gemeinsame Wurzel.“ Für die steht nach wie vor Beate Rotermund. Als geborene Köstlin und verwitwete Uhse hatte sie 1946 ein Unternehmen gegründet, das über den nackten Geschäftssinn hinausging und auch zu einer Triebfeder beim Wandel von  gesellschaftlichen Normen und sexuellen Moralvorstellungen wurde. Das Lebenswerk einer besonderen Frau.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 11</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Dec 2021 00:26:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Beate Uhse Chronik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Von der verschmähten zur geehrten Persönlichkeit Beate Rotermund war tüchtig, brachte ihr Unternehmen zum Florieren, stieß aber in der prüden Gesellschaft der 50er und 60er Jahre häufig auf Ablehnung. Sie musste etliche Prozesse durchstehen, etliche Hausdurchsuchungen der Polizei erdulden und auch einige persönliche Rückschläge in Flensburg verdauen. Mal soll die örtliche Zeitung eine Stellenanzeige von [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Von der verschmähten zur geehrten Persönlichkeit</h2>



<p>Beate Rotermund war tüchtig, brachte ihr Unternehmen zum Florieren, stieß aber in der prüden Gesellschaft der 50er und 60er  Jahre häufig auf Ablehnung. Sie musste etliche Prozesse durchstehen, etliche Hausdurchsuchungen der Polizei erdulden und auch  einige persönliche Rückschläge in Flensburg verdauen. Mal soll die örtliche Zeitung eine Stellenanzeige von „Beate Uhse“  zurückgewiesen haben, ein anderes Mal votierte der Vorstand des Flensburger Tennisclubs gegen die Aufnahme der umstrittenen  Kauffrau. Vielfach übte sie sich von sich aus in Distanz. „Ich suchte auch sonst keine gesellschaftlichen Kontakte, weil ich  niemanden in peinliche Situationen bringen wollte – auch mich nicht“, erzählte sie Jahre später.<br>Ihr Ansehen in der Öffentlichkeit wandelte sich in den 70er Jahren deutlich. Obwohl sich die Firma von der sexuellen Aufklärung  entfernte und sich verstärkt auf die Pornografie ausrichtete, sahen viele in Beate Rotermund weniger „die mit dem Schweinkram“  als vielmehr „eine der tüchtigsten Unternehmerinnen der Bundesrepublik“ (O-Ton Hamburger Abendblatt). Zu jener Zeit kannten  98 Prozent der Deutschen den Firmennamen „Beate Uhse“. Die Chefin selbst sagte gern: „Uhse steht für Sex wie Weck fürs  Einmachen.“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="355" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_3.jpg" alt="" class="wp-image-68953" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_3.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_3-300x133.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_3-768x341.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_3-696x309.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Eine Straße in Flensburg</figcaption></figure></div>



<p>Ihre wirtschaftliche Kraft öffnete politische Türen und riss gesellschaftliche Hürden ein. In einem Spiegel-Interview stellte sie 1993  fest: „Heute rollt man mir in Flensburg meist den roten Teppich aus – schließlich habe ich mit meinen Steuergeldern das Rathaus mehrfach bezahlt.“ Da war sie längst Mitglied im Glücksburger Tennisclub und war zum Image-Träger der Grenzregion aufgestiegen. Als das ZDF 1984 einen Beitrag zum 700-jährigen Stadtjubiläum Flensburgs brachte, nahm ein Interview mit Beate  Rotermund einen großen Rahmen ein. Als Expertin erhielt sie viele Einladungen. Im Mai 1988 war sie Studiogast der ZDF-Sendung  „Liebe ist Zärtlichkeit“, vier Monate später beteiligte sie sich an einer SPD-Anhörung in Bonn und referierte über das Thema  „Pornografie – hinsehen oder wegsehen?“<br>Fast zur selben Zeit besuchte Wolfgang Börnsen, frisch gewählter CDU-Bundestagsabgeordneter, den Firmensitz von „Beate Uhse“  in Flensburg. Er nahm ein „Vorzeige-Unternehmen“ wahr. Er besichtigte das Großraum-Büro, registrierte einen rücksichtsvollen  Umgang mit den Mitarbeitern und sprach natürlich auch mit Beate Rotermund. „Sie hat Format, ist ihrer Zeit voraus“, stellte Wolfgang Börnsen fest. „Sie hat das Thema Sex aus der Grauzone geholt.“ Im Austausch mit Hans-Dieter Thomsen,  Vorstandsmitglied von „Beate Uhse“, entstand die Idee, die Flensburger Unternehmerin für das Bundesverdienstkreuz  vorzuschlagen.<br>Am 18. November 1988 ließ der CDU-Politiker ein erstes Schreiben aufsetzen, mit dem er die SPD-Landesregierung in Kiel dazu  bewegen wollte, das Vorschlagsrecht für die hohe Auszeichnung beim Bundespräsidenten zu nutzen. „Den gesamten  Themenbereich Mensch und Sexualität öffentlich aufgegriffen, be- und verarbeitet zu haben, ist der große Verdienst von Beate  Rotermund-Uhse“, formulierte Wolfgang Börnsen. Am 30. Januar 1989 antwortete das Sozialministerium, bat um weitere  Informationen. Hans-Dieter Thomsen beantragte daraufhin sogar eine „gutachterliche Stellungnahme“ bei einem  Sexualwissenschaftler über das Wirken von Beate Rotermund. Wie gerufen kam auch, dass der NDR im Februar 1989 seine  Sendereihe „Norddeutsche Profile“ der Flensburgerin widmete und damit viel Lob für die Protagonistin auslöste.<br>Überraschend allerdings die Antwort von Claus Möller, damals Staatssekretär im Kieler Sozialministerium. Am 5. Juni 1989 schrieb er: „Die privaten und vor allem die unternehmerischen Verdienste von Frau Rotermund-Uhse sind unbestritten anerkennenswert…  Die Verleihung eines Verdienstordens der BRD ist jedoch an sehr enge Voraussetzungen gebunden.“ Im Klartext: Die SPD-Regierung wollte Beate Rotermund nicht für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen. Die Argumentation wirkte aber dürftig,  weshalb Wolfgang Börnsen einen neuen Anlauf wagte. Ministerpräsident Björn Engholm ließ jedoch durchblicken: „Die Zeit ist noch nicht reif.“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_6.jpg" alt="" class="wp-image-68956" width="777" height="524" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_6.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_6-300x203.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_6-768x518.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_6-696x470.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_6-622x420.jpg 622w" sizes="auto, (max-width: 777px) 100vw, 777px" /><figcaption>Die Gedenktafel im Marienkirchhof Foto: Jan Kirschner</figcaption></figure></div>



<p>Die Ehrungsaktion war damit in der Sackgasse und schien ein Fall für die Akten zu werden. Doch im August 1989 überschlugen sich die Zeitungen mit der ungewöhnlichen Schlagzeile „Kein Bundesverdienstkreuz für Beate Uhse“. Schuld war eine Indiskretion. Die  SPD wollte für den „Bruch der Vertraulichkeit“ Wolfgang Börnsen verantwortlich machen, der „Maulwurf“ saß aber  höchstwahrscheinlich in den eigenen Reihen.<br>Staatssekretär Claus Möller musste sich diversen Presseanfragen stellen und meinte, dass der Beitrag von Beate Rotermund zur  Liberalisierung der Sexualität nur der „Ausfluss der wirtschaftlichen Kreativität“ sei. Eine Formulierung, die Wolfgang Börnsen  nochmals herausforderte. „Damit wird eine Pionierin für liberale Sexualität diskriminiert“, sagte der CDU-Abgeordnete. „Frau Uhse ist der SPD-Bundestagsfraktion gut genug, als Repräsentantin für eine Anhörung zum Thema Sexualität eingeladen zu werden. Aber wenn es darum geht, Farbe zu bekennen, dann zeigt die SPD-Landesregierung einer engagierten und renommierten  Unternehmerin die kalte Schulter.“ Für seine Offensive musste Wolfgang Börnsen allerdings auch Schelte von konservativen  Parteikollegen einstecken. In einer Fraktionssitzung sprach sogar Bundeskanzler Helmut Kohl eine Rüge aus und wunderte sich, wie ein geschätzter CDU-Abgeordneter eine solche Frau für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen könne.<br>Am 25. Oktober 1989 betrat Beate Rotermund im blauen Seidenkostüm das Glücksburger Hotel „Intermar“. Ihren 70. Geburtstag  feierte sie mit 200 Geschäftsfreunden und verband ihn mit der Präsentation ihrer neuen Biografie. Sie bekam Präsente, Blumen und stehende Ovationen. Nur das Bundesverdienstkreuz fehlte. „Für uns haben Sie im Geiste immer so ein Ding um den Hals baumeln“, sagte Hans-Dieter Thomsen. Beate Rotermund meinte etwas verlegen: „Allein, dass ein Bundestagsabgeordneter der CDU diesen Antrag gestellt hat, ist für mich Ehre genug.“ Einige Jahre später witzelte sie: „Ob ich das Verdienstkreuz habe, oder ob in Hannover ein Sack Reis platzt, das kommt ungefähr aufs Gleiche raus.“<br>Für den Geburtstagsempfang der wichtigsten Gewerbesteuer-Zahlerin Flensburgs hatten Oberbürgermeister und Stadtpräsident  sich wegen Urlaubs entschuldigt und ihre Stellvertreter nach Glücksburg geschickt. Ein Akt, der viel Kritik einbrachte. Fünf Jahre später wollten es die Repräsentanten der Stadt Flensburg besser machen. Am 31. Oktober 1994 empfing Stadtpräsident Peter<br>Rautenberg die Jubilarin, die zu ihrem 75. Geburtstag mit der Familie in der Karibik weilte, in seinem Amtszimmer.<br>Beate Rotermund erschien im blauen Hosenanzug, setzte sich an einen Tisch, trug sich ins Gästebuch der Stadt Flensburg ein und  nahm eine Gedenkmünze entgegen. Bei Schnittchen, Sekt und kalter Ente entwickelte sich ein netter Plausch. „Danke, dass  Flensburg den bunten Vogel Beate so wohlwollend aufgenommen hat“, sagte die Geehrte. Oberbürgermeister Olaf Cord Dielewicz setzte noch einen drauf: „Sie gehören zu den liebsten Kindern der Stadt.“</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-5 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="791" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_8.jpg" alt="" data-id="68958" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_8.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_231_8/" class="wp-image-68958" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_8.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_8-300x297.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_8-768x759.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_8-696x688.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_8-425x420.jpg 425w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Flensburg</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="668" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_7.jpg" alt="" data-id="68957" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_7.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_231_7/" class="wp-image-68957" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_7.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_7-300x251.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_7-768x641.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_7-696x581.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_7-503x420.jpg 503w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /></figure></li></ul></figure>



<p>Eine halbe Dekade weiter, anlässlich des 80. Geburtstags, steigerten sich die öffentlichen Huldigungen in Flensburg nochmals. Am  24. November 1999 kam Beate Rotermund auf den Marienkirchhof geschritten. Ein Foto-Reporter besorgte eine Getränkekiste, auf  die sich der prominente Gast stellte, um vom Pastorat in zwei Meter Höhe ein graues Tuch zu entfernen. Ein kleiner Ruck – und es erschien eine Gedenktafel mit der Aufschrift: „In diesem Haus wohnte von 1948 bis 1961 Beate Uhse“. Die Tafel hatte der  Stadtpräsident Peter Rautenberg, der sich damit neben dem Ehrungscharakter auch touristische Effekte erhoffte, gestiftet. Beate  Rotermund staunte, dass „die Kirche so liberal ist“. Allerdings wurde da etwas nachgeholfen, wie der Pastor zugab. „Dem  Kirchenvorstand“, sagte er, „war es leichter gefallen, die Plakette zu genehmigen, als das Unternehmen Uhse eine großzügige  Spende für die Gemeindearbeit zugesagt hatte.“<br>Tags darauf besuchte Beate Rotermund das Rathaus. Im feierlichen Rahmen trug sie sich in das Goldene Buch der Stadt Flensburg  ein. „Sie haben sich um Flensburg verdient gemacht, die Stadt verneigt sich vor Ihnen“, sagte der Stadtpräsident. Die Geehrte zeigte sich gerührt: „Die Stadt war vom ersten Tag an gut zu mir, hat immer geholfen.“ Kurioserweise entstand aus diesem Akt die Legende einer Ehrenbürgerwürde. In Wahrheit wurde die berühmte Unternehmerin nie zur Ehrenbürgerin Flensburgs ernannt.<br>Im Zuge der Ehrungswelle ernannte der TC Glücksburg die 1977 eingetretene Beate Rotermund am 26. Oktober 1999 zum  Ehrenmitglied. Sie war persönlich erschienen, um die Ehrenurkunde entgegenzunehmen. Die Anwesenden applaudierten und  blickten dabei auf die neugestaltete Terrasse, die den Abschluss einer umfangreichen Erweiterung des Tennisheims bildete. Acht Jahre zuvor hatte ihre potente Clubfreundin für die Baumaßnahmen 9000 D-Mark gespendet. Außerdem inserierte „Beate Uhse“ regelmäßig in den Club-Nachrichten.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-6 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="783" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1-783x1024.jpg" alt="" data-id="68951" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_231_1/" class="wp-image-68951" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1-783x1024.jpg 783w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1-229x300.jpg 229w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1-768x1004.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1-696x910.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1-321x420.jpg 321w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_1.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 783px) 100vw, 783px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="731" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5-731x1024.jpg" alt="" data-id="68955" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_231_5/" class="wp-image-68955" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5-731x1024.jpg 731w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5-214x300.jpg 214w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5-768x1075.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5-696x974.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5-300x420.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_5.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 731px) 100vw, 731px" /></figure></li></ul></figure>



<p>Einige Monate später, am 31. März 2000, hatte auch der Luftsportverein Flensburg ein neues Ehrenmitglied: Beate Rotermund. Sie war 1970 eingetreten, überzeugte mit besonderen fliegerischen Leistungen und plauderte mehrfach am Schäferhaus über die  Luftfahrt in den 30er und 40er Jahren. Dabei präsentierte sie gerne ihr altes Flugbuch und ein paar Fotos. Sie schmunzelte: „Das  Fliegen war im Prinzip wie heute, aber das Drumherum war verdammt anders.“<br>Die erfahrene Pilotin hatte sich vehement für den Erhalt des Flugplatzes Schäferhaus eingesetzt, als die Betriebsgesellschaft jährlich ein sechsstelliges Minus einfuhr und die Kommunalpolitik von einem „Auslaufmodell“ schwadronierte. Beate Rotermund referierte  als Sprecherin der „Interessengemeinschaft Flugplatz“ in der Industrie- und Handelskammer. „Wir haben 50 Läden in der  Bundesrepublik – mit dem Flugzeug können wir unsere Standortnachteile ausgleichen“, betonte sie und forderte eine stärkere finanzielle Beteiligung der Stadt. „Was wird in Flensburg nicht alles subventioniert? Vom Theater über Altstadt-Sanierung,  Sportvereine und Hafen.“<br>Es fand sich eine Lösung: Am 15. Dezember 1994 garantiert die Flensburger Ratsversammlung per Beschluss den Bestand des  Flugplatzes für die nächsten 20 Jahre. Die Firma „Beate Uhse“ beteiligte sich mit fünf Prozent an der Betriebsgesellschaft. Die Chefin selbst beschäftigte sich mit der Bepflanzung vor der neuen Flugzeughalle. Auf der Liste hatte sie unter anderem Ginster,  Feuer-Ahorn, Rotbuchen und Sylt-Rosen. Am 23. April 1997 stand sie auf der letzten Stufe der Gangway zum Firmen-Flugzeug und  hielt eine Rede zur Einweihung. „Diese Halle ist unser Beitrag für einen leistungsfähigen Regionalflugplatz“, erklärte Beate Rotermund und ergänzte mit einem Zwinkern: „1944 bin ich hier das erste Mal gelandet und kenne fast jede Ecke.“<br>Nach ihrem Tod im Jahr 2001 wurde im neuen Ortsteil Hochfeld ein Verkehrsweg Beate-Rotermund-Straße genannt. Es war  allerdings eine Zeitungsente, dass auf dem Flensburger Campus eine Bildungsstätte den Namen der bekannten Unternehmerin  erhalten sollte. Die Bezeichnung „Beate-Uhse-Fachhochschule“ fiel nämlich nur im Schriftverkehr mit dem zuständigen Ministerium, das darauf hinwies, dass die etablierte Fachhochschule einen Namenszusatz erhalten, aber nicht einfach in Hochschule umbenannt werden könne. Dann wurde das Hochschulgesetz geändert – und der Weg war frei für „Hochschule Flensburg“. Berührungspunkte  zu Beate Rotermund wären vorhanden gewesen. Am 22. November 1994 referierte sie im Raum C 213 der Fachhochschule über „Vorstellung und Entwicklung des Unternehmenskonzeptes der Beate Uhse AG“. Im betagten Alter heimste Beate Rotermund nicht nur im hohen Norden der Republik etliche Ehrungen ein, sondern auch in ihrer Branche. Am 6. Dezember 1997 fand im Rahmen einer Erotik-Messe in Berlin eine große Gala mit 1800 Gästen statt. Viele nationale und internationale Erotik-Filme wurden mit dem  „Venus awards´97“ gekürt. Eine der Hauptpersonen an diesem Abend war Beate Rotermund, die mit dem „Ehrenvenus für das Lebenswerk“ ausgezeichnet wurde.<br>Die honorierende Institution war der Bundesverband des Erotikhandels. Sein Geschäftsführer Sven Hurum sagte über die Erotik- Ikone: „Sie ist – wenn Sie so wollen – die Mutter unserer Branche. Diese Frau holte die Erotik in Deutschland aus der Schmuddelecke und machte den Sex auch in der Öffentlichkeit zu dem, was er ist: die schönste Sache der Welt.“ Beate Rotermund setzte zu einer Dankesrede an. „Zum Erfolg gibt es keinen Lift, man muss schon die Treppe nehmen“, sagte sie. „Die 51 Jahre  waren mit viel Arbeit und oft auch mit großen Problemen und Sorgen verbunden.“ Die Venus-Trophäe kam auf ihren Schreibtisch.  Im Mai 2000 wurde die Flensburgerin während des Filmfestes in Cannes auch von der europäischen Erotik-Branche für ihr  Lebenswerk geehrt („Hot d’Or d’Honneur“), und zwar auf dem Gebiet „Freizügigkeit und Liberalisierung der Sexualität“. <br>„Immer ein Traum“ war für Beate Rotermund ein eigenes Museum, das die Sexualität als Teil der Kulturgeschichte präsentieren,  aber auch Raum für die eigene Vita bieten sollte. Startschuss war eine kleine Sammlung geschenkter Exponate, die zunächst neben der Kantine ausgestellt werden sollte. Die Eröffnung eines kleinen Erotik-Museums in München und das Amsterdamer Sex-Museum  wirkten inspirierend. Vorstandsmitglied Hans-Dieter Thomsen wurde frühzeitig zum Geschäftsführer des geplanten Museums  erkoren und vergrößerte den Fundus internationaler Erotika mit einer Millionen-Summe.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_4-562x1024.jpg" alt="" class="wp-image-68954" width="562" height="1024" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_4-562x1024.jpg 562w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_4-165x300.jpg 165w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_4-768x1399.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_4-696x1268.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_4-231x420.jpg 231w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_4.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 562px) 100vw, 562px" /><figcaption>Beate Rotermund: Im Mai 2000 in Cannes</figcaption></figure></div>



<p>Aber wohin mit all den Exponaten? Berlin war das Wunschziel. Aber zunächst gelang es nicht, eine geeignete Immobilie zu  entdecken – obwohl unzählige Makler eingeschaltet waren. Als Alternative zerplatzte München, das sich – so Beate Rotermund – als „zu lustfeindlich“ entpuppte. Dann hoffte Flensburg. Schließlich machte doch Berlin das Rennen. Die Wahl fiel auf das Leineweber- Haus, das sich zwischen Kurfürstendamm und Bahnhof Zoo befand. „Beate Uhse“ hatte dafür 136.000 D-Mark an Miete  aufzubringen – monatlich und ohne Nebenkosten. „Das ist das größte und teuerste Objekt, das wir je hatten“, bemerkte Beate Rotermund. Für den „neuen Meilenstein der Unternehmensgeschichte“ (Eigenwerbung) diktierte sie zunächst eine zurückhaltende  Medien-Strategie. „Wir haben noch nichts fest“, lautete die Losung bei Journalisten-Anfragen – um erst mit der Eröffnung des  Erotik-Museums eine große Medien-Präsenz zu erreichen.<br>Am 19. Januar 1996 war der große Tag gekommen: Beate Rotermund war direkt aus ihrem Winterdomizil in Florida zu „Europas  größten Erotik-Museum“ angereist. Um Punkt 12 Uhr stürmten die ersten 100 Besucher das Gebäude. Die „Chefin“ stieß mit einen  Glas Wein an und stellte sich den vielen Interviews. Auch wenn ein Fahrstuhl eine Stunde lang feststeckte, kamen an den ersten  beiden Tagen 12.500 Neugierige. „Ich muss zugeben, dass wir mit einem so überwältigenden Erfolg nicht gerechnet hatten“, sagte  Beate Rotermund. „Berlin ist die beste Stadt für mein Museum. Und wenn es mir die Behörden erlaubt hätten, wäre der Eintritt  schon ab 16 Jahren. Schließlich betreibe ich Aufklärung.“ Am Eingang stand: „Zutritt nur für Erwachsene“.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/12/BU_231_2-633x1024.jpg" alt="" class="wp-image-68952" width="307" height="493"/></figure></div>



<p>Auf drei Etagen, verteilt auf 1800 Quadratmetern, gab es für zehn Euro die Fülle von 5000 Erotik-Zeugnissen diverser Zeiten und  Völker zu bestaunen. Erotische Darstellungen der Malerei, Skulpturen aus Holz und Elfenbein prägten das Museum, ebenso die  Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen des Berliner Sexualforschers Magnus Hirschfeld. Daneben bot das Museum auch viele biografische Einblicke in die Vita von Beate Rotermund – was den einen oder anderen auch irritierte. Die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb etwa: „Hier die balinesischen Kultphalli und dort das Reichssportabzeichen, hier die Bücker Jungmann und dort Magnus  Hirschfeld.“ Auch die direkte, kaufmännisch sinnvolle Verknüpfung mit einem Beate-Uhse-Shop war nicht jedermanns Geschmack.<br>Der „neue Meilenstein“ war zunächst ein Publikumsknüller. Bei Touristen aus Fernost erzielte das Erotik-Museum sogar eine größere Bekanntheit als das Brandenburger Tor. Insgesamt lag es 1996 mit 2,2 Millionen Besuchern unter allen Berliner Museen auf einem  stolzen fünften Platz. Da dachte Beate Rotermund sogar an eine zweite erotische Sammlung, und zwar in der Hamburger Mönckebergstraße. Doch schon 1997 brachen die Besucherzahlen in Berlin um 40 Prozent ein – und der Trend setzte sich fort. Im  August 2014 schloss das Erotik-Museum, kurz darauf auch der Shop. Inzwischen ist auch das Gebäude abgerissen.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 10</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Nov 2021 00:34:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Fall der Mauer, der Gang an die Börse Im Presseclub des Axel-Springer-Hauses klirrten die Sektgläser. Zur Präsentation ihrer Autobiographie „Mit Lust und Liebe“ war Beate Rotermund im Oktober 1989, kurz vor ihrem 70. Geburtstag, nach Berlin gereist. Ganz oben im Verlagshaus an der Kochstraße grassierten die Gespräche. Die Blicke schweiften bisweilen durch die Fenster [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Der Fall der Mauer, der Gang an die Börse</h2>



<p>Im Presseclub des Axel-Springer-Hauses klirrten die Sektgläser. Zur Präsentation ihrer Autobiographie „Mit Lust und Liebe“ war  Beate Rotermund im Oktober 1989, kurz vor ihrem 70. Geburtstag, nach Berlin gereist. Ganz oben im Verlagshaus an der  Kochstraße grassierten die Gespräche. Die Blicke schweiften bisweilen durch die Fenster und erfassten die Mauer, die das geteilte  Berlin trennte. „Ein wiedervereinigtes Deutschland werde ich wohl nicht mehr erleben“, dachte sich die Flensburgerin.<br>Nur wenige Wochen später saß sie gespannt und überwältigt vor dem heimischen Fernseher. Es war die Nacht zum 10. November  1989: Die Berliner Mauer war plötzlich durchlässig. Tags darauf tauchte Beate Rotermund früh am Firmensitz in der Flensburger  Gutenbergstraße auf. Sie sinnierte über eine geschäftliche Expansion gen Osten, dachte bereits daran, den rückständigen  ostdeutschen Erotikmarkt, der im Zeichen der Volksgesundheit und der sozialistischen Familienplanung stand, zu erobern.<br>Tatsächlich brummte in den Berliner Beate-Uhse-Läden der Bär. Verkäuferinnen mussten die Eingangstüren absperren, und  trotzdem bildeten sich Schlangen neugieriger DDR-Bürger. An der Gedächtniskirche wurden 25.000 Kataloge verteilt. Die Presse berichtete fleißig. Das DDR-Blatt „Der Morgen“ titelte: „Mit Nippeln und Noppen zu neuen Ufern der Lust“. Das Satire-Magazin „Mad“ ulkte gar: „Deutschland einig Beate-Land.“ </p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="533" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_3.jpg" alt="" class="wp-image-68667" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_3.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_3-300x200.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_3-768x512.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_3-696x464.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_3-630x420.jpg 630w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Der Renner: „Beate Uhse“ in der ehemaligen DDR</figcaption></figure></div>



<p>Die Chefin wirkte zunächst etwas ernüchtert, als sie die Bilanz der Shops in Berlin betrachtete. „Die DDR-Bürger haben viel geguckt und viel geblättert – nur gekauft haben sie nichts“, erzählte sie und mäkelte: „Unsere guten West-Kunden mit dem Weihnachtsgeld in der Tasche kamen erst gar nicht in die Läden.“<br>Die politische Großwetterlage hatte sich komplett geändert. Nur eine Woche nach dem Mauerfall empfing Beate Rotermund ihre  ersten DDR-Gäste: ein vierköpfiges Journalisten-Team von der Neubrandenburger SED-Zeitung „Freie Erde“. Die Presse-Vertreter schrieben über die „erfolgreichste Wirtschaftsfrau Flensburgs mit einem hochmodernen Versandhandel“. In den ersten Tagen nach Erscheinen dieses Berichts gingen einige hundert Bestellungen für Strapse, Unterwäsche und Vibratoren aus der DDR ein.<br>Nur: Wie sollte „Beate Uhse“ damit umgehen? Weder die Berufsverbände noch die Ministerien wussten, wie man einen Ost-West- Versandhandel aufziehen könnte. Ein Testlauf berücksichtigte Westmark ebenso wie DDR-Marken. Ost-Mark wurden im Verhältnis  1:3 akzeptiert, obwohl der offizielle Kurs bei 1:8 lag. „Eine Zukunftsinvestition“, sagte man sich in der Flensburger  Gutenbergstraße. Allerdings schauten DDR-Beamte mit Argusaugen auf die Bestellungen: Ein Versand von DDR-Geldscheinen in  den Westen verstieß gegen die Devisen-Bestimmungen.<br>Beate Rotermund war eine gesamtdeutsche Berühmtheit. Die Bild-Zeitung befragte sie zu einer möglichen West-Integration. „Mein  Ziel wäre es, dass wir in unser Bündnis die DDR aufnehmen“, sagte sie. „Nur wenn das absolut nicht geht, ist ein neutrales Deutschland anzustreben.“ Am 9. Februar 1990 war sie zu Gast bei einer NDR-Talk-Show, die aus West-Berlin ausgestrahlt wurde. Die Flensburgerin saß zwischen anderen bekannten Frauen aus BRD und DDR. Tags darauf registrierte sie das Gedränge vor ihren  Geschäften und besuchte erstmals seit Ende des Krieges den Osten der Stadt, ehe sie am Abend in Leipzig zu einer Gesprächsrunde eingeladen war. „Unter den Rathaus-Arkaden würde sich ein Beate-Uhse-Shop ganz gut machen“, sagte Beate Rotermund. „Der Versandhandel mit dem Osten blüht schon jetzt.“ Inzwischen gingen täglich bis zu 1000 Briefe in der Flensburger Beate-Uhse- Zentrale ein. Manchmal lagen persönliche Schreiben oder Geschenke wie ökologisch angebauter Spargel und ein handgeschnitzter Holzpenis bei. Die Chefin studierte Ratgeber für das DDR-Geschäft. „Und wieder ist Pionierzeit“, jubelte die Firmenleitung in einem Rundschreiben an die Mitarbeiter. Unter dem Codenamen „Sex auf Rädern“ rollte Ende März 1990 eine Aktion an, die Leipzig, Halle, Dresden und Karl-Marx-Stadt mit Mini-Katalogen beglückte. Innerhalb weniger Stunden waren 45.000 Broschüren vergriffen.<br>Ein Netz mit Ost-Filialen entstand auf dem Reißbrett. Die Umsetzung war schwieriger. „Jeder will sich jetzt in der DDR ansiedeln,  man kriegt einfach keine Läden“, stellte Beate Rotermund fest. „Außerdem ist noch alles Volks- oder Staatseigentum. Keiner weiß,  wem etwas gehört.“ Im Mai 1990 befand sich der Erotik-Konzern in 17 DDR-Städten auf den Wartelisten für   Geschäftsniederlassungen. Auf einer Wand in Halle war in schwarzen Lettern gekritzelt: „Beate Uhse muss her!“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="561" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_2.jpg" alt="" class="wp-image-68669" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_2.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_2-300x210.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_2-768x539.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_2-696x488.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_2-599x420.jpg 599w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_2-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>„Sex auf Rädern“: Kleintransporter mit Mini-Katalogen</figcaption></figure></div>



<p>Kurz vor der Währungsreform steuerten nochmals 33 Kleintransporter die DDR-Städte an und beglückten sie mit Katalogen – für  fünf Ost-Mark. Eine erste Lizenz für ein Geschäft ging ins thüringische Mühlhausen. Der „Thüringer Allgemeinen“ gab Beate  Rotermund ein Interview. „Wir sind im Norden der große bunte Papagei, der diese triste, graue Landschaft etwas aufmotzt“,  erzählte sie. Am 10. September 1990 erschien die Chefin auf dem Berliner Alexanderplatz. Sie wohnte einer Verlosung von sieben VW-Golfs bei, die die Vermarktungs-Strategie im Osten krönte.<br>Kurz nach der Wiedervereinigung schlüpften die ersten Beate-Uhse-Shops in Ost-Berlin aus dem Ei. Kurz darauf folgten weitere  Standorte in den neuen Bundesländern. „Wir waren schnell“, lächelte Beate Rotermund verschmitzt. Die „Super Illu“ meinte: „Sie  kennt alle heimlichen Lüste der Ossis“. Und die „Bild“ bilanzierte: „Jetzt erlebt die alte Dame der Orgasmus-Industrie noch einmal einen Höhepunkt: Sie lässt auch unsere neuen Bundesländer vibrieren.“ 1993 stammten rund zwei der vier Millionen Kunden aus  der ehemaligen DDR.<br>Das Ende des Kalten Krieges schuf neue Optionen. Beate Rotermund träumte von einem Ladengeschäft am Roten Platz in Moskau.  „Ich bin ganz scharf auf Russland, da gibt es einen enormen pornografischen Nachholbedarf“, dachte sie sich. Nach einem Besuch  in der russischen Metropole klang schon alles anders. „In der ehemaligen DDR lässt sich ein Laden für 600.000 DDR-Mark aufbauen“, berichtete sie. „Im Sowjetunion-Geschäft wären solche Beträge ein Klacks.“ Eine Ausdehnung der Geschäfte auf  Österreich klang naheliegender. Doch Zoll-Restriktionen sprachen zunächst dagegen. „Wenn Österreich in die Europäische Gemeinschaft kommt, bin ich sofort da“, sagte sie einmal.<br>Aber auch so florierte das Unternehmen, das inzwischen 600 Mitarbeiter hatte, davon allein 150 in der Flensburger Zentrale. Die  Gutenbergstraße reichte nicht mehr aus. Immer mehr Hallen und Räume mussten an anderen Adressen angemietet werden. Im Herbst 1994 kam heraus: „Beate Uhse“ wollte Flensburg verlassen. „Wir hatten Pläne, in die neuen Bundesländer abzuwandern, dort ist es ja steuerlich für Unternehmen günstiger als hier“, gab Beate Rotermund zu. Gespräche mit der Flensburger Stadtverwaltung stoppten den Abgang. Nun galt ein großes Grundstück in der Lise-Meitner-Straße als erste Umzugsoption.<br>Die über 70-jährige Chefin kam immer noch fast jeden Tag in die „Firma“. Zwar war sie im Großraumbüro durch drei Trennwände  etwas abgeschirmt, wirkte aber nicht distanziert, sondern war kommunikativ und tatkräftig. Das änderte sich auch nicht 1992, als sie ihrem Sohn Ulrich die alleinige Leitung übertrug und in den Aufsichtsrat wechselte. Von ihrem „Baby“, ihrem Unternehmen, ließ  Beate Rotermund nicht los. „In diesem Laden bin ich nun einmal der einzige Mensch, der aus 3768 Teilen das einzige herausfindet,  das falsch ist“, sagte sie einmal. Mit einem Berater-Vertrag ausgestattet beschäftigte sie sich mit Vorliebe mit ihrer alten Domäne, der Kundenpost.<br>Die Geschäftsfelder änderten sich in der Erotik-Branche. Das Filmgeschäft und die Porno-Kinos flauten in den 90er Jahren merklich  ab. Interessant wurde der Kommunikationssektor. Eine Beate-Uhse-Telefonkarte, zum Gebrauch in öffentlichen Telefonzellen, war  1992 nur ein Vorgeschmack. Kostenpflichtige Dienste boten „Telefon-Trips zu künstlichen Hörwelten“.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="558" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_4.jpg" alt="" class="wp-image-68668" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_4.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_4-300x209.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_4-768x536.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_4-696x485.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_4-602x420.jpg 602w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_4-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Neuheit der 90er Jahre: Beate Rotermund mit einer Telefonkarte</figcaption></figure></div>



<p>Kurzfristig löste auch der Bildschirm-Text einen Hype aus, ermöglichte Sex-Dialoge. Beate Rotermund fand offenbar Gefallen an der elektronischen Kontaktaufnahme und saß bisweilen selbst an der Tastatur. Allerdings nahm einmal auch ein Polizei-Einsatz eine  Tochterfirma im Flensburger Industriehafen ins Visier. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Betrugs. Wussten die User, dass sie in den Chats auf Animateure trafen? Bald war es Schnee von gestern: Das Internet trat seinen Siegeszug an. Zur  Jahrtausendwende besaß „Beate Uhse“ fast 200 Domains im weltweiten Netz.<br>Die stetige Expansion benötigte Kapital. Schon 1997 checkten die Analysten die Firmendaten. Die Beate Uhse AG sollte an die  Börse. „Die Akzeptanz von Aktien ist recht hoch“, stellte Beate Rotermund fest. Im Juli 1998 hatten ihre 700 Mitarbeiter eine Mitteilung in der Hand: „Aufsichtsrat und Vorstand überlegen derzeit, die Firma an die Börse zu bringen – wahrscheinlich im  nächsten Jahr.“ Mit einem Jahres-Umsatz von rund 170 Millionen D-Mark (Beate Rotermund: „So viel wie die Großen zwischen  Frühstück und Mittagspause machen“) galt man nicht unbedingt als Schwergewicht. Doch mit Verkauf der „Lust-Aktie“  (Handelsblatt) sollte das Auslandgeschäft befeuert werden. Bislang existierten nur 23 Shops in der Schweiz, Österreich und auf  Mallorca.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="516" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_5.jpg" alt="" class="wp-image-68670" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_5.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_5-300x194.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_5-768x495.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_5-696x449.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_5-651x420.jpg 651w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /></figure></div>



<p>Beate und Ulrich Rotermund hielten bisher jeweils 50 Prozent der Beate Uhse AG. Die beiden sollten weiterhin die Mehrheit halten,  aber 25 Prozent des Kapitals sollten über Stammaktien ausgegeben werden. Im Vorfeld der Emission wurde der Vorstand von zwei  auf vier Personen erweitert. Ulrich Rotermund, der viel im Ausland unterwegs war, schied aus und wechselte zu seiner Mutter in den Aufsichtsrat.<br>Diese erschien am 10. März 1999 in der Hamburger Hauptstelle der Commerzbank, die den Börsengang als Konsortialführer  organisierte. Beate Rotermund ratterte die Meilensteine der Unternehmensgeschichte herunter und hielt geduldig den Entwurf der neuen Aktie in die Kameras. Von dem guten Stück ließ sie eine begrenzte Anzahl als Sammlerobjekt für Fans und Kunden drucken.<br>„Was ist von einem Erotik-Unternehmen zu halten, dessen Aktien man nicht einmal anfassen kann?“, fragte sie rhetorisch.<br>Kurz vor dem für Ende Mai 1999 geplanten Börsengang geriet das Ereignis zwei Mal in Bedrängnis. Ein Urteil des  Oberlandesgerichts Stuttgart entschied zugunsten eines Telekom-Kunden. Dieser hatte sich geweigert, für 0190-Telefonsex-Nummern zu zahlen. Eine Einzelentscheidung oder ein genereller Trend? Fast zeitgleich versuchte ein Ex-Mitarbeiter, das  Versandhaus mit Unterlagen zu einer angeblichen Bilanzfälschung um 1,5 Millionen D-Mark zu erpressen. Der Mann wurde verhaftet.<br>In eine ganz andere Welt schlüpften Medien- und Finanzwelt am 19. Mai 1999 bei der Firmenpräsentation in Frankfurt. Leicht  bekleidete Damen reichten den Journalisten die Mikrofone. Ein Modell ließ die Hüllen sogar gänzlich fallen. Dann sprach Beate  Rotermund. „Seitdem es die Pille gibt, ist Erotik gesellschaftsfähig“, sagte die Aufsichtsratschefin. Die Preisspanne der Papiere lag während der Zeichnungsfrist zwischen sechs und 7,20 Euro. Derweil überlegten die Analysten, wo denn die Beate-Uhse-Aktie  einzugruppieren wäre. Die Vorschläge reichten von der gummiproduzierenden Industrie über die Telekommunikation bis hin zum Verkehrssektor.<br>Das Interesse an den Aktien, die schließlich für 7,20 Euro auf den Markt kamen, war groß. Ja, sogar so gewaltig, dass die  Commerzbank die Zeichnungsfrist um vier Tage verkürzte. Dennoch registrierten die Börsianer eine 63-fache Überzeichnung und eine Verlosung unter den Anlegern. Für die erste Börsen-Notierung flog Beate Rotermund am 27. Mai 1999 nach Frankfurt. Sie staunte wie ein kleines Kind: „Ich war noch nie an der Börse, sah noch nie die Bilder mit den Bullen und den Bären.“<br>Um sie herum verteilten knapp bekleidete Frauen Schokoladen-Brüstchen. Der Champagner spritzte. Die „erste Erotika-Aktie  Europas“ feierte einen gelungenen Börsenstart. Das Papier schoss um 12 Uhr gleich auf 13,20 Euro. „Das ist ja fast so wie beim  Börsengang der Telekom“, staunte ein Händler. „Wir sind stolz auf das große Interesse an unserer Aktie“, teilte Beate Rotermund  mit. „Wir werden jetzt richtig ranklotzen, um unsere Investoren zufriedenzustellen.“<br>Die Beate-Uhse-Aktie erwies sich als die erfolgreichste Emission des Jahres 1999: Zunächst war sie im kleineren S-Dax notiert,  stieg aber im Dezember in den M-Dax, zu den 100 bedeutendsten Unternehmen in Deutschland, auf. In Flensburg plante man  bereits, weitere Unternehmensteile auszugliedern und häppchenweise an der Börse zu verkaufen.<br>1999 wurde zum wohl erfolgreichsten Jahr in der Unternehmensgeschichte. Der Umsatz sprang von 168 auf 220 Millionen D-Mark, der Gewinn verdoppelte sich. Als Wachstumsmotoren betrachtete Beate Rotermund das Auslandsgeschäft und den Multimedia-Sektor. Das bundesweite Laden-Imperium sollte von 120 auf 300 Filialen ausgedehnt werden. „Wir wollen auch neue Wege gehen und Läden an Autobahnen errichten“, erklärte die nun 80-jährige Firmengründerin. </p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="519" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_1.jpg" alt="" class="wp-image-68671" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_1.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_1-300x195.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_1-768x498.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_1-696x452.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/11/BU_flj_230_1-647x420.jpg 647w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Positionswechsel: 1992 wurde Beate Rotermund Vorsitzende des Aufsichtsrats</figcaption></figure></div>



<p>Die Expansion drang über die Grenzen. Im  September 1999 übernahmen die Flensburger den niederländischen Erotik-Versender  „Pabo“ und die belgisch-niederländische Kette „Sandereijn“. Zwei Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von über 60 Millionen  D-Mark. „Damit haben wir einen wichtigen Teil der Internationalisierungsziele erreicht, die beim Börsengang vorgesehen waren und werden zum größten Erotik-Konzern Europas“, schrieb Beate Rotermund als Aufsichtsratsvorsitzende.<br>Ihr „Baby“ fasste nun auch auf anderen Kontinenten Fuß. In den USA trat nicht „Beate Uhse“, sondern „Pabo“ in Erscheinung.  „Meinen Namen kann niemand in Amerika richtig aussprechen“, schmunzelte Beate Rotermund. Passend zu den Olympischen  Spielen in Sydney stieg der Sex-Konzern bei der australischen „Sharon Austen“ ein. Lizenzpartner standen in Polen, Portugal,  Italien, Spanien und Ungarn bereit. Im März 2000 wurde in Hamburg die Holding „Beate Uhse Scandinavia A.B.“ präsentiert. Beate Rotermund war selbst vor Ort und posierte mit einer Puppe. Sie war die Gallionsfigur, die Chefin des Aufsichtsrats – die Musik spielt aber zunehmend abseits ihres Schreibtisches. Der familiäre Charakter in der Gutenbergstraße wich den Anforderungen eines „Global Players“.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 9</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Oct 2021 10:34:27 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik Folge 9]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Realteilung und der 70. Geburtstag Die Geschäfte florierten. Porno-Streifen waren nun der Renner. 1980 besaß das Unternehmen „Beate Uhse“ zwölf „Blue Movie“-Kinos und war Marktführer mit 140 Pornofilmen. Beim Verleih entsprechender Videos an unabhängige Lichtspielhäuser registrierte die Geschäftsführung vielversprechende Ansätze. Die Filme entstanden vorwiegend in den USA. „Dort sind Models und Drehmöglichkeiten besser“, meinte [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://flensburgjournal.de/die-beate-uhse-chronik-folge-9/">Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 9</a> erschien zuerst auf <a href="https://flensburgjournal.de">Flensburgjournal</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Die Realteilung und der 70. Geburtstag</h2>



<p>Die Geschäfte florierten. Porno-Streifen waren nun der Renner. 1980 besaß das Unternehmen „Beate Uhse“ zwölf „Blue  Movie“-Kinos und war Marktführer mit 140 Pornofilmen. Beim Verleih entsprechender Videos an unabhängige Lichtspielhäuser registrierte die Geschäftsführung vielversprechende Ansätze. Die Filme entstanden vorwiegend in den USA. „Dort sind Models und Drehmöglichkeiten besser“, meinte Beate Rotermund. <br>Die Staaten schienen das geeignete Feld für eine weitere Expansion zu sein. Die Übernahme der amerikanischen Porno-Kinokette  „Pussycat“ scheiterte jedoch am Preis: 35 Millionen Dollar waren aufgerufen. Im Februar 1981 war die „Chefin“ in New York. Bei  Speis und Trank berichteten Presse und Fernsehen über den großspurig geplanten Film-Verleih der deutschen Newcomerin. Die Streifen liefen auch in den US-Kinos, doch kaum ein Kunde zahlte. Reuben Sturman, so etwas wie ein Porno-Mogul in den Staaten,  soll die Kino-Betreiber unter Druck gesetzt und bei Zahlungen an „Beate Uhse“ mit Konsequenzen gedroht haben.<br>Im fernen Flensburg hatte sich die Struktur des Sex-Konzerns gewandelt. Beate Rotermund schraubte ihren Aufwand zurück, reiste gern und verbrachte viel Zeit mit ihrem Lebensgefährten John Holland – in Schausende, New York oder Florida. Die drei Söhne  übernahmen immer mehr Verantwortung. 1973 gehörten ihnen jeweils fünf Prozent an der Unternehmensgruppe, 1977 waren es bereits 16 Prozent. Jeder hatte seine Arbeitsschwerpunkte: Klaus Uhse kümmerte sich um den Großhandel und den Außenhandel.  Dirk Rotermund war für das Versandhaus zuständig, während Ulrich Rotermund die Läden und die noch junge Video-Film-Sparte  managte.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="490" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_1-Kopie.png" alt="" class="wp-image-68480" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_1-Kopie.png 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_1-Kopie-300x184.png 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_1-Kopie-768x470.png 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_1-Kopie-696x426.png 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_1-Kopie-686x420.png 686w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Noch alle beisammen. Von links: Beate Rotermund, Dirk Rotermund, Klaus Uhse und Ulrich Rotermund</figcaption></figure></div>



<p>Angesichts unterschiedlicher Ansichten in der Geschäftspolitik kam es häufiger zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. Sie spitzten sich zu, als das Unternehmen 1981 in eine kritische Situation geriet. Der Umsatz hatte inzwischen die Grenze von 100  Millionen D-Mark durchstoßen. Die Gewinne waren üppig. Sie wurden allerdings reinvestiert. Steuernachzahlungen, erhöhte  Vorauszahlungen und sinkende Gewinne griffen das finanzielle Fundament an. Der Kreditrahmen bei den Banken war praktisch  aufgebraucht.<br>In dieser Situation soll Ulrich Rotermund vehement darum gekämpft haben, weitere zwei Millionen D-Mark in das US-Projekt zu  pumpen. Seinen beiden Halbbrüdern war das Risiko entschieden zu hoch. Ulrich Rotermund soll daraufhin seine Mutter Beate dazu  überredet haben, eine Realteilung des Gesamt-Unternehmens einzuleiten. Die beiden überstimmten Klaus Uhse und Dirk  Rotermund, die sich durchaus eine größere Unabhängigkeit der Geschäftsbereiche vorstellen konnten, dies aber weiterhin unter  einem gemeinsamen Dach.<br>Zum 1. Juli 1981 wurde die Realteilung vollzogen. Zwei getrennte Unternehmen entstanden. Dirk Rotermund und Klaus Uhse  führten Versand und Verlag fort, während Beate Rotermund zusammen mit Ulrich, ihrem jüngsten Sohn, die Ladenketten und den Filmverleih verantwortete. Als neue Basis wurde bis Ende 1981 die „Beate Uhse AG“ mit einem Grundkapital von 16 Millionen  D-Mark gegründet. Beate Rotermund fungierte als Vorstandsvorsitzende, Ulrich Rotermund als Stellvertreter. Als Geschäftsführer  wurde Hans-Dieter Thomsen eingesetzt.<br>Den neuen Strukturen waren viele Gespräche mit Wirtschaftsberatern, Steuerprüfern und Juristen vorausgegangen. „Ohne die  Realteilung hätte ich der Boss bleiben müssen und irgendwann 60-jährige Söhne gehabt, die machen müssen, was ihre 90-jährige Mutter will“, erklärte Beate Rotermund einmal. Und weiter: „Dies war die einzige Möglichkeit, jedem der Söhne selbstständige  Unternehmensteile zu überlassen, ohne dafür riesige Steuerbeträge aufbringen zu müssen.“ Von den internen Streitigkeiten keine  Rede – und auch nicht vom Ungleichgewicht bei den Geschäftsaussichten. Beate und Ulrich Rotermund hatten sich die vermeintlich besseren Tortenstücke herausgeschnitten. Pornofilme in den Läden und in den Sex-Kinos boomten. Und die Sex-Shops durften verkaufen, was der Versand oft nicht versenden durfte.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="505" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_3-Kopie.png" alt="" class="wp-image-68482" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_3-Kopie.png 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_3-Kopie-300x189.png 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_3-Kopie-768x485.png 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_3-Kopie-696x439.png 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_3-Kopie-665x420.png 665w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Flensburger Schäferweg: Das neue Orion-Gebäude 1985</figcaption></figure></div>



<p>Von der Öffentlichkeit blieb die Realteilung zunächst unbemerkt. Erst Anfang Oktober 1982 titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Beate Uhse hat ihr Imperium in zwei Teile zerlegt“. Die Zäsur fiel sicherlich deshalb so lange nicht auf, da zunächst  beide neuen Unternehmen in der Flensburger Gutenbergstraße blieben. Die Atmosphäre war aber längst angespannt, wie aus  internen Papieren hervorgeht. So hatte die „Versandgruppe“ eine Monatsmiete von 40.000 D-Mark an die „Ladengruppe“ zu zahlen. Und die wollte noch mehr. Beate Rotermund hatte wohl gehofft, dass die Realteilung zu klaren Strukturen und einer Befriedigung der Situation beitragen könnte, letztendlich erwies sie sich aber als Sprengsatz. 1982 gab es zwischen den beiden Geschwister-Unternehmen eine erste Auseinandersetzung vor Gericht. Bald war Klaus Uhse und Dirk Rotermund klar: „Wir müssen bauen!“<br>Der familiäre Stress im Konzern schlug auf die Gesundheit. Beate Rotermund war bis dahin nie wirklich krank gewesen und ließ sich alle zwei Jahre einem umfangreichen Gesundheitscheck unterziehen. Vor Weihnachten 1982 fühlte sie sich 14 Tage schlapp. Bei  einer Ultraschall-Untersuchung wurden fünf kartoffelgroße Zysten an der linken Niere entdeckt. Krebs konnte nicht ausgeschlossen  werden. Mitte Januar 1983 wurde die Flensburgerin in einer Aachener Nierenspezialklinik operiert. Die Labor-Befunde sendeten keine beunruhigenden Signale.<br>Dennoch war die OP der prominenten Patientin ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse. Am 25. Januar 1983 schrieb die  Bild-Zeitung: „Beate Uhse operiert – sechs Wochen Krebsangst!“ Sie meldete sich sogar selbst zu Wort: „Mir geht es einfach lausig, ich habe schreckliche Schmerzen.“ Drei Tage später hatte sich die Situation auf Zimmer 415 deutlich entspannt. Beate Rotermund war schon wieder rege am Telefonieren. „Ich erhalte ständig die aktuellen Berichte aus der Firma“, sagte sie. Nichtsahnend, dass  alles noch weit dramatischer werden sollte.<br>Klaus Uhse erhielt eine Krebs-Diagnose und wurde Anfang September 1983 am Magen operiert. Seine Mutter Beate war von dieser  Nachricht so geschockt und beunruhigt, dass sie sich einer Magenspiegelung unterzog. Dabei wurde ein kleines Geschwür entdeckt – mit positivem Befund. Vor dem Eingriff am 30. September im Hamburger Marien-Krankenhaus verbrachte Beate Rotermund ein Wochenende im Kreis der Familie, sortierte Post und Unterlagen in der Firma, spielte Tennis und startete mit der Cessna einen  Rundflug über Flensburg und Glücksburg. Die Operation dauerte gut fünf Stunden, dann waren das Karzinom im Anfangsstadium  und große Teile des Magens herausgeschnitten. Nach 15 Tagen wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen und saß kurz darauf<br>im Flieger zu den Bermudas. Sohn Ulrich hatte sie zu einem Urlaub überredet. Schon bald machte Beate Rotermund Gymnastik und spielte wieder Golf. „Ich will 100 Jahre alt werden“, trotzte sie dem Schicksal.<br>Wenige Monate später war alles anders. Sohn Klaus konnte den Krebs nicht besiegen und verstarb am 30. Juni 1984. Drei Tage  später versammelten sich 80 Trauergäste auf dem Glücksburger Friedhof. Am Sarg eine Schleife. Auf ihr stand: „Ein letzter Gruß –  deine Mutter Beate!“ Sie musste zeitweise gestützt werden von ihren beiden verbliebenen Söhnen und warf einen Strauß Rosen ins  Grab. Tags darauf wirkte sie schon wieder zuversichtlicher. „Der grausame Tod hat unsere Familie wieder zusammengebracht“,  meinte die 64-Jährige gegenüber der Presse.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="438" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_2-Kopie.png" alt="" class="wp-image-68481" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_2-Kopie.png 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_2-Kopie-300x164.png 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_2-Kopie-768x420.png 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_2-Kopie-696x381.png 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_2-Kopie-767x420.png 767w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>3. Juli 1984: Beerdigung in Glücksburg</figcaption></figure></div>



<p>Geschäftlich wurde die Trennung nun allerdings auch augenscheinlich. Im Sommer 1984 wurden 275 Lkw-Ladungen von der  Gutenbergstraße in neugebaute Hallen am frisch erschlossenen Schäferweg transportiert. Der „Beate Uhse Versand“ und 90  Mitarbeiter hatten eine neue Heimat. Um sich auch optisch als eigener Betrieb darzustellen, erfolgte bald eine Namensänderung. Nachdem zunächst ein Dr.-Lösch-Erotik-Katalog erstellt worden war, fiel dann die Entscheidung für das Sternbild „Orion“.<br>Bei der Realteilung hatten beide nun eigenständige Unternehmenszweige eine fünfjährige Sperrfrist vereinbart, um sich bei den  Geschäften nicht ins Gehege zu kommen. Die Konkurrenz untereinander ließ sich aber nicht eindämmen, wie auch öffentliche  Äußerungen zeigten. Im November 1984 sagte etwa Dirk Rotermund: „Während die Beate Uhse AG mit ihren Sex-Shops und Kinos auf der Pornowelle schwimmt, setzt Orion neue Akzente im Bereich der erotischen Atmosphäre.“ Man beäugte sich: Beate  Rotermund heftete in ihren Unterlagen auch Pressematerial von „Orion“ ab und markierte Formulierungen wie „der größte Erotik-Versand der Welt“.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_4.png" alt="" class="wp-image-68483" width="296" height="414" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_4.png 550w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_4-215x300.png 215w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_4-301x420.png 301w" sizes="auto, (max-width: 296px) 100vw, 296px" /><figcaption>Titelbild der „Emma“ von März 1988</figcaption></figure></div>



<p>1986, also mit Ablauf der fünf Jahre, stieg „Beate Uhse“ wieder in das Versandgeschäft ein und publizierte das „Beate Uhse  Journal“, den neuen Katalog. Den Namen „Versandhaus Beate Uhse“ hatte man sich an der Gutenbergstraße zurückerkämpft. 1988 erwirtschaftete der Versandhandel noch Verluste, brachte es auf einen Anteil von etwas mehr als zehn Prozent am Gesamtumsatz  von 100 Millionen D-Mark des 575 Mitarbeiter starken Unternehmens. Die Konkurrenz belebte das Geschäft: „Orion“ schaffte mit  seinen 120 Leuten immerhin 40 Millionen D-Mark im Jahr.<br>Die Geschäftsfelder wandelten sich immer wieder. Am 29. November 1984 lockte das Magazin „Stern“ seine Leser mit der  Schlagzeile „Das Ende der Sexwelle“. Wenige Monate später widmete sich der „Spiegel“ dem „Thema des Jahres“: Aids. Ein Virus kurbelte den Kondom-Verkauf an. „Beate Uhse“ richtete in ihren Läden einen „Aids-Beratungsdienst“ ein, warb mit Slogans wie „Die Liebe unbeschwert genießen“ und setzte immer mehr Präservative ab. Die Kunden orientierten sich nun allerdings mehr an  medizinischen Aspekten und weniger an erotischen Spielereien. Die Gesellschaft war besorgt. Am 29. Mai 1988 strahlte das ZDF die Sendung „Liebe ist Zärtlichkeit – ein Abend gegen Aids“ aus. Gäste waren Bundesministerin Rita Süssmuth, Aufklärungsfilmer  Oswalt Kolle – und Beate Rotermund.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-7 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="858" height="604" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5.png" alt="" data-id="68484" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5.png" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_flj_229_5/" class="wp-image-68484" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5.png 858w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5-300x211.png 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5-768x541.png 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5-696x490.png 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5-597x420.png 597w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_5-100x70.png 100w" sizes="auto, (max-width: 858px) 100vw, 858px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Der Sportboot-Führerschein von 1982</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="564" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie.png" alt="" data-id="68487" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie.png" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_flj_229_6-kopie/" class="wp-image-68487" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie.png 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie-300x212.png 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie-768x541.png 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie-696x491.png 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie-596x420.png 596w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_6-Kopie-100x70.png 100w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Beate Rotermund flog gerne und viel</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Die Unternehmerin hatte in der Öffentlichkeit generell ein positives Image, musste in den 80er Jahren immer wieder Angriffe von  Feministinnen einstecken. Die „Emma“ schrieb im März 1988: „Mit 25 fliegt Beate Uhse Stukas an die Front – für Hitlers Luftwaffe. Mit 69 verkauft sie Frauen – für 90 Millionen im Jahr.“ Ihr wurden Frauenfeindlichkeit und die Degradierung der Frau zum  Lustobjekt vorgeworfen. „Ich bin nicht Jesus, sondern Unternehmer“, bekannte Beate Rotermund freimütig und stellte klar: „Noch nie gab es so viele Freiheiten für uns Frauen. Wir dürfen alles, wir können so gut wie alles, was Männer auch können.“<br>In ihrem Pressematerial las sich das dann so: „Seit über 30 Jahren ist es das Anliegen von Beate Uhse gewesen, die Sexualität von  ihren Tabus und ihrem illegalen Dasein zu befreien. Wir – die Firma Beate Uhse – haben entscheidend dazu beigetragen, dass  Sexualität in all ihren Spielarten in unserer Gesellschaft wieder den Stellenwert eingenommen hat, der ihr zusteht.“ Beate  Rotermund scheute sich nicht ihren Standpunkt zu verteidigen und setzte sich im Juli 1989 auf den „heißen Stuhl“ von „RTL plus“.<br>Sie wusste, wie man das Leben genießen kann. Häufig und vor allem zu ihren Geburtstagen reiste die „Chefin“ nach Florida, um  dem Rummel um ihre Person zu entgehen. Sie schwamm gern, schoss auf Skiern über das Wasser. Sie machte einen Sportboot-Führerschein, schlug immer wieder auf dem Tennisplatz auf und begrüßte in der amerikanischen Wahlheimat gerne Freunde.<br>Im privaten Foto-Album gibt es Bilder von einer „Ski-Show“, die Beate Rotermund und John Holland im April 1982 gemeinsam  inszenierten. „Langsam und sicher lebten wir uns auseinander“, stellte sie später fest. Die Gegensätze traten stärker hervor. Das  Paar trennte sich, versprach sich eine Freundschaft, sah sich aber immer seltener. In der Presse tauchte noch eine Affäre mit einem ehemaligen Eishockey-Spieler auf, doch die Wünsche nach einer festen Partnerschaft blieben unerfüllt. Beate Rotermund legte sich  aber durchaus ins Zeug und sparte an ihrem äußeren Erscheinungsbild gewiss nicht. In einer vierstündigen OP ließ sie sich die  Falten liften. „Auch ich kann mich dem Jugendlichkeitswahn nicht entziehen“, lächelte sie. Die „Bild“ titelte: „Das neue Gesicht von Beate Uhse – Sex-Königin zahlte 6000 D-Mark.“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="535" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_7.png" alt="" class="wp-image-68486" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_7.png 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_7-300x201.png 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_7-768x514.png 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_7-696x465.png 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/10/BU_flj_229_7-628x420.png 628w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Beate Rotermund mit vier ihrer Enkelkinder</figcaption></figure></div>



<p>In Schausende genoss die Unternehmerin die Ruhe. Der Garten war ihre Spielwiese, auf Beeten wuchs Gemüse. Besucher  entdeckten in ihrem Haus keine Pornofilme und auch keine erotische Literatur. Stattdessen Schwarten der Wirtschaftswelt. „Wer in einer Konditorei arbeitet“, sagte sie einmal, „der nimmt sich ganz selten eine Torte mit nach Hause. Und wenn, dann nur eine, die ihm ganz besonders schmeckt.“ Beate Rotermund verriet: Im Schlafzimmer hatte sie einen Vibrator. Von Schausende fuhr sie mit  ihrem „Mercedes 500 SE“ nach Flensburg in die Gutenbergstraße. Oder zum Flugplatz Schäferhaus, wo ihre Cessna stand. Manchmal flog sie mit ihrer Haushälterin nach Sylt oder Wyk, um dort ein Café aufzusuchen. Auf dem Golfplatz in Glücksburg war  Beate Rotermund ab 1984 Stammgast. Sie arbeitete systematisch an ihrem Handicap, stattete sich mustergültig aus und las  Fachliteratur. Im Winter tauchte sie im Fitness-Studio auf. Langeweile kannte sie nicht, oft war sie wochenlang unterwegs. Im  Frühling 1988 etwa besuchte sie zunächst ihre Stieftochter in Südafrika, weilte über Ostern in Florida und nahm danach für einige  Tage an einem Symposium im Direkt-Marketing teil – in der Schweiz. <br>Trotz neuer Impulse sorgte sich die „Chefin“ um ihr wiederbelebtes Versandgeschäft. Sie wollte es offenbar verkaufen. Im  Dezember 1988 schrieb sie an mehrere mögliche Interessenten: „1989 werde ich 70 und trage mich mit dem Gedanken, mich vom  Versandhaus Beate Uhse zu trennen, da ich für den Versandbereich keinen Nachfolger habe… Bitte behandeln Sie dieses Schreiben streng vertraulich!“ Ein Käufer fand sich nicht. Zumeist sahen die Antworten so aus wie die von Grete Schickedanz („Quelle“): „Ihr  Versandhaus lässt sich nicht in unsere Aktivitäten und Zielsetzungen einfügen.“ Die Nachfolge wurde intern gelöst: Zum 12. Juni  1989 übernahm Ulrich Rotermund auch das Ressort „Versandhaus“.<br>Seine Mutter hatte am 25. Oktober 1989 ihren 70. Geburtstag und weilte ausnahmsweise im Norden. Am Vormittag war ein  Empfang im Glücksburger „Grandhotel“, bei dem Beate Rotermund auch ihre frisch erschienene Autobiografie präsentierte. Am Abend wurde in „Andresen`s Gasthof“ (bei Tondern) gefeiert. Essen, Reden und Tanzen – bis vier Uhr morgens. Eine Überraschung entdeckte die Jubilarin im „Flensburger Tageblatt“. Die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter von „Orion“ ließen einen großen  Geburtstagsgruß veröffentlichen. Trotz Realteilung und Konkurrenz: Der gute Ton war nicht ganz verschwunden. </p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 8</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Sep 2021 08:01:00 +0000</pubDate>
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<h2 class="wp-block-heading">Sponsoring in Sport und Kultur</h2>



<p>Ulrich Rotermund musizierte in einer Band, bespielte zeitweise Musik-Bänder für die Läden. Er hatte Beziehungen in die Künstler-Szene, und er soll es gewesen sein, der für ein Kieler Veranstalter-Quintett den Kontakt zu seiner Mutter herstellte. Beate Rotermund sprang schließlich als wichtigste Geldgeberin für ein Event ein, das an den „Mythos Woodstock“ anknüpfen sollte.<br>„Love &amp; Peace“ lautete auf der Ostseeinsel Fehmarn das Motto für ein Festival, das vom 4. bis zum 6. September 1970 auf einer 50 Hektar großen Wiese am Leuchtturm Flügge ausgerichtet wurde.<br>Die damals 50-jährige Kauffrau schoss 266.500 D-Mark, rund die Hälfte des gesamten Budgets, vor und ließ den Vorverkauf der Festival-Tickets auch über ihre 21 Ladengeschäfte laufen. Sie hoffte auf eine Image-Politur. Obwohl sie häufiger Minirock trug, einen Kurzhaarschnitt mit Pony bevorzugte und durchaus progressive Ansichten hatte, galt sie aus Sicht der Studentenbewegung eher als kommerziell und spießig. Zudem setzte sie bei „Love &amp; Peace“ auf eine dem Sex aufgeschlossene Jugend als potenzielle Käuferschaft.<br>Beate Rotermund geizte auf Fehmarn nicht mit eigener Präsenz. Sie verfolgte bereits den Aufbau ihres „Rolling Shops“. Das war ein Lastwagen, von dem sie später mit ihren drei Söhnen Kondome und Aufklärungsbroschüren verteilte. Autogramme von ihr standen hoch im Kurs. „Frau Uhse“, wie ein Berichterstatter bemerkte, fand auch die Muße, sich vor die Bühne zu setzen und dem Auftritt von Headliner Jimi Hendrix zu lauschen. „Dufte“, meinte sie zu Hits wie „Hey Joe“ oder „Purple Haze“. Nichtsahnend, dass der Rock-Star nur wenige Tage später versterben sollte.<br>Inmitten der Hippie-Menge sammelte die Unternehmerin spezielle Erkenntnisse. „So wie diese jungen Leute aussehen mit ihren Stirnbändern, ihren bunten Kleidern, ihren Haschpfeifen, so laufen in spätestens fünf Jahren 95 Prozent aller Bundesbürger herum“, meinte der prominente Gast aus Flensburg. Und das Haschisch – wenn es denn legalisiert wäre – würde doch gut ins eigene Warensortiment passen. „Ich rauche selbst ab und zu, es ist sehr schön“, sagte die Geschäftsfrau. Das Gramm Haschisch kostete in Fehmarn fünf D-Mark.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-8 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="644" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-1024x644.jpg" alt="" data-id="67913" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-8/" class="wp-image-67913" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-1024x644.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-300x189.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-768x483.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-1536x966.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-696x438.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-1068x671.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8-668x420.jpg 668w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-8.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Beate Rotermund: „Love &amp; Peace“ auf Fehmarn</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="729" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-1024x729.jpg" alt="" data-id="67914" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-82/" class="wp-image-67914" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-1024x729.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-300x214.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-768x547.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-1536x1094.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-2048x1459.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-696x496.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-1068x761.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-590x420.jpg 590w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-82-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Der „Rolling Shop“ von Fehmarn</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Ein Hardcore-Rock-Fan war Beate Rotermund gewiss nicht. Während die Söhne im Auto übernachteten, setzte sie sich zeitig nach Puttgarden ab, um im „Hotel Dania“ zu essen und zu entspannen. In ihrer Unterkunft übernachteten auch viele Musiker, die zum Teil ihren Gig wegen der schlechten Witterung oder der angeschlagenen Technik absagten. Die Flensburgerin spürte, dass auf dem Festival nicht nur das Wetter den Organisatoren einen Streich spielte. Sturm und Regen nagten am Besucherstrom, während viele Schäden und eine Rocker-Invasion eine friedliche Party störten. Medien berichteten über ein „Pop-Grusical“ oder „Deutschlands erste große Open-Air-Kata­strophe“. Nicht das, was Beate Rotermund lesen wollte. „Sicherlich ist manches schiefgelaufen, aber beim nächsten Mal wird man wissen, wie man es besser macht“, bilanzierte sie.<br>Da hielt sie noch eine erneute Anschub-Finanzierung für eine zweite Auflage von „Love &amp; Peace“ für denkbar. Drei Tage nach dem Festival tauchte eine Veranstalter-Abordnung am Unternehmens-Hauptsitz von „Beate Uhse“ in der Flensburger Gutenbergstraße auf – und ließ die Hosen runter. Die Liste der offenen Posten war lang: Ordner 15.000 D-Mark, Bühne 20.000 D-Mark, Flurschäden 30.000 D-Mark, zerstörtes Informationszentrum 45.000 D-Mark, Steuern mindestens 20.000 D-Mark. Und statt der kalkulierten 60.000 Besucher waren nur etwa 30.000 gekommen. Ein finanzielles Fiasko, zumal auch die Rocker und ein Mitveranstalter mit größeren Geldmengen abgezogen waren. Ein Bühnenbauer rief in Flensburg an, weil er gehört hatte: „Uhse kommt für Folgeschäden auf.“ Beate Rotermund zürnte: „Jeden, der dieses Gerücht streut, werden wir mit einer Klage überziehen.“<br>Der Flensburger Sex-Konzern hatte 26.500 D-Mark durch den eigenen Kartenverkauf eingenommen. Die Chefin rechnete: „Es bleiben also noch 240.000 Mark – dann hätten wir unser Geld ohne Zinsen zurück.“ Ihr Assessor kontaktierte sofort die Bank der Veranstalter, um noch eingehende Zahlungen aus dem Ticketing sofort abzuzweigen. Beate Rotermund schwante bereits Böses. „Wir haben das Gefühl, dass die Fehmarn-Festival-Gesellschaft sehr tief in der Klemme steckt“, fasste sie das Gespräch zusammen. „Im Moment ist unser Risiko fast 100 Prozent.“<br>Letztendlich war „Love &amp; Peace“ ein teures Sponsoring, das die Erfolgsstory von „Beate Uhse“ aber nicht beeinträchtigen sollte. Aber vielleicht war dieses Festival ein Grund dafür, weshalb die Unternehmerin lange Zeit mit dem neuen Werbe-Instrument sehr sparsam umging. Im April 1965 hatte sie 17 Werke zur Sexualkunde („wissenschaftliche Fachbücher“) der Berliner Universitätsbibliothek öffentlichkeitswirksam gespendet. Dann tat sich lange nichts. Und wenn doch, bedachte die Flensburger Konzern-Chefin den Sport, allen voran den starken Handball in ihrer Heimatregion.<br>Im September 1979 sorgte dieses Sponsoring für bundesweite Furore. Die Verantwortlichen des TSB Flensburg, der gerade in die Bundesliga aufgestiegen war, rieben sich die Hände. Sie hatten eine Einladung erhalten – von Beate Rotermund. Nun standen die Handball-Funktionäre auf dem Anwesen der Sexshop-Unternehmerin in Schausende. Mannschaftskapitän Hans-Joachim Krüger spielte im Keller der Villa mit der „Aufklärungsdame der Nation“ etwas Squash. „Ich bin ein Sportfreund, treibe viel Sport“, erzählte Beate Rotermund. Golf, Tennis und sogar Wasserski zählten in jener Zeit zu ihren Hobbys.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-9 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="715" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-1024x715.jpg" alt="" data-id="67916" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-83/" class="wp-image-67916" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-1024x715.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-300x209.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-768x536.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-1536x1072.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-696x486.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-1068x746.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-602x420.jpg 602w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83-100x70.jpg 100w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83.jpg 1597w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Umstrittener Schriftzug: Beate Rotermund mit TSB-Handballer Hans-Joachim Krüger</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="742" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-1024x742.jpg" alt="" data-id="67915" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-83_2/" class="wp-image-67915" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-1024x742.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-300x217.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-768x556.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-1536x1113.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-696x504.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-1068x774.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-580x420.jpg 580w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2-324x235.jpg 324w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-83_2.jpg 1597w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Umstrittener Schriftzug: Beate Rotermund mit TSB-Handballer Hans-Joachim Krüger</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Der entscheidende Akt vollzog sich am Holztisch im Garten. Bei Campari-Soda und Roséwein landeten die Unterschriften unter dem Vertrag – und damit die Schriftzüge „Beate Uhse“ auf den Hemden der Handballer und „Beate Uhse am Ball“ auf den Trainingsanzügen. Ein Coup, der umgerechnet 50.000 D-Mark einbrachte und Pionier-Charakter hatte. Bis auf ein kurzes Intermezzo Mitte der 70er Jahre war die Trikot-Werbung im Amateur-Handball verpönt gewesen.<br>Der TSB hatte einen direkten Draht zur Chefin. Im Wirtschaftsrat des Sportvereins saß Hans Hermann Laturnus. Er war Geschäftsführer eines Flensburger Warenhauses, bei dem auch Beate Rotermund als Kundin ein- und ausging. Was niemand wusste: Fast zeitgleich wurden auf der mittleren Ebene des Erotik-Unternehmens Verhandlungen mit der Handball-Konkurrenz aus Göppingen geführt. Doch im Süden bekam man kalte Füße: Die schwäbische Vereinsführung war konservativ geprägt, Sex-Werbung passte nicht in die Weltanschauung.<br>Mit dieser Haltung waren sie nicht allein. „So eine Schweinerei wollen wir nicht“, äußerten sich Vertreter anderer Klubs. Andere meinten: „Wir würden uns mit solchen Hemden lächerlich machen.“ Ein Sprecher des Deutschen Handballbundes zweifelte: „Ich könnte mir etwas Geschmackvolleres vorstellen.“ Dann, als sein Vorstand die Beate-Uhse-Werbung abgesegnet hatte, schwenkte er um: „Wir sind doch alle aufgeklärt, ich empfinde nichts Anstößiges bei der Sache.“ Durchatmen in Flensburg.<br>In den Medien war der TSB urplötzlich die Nummer eins. Die „Hamburger Morgenpost“ titelte: „Für 50.000 Mark kaufte sich Beate Uhse Flensburgs Handballer!“ Der „Express Bonn“ schrieb: „Mit Beate auf der Brust ist das Spielen eine Lust.“ Und selbst die „Rieser Nachrichten“ aus Nördlingen beschäftigte sich mit den Nordlichtern: „Flensburg startet mit Sex-Reklame.“ Als es sportlich nicht wie gewünscht lief, kippte der Ton in den Zeitungen: „Auch Beate Uhse brachte die Handballer des TSB nicht auf Trab.“ Oder: „Beate Uhses Buben waren ganz artig.“ Der Klassenerhalt wurde verpasst. Beate Rotermund war enttäuscht und stellte ihren Ausstieg in Aussicht: „Meine Produkte sind erstklassig, dann kann ich doch nicht für zweitklassige Sportler werben.“ Dennoch blieb „Beate Uhse“ weiterhin am Ball. Bis 1983 warben die TSB-Handballer für das Erotik-Unternehmen – allerdings zu etwas geringeren Konditionen.<br>Als sich 1990 die SG Flensburg-Handewitt, der spätere deutsche Meister, gründete, trat „Beate Uhse“ dem Sponsorenpool „Club 100“ bei. Beate Rotermund selbst verfolgte das Handball-Geschehen wohl eher beiläufig, wie ein Grußwort mit einer längst überholten Vereinsbezeichnung verrät. „Für die neue Handball-Saison wünsche ich allen Spielern guten Schuss und Weiche-Handewitt dazu viel Erfolg“, schrieb sie im Sommer 1998. Wenn die „Chefin“ persönlich eine Bundesliga-Partie besuchte, kam sie im Sportwagen an der Fördehalle vorgefahren. Einmal saß sie direkt neben Ministerpräsidentin Heide Simonis. Beide Damen hatten einen Vereinsschal um den Hals und jubelten die SG zum Sieg.<br>Auch der Frauen-Handball wurde bedacht. Als 1982 der TSV Jarplund-Weding die höchste deutsche Spielklasse erreichte, legten Verein und Unternehmen den Grundstein für ein Sponsoring, das die gesamte Dekade hielt und – alle Jahre zusammengezählt – rund 150.000 D-Mark umfasste. Zunächst leuchtete auf den Trikots der Handballerinnen „Beate Uhse Video“. Beate Rotermund äußerte sich im August 1983 verzückt: „Wir freuen uns, dass eine Damenmannschaft so modern und liberal eingestellt ist, mit dieser Werbung auf der Brust anzutreten.“</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-10 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="749" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-1024x749.jpg" alt="" data-id="67917" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/beate-uhse_teil-84/" class="wp-image-67917" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-1024x749.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-300x219.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-768x562.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-1536x1124.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-2048x1498.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-696x509.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-1068x781.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-574x420.jpg 574w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/09/Beate-Uhse_Teil-84-80x60.jpg 80w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Trainingsbesuch: Beate Rotermund beim TSV Jarplund-Weding</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Wenige Tage später schaute sie bei einer Übungsstunde in der Jarplunder Schaulandhalle vorbei. Die 64-Jährige warf aufs Tor und beteiligte sich an den Gymnastik-Übungen, um ihre Sportlichkeit zu beweisen. Trainer Henning Rohde fragte: „Dürfen wir Sie denn auch mal während unserer Heimspiele auf der Tribüne begrüßen?“ Beate Rotermund lächelte: „Aber selbstverständlich, mein Interesse an dieser Sportart ist riesig. Schließlich habe ich in jungen Jahren selbst mal Handball gespielt.“ Sie posierte auf einem Foto mit Mannschaftsführerin Ingrid Fietz. Es menschelte zwischen Sponsorin und Sportlerinnen. Die Mannschaft wurde zu Sommerfesten in die Gutenbergstraße oder zu einer Weihnachtsfeier nach Schausende, dem Wohnsitz der Unternehmerin, eingeladen. Ein anderes Mal sah man zusammen einen Film, ehe sich die Handballerinnen Badeanzüge aussuchen durften.<br>In den 90er Jahren setzte „Beate Uhse“ andere Schwerpunkte im Sponsoring, das sich um Kunst und Kultur drehte. „Wer diesen Bereich fördert, zeigt, dass er über seinen Horizont hinausblicken kann“, verriet Beate Rotermund einmal. „Es werden neue Berührungspunkte zwischen Unternehmen und Öffentlichkeit sichtbar, was die Hemmschwellen herabsetzt.“ So verhalf sie 1992 dem Kleinen Theater in Salzburg zu einer Aufführung von Arthur Schnitzlers Partnerwechsel-Stück „Reigen“. An diesem Abend weilte die Norddeutsche in Österreich und erklärte in einer Ansprache: „Ich fühle mich mit Arthur Schnitzler seit jeher tief verbunden. Auch über mich durfte anfangs nur mit gehobenem Zeigefinger gesprochen werden.“ Einige Jahre später stieß sie einen „Beate-Uhse-Erotik-Kunstpreis“ an, der allerdings nicht ihren Tod überdauerte.<br>Ende Januar 1999 war Beate Rotermund einmal mehr im Fernsehen. Die rüstige Seniorin demonstrierte zwei Tritte von rechts, zwei von links und einen Ellenbogen-Check gegen die Brust des Polizei-Trainers. Sie förderte insgesamt sechs Selbstverteidigungskurse. Das Motto: „Polizei und Frauen – gemeinsam gegen Gewalt“. In das Mikrofon sagte sie: „Viele Frauen sind zu scheu, unsicher und zurückhaltend. Viele fordern so die Reaktion von einem beknackten Mann heraus.“<br>Im selben Jahr erschien eine Postkarte mit ihrem Konterfei und dem Spruch: „Der Nationalpark macht Lust auf Meer. Wir Schleswig-Holsteiner können stolz sein auf dieses Geschenk der Natur.“ Die Sex-Unternehmerin reihte sich damit in eine illustre Prominenz ein, die sich für eine Image-Kampagne des Kieler Umweltministeriums einspannen ließ. Es entstanden nicht nur Postkarten, sondern auch Zeitungsannoncen und Aufkleber. Beate Rotermund ließ in ihren Läden Plakate aufhängen. Womit sie nicht rechnete: Es regte sich auch Protest. Eine Westküsten-Bürgerinitiative pilgerte in die Gutenbergstraße. Auf einem Transparent stand: „Liebe Frau Beate Uhse, verhüten Sie mit uns diese die Westküste erdrückende gift-grüne Naturschutz-Politik“. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Public Relation und Sponsoring nicht immer den erwünschten Effekt hat.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 7</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Aug 2021 00:08:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Scheidung und Spitzenplatz in der Sex-Branche Ernst-Walter „Ewe“ Rotermund, der Ehemann der „Chefin“, hatte sich früh aus dem Unternehmen „Beate Uhse“ zurückgezogen, um das Leben zu genießen. Stattdessen scharrte die nächste Generation mit den Hufen. Der Nachwuchs kam auf fast natürliche Weise früh mit dem Familien-Betrieb in Berührung, posierte am Rüder See für die Bände [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Scheidung und Spitzenplatz in der Sex-Branche</h2>



<p>Ernst-Walter „Ewe“ Rotermund, der Ehemann der „Chefin“, hatte sich früh aus dem Unternehmen „Beate Uhse“ zurückgezogen, um das Leben zu genießen. Stattdessen scharrte die nächste Generation mit den Hufen. Der Nachwuchs kam auf fast natürliche Weise  früh mit dem Familien-Betrieb in Berührung, posierte am Rüder See für die Bände „Söhne der Sonne“ und „Junger Apoll“ als Aktmodell. Beate Rotermund legte Wert darauf, dass Klaus und Dirk zunächst vorwiegend extern berufliche Erfahrung sammeln  sollten. Sie nahmen an Sprachreisen und Führungsseminaren teil – auch im Ausland.<br>Ulrich war der Nachzügler, einige Jahre jünger als seine beiden Halbbrüder – und wohl am ehrgeizigsten. „Er war vom Geschäft  fasziniert wie ich früher vom Fliegen“, stellte seine Mutter früh fest und förderte offenbar den ökonomischen Trieb. „Eine Million  kannst du immer verdienen“, sagte sie zu ihm. „Das Geld liegt auf der Straße, man muss sich nur bücken.“ In ihrer Autobiografie schilderte Beate Rotermund eine Anekdote, wie ihr Jüngster als Aushilfe in einem Laden ein indiziertes Buch mehrfach verkaufte.  Sie bilanzierte vergnügt: „In meinem Familienbetrieb sah ich ein außerordentliches Talent heranwachsen.“ Ulrich Rotermund stieg  später direkt in das Unternehmen ein, was bei anderen den Eindruck erweckte, dass der einzige gemeinsame Sohn von Beate und „Ewe“ Rotermund das „Lieblingskind“ wäre.<br>Das Geschäft lief zu Beginn der 70er Jahre auf Hochtouren. Täglich transportierte die Bundespost bis zu 150.000 Werbesendungen  und 12.000 Pakete mit Verhütungsmitteln, Salben und erotischen Büchern von der Flensburger Gutenbergstraße in alle Ecken der  Republik. Die „First Lady des deutschen Sex“ regierte über 250 Angestellte am Stammsitz und in den 25 Läden. Über zwölf Monate summierte sich der Umsatz auf 35 Millionen D-Mark.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_1.jpg" alt="" class="wp-image-67609" width="560" height="734" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_1.jpg 757w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_1-229x300.jpg 229w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_1-696x912.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_1-321x420.jpg 321w" sizes="auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px" /><figcaption>Beate Rotermund: eine Power-Frau aus Flensburg</figcaption></figure></div>



<p>Allerdings gab es 1971 eine kleine Delle. Erstmals in der Geschichte verfehlte „Beate Uhse“ das selbstgesetzte Umsatzziel. Gründe  gab es mehrere. Beate Rotermund selbst kritisierte die uneinheitliche Praxis in der Strafverfolgung. Die von ihr erhoffte Freigabe  der Pornographie war ausgeblieben. Stattdessen jagte eine Beschlagnahmung die andere. Die Unternehmerin schimpfte in einem  persönlichen Schreiben vom Juni 1972 über das „rigorose Vorgehen der Staatsanwaltschaft Flensburg“, sah sich im Vergleich zur  Konkurrenz um „eine angemessene Wettbewerbs-Situation“ betrogen. Beate Rotermund schrieb: „Die Staatsanwaltschaft Flensburg möge wissen, dass sie durch die Art ihres Vorgehens nicht nur diese Arbeitsplätze, sondern weitere der von uns abhängigen  Zulieferanten gefährdet.“<br>Marktbeobachter machten auch andere Ursachen aus. So würde der Absatz von Verhütungsmitteln durch die wachsende  Verbreitung der Pille nur noch mäßig steigen. Und ein Kontrahent aus Süddeutschland, der nur 15 Angestellte beschäftigte, bescheinigte dem Nordlicht eine zu üppige Struktur: „Wenn eine Rezession kommt, stürzt die Uhse zuerst mit ihren 300 Leuten und ihrem Computer. Sie ist am längsten und am höchsten oben, aber sie wird am schnellsten herunterfallen.“<br>Dieses düstere Szenario wollte Beate Rotermund natürlich verhindern und versuchte, sich durch neue Geschäftsfelder breiter  aufzustellen. Plötzlich lockte eine Tischtennisplatte als „Sonderangebot“, um nicht allein der „Sex-Welle“ ausgeliefert zu sein. Es  blieb beim Versuch. Auch die Reisen für Männer nach Fernost mit Thai-Massagen und Nachtkabaretts erwiesen sich als Flop.<br>Mehr Zug steckte hinter den ersten Schritten im Ausland. Im März 1971 eröffnete ein Laden im Amsterdam. Nur wenige Monate  später folgte Wien – nicht ohne Rauschen. Die Hälfte aller gelagerten Bücher und Broschüren wurde wegen des Verdachts der  „Pornographie in Wort und Bild“ beschlagnahmt. Auch eine angedachte Expansion nach Frankreich endete im Fiasko. Die Kunden  bestellten, doch die Pakete behielt der Zoll ein. „Unser französischer Anwalt hatte übersehen, dass ein behaarter Frauenschoß als unzüchtig gilt“, verriet Beate Rotermund in ihren Memoiren.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="960" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-1024x960.jpg" alt="" class="wp-image-67604" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-1024x960.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-300x281.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-768x720.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-1536x1440.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-696x653.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-1068x1001.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6-448x420.jpg 448w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_6.jpg 1586w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Die „Chefin“ und die Söhne. Von links: Dirk Rotermund, Klaus Uhse und Ulrich Rotermund</figcaption></figure></div>



<p>Die größte Bedrohung für das Wohlbefinden der Firma lauerte ausgerechnet im Privatleben der Frontfrau: eine Scheidung, die im  Rosenkrieg eskalierte. In der Gutenbergstraße gingen oft Briefe von Ehefrauen ein: „Mein Mann geht fremd, wie gewinne ich ihn  zurück?“ Dabei konnte Beate Rotermund selbst ein Lied davon singen: Ihr Gatte hatte bereits seit 19 Jahren ein Verhältnis mit dem ehemaligen Kindermädchen Helga und kaufte ihr sogar eine Wohnung. Im Frühling 1971 hatte „Ewe“ Rotermund die Idee: Es  könnten doch alle gemeinsam auf dem Familiensitz in Rüde leben. Beate Rotermund flüchtete „geschockt“ auf die Bahamas, gönnte sich im Hotel „Peace &amp; Plenty“ eine Auszeit und lernte einen farbigen Lehrer aus New York kennen: John Holland. Er war athletisch gebaut, 25 Jahre jünger und teilte das Faible für die Fliegerei. Es funkte. „Ich hatte kein schlechtes Gewissen, es war ein  wunderbares Gefühl“, bekannte die Umworbene später.<br>Es war weit mehr als ein Urlaubs-Flirt. Kurz nach der Rückkehr rief John Holland an: Er hatte unbezahlten Urlaub genommen und  kam für drei Wochen nach Rüde. Und einen Ausflug nach Sylt enthüllte die Boulevard-Presse – mit exklusiven Fotos. Als „Ewe“  Rotermund davon erfuhr, kochte er vor Eifersucht, tobte durch das Haus und warf Gegenstände in den See. Er düste nach  Südfrankreich – seine Frau holte ihn ein. Im Sommer bewegte sich die Rotermund-Ehe nochmals auf Hochkurs.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="836" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-1024x836.jpg" alt="" class="wp-image-67603" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-1024x836.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-300x245.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-768x627.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-1536x1254.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-696x568.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-1068x872.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7-514x420.jpg 514w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_7.jpg 1585w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Gestellte Harmonie: „Ewe“ und Beate Rotermund</figcaption></figure></div>



<p>Im August 1971 soll „Ewe“ Rotermund erstmals über eine Scheidung gesprochen haben. Einige Wochen später wurde er in der  Presse zitiert: „Wenn mir jemand vorher vorgeworfen hätte, ich sei Rassist, ich hätte ihn verprügelt. Aber Holland kam mir vor wie  ein großes, dunkles Tier, das in meine Welt eingebrochen war, um sie zu zerstören.“ Mit Datum vom 12. Oktober 1971 sendete er einige Postkarten an die Flensburg Presse und teilte mit, dass er wegen „fortgesetzter intimer Beziehungen meiner Frau zum USA- Neger John M. Holland“ die Scheidungsklage beim Landgericht Flensburg eingereicht hätte. Ein gefundenes Fressen für die  überregionalen Medien. „Die Frau, die Millionen kaputter Ehen mit Dessous und Dragées, Salben und Säften, mit Konfekt und Kondomen wieder gekittet haben will, findet nun kein Mittelchen im Versandhaus, um die eigene Ehe zu retten“, unkte der „Stern“.<br>„Ewe“ Rotermund forderte fünf Millionen D-Mark, die vermeintliche Hälfte des Betriebsvermögens, und brachte damit die Söhne  gegen sich auf. Sie rechneten vor, dass ihr Vater schon seit einer Dekade insgesamt 1,8 Millionen D-Mark erhalten hätte: Wohnung, Wohnwagen, Urlaubsrechnungen und ein monatliches Taschengeld von 3300 D-Mark. Seine Frau bot „nur“ eine Million D-Mark, dazu das Grundstück am Rüder See sowie eine monatliche Unterhaltszahlung von 5000 D-Mark. „Mir tut das Ganze leid, ich für  meinen Teil würde weiter gern mit ihm verheiratet sein.“<br>Allerdings weitete sich die Krise zur medialen Schlammschlacht aus. „Ewe“ Rotermund kopierte die Schriftsätze der  Scheidungssache im Flensburger Kaufhaus „Hertie“ und schickte sie an diverse Zeitungen. Er gab sogar Presse-Konferenzen. „Ich wollte Beate vom hohen Ross holen, mir ist die Sache dann aber aus den Händen geglitten“, räumte er später ein. Negative  Schlagzeilen und böse Briefe prasselten auf Familie und Firma ein. Am 9. Dezember 1971 berichtete eine Nachrichtenagentur sogar von einem Polizeieinsatz. „Die Söhne versuchten, den Vater aus dem Haus in Rüde zu werfen. Die Ordnungshüter brauchten jedoch nicht einzugreifen, da die Streitenden in Gegenwart der Polizeibeamten Waffenstillstand vereinbarten.“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="728" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-1024x728.jpg" alt="" class="wp-image-67607" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-1024x728.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-300x213.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-768x546.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-1536x1092.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-696x495.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-1068x760.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-591x420.jpg 591w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3-100x70.jpg 100w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_3.jpg 1586w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Die Scheidung war ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse</figcaption></figure></div>



<p>Am nächsten Tag kündigte Beate Rotermund den Arbeitsvertrag ihres Mannes fristlos. Begründung: Grobe Verletzung der  Treuepflicht. Gleichzeitig stellte sie beim Notar den Antrag auf Löschung der Prokura sowie der Bankvollmacht für ihren Gatten. Sie  zog in Rüde auf die andere Straßenseite und ließ über ihren Anwalt die Scheidung einreichen. Es folgte eine offizielle Erklärung.  „Was auch immer geschehen ist und noch geschehen mag – ich werde meine Firma in der gewohnten Weise weiterführen und alles  tun, was in meinen Kräften steht, um meinen rund 300 Mitarbeitern ihre Arbeitsplätze zu erhalten“, schrieb sie. „Ich kann nur  hoffen, dass über diesen unglückseligen Schritt meines Mannes Gras wachsen wird und die Auseinandersetzung zwischen Ernst- Walter Rotermund und mir unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Ende gebracht wird.“<br>Beim Anhörungstermin vor dem Flensburger Scheidungsrichter drehte Beate Rotermund am 8. Februar 1972 den Spieß um. „Mein  Mann kann die Firma haben, aber er muss mir fünf Millionen zahlen“, schlug sie vor. „Ewe“ Rotermund lehnte die überraschende  Offerte ab, schraubte seine eigenen Forderungen nun aber herunter. Am 9. Mai 1972, ausgerechnet am Geburtstag des  gemeinsamen Sohnes Ulrich, wurde die Ehe „aus beiderseitigem Verschulden“ geschieden. Beate Rotermund blieb Alleininhaberin  des Versandhauses, während ihr Mann drei Millionen D-Mark in zehn Jahresraten sowie das Haus am Seeufer erhielt. Sie war nicht selbst vor Ort, sondern zusammen mit John Holland unterwegs in den Urlaub nach Südfrankreich. Auf einer Autobahnraststätte  erkundigte sie sich bei ihrem Anwalt. Als Beate Rotermund hörte, dass die Scheidung besiegelt war, fühlte sie eine „lähmende  Trostlosigkeit, als hätte ich eben 25 Jahre meines Lebens weggeworfen“.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-11 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="969" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5-1024x969.jpg" alt="" data-id="67605" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_teil_7_5/" class="wp-image-67605" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5-1024x969.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5-300x284.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5-768x727.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5-696x659.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5-1068x1011.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5-444x420.jpg 444w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_5.jpg 1177w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">John Holland: Langjähriger Lebensgefährte</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="972" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4-1024x972.jpg" alt="" data-id="67606" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu_teil_7_4/" class="wp-image-67606" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4-1024x972.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4-300x285.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4-768x729.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4-696x660.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4-1068x1013.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4-443x420.jpg 443w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_4.jpg 1171w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Schausende: Beate Rotermund ließ an der Ostsee bauen</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Im Unternehmen hemmten die privaten Zahlungen zunächst das Investitionspotenzial. Die Firma strukturierte sich neu: Zum 13.  Dezember 1972 wurde die Beate Rotermund GmbH aus der Taufe gehoben. Klaus Uhse, Dirk Rotermund und Ulrich Rotermund  wurden zu gleichen Anteilen als Mitgesellschafter eingetragen. In das Versandgeschäft und in den Carl Stephenson Verlag traten die Söhne als Prokuristen ein. Eine Bedingung: Bei einer Eheschließung mussten sie Gütertrennung vereinbaren. Dirk Rotermund  wurde von seiner Stiefmutter adoptiert. <br>Nach der schwierigen Scheidungsphase war Beate Rotermund viel mit ihrem John unterwegs, während sich die Söhne um das  Unternehmen kümmerten. Die Freude über die Entwicklung der Firma „drängte die Demütigung privater Natur in den Hintergrund“.  Wider Erwarten avancierte 1974 zum Rekordjahr. Den Erfolg feierten die „Chefin“ und ihre drei Söhne in der Karibik: ein 17-tägiger luxuriöser Boots-Trip. An Bord herrschte ein Foto-Verbot – damit „Ewe“ Rotermund nicht davon Wind bekommen würde, dass ihn  seine Ex-Frau schon früher vollständig auszahlen könnte.<br>Mit dem Einstieg der Söhne änderte sich die Firmen-Philosophie. Prospekte, Videos und Waren stellten nicht mehr Aufklärung und  Partnerschaft in den Mittelpunkt. Stattdessen schwappte die „Porno-Welle“. Beate Rotermund nickte diese Entwicklung ab: „Den  neuen Bedürfnissen der Kunden können wir uns nicht verschließen.“ <br>Statt sich in Skandinavien oder in den USA zu bedienen, produzierte man die Sex-Filme selbst. So ließ sich auch einem Trend  folgen, den „Beate Uhse“ zunächst etwas verschlafen hatte: die Einrichtung von Porno-Kinos. Im September 1975 wurde die „Blue  Movie Bar + Filmstudio GmbH“ in der Mergenthalerstraße gegründet. 1978, als der Gesamtumsatz auf 60 Millionen D-Mark  geschossen war, existierten bereits 13 eigene Filmtheater, in denen Streifen wie „Pussy Talk“ und „Engel der Lust“ mit  Sektempfängen und Stehpartys promotet wurden.<br>Der nächste Coup: 1979 schluckte „Beate Uhse“ die sadomasochistisch orientierte Sexshop-Kette „Dr. Müller‘s“ – für vier Millionen  D-Mark. „Der Wurm, der an der Angel hängt, muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch“, sagte Beate Rotermund. In der TV-Talkshow „III nach neun“ plauderte sie über „Trockenständer für Kondome“ und den „längsten Vibrator der Welt“.<br>Sie bewegte sich trotz einer Liberalisierung weiterhin auf einem schmalen Grat. Im Winter 1978 entzog das Amtsgericht Tiergarten  den beiden Berliner Blue-Movie-Filmtheatern die Gewerbe-Erlaubnis, nachdem dort Porno-Filme gegen Entgelt gezeigt worden  waren. „Was in Lörrach oder Münster rechtens ist, soll in der Weltstadt Berlin plötzlich nicht mehr möglich sein“, wunderte sich Beate Rotermund. „Man will, dass ich aus Berlin verschwinde!“ Zwei Monate später sprach sie ein Berliner Schöffengericht vom Vorwurf frei.<br>Die „Chefin“ war in die Entscheidungen weiterhin involviert, hatte aber mehr Verantwortung an die Söhne übertragen, um mehr  Zeit für Hobbys und ihren Lebensgefährten zu haben. Es war eine Beziehung ohne Blitzlichter und Interviews. John Holland lebte  zeitweise in Rüde und unterrichtete Englisch. Das ungleiche Paar war mit dem Camping-Bus oft quer durch Europa unterwegs. Und  im Oktober 1979, zu ihrem 60. Geburtstag, war Beate Rotermund in New York. Das Programm: zunächst ein Musical am Broadway, dann gemütlich in der Wohnung von John Holland in Manhattan. Die Dollarschwäche nutzte die Unternehmerin, sie kaufte sich ein  Ferienhaus in Fort Myers in Florida. Beate Rotermund war sehr aktiv. Sie flog wieder, schaffte die Prüfung für den Pilotenschein und trat in den Luftsportverein Flensburg ein. Oft war sie mit ihrer Cessna am norddeutschen Himmel zu sehen, und manchmal packte  sie auch der Kitzel des Fallschirmsprungs. Im Sommer 1976 trat sie dem „Club Nautic“ bei und erwarb das Liegeplatzrecht 55 für  ein Segelschiff. Zwei Jahre später feierte sie eine Stadtmeisterschaft im Tennis-Doppel. Über mehrere Jahre lieferte sie die  erforderlichen Leistungen für das Sportabzeichen. Fast jeden Tag war die Kauffrau im Glücksburger Forst unterwegs: Joggen,  Kurzsprints, Klimmzüge und Liegestütze.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="658" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-1024x658.jpg" alt="" class="wp-image-67608" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-1024x658.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-300x193.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-768x494.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-1536x987.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-2048x1316.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-696x447.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-1068x686.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/07/BU_Teil_7_2-653x420.jpg 653w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Firmenzentrale: Ein Konzern auf Wachstumskurs</figcaption></figure></div>



<p>Privat träumte sie von einem Gutshof wie einst in Ostpreußen oder zumindest einem „Familienzentrum“ – mit allen Söhnen und  ihrem Anhang. Letztendlich beteiligte sich aber nur Ulrich Rotermund im Sommer 1976 an der Suche nach einem Grundstück.  Beate Rotermund hatte klare Vorstellungen von einem „besonderen Südwest-Licht“ sowie der engen Verbindung von Haus, Garten und Meer. Am Leuchtturm in Schausende wurde direkt an der Förde ein Neubaugebiet entwickelt. Die Rotermunds sicherten sich  ein Areal, auf dem ursprünglich sechs Grundstücke vorgesehen waren. Aus einer Änderung des Bebauungsplans resultierten drei  große Grundstücke – die Glücksburger SPD votierte dagegen.<br>Als sich im August 1977 der Glücksburger Grundstücks-, Bau- und Straßenausschuss mit den Bauanträgen beschäftigte, sollten nur  zwei Häuser in enger Nachbarschaft gebaut werden. Das Gremium entschied einstimmig: „Zur Vermeidung des Eindrucks einer  geschlossenen Bauweise sind die beiden Gebäude zu Lasten des nördlichen Grundstücks voneinander abzusetzen. Die teilweise zweigeschossige Bauweise wird abgelehnt.“ In den nächsten Wochen wurde das Konzept nachgebessert. Die getrennten Zufahrten  zu den beiden Bungalows wurden fixiert. Schon vorher musste Beate Rotermund auf ihre Tennisplätze verzichten: Sie ließ  stattdessen eine Squash-Halle errichten. <br>Im August 1978 war Richtfest für den 1,5-Millionen-Bau – mit Erbsensuppe, Bier, Korn  und 200 Gästen. Schon da war der ursprüngliche Wunsch, im Dezember 1977 einzuziehen, längst geplatzt. Die Verzögerungen  setzten sich fort, sodass Beate Rotermund kurz vor Weihnachten 1978 dem Architekten einen gesalzenen Brief schrieb. „Ihnen ist der Bau völlig aus der Hand geglitten“, formulierte sie und forderte einen detaillierten Bauzeitenplan ein: „Unsere Geduld hat  irgendwann ein Ende.“<br>In jener Übergangsphase wohnte sie mit John Holland weiterhin in Rüde. Während der Schneekatastrophe 1978/79 hatten sie  keinen Strom und keine Heizung. Die Kerzen funkelten, aber teilweise herrschten Minusgrade im Haus. Durch Schneewehen schleppte sich das Paar ein paar hundert Meter zu Adoptivsohn Dirk, wo es für einige Tage „Asyl“ bekam. Im Sommer 1979 zog  Beate Rotermund mit Haushälterin Herta Ley, Boxerhündin „Tanja“ und Katze „Miezi“ endlich nach Schausende. 300 Quadratmeter  Wohnlandschaft mit Bibliothek, Badeteich und Ostseeblick. Die neue Adresse: Am Leuchtturm 8, Telefon 04631-1999.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://flensburgjournal.de/die-beate-uhse-chronik-folge-7/">Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 7</a> erschien zuerst auf <a href="https://flensburgjournal.de">Flensburgjournal</a>.</p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 6</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Jun 2021 00:55:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Beate Uhse Chronik]]></category>
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		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik Folge 6]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Filmreife Prozesse und das Bild in der Öffentlichkeit Sie war fast genau eine Dekade tot, als die norddeutsche Erotik-Legende schlechthin für einen kurzweiligen Fernsehabend sorgte. Zur Prime Time wurde am 9. Oktober 2011 der TV-Film „Beate Uhse – Das Recht auf Liebe“ ausgestrahlt – mit Franka Potente in der Hauptrolle. Der Handlungsstrang verfolgt die Biografie [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Filmreife Prozesse und das Bild in der Öffentlichkeit</h2>



<p>Sie war fast genau eine Dekade tot, als die norddeutsche Erotik-Legende schlechthin für einen kurzweiligen Fernsehabend sorgte.  Zur Prime Time wurde am 9. Oktober 2011 der TV-Film „Beate Uhse – Das Recht auf Liebe“ ausgestrahlt – mit Franka Potente in  der Hauptrolle. Der Handlungsstrang verfolgt die Biografie von Beate Rotermund bis 1972 – eingerahmt von einer denkwürdigen Gerichtsverhandlung. Die Protagonistin muss sich in einem Prozess gegen den Vorwurf verteidigen, ihr Versandhandel fördere die  Unzucht. „Ein Orgasmus ist ein Normalzustand“, erklärt sie kämpferisch im Gerichtssaal. „Lassen Sie sich nicht vorschreiben, was  Sie in Ihren Schlafzimmern zu tun und zu lassen haben. Hier steht heute der Orgasmus vor Gericht.“<br>Franka Potente spielt Beate Rotermund als zupackende, selbstbewusste Frau, die mit ihrem jahrzehntelangen Streit um sexuelle  Selbstbestimmung als Botin des gesellschaftlichen Umbruchs auftritt. Ob sie junge Frauen über Verhütungsmethoden aufklärt oder sich mit dem eifernden Staatsanwalt duelliert, um persönliche Vorteile, um das schlichte Geschäft, scheint es nicht zu gehen. Der  besonderen Mission opfert sie Privatleben und Ehe. Schließlich gewinnt Beate Rotermund das Finale im ZDF, also den Rechtsstreit, und forciert damit sogar die Reform des deutschen Sexualstrafrechts.<br>Die Handlung hat großen Unterhaltungswert. Der Film sollte aber nicht als historisch-belegte Biografie missdeutet werden. Er  enthält Ungenauigkeiten, schreibt zugunsten der Dramaturgie und einer vereinfachten Darstellungsform etliche Punkte im  Lebenslauf der Originalfigur um. So wird der Eindruck erweckt, dass es bis weit in die 70er Jahre hinein eine ebenso breite wie  verlogene Front gegen das „Versandhaus Beate Uhse“ gegeben habe. Und die Hauptperson wird verklärt, idealisiert, zum Teil sogar heroisiert.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-12 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="643" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-1024x643.jpg" alt="" data-id="67236" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu6_1/" class="wp-image-67236" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-1024x643.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-300x188.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-768x482.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-1536x964.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-696x437.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-1068x670.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1-669x420.jpg 669w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_1.jpg 1595w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">TV-Film „Beate Uhse – Das Recht auf Liebe“: Franka Potente als Beate Rotermund</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="675" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-1024x675.jpg" alt="" data-id="67235" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu6_2/" class="wp-image-67235" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-1024x675.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-300x198.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-768x507.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-1536x1013.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-696x459.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-1068x704.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2-637x420.jpg 637w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_2.jpg 1592w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Prozess von 1972 im Film: die Schauspieler Franka Potente und Henry Hübchen</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Es ist aber kein Zufall, dass Franka Potente in eine glorifizierte Rolle schlüpfte. In der Realität verstand es Beate Rotermund, medial als respektable Unternehmerin aufzutreten. Gekonnt hatte sie schon früh den PR-Motor angeworfen. Um in den eher prüden 50er  Jahren nicht in die Schmuddel-Ecke geschoben zu werden, lieh die Chefin der Marke „Beate Uhse“ von Anfang an ihr Gesicht, präsentierte sich als tatkräftige Sauberfrau und stellte sich im Katalog als glückliche Ehefrau und Mutter von mehreren Kindern vor. Sie betonte: „Sicher können Sie sich denken, dass es mir als Frau nicht möglich ist, ohne großen Idealismus auf diese Weise für  das Glück der Frauen und die Erhaltung der Ehe zu werben.“<br>Das Unternehmen verteilte bereits in dieser Frühphase die Lebensgeschichte von Beate Rotermund an die Journalisten. 1952  entstanden erste PR-Fotos. Die Unternehmerin lächelte hinter der Windschutzscheibe des ersten Lieferwagens und wusch das  Fensterglas. Bodenständig, zupackend und bieder wie die Gesellschaftsnormen in jener Zeit. In den frühen Katalogen wurden die  erotischen Produkte um ärztliche Fachmeinungen bereichert und – völlig unverdächtig – als „Hygiene-Artikel“ bezeichnet.<br>Anfang 1961 wurde Hannes Baiko eingestellt. Er leitete für etwa eine Dekade das neugegründete Pressereferat, das an der  Außendarstellung des Unternehmens immer weiter feilte. Es entstand eine „Beate-Uhse-Story“ um die Kurzbiografie der Firmengründerin. Der Idealismus obsiegte gegenüber dem Geschäft. Die PR-Taktik des Hauses fokussierte sich auf die  Repräsentantin, die in fast allen Presse-Erklärungen zitiert wurde. Die Zeitungen druckten gerne das ab, was ihnen geliefert wurde und bauten Beate Rotermund allmählich zum Star auf. „Sie ist patent und alles andere als eingebildet“, schrieb schon im Dezember  1961 das „Flensburger Tageblatt“ in einem vermeintlich neutralen Bericht.<br>Eine gute Image-Pflege war gewiss nötig als Gegenströmung zu den unzähligen Strafanzeigen und den damit verbundenen  öffentlichen Kratzern. 2000 Mal binnen vier Dekaden soll sich jemand auf juristischem Wege über „Beate Uhse“ beschwert haben.  Rund 400 Strafverfahren, zumeist wegen „Beihilfe zur Unzucht“, sollen von der Justiz eingeleitet worden sein. Später verriet Beate Rotermund einmal, dass dieses juristische Dauerfeuer ihr zunächst oft den Schlaf raubte, dann „nur noch ärgerlich und  zeitaufwendig“ gewesen wäre.<br>Tatsächlich hätte ihr eine Verurteilung in der Anfangsphase finanziell das Genick brechen können. Als sie in der Flensburger  Wilhelmstraße 1a residierte, wurde sie sogar einmal verhaftet. Angeblich mitten in der Mittagspause. Beate Rotermund soll ihren  Mitarbeitern zugewinkt haben: „Huhu, ich bin verhaftet!“ Ein Polizist reagierte daraufhin erstaunt: „Na, posaunen Sie das doch nicht so herum!“ Beate Rotermund: „Die sollen und müssen alle wissen, was ihr für einen Mist verzapft!“<br>Übersendung von jugendgefährdenden Schriften an Jugendliche, unzulässige Werbung, Beleidigung, Verbreitung von unzüchtigen  Schriften und Gegenständen – die Vorwürfe waren umfangreich und mehrfach der Ansatzpunkt für eine Klage gegen den  „Versandhandel Beate Uhse“. Die Schleswiger Generalstaatsanwaltschaft nahm die Zügel in die Hand und vereinte schließlich etliche Vorgänge zu einem einzigen, großen Strafverfahren.<br>Für den 21. April 1959 ordnete Oberstaatsanwalt Janzen eine größere Durchsuchung an, die letztendlich „große Mengen von  Werbematerial“ erbrachte. Zunächst hatte es gar nicht danach ausgesehen. 28 Kriminalbeamte tauchten am Firmensitz in der  Wilhelmstraße auf, durchkämmten auch die Druckerei und die Wohnungen der Heimarbeiter, entdeckten aber nur eine kleine Ausbeute an „unzüchtigem Material“. Dann verplapperte sich ein Mitarbeiter, erzählte den Beamten von einer angemieteten  Lagerhalle in der Flensburger Wrangelstraße. Dort warteten fast eine halbe Million druckfrischer Kataloge auf den Postversand.  420.000 D-Mark waren investiert, doch nun wurde die gesamte Auflage beschlagnahmt und die Halle versiegelt. „Beate Uhse“ drohte ein finanzielles Desaster.<br>An ihrer Seite hatte Beate Rotermund ihren Juristen, der sogleich Widerspruch einlegte. Schließlich hatte der Oberstaatsanwalt  Janzen für diesen umfangreichen Vorgang noch kein grünes Licht vom Landgericht. Dieses lehnte die Beschlagnahmung in dem großen Ausmaße ab, billigte nur sechs Stück pro Werbeschrift. Endgültig war dieser Beschluss nicht, denn die Staatsanwaltschaft wiederum legte Beschwerde ein.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-13 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="802" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-1024x802.jpg" alt="" data-id="67234" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu6_3/" class="wp-image-67234" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-1024x802.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-300x235.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-768x602.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-1536x1203.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-696x545.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-1068x837.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3-536x420.jpg 536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_3.jpg 1589w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Die Realität: Beate Rotermund 1972 vor Gericht</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Da die etlichen Kataloge noch immer in der Wrangelstraße lagen, witterte Beate Rotermund die Chance für eine Nacht-und-Nebel-Aktion. An einem Morgen um vier Uhr ignorierte sie das Siegel und schritt mit Ehemann und den noch minderjährigen Söhnen zur  Tat. Sie verluden die Druckerzeugnisse in einen Lastwagen der Spedition Rotermund. Als es gerade hell geworden war, schaukelte  das überladene Fahrzeug bereits über die Straßen nach Hamburg. Dort besorgte sich Beate Rotermund das Geld für das fehlende  Porto und gab die Kataloge beim Hauptpostamt auf.<br>Bald kamen die ersten Bestellungen, das Geschäft lief weiter. Doch Beate Rotermund musste noch eine dramatische Situation  durchstehen. Am 19. Mai 1959, dem Dienstag nach Pfingsten, wurde sie wegen Siegelbruchs verhaftet. „Das Siegel habe ich nicht gesehen, es war eine verregnete Nacht“, sagte sie. Die Unternehmerin wurde schnell freigelassen, brauchte aber gute Nerven, um  eine Hängepartie durchzustehen. Erst nach zwei Monaten forderte der Generalstaatsanwalt Adolf Voss den Oberstaatsanwalt auf,  seine Beschwerde zurückzunehmen. Unter anderem schrieb er: „Inzwischen sind sämtliche Werbeschriften bis auf je sechs Stück,  deren Beschlagnahmung bestätigt worden ist, aus den Räumen entfernt worden.“<br>Im Frühjahr 1959 hatte Oberstaatsanwalt Janzen in der Akademie Sankelmark vor vielen Juristen aus ganz Deutschland einen Vortrag gehalten. Das Thema: „Das Versandhaus Beate Uhse und die Strafjustiz im Spannungsfeld zwischen Recht und Moral“. Da  war schon bekannt, dass sich der Auftakt des Hauptverfahrens verzögern würde. Einige Rechtsfragen waren noch ungeklärt, und es mangelte an Personal. Der Oberstaatsanwalt registrierte weitere Anzeigen wegen Beleidigung und erweiterte die Anklageschrift in den nächsten Monaten. Am 9. Dezember 1959 stellte er fest: „Die Angeschuldigte hat auch nach Erhebung der Anklage ihr Treiben  unverändert fortgesetzt.“<br>Schließlich wurde die Hauptverhandlung für den 28. November 1961 und die drei folgenden Tage angesetzt. Der ersten Großen  Strafkammer des Flensburger Landgerichtes lagen zwei Eröffnungs- und fünf Ergänzungsbeschlüsse der Staatsanwaltschaft vor. Der Tenor: „Jugendliche gefährdet, Erwachsene beleidigt.“ Beate Rotermund erschien gleich mit vier Verteidigern und hatte – so ein Beobachter – „eine ganze Batterie von Aktenordnern wie einen Schutzwall vor ihrem Platz aufgebaut.“<br>Sie sagte aus und erklärte ihr Adressengeschäft: Es seien Gutschein-Briefe, verbunden mit einer eidesstattlichen Versicherung für  die Altersangabe, eingeführt worden und zusätzlich 200.000 Bestell-Adressen von ehemaligen Versandhäusern gekauft worden.  „Ein zuverlässiges System der Alterskontrolle“, betonte ein Verteidiger. Beate Rotermund erklärte: „Es gibt viele Provokateure, die mich zu einer strafbaren Verhandlung verleiten wollen.“ Außerdem hätten Jugendliche Sendungen von Eltern und erwachsenen  Brüdern geöffnet.<br>Dann die Überraschung: Die Große Strafkammer setzte noch am ersten Tag das Verfahren aus, da sie den „Gleichheitsgrundsatz“  für Versandhandel und Ladengeschäft vom Bundesverfassungsgericht klären lassen wollte. Der Staatsanwalt schüttelte mit dem  Kopf: „Der Versandhandel ist wegen seiner unpersönlichen Massenwerbung in Bezug auf die Jugend gefährlicher als das  Ladengeschäft, in dem einzelne Kunden immer persönlich in Erscheinung treten.“ Es half nichts. Das Landgericht wartete auf eine Entscheidung aus Karlsruhe. Und das dauerte: Erst nach einer Dekade bestätigte das Bundesverfassungsgericht das Verbot für den  Versandhandel, jugendgefährdende Schriften zu vertreiben. Das Hauptverfahren gegen Beate Rotermund wurde dennoch wenige  Monate später eingestellt, „weil die Schuld der Täterin gering ist und die Folgen der Taten unbedeutend sind.“<br>Manche Zeitgenossen hatten den Eindruck, dass die Unternehmerin von den Juristen zunehmend mit Samthandschuhen angefasst  worden wäre. Zumindest kam sie weitgehend straffrei durch die vielen juristischen Streitfälle. Vielleicht hatte auch ein Image-Wechsel seinen Anteil an dieser Entwicklung. Ab etwa 1963 baute Hannes Baiko in die „Beate-Uhse-Story“ verstärkt die  Vergangenheit der Chefin als Pilotin ein. Dabei ließ er weder die teure Fliegerausbildung noch die Einsätze im Krieg aus. Warum  diese Kehrtwendung in der öffentlichen Selbstdarstellung? In der vielschichtigen Literatur über das Unternehmen „Beate Uhse“ vermuten einige Autorinnen, dass Beate Rotermund den Juristen signalisieren wollte, dass sie im Dritten Reich dem Staat und dem Volk diente – wie auch die meisten der Richter und Staatsanwälte. </p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-14 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="658" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-1024x658.jpg" alt="" data-id="67231" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu6_6/" class="wp-image-67231" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-1024x658.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-300x193.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-768x494.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-1536x988.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-696x448.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-1068x687.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6-653x420.jpg 653w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_6.jpg 1591w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Das Flensburger Gericht</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="891" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-891x1024.jpg" alt="" data-id="67230" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu6_7/" class="wp-image-67230" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-891x1024.jpg 891w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-261x300.jpg 261w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-768x883.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-1336x1536.jpg 1336w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-696x800.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-1068x1227.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7-365x420.jpg 365w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_7.jpg 1587w" sizes="auto, (max-width: 891px) 100vw, 891px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Beate Rotermund war oft am Gericht in Flensburg</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Dennoch gab es immer wieder langatmige Prozesse und Gerichtsverhandlungen. Auch die Szenen aus dem TV-Film „Beate Uhse –  Das Recht auf Liebe“ haben ein wahres Fundament, das sich in drei Jahren ausbildete. Die „Deutsche Sex-Millionärin Nummer 1“  (Bild-Zeitung) kam am 18. Februar 1969 in Stiefeln, Lederpelz und Pulli ins Flensburger Gerichtsgebäude. Das Schöffengericht verurteilte sie zu 6000 D-Mark, da im Katalog „Glücklich – ein Leben lang“ zwölf Gegenstände angeboten wurden, die zu  „unzüchtigem Gebrauche bestimmt“ seien. Es ging um einen Orgasmusring für die Frau und um genoppte Spezial-Präservative. Beate Rotermund verteidigte sich: „Ich möchte Menschen, die in sexueller Beziehung unglücklich sind, zum Glück verhelfen.“<br>Die Bild-Zeitung titelte: „Staatsanwaltschaft klagte an: Diese Sex-Werbung ist zu aufpeitschend!“ Der Verkauf dieser Utensilien, so  das Gericht, sei erlaubt, die Reklame via Katalog allerdings nicht. Der Richter machte aus seiner ablehnenden Haltung kein  Geheimnis: „Für anomal Veranlagte ist die Sache sicher gut. Aber bei normalen Frauen geht die Reizsteigerung über das normale Maß hinaus. Dann wird die Sache unzüchtig.“ Beate Rotermund staunte: „Da fühlt man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt.“<br>Der Kieler Sexualwissenschaftler Reinhard Wille sprach von „makaber und mittelalterlich“. Er war für die zweite Instanz als  Gutachter eingesetzt und betonte: „Eine Steigerung des Orgasmus ist medizinisch nicht denkbar.“ Das Landgericht folgte dem  Experten und sprach Beate Rotermund in der Berufungsverhandlung frei. Nun hieß es: „Die indizierten Gegenstände sind nicht zum unzüchtigen Gebrauch bestimmt.“ Die Bild-Zeitung titelte: „Freispruch für den Orgasmus“.<br>Das Verfahren war damit nicht beendet, nun ging der Oberstaatsanwalt in Revision. Es folgte Instanz auf Instanz. Beate Rotermund warf in einer Vernehmung ein, dass Zeitschriften-Berichte vom Sexual-Aufklärer Oswalt Kolle in den Wartezimmern jedes Arztes  ausliegen würde. „Der darf alles – und ich nichts.“ Dann entschied der Bundesgerichtshof am 14. März 1972 in ihrem Sinne:  „Spezialpräservative, Wirkpolster und Salben, die beim Geschlechtsverkehr durch Reizsteigerung oder Reizverlängerung den  Orgasmus herbeiführen sollen, sind nicht im Sinne des Paragraphen 184 zum unzüchtigen Gebrauch bestimmt.“<br>Der Prozess war gewonnen, die eigene Pressearbeit sicherlich ein hilfreiches Instrument. Sie konnte allerdings nicht verhindern,  dass die Scheidung von Beate Rotermund in allen Fassetten über den Boulevard getrieben wurde. Danach wurde sie vorsichtiger im Umgang mit Journalisten. Sie ließ einen Leitfaden für den Umgang mit Presse-Anrufen anfertigen, forderte die Fragen für ein  Interview vorher an und erstellte eine Datei mit allen Journalisten, mit denen sie bereits zu tun hatte. Ihre Werbeabteilung sei  darauf gedrillt, „sie als eine Art Frau Saubermann des deutschen Sexgeschäfts vorzustellen“, schrieb der „Spiegel“ bereits im Jahr 1971. „Doch das Bild, das Beate Uhse von sich entwerfen lässt, ist retuschiert.“ </p>



<figure class="wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-15 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="709" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-1024x709.jpg" alt="" data-id="67233" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/bu6_4/" class="wp-image-67233" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-1024x709.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-300x208.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-768x532.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-1536x1063.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-218x150.jpg 218w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-696x482.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-1068x739.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-607x420.jpg 607w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4-100x70.jpg 100w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU6_4.jpg 1588w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Die Schreibmaschine der „Chefin“</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>1989 wurde die „Beate-Uhse-Story“ nochmals ausgeschmückt, als Beate Rotermund ihre Autobiographie „Mit Lust und Liebe – mein Leben“ vorantrieb. Etliche Mal traf sie sich mit dem Autoren Ulrich Pramann in Glücksburg und sogar im Ferienhaus in Florida. Pünktlich zum 70. Geburtstag erschien das Werk und wurde auch auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. „Ich wollte das gar  nicht, aber die Dinge kommen auf mich zu“, erzählte Beate Rotermund. „Dass das Buch angefangen wurde, war der Verdienst von Ulrich Pramann, dass es beendet wurde, das ist meins.“</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 5</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Jun 2021 00:14:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Beate Uhse Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik Folge 05]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Shops und „Sex-Eck“ Beate Rotermund faszinierte die Vereinigten Staaten, die gerade im Handel als fortschrittlich galten. Am 19. September 1961 gehörte die Unternehmerin aus Flensburg zu den 2000 Teilnehmern einer Versammlung der „Direct Marketing Association of America“. Aus New York nahm sie einige Ideen mit zurück nach Deutschland: Etwa den Grundsatz bunter Werbung – und [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Shops und „Sex-Eck“</h2>



<p>Beate Rotermund faszinierte die Vereinigten Staaten, die gerade im Handel als fortschrittlich galten. Am 19. September 1961 gehörte die Unternehmerin aus Flensburg zu den 2000 Teilnehmern einer Versammlung der „Direct Marketing Association of America“. Aus New York nahm sie einige Ideen mit zurück nach Deutschland: Etwa den Grundsatz bunter Werbung – und die Einrichtung eines Ladengeschäftes in der Flensburger Innenstadt. Ein praktischer Nebeneffekt: Der anwachsende Strom neugieriger Touristen zum Versandhaus in der Wilhelmstraße könnte so abgeleitet werden. Eine Rolle mag auch ein anhängendes Strafverfahren gespielt haben. Dem Versandhandel drohten aus Gründen des Jugendschutzes strikte Auflagen – einem realen Shop weniger.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="737" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1-1024x737.jpg" alt="" class="wp-image-66915" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1-1024x737.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1-300x216.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1-768x553.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1-696x501.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1-1068x769.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1-583x420.jpg 583w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_1.jpg 1178w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Das „Fachgeschäft für Ehehygiene“ in Hamburg</figcaption></figure></div>



<p>Zum 20. September 1962 war ein Einzelhandel mit Büchern und Artikeln für Ehehygiene in der Angelburger Straße 58 angemeldet. Die Geschäftsräume lagen zwischen Bäcker und Metzger. Manch einer bei „Beate Uhse“ begegnete den Plänen der Chefin mit Skepsis. „Mensch, das Versandgeschäft läuft doch gut“, meinten sie. „Aber in einem Laden werden uns die Leute empört die Schaufenster einschmeißen.“ Für manche Zeitgenossen waren Spezialkondome und Aufklärungsbücher lediglich „Schweinkram“. Und die evangelische Aktion „Sorge um Deutschland“ wetterte generell gegen die Erotik-Branche: „Eine Flut dämonischer Kräfte überschwemmt unser Volk. Unzählige werden zum hemmungslosen Lebensgenuss und Ausleben ihrer Triebe verlockt.“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="994" height="846" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_2.jpg" alt="" class="wp-image-66916" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_2.jpg 994w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_2-300x255.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_2-768x654.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_2-696x592.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_2-493x420.jpg 493w" sizes="auto, (max-width: 994px) 100vw, 994px" /><figcaption>Es gab sogar ein eigenes Zimmer für die Beratung</figcaption></figure></div>



<p>Die Stimmung in der Gesellschaft war nur schwer zu kalkulieren. Der Firmenjurist schlug schließlich vor, die Neueröffnung in die Weihnachtszeit zu verlegen, da die Menschen dann besinnlicher wären und so keine Übergriffe zu befürchten seien. So stieg die Einweihungsfeier für das erste „Fachgeschäft für Ehehygiene“ am 11. Dezember 1962. Die Geschäftsleitung hatte in die Angelburger Straße 58 geladen. Bei der Premiere des ersten Sex-Shops der Welt erschienen aber nur wenige Gäste: Nachbarn, Vertreter des Bauamtes und der Handelskammer. Die Presse machte sich rar. Das „Flensburger Tageblatt“ etwa berichtete in jenen Tagen über Straßen- und Schulbau oder über einen mysteriösen „Knall“ durch die Schallmauer – aber nicht über „Beate Uhse“.<br>Das Grundschema des Ladens, das gemeinsam mit dem Flensburger Architekten Karl-Heinz Sönnichsen entstanden war, war schlicht. Den vorderen Teil wie auch die Schaufenster prägten die Aufklärungsbücher. Im hinteren Teil befanden sich die Produkte der „Ehehygiene“. Ein kleiner Extra-Raum war für Beratungsbedarf reserviert. Es gab noch keine Selbstbedienung: Die Kunden gingen mit Nummernschildern zur Kasse, wo sie die eingepackten Waren entgegennahmen. Diskretion war das oberste Gebot. Dennoch kamen zunächst nur wenige Einheimische, sondern hauptsächlich auswärtige Handelsvertreter. Zum 13. Dezember 1970 zog „Beate Uhse“ in den Holm 60.</p>



<p>„Beate Uhse“ zog ein Filialnetz über Deutschland. Im Februar 1965 wurde das erste Geschäft in Hamburg eröffnet. Dann folgte Frankfurt – und im Juli 1966 in Berlin der erste Selbstbedienungs-Shop. Alsbald geriet jede Stadt mit mindestens 250.000 Einwohnern ins Visier. Gesucht wurde stets eine gute Innenstadtlage abseits der großen Passanten-Ströme. Zum Ausklang der 60er Jahre waren bereits 14 Läden eingerichtet. Die Wortmissbildung „Ehehygiene“ war aus dem Firmenkopf gestrichen.<br>Die Nummer zwei in Schleswig-Holstein fiel aus dem üblichen „Beuteschema“. Auch Sylt, die „Insel der Schönen und Reichen“, wurde mit einem „Sex-Shop“ bedacht. Ende Juni 1968 suchte das Erotik-Unternehmen eine „flotte Verkäuferin“ per Zeitungs-Annonce. Die Neueröffnung in der Westerländer Strandstraße 31 entfachte einen Ansturm. An der Ladentür musste mehrfach ein Schild aufgehängt werden: „Wegen Überfüllung geschlossen“. Inzwischen überwog in der Gesellschaft die Neugier die Abneigung. Als 1969 „Beate Uhse“ auch in Hannover ihre Zelte aufschlug, waren alle Zeitungen der niedersächsischen Metropole vor Ort. Ebenso Beate Rotermund. „Bei uns wird nicht nur verkauft, sondern in allen Fragen beraten“, erklärte sie.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="503" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-1024x503.jpg" alt="" class="wp-image-66917" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-1024x503.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-300x147.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-768x377.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-1536x755.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-696x342.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-1068x525.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-854x420.jpg 854w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-324x160.jpg 324w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3-533x261.jpg 533w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_3.jpg 1770w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>In den 60er Jahren entstand ein komplett neuer Firmensitz</figcaption></figure></div>



<p>Die „Chefin“ hatte in jener Dekade ein gutes Händchen. Für 5000 D-Mark erwarb sie den „Carl Stephenson Verlag“, der zum 8. März 1962 – mit einem Eintrag ins Handelsregister – von Berlin nach Flensburg verlegt wurde. Er wandelte sich von einem kunstwissenschaftlichen Haus zu einer Adresse für populärwissenschaftliche Sexualliteratur. Die Erfolgsformel: Schnell produzierte Bücher, die in jedem vierten Fall in Bestseller-Dimensionen vorstießen.<br>„Beate Uhse“ wollte mit ihrem Verlag das Netzwerk und das Renommee vergrößern, strebte die Aufnahme in den „Börsenverein des deutschen Buchhandels“ an. Die Verbandsfunktionäre protestierten: „Wir wehren uns mit Zähnen und Klauen dagegen, dass beim Versand von antikonzeptionellen Mitteln und Reizwäsche ‚Mitglied des deutschen Börsenvereins‘ auf dem Briefbogen steht.“ Das Flensburger Unternehmen schaltete das Kartellamt ein. Letztendlich glättete ein Kompromissvorschlag des Börsenvereins die Wogen. Beate Uhse zog ihren Aufnahmeantrag zurück, durfte aber fortan im Börsenblatt annoncieren und auf der Frankfurter Buchmesse einen eigenen Stand belegen. Im Oktober 1965 erschien Beate Rotermund persönlich. „Man darf heute Dinge lesen, die man noch vor fünf Jahren als ordentlicher Mensch nicht lesen durfte“, sagte sie.<br>Keine zwölf Monate zuvor war allerdings ein Buch auf dem Index gelandet: „Die Memoiren der Fanny Hill“. Das bereits 1749 vom Engländer John Cleland geschriebene Werk über ein Freudenmädchen hatte immer wieder Skandale entfacht. Im Frühjahr 1964 fluteten deutsche Übersetzungen den Markt. „Durchaus anregend, allerdings scheint mir der Stil ziemlich altbacken“, fand Beate Rotermund und hätte den Erotik-Klassiker fast nicht in ihr Sortiment aufgenommen. Dann gab es „Fanny Hill“ aber doch in mehreren Variationen; ein Münchener Verleger ließ sogar einen Einband in Kunstseide anfertigen.</p>



<p>Nachdem der katholische „Volkswartbund“ Anzeige erstattet hatte, verfügte das Münchner Amtsgericht die Beschlagnahme aller Exemplare. In der Begründung hieß es unter anderem: „Es kann dem Schriftwerk nicht den Charakter des Grobunzüchtigen nehmen, dass das Ganze in Kunstseide gebunden ist.“ Kriminalbeamte rückten an mehreren Stellen der Bundesrepublik aus – auch in Flensburg. Sämtliche Geschäftsräume von „Beate Uhse“ wurden durchsucht. Am Hauptsitz in der Wilhelmstraße wehrte sich Beate Rotermund zunächst dagegen, die Stahlschränke zu öffnen. Im Polizeibericht hieß es später: „Zusammenstoß mit der Chefin“. Letztendlich fanden sich nur acht Fanny-Hill-Bücher. Die Unternehmerin wunderte sich, dass die Beamten auch sechs Exemplare „Deutsche Erotik des 19. Jahrhunderts“ mitgehen ließen.<br>Kunst oder Schweinkram – unter dieser Fragestellung lief der Prozess. In Flensburg wurde er wegen Rechtsunklarheiten rasch wieder ausgesetzt. Erst als in München das Hauptverfahren startete, wurde gegen Beate Rotermund Anklage erhoben. Der Bundesgerichtshof bewertete am 22. Juli 1969 „Die Memoiren der Fanny Hill“ als „erotische Literatur“, die als Kunstwerk unter dem Schutz des Grundgesetzes stehen würde. Das Gericht in Flensburg stellte das Verfahren schließlich im Oktober 1969 ein, während sich Beate Rotermund über ein gutes Geschäft freute. „Ist ein Buch erst einmal verboten, wird es erst recht begehrt“, stellte sie fest. „Die Rücknahme einer Indizierung verspricht daher einen hohen Absatz.“</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-16 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="844" height="660" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_6.jpg" alt="" data-id="66919" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_6.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/?attachment_id=66919" class="wp-image-66919" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_6.jpg 844w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_6-300x235.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_6-768x601.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_6-696x544.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_6-537x420.jpg 537w" sizes="auto, (max-width: 844px) 100vw, 844px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Das „Sex-Eck“ in der Gutenbergstraße</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="1008" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5-1024x1008.jpg" alt="" data-id="66922" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/?attachment_id=66922" class="wp-image-66922" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5-1024x1008.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5-300x295.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5-768x756.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5-696x685.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5-1068x1052.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5-427x420.jpg 427w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_5.jpg 1166w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Beate Rotermund hatte ab 1962 ein Büro in der Gutenbergstraße 12</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>In den 60er Jahren kannte „Beate Uhse“ nur das Wachstum. Die Zahl der Kunden stieg von 200.000 im Jahr 1957 auf drei Millionen eine Dekade weiter. Der Umsatz erreichte 1967 20 Millionen D-Mark und schoss in nur zwei weiteren Jahren auf 35 Millionen D-Mark. Das größte Erotik-Unternehmen in der Bundesrepublik musste seinen Slogan immer wieder aktualisieren. „Alle 15 Sekunden wendet sich irgendjemand an Beate Uhse“, hieß es 1965. Zwei Jahre weiter waren es alle sechs Sekunden. Und 1969 verzeichnete die Bundespost 45.000 Sendungen und rund 25 Prozent des gesamten Briefportos aus dem Flensburger Raum für das Erotik-Unternehmen. Die Schattenseite des Wachstums: Die „Chefin“ wusste längst nicht mehr alle Namen ihrer inzwischen rund 300 Mitarbeiter.<br>Die Firmen-Immobilien legten sich fast wie ein Flicken-Teppich über die Fördestadt. In der Wilhelmstraße 1a, einem Backsteingebäude von der Jahrhundertwende, residierten Produktionsleitung und Verkaufsförderung. In den Margarethenhof mussten bald Lager, Labor und Nähstube ausgelagert werden. Auf dem Sandberg, in einer verschachtelten Marmeladen-Fabrik, breitete sich die Verwaltung aus. Kurzzeitig bildete auch Neumarkt 8 einen Teil eines Firmen-Geflechts und beherbergte unter anderem eine kleine Druckerei.<br>Beate Rotermund bewegte sich zwischen den Standorten in der Stadt. Immer wieder beschäftigte sie sich mit dem Bau einer großen, neuen Firmenzentrale. Doch die Komplexität ließ keinen Schnellschuss zu. Die Wirtschaftsauskunftei „Creditreform“ berichtete bereits am 11. Juni 1955: „Man spricht davon, dass Frau Uhse im Süden ein Grundstück erworben haben soll.“ Nach anderen Angaben soll sie erst 1956 oder 1958 rund 7000 Quadratmeter in der Boschstraße gekauft haben. Die Unternehmerin selbst setzte sich für eine Umbenennung in Gutenbergstraße ein, da eine Druckerei als Keimzelle von letztendlich vier Bauabschnitten angedacht war.<br>Zeitweise gab es allerdings auch andere Überlegungen. 1959 sicherte sich Beate Rotermund ein Grundstück in Wees mit immerhin 7700 Quadratmetern. Ein Bürohaus stand auf der Agenda. Zwei Jahre später war die Entscheidung wohl für Flensburgs Süden gefallen. Die Erotik-Firma legte noch einmal nach und vergrößerte ihr Potenzial auf 12.200 Quadratmeter in der Gutenbergstraße. Die Realisierung war nicht einfach. Die Suche nach Finanzierungshilfen „im gegenwärtigen Zeitpunkt der Konjunkturbremsung“ bereitete Beate Rotermund mehrfach Sorgen. Im Herbst 1961 war das erste Ergebnis in der Gutenbergstraße sichtbar: die „Förde-Druckerei“. Es folgten eine Betriebshalle mit einem modernen Verpackungsautomaten sowie ein Garagen-Komplex. Die Näherei erwies sich als unrentabel und wurde schnell in einen Führungskräfte-Trakt umgewandelt. Dort testete die „Chefin“ schon einmal ein Stehpult, das später zum Standard im Unternehmen wurde.<br>Das Filetstück sollte der Trakt mit dem Großraumbüro werden. Beate Rotermund war mit dem Architekten Karl-Heinz Sönnichsen zur City-Nord in Hamburg, in die Niederlande und in die Schweiz, um Anregungen für eine ideale Bürolandschaft der achteckigen Zentrale mit exakt 3628 Quadratmeter Nutzfläche zu bekommen. Kaum waren die Baumaschinen im April 1967 angerollt, da sprach die Presse bereits vom „Sex-Eck“. Am 22. Mai 1968, zum Richtfest, spendierte das Unternehmen Erbsensuppe und Bockwurst für 200 Bauarbeiter. Am 9. August 1969 veröffentlichte das „Flensburger Tageblatt“ eine ganzseitige Anzeige: „Das modernste Großraumgebäude Deutschlands steht in Flensburg, Gutenbergstraße 12. Es gehört Beate Uhse.“ Im Firmenprospekt hieß es: „Im Zeitalter erfolgreicher Mondflüge muss die modernste Bürotechnik selbstverständlich sein.“</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="428" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-1024x428.jpg" alt="" class="wp-image-66921" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-1024x428.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-300x125.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-768x321.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-1536x642.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-696x291.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-1068x447.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7-1005x420.jpg 1005w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_7.jpg 1770w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>So sieht es heute am ehemaligen Sitz von „Beate Uhse“ aus</figcaption></figure></div>



<p>Zur Einweihung am 13. August 1969 erschienen 340 Gäste und Boxerhündin Tanja, die gleich auf den gelben Teppich piete. „Flensburg ist um eine Attraktion reicher geworden“, sagte Flensburgs Oberbürgermeister Heinz Adler in seiner Festrede und wünschte dem Unternehmen „allzeit mit Lust und Liebe für die Lust und Liebe tätig zu sein.“ Stolz führte Beate Rotermund die Medien durch die „Großraumwabe“. Folgen noch weitere Baumaßnahmen, fragte ein Journalist. Die Unternehmerin verriet, dass ein achtgeschossiges Hochhaus in Planung sei. Ein Projekt, das allerdings in der Schublade landete.</p>



<p>Das damals hochmoderne Großraumbüro sorgte für große Resonanz. Sogar das US-Magazin „Time“ berichtete. Das Wochenblatt „Die Zeit“ schrieb zwei Jahre später: „Aus einem über 1000 Quadratmeter großen honiggelben Teppichboden ragen weiß angemalte präparierte Bäume mit riesigen Papierblumen in den kahlen Ästen. Dazwischen, wie willkürlich aufgetragene Farbtupfen, blaue Stahlschränke und Schreibtische, weiße und lila Plastiksitzmöbel, rote, gelbe und orange Papierkörbe und da und dort ein Luftballon-Arrangement. Dezente Hintergrundmusik aus unsichtbaren Klangkörpern unter der Wabendecke sorgt für einen gleichmäßigen Stimmungspegel. Dem körperlichen Wohlbefinden in diesem Burggarten Eden dient eine mit Hilfe sensibler Stabthermostaten gesteuerte automatische Klimaanlage. Zwei repräsentative Freitreppen aus afrikanischem Edelholz führen auf die Galerie der stilvollen Großraumidylle…“<br>Die Wilhelmstraße 1a hatte endgültig ausgedient. Zum 22. März 1971 wurde dort der letzte Mietvertrag gekündigt. In einem Rückblick bezeichnete Beate Rotermund Jahre später die Bündelung aller Geschäftszweige im „Sechseck“ einmal als ihren schönsten Geschäftserfolg. „Für mich ist Grund und Boden wichtiger als ein Büro und ein Postfach“, sagte sie. „Ich bin vom Lande und solide.“</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-17 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="920" height="574" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_8.jpg" alt="" data-id="66920" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_8.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/?attachment_id=66920" class="wp-image-66920" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_8.jpg 920w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_8-300x187.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_8-768x479.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_8-696x434.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_8-673x420.jpg 673w" sizes="auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Besuch bei Dirk Rotermund in Rüde: Wohnsitz der 60er Jahre</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="812" height="576" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4.jpg" alt="" data-id="66918" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/?attachment_id=66918" class="wp-image-66918" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4.jpg 812w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4-300x213.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4-768x545.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4-696x494.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4-592x420.jpg 592w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/06/BU_Teil_5_4-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 812px) 100vw, 812px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">1964: Beate Rotermund vor dem Häuschen am Rüder See</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Diese Vorlieben zeigten sich auch im Privatleben. Im Marienkirchhof 4 war die Familie noch bis zum 9. Mai 1961 gemeldet. Doch da ging die Post bereits seit einem Jahr nach Glücksburg-Rüdeheck. Die Rotermunds lebten nun direkt am Rüder See in einer alten Wehrmachtsbaracke, die zu einem behaglichen Holzhaus ausgebaut wurde. Im Frühjahr 1960 packten alle mit an, um die hügelige Fläche etwas zu glätten und Rasen zu säen. Über die Inneneinrichtung wunderten sich die Besucher bisweilen: Als einziges Bild hing ein Poster mit Mao Tse-tung. Beate Rotermund mochte es bisweilen auch schrill: Das Dach ihres Citroen DS ließ sie pink spritzen.<br>Das gesamte Domizil war ein kleiner Freizeitpark. Auf dem Rüder See ließ sich im Winter Schlittschuhlaufen, im Sommer wurde geschwommen – oft bis zur kleinen „Schokoladeninsel“. Am Ufer wurde gegrillt. Es entstanden eine Sauna und auch ein Tennisplatz aus Asphalt. An einem typischen Sonntag mussten alle drei Söhne nacheinander zu einer Partie antreten. Auch das leitende Personal von „Beate Uhse“ wurde am Wochenende zum Tennis vorgeladen. Firmengespräche inklusive. Beate Rotermund führte ihr Unternehmen manchmal wie einen ostpreußischen Gutsbetrieb.<br>Ernst-Walter Rotermund pflegte ein besonderes Eigenleben. Er hatte sich frühzeitig von der Arbeit verabschiedet und wechselte zwischen Ehefrau Beate und der Geliebten Helga. Er war aber auch oft allein am Mittelmeer unterwegs und meldete sich wochenlang nicht. Nur die Bewegungen auf dem Konto übermittelten seiner Gattin die aktuellen Aufenthaltsorte.<br>Die drei Söhne hatten auf dem Gelände am Rüder See ihre eigenen kleinen Holzhütten. Sie mischten immer mehr im Unternehmen mit. Für den Band „Söhne der Sonne“, der natürlich im „Carl Stephenson Verlag“ erschien, posierten sie vor der Kamera. Für ein ansehnliches Honorar. „Die haben sich doch alle so sehr ein eigenes Auto gewünscht“, schmunzelte die Mutter Jahre später.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner <br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 May 2021 00:35:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Beate Uhse Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik Folge 4]]></category>
		<category><![CDATA[Flensburg Journal]]></category>
		<category><![CDATA[Versandhaus für Ehehygiene Beate Uhse]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Versandhaus für Ehehygiene Beate Uhse“ Anfangs feilte Beate Rotermund alle paar Monate an ihrer Firmierung, setzte dabei voll auf den Familiennamen aus ihrer ersten Ehe und griff aus der Presse den Begriff „Ehehygiene“ auf. Am 22. Februar 1952 meldete sie das „Versandhaus für Ehehygiene Beate Uhse“ beim Flensburger Handelsregister an. Da befand sich die Geschäftsfrau [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">„Versandhaus für Ehehygiene Beate Uhse“</h2>



<p>Anfangs feilte Beate Rotermund alle paar Monate an ihrer Firmierung, setzte dabei voll auf den Familiennamen aus ihrer ersten Ehe und griff aus der Presse den Begriff „Ehehygiene“ auf. Am 22. Februar 1952 meldete sie das „Versandhaus für Ehehygiene Beate Uhse“ beim Flensburger Handelsregister an. Da befand sich die Geschäftsfrau bereits auf Expansionskurs. Der doppelte Büroraum im vierten Stock der Nikolaistraße 19, direkt gegenüber der damaligen Zentrale des „Flensburger Tageblatts“, war schnell zu klein geworden. Der Komplex einer ehemaligen Eisengießerei in der Wilhelmstraße 1a bot da mehr Potenzial. In der direkten Nachbarschaft von Grundstückseigentümer-Verein, Arbeitgeber-Verband und Milchuntersuchungsstelle wuchs in den 50er Jahren ein Erotik-Versand. Die Durchwahl: 7934.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="706" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-1024x706.jpg" alt="" class="wp-image-66519" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-1024x706.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-300x207.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-768x529.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-1536x1058.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-2048x1411.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-218x150.jpg 218w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-696x480.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-1068x736.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-610x420.jpg 610w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.4_Wilhelmstr.-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Hauptsitz der 50er Jahre: Wilhelmstraße 1a<br>Foto: FZH Hamburg 18-9.2.6.Bd.4</figcaption></figure></div>



<p>Die ersten Angestellten waren ein Packer, eine Schreibkraft und eine Mitarbeiterin für die Adressen-Erfassung. Die Telefonbücher entpuppten sich als Quelle für Anschriften und fütterten bundesweite Werbe-Aktionen im Postversand. Ehemann Ernst-Walter „Ewe“ Rotermund brachte seine Erfahrungen aus einem zeitweise praktizierten Haarwasser-Versandgeschäft mit ein. Erstaunlich: Schon sehr früh stellte das Unternehmen einen jungen Mediziner ein, der unter dem Pseudonym „Dr. Rath“ in die Beratung der Kunden einstieg. Es trafen Fragen ein wie „Kriegt man vom Küssen Kinder?“ oder „Kommen die Kinder aus dem Bauchnabel?“ Unwissenheit sowie eine strenge Sexualmoral dominierten die unmittelbare Nachkriegszeit, in der schon ein Film wie „Die Sünderin“ mit einer kurzen Nackt-Sequenz zum Skandal ausuferte.<br>Beate Rotermund war im Kino und keineswegs geschockt. Sie war eine fortschrittliche Frau und hatte 1953 eine deutschsprachige Zusammenfassung vom Sexual-Report des US-amerikanischen Forschers Alfred Charles Kinsey im Sortiment. Sie war anders als ihre männliche Konkurrenz, stellte die „Ehehygiene“ in den Vordergrund: „Für zwei Menschen, die sich für ein ganzes Leben verbinden, sollte es auch in sexuellen Fragen keine Geheimnisse und Unaufrichtigkeiten, sondern Vertrauen und Anvertrauen geben.“ In den Werbe-Texten – damals ungewohnt – nahm „Beate Uhse“ die Männer in die Pflicht: „Sollte es nicht eigentlich jeder Ehemann wissen, dass es auch für die Frau bei der körperlichen Vereinigung einen Höhepunkt gibt?“<br>Ein persönliches Auftreten und eine solide Erscheinung zählten zu den erfolgreichsten Verkaufsargumenten. Nicht abstrakte Bezeichnungen wie „Eros“ oder „Takt“ prägten den Firmennamen, sondern „Beate Uhse“ – ganz persönlich. Es dauerte nicht lange, bis die Chefin selbst zur Titel-Ikone ihrer Kataloge avancierte und so Kundennähe signalisierte. Eine Wochenzeitung charakterisierte Beate Rotermund als „eine junge, burschikose Frau, Mutter eines kleinen Sohnes, mit kurz geschnittenen Haaren und adretter Kleidung. Alles andere als ein Sexsymbol, vielmehr eine Marketing-Spezialistin, die sich gut artikulieren konnte und genauso eloquent Dachziegel hätte verkaufen können.“<br>1952 erschien der erste Katalog. Auf 32 Seiten wurden 50 Produkte angeworben. Der Durchbruch: Mehr als 200.000 Kunden orderten. Kondome und biedere Aufklärungswerke wie „Helga und Bernd“ entwickelten sich zum Renner. Mit dem Modell „Anette“ fand sich ein erstes Reizwäschestück. Ein Apotheker war nun an Bord des Unternehmens. Ein Labor für Potenz-, Dämpfungs- und Anregungsmittel wurde in das „Versandhaus für Ehehygiene“ eingegliedert.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-1024x682.jpg" alt="" class="wp-image-66516" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-1024x682.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-300x200.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-768x511.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-1536x1022.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-2048x1363.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-696x463.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-1068x711.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_0158-631x420.jpg 631w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Auch im Margarethenhof (Johannisstraße 78e) hatte „Beate Uhse“ ein Lager</figcaption></figure></div>



<p>Die 50er Jahre waren für „Beate Uhse“ eine ausgesprochene Erfolgsstory, eingebettet in das „deutsche Wirtschaftswunder“. Bereits 1956 knackte der Umsatz die Millionen-Grenze. Nur vier Jahre später waren es 5,5 Millionen D-Mark, zu denen sich die Bestellungen von 650.000 Kunden summierten. Beate Rotermund hatte 1959 bereits 55 Angestellte und 45 Heimarbeiter unter ihren Fittichen. Noch hatte „Die Chefin“ für alle Mitarbeiter ein persönliches Wort über und erzeugte eine familiäre Atmosphäre. Langjährige Weggefährten beschrieben sie als hartnäckigen, aber auch ausgeglichenen und positiven Menschen.<br>Der Mietvertrag für die Wilhelmstraße 1a musste im Zuge der Expansion immer weiter ergänzt werden. Zum Juni 1956 gesellten sich Büroräume in der zweiten Etage dazu. Auch ein zusätzlicher Lagerraum in der Johannisstraße 78e (Margarethenhof) gehörte zum Paket. Im Dezember 1959 startete in der Wilhelmstraße der Betrieb des Modellwäsche-Ateliers „Frau Cotelli“. Beate Rotermund hatte die häufigen Lieferschwierigkeiten von Fremdartikeln satt und ließ nun in Eigenregie Dessous wie „Marilyn“ und „Paola“ oder das „Tanzkostümchen Charleston“ nähen. Das Unternehmen war inzwischen so breit aufgestellt, dass nicht genug Platz unter einem Dach war. Auch auf dem Sandberg und am Hafermarkt befanden sich Räumlichkeiten. Das Labor saß nun in der Mürwiker Straße 70, und eine kleine Druckerei hatte ihre Betriebsstätte unter der Adresse Neumarkt 8.<br>Beate Rotermund kalkulierte vorsichtig, sparte Kosten, wo es nur ging. Anfangs gab sie nie Anzeigen auf, sondern gewann ihre Kunden durch Werbebriefe. Mit einem Kleintransporter („Opel Blitz“) steuerte sie selbst die Postämter der Städte an, für die sie mindestens 1000 Adressen ermittelt hatte. So musste sie nur das Ortsporto von 10 Pfennig zahlen – anstatt der 20 Pfennige für einen Fernbrief. Die Nächte zeltete sie, bei Regen legte sie sich im Ladebereich auf eine Luftmatratze. Das Bargeld für das Porto kettete sich die Unternehmerin in einer schweinsledernen Tasche an ihren Körper.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-18 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="646" height="643" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.jpg" alt="" data-id="66520" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/18-9-2-6-bd/" class="wp-image-66520" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.jpg 646w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_-300x300.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_-150x150.jpg 150w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_-422x420.jpg 422w" sizes="auto, (max-width: 646px) 100vw, 646px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Porto sparen: Unterwegs mit einem Kleintransporter</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Viel Kreativität erforderte der Umgang mit den Gesetzen. Die Juristen sowie eher konservative Institutionen und Mitmenschen hatten die Aktivitäten von „Beate Uhse“ immer wieder im Visier. Ab 1953 saß deshalb ein juristischer Berater im Haus, der sich auf den bis 1975 gültigen „Unzuchts-Paragraphen“ spezialisiert hatte. Der außereheliche Geschlechtsverkehr, die Beihilfe dazu sowie die Verbreitung unzüchtiger Schriften waren ein heißes Eisen, konfrontierte die Rechtsgelehrten aber auch immer wieder mit einer Ermessensfrage: Was ist Unzucht?<br>Ein harter Verfechter der öffentlichen Sittlichkeit war der Volkswartbund, eine der römisch-katholischen Kirche angeschlossenen Vereinigung. Er zeigte mehrfach Artikel von „Beate Uhse“ an und ging auch gegen Postwurfsendungen vor. Als ein Gericht feststellte, dass sich derjenige „in seinem Persönlichkeitsrecht getroffen fühlen“ durfte, der Werbematerial unaufgefordert in seinem Briefkasten vorfand, hatte der Volkswartbund genug Feuer, um etliche Gläubige zu einer Beleidigungsklage zu ermutigen.<br>Beate Rotermund wurde zu vielen Prozessen im gesamten Bundesgebiet vorgeladen. Ihr Anwalt riet ihr zur persönlichen Präsenz, da die Kläger dann mündlich ihre Anschuldigungen wiederholen müssten. Das war natürlich ein Riesenaufwand, aber in den Verhandlungen – so schildert es die Autobiographie – schoben die Prozessgegner oft die Kirche oder die Ehefrau vor, sodass der Grund der persönlichen Beleidigung entfiel. Oft stellte sich heraus, dass die Kläger schon Kunden waren oder den Katalog sogleich entsorgt hätten. Es folgten stets Freisprüche. Und als die Polizei im Februar 1951 etliche Adressen von Kondom-Bestellern auflistete, konnte der Anwalt nachweisen, dass alle verheiratet waren. In diesem Fall zerplatzte der Vorwurf der Beihilfe zum unehelichen Sex.<br>Ohne blaue Flecken kam Beate Rotermund allerdings nicht davon. Am 28. Juni 1951 verhandelte das Flensburger Schöffengericht. Der Staatsanwalt hatte die Prospekte „Rund um die Zauberwelt der Erotik“ und „Stimmt in unserer Ehe alles?“ sowie einige „Gegenstände zum unzüchtigen Gebrauch“ (Spezial-Kondome) eingezogen. „Das Anpreisen so heikler Dinge muss in einer diskreten und zurückhaltenden Art geschehen“, führte der Jurist aus. „Einem normal empfindenden Menschen kann nicht zugemutet werden, sich eine derartige Zusammenstellung ungebeten als Drucksache in sein Haus schicken zu lassen.“<br>In der Verhandlung nahm der Staatsanwalt die Aufklärungsbroschüre „Stimmt in unserer Ehe alles?“ in die Hand und polterte über ein „verabscheuungswürdiges Pamphlet“. Dann blickte er zu Beate Rotermund: „Die Höhe der Geldstrafe muss fühlbar sein, da sich die Angeklagte als gebildete Frau besonders schamlos benommen, ihren Versand in großem Umfange und mit erheblicher Uneinsichtigkeit und Hartnäckigkeit betrieben hat.“ Das Schöffengericht brummte der Angeklagten 600 D-Mark auf.<br>Die „Hexenjagd“ ging weiter. Gleich zum Jahresbeginn 1952 kreuzte die Polizei binnen zehn Tagen sechs Mal bei „Beate Uhse“ auf und beschlagnahmte rund 5000 Kataloge und Sexualaufklärungsschriften. Beate Rotermund wehrte sich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Flensburger Staatsanwaltschaft und schrieb am 28. Januar 1952 an den Generalstaatsanwalt in Schleswig: „Ich bin eine geborene Köstlin und stamme aus einer im württembergischen Land bekannten Juristen-Familie. Ich wurde so erzogen, dass der Glaube an das Recht tief in mir verankert ist.“ Angeblich hatte der Flensburger Staatsanwalt behauptet, dass sie ihr schmutziges Geschäft aufgeben und mit dem Stricken von Pullovern den Unterhalt für die Familie verdienen solle.<br>Wie dem auch sei: Die Berufung fruchtete. Das Oberlandesgericht Schleswig hob das Urteil vom Juni 1951 auf und schickte es zurück an das Landgericht Flensburg. Dort reduzierte man das Strafmaß am 29. September 1953 auf 100 D-Mark wegen „Verbreitung unzüchtiger Schriften“. Die Kammer zeigte sich angetan von Abänderungen an einer Werbeschrift und lobte Beate Rotermund: „Sie tritt frei und offen auf, beschönigt nichts.“</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-19 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="699" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein-699x1024.jpg" alt="" data-id="66522" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/katalog-gutschein/" class="wp-image-66522" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein-699x1024.jpg 699w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein-205x300.jpg 205w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein-768x1125.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein-696x1019.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein-287x420.jpg 287w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1959-Gutschein.jpg 917w" sizes="auto, (max-width: 699px) 100vw, 699px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Neue Idee: Die Gutscheinbriefe</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="733" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog-733x1024.jpg" alt="" data-id="66521" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/stimmt-in-unserer-ehe-alles/" class="wp-image-66521" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog-733x1024.jpg 733w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog-215x300.jpg 215w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog-768x1073.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog-696x972.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog-301x420.jpg 301w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/1952-Katalog.jpg 920w" sizes="auto, (max-width: 733px) 100vw, 733px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Unzüchtig? „Stimmt in unserer Ehe alles?“</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Sie musste aber weiterhin mit juristischen Wendungen und Überraschungen leben und benötigte ein dickes Fell – und Ausdauer. Ihre Gegner schreckten selbst vor der höchsten Instanz nicht zurück. Im Juli 1955 sprach der Bundesgerichtshof in Karlsruhe „Beate Uhse“ frei, da jeder Empfänger die Möglichkeit habe, Postwurfsendungen und Broschüren, die im Briefkasten gelandet seien, einfach wegzuwerfen. Damit waren alle Verfahren, die wegen Beleidigung und Jugendgefährdung geführt wurden, gescheitert. Doch im November 1957 erhielten die Gegner neues Futter – ein neues Grundsatzurteil aus Karlsruhe: „Durch den Versand ihrer Werbeschrift hat sich die Angeklagte allen Adressaten als ungebetene Ratgeberin in Sexualfragen aufgedrängt.“<br>Beate Rotermund und ihre Berater reagierten mit Kreativität, um ihre Geschäftsidee den juristischen Hindernissen anzupassen. Als Antwort auf den Jugendschutz ließ sie auf das Werbematerial den Hinweis „Bitte Jugendlichen nicht zugänglich machen“ drucken. Den Werbe-Versand an Erwachsene zierten bald ein rotes Siegel und der Satz „Diese kleine Schrift geht Ihnen unverlangt zu!“ Und als der Bundesgerichtshof 1959 befand, dass „eingehende Ausführungen über Sexualität“ nicht mehr per Postwurfsendung versandt werden durften, erfand die Flensburger Unternehmerin die Gutscheinbriefe: So mussten sich Interessierte die Kataloge selbst bestellen. Am Firmensitz verfestigte sich das Motto: „Wir müssen schneller sein als der Staatsanwalt!“ Wenn es Befürchtungen gab, dass ein Produkt rechtliche Probleme verursachen könnte, wurde schon mal eine Nachtschicht eingelegt, um alle Kataloge rechtzeitig zu verschicken. Dann konnten die Juristen protestieren, aber die Kunden waren versorgt.<br>Ob die vielen rechtlichen Auseinandersetzungen am Gemüt nagten? Oder ob sie – wie sie in ihrer Autobiografie skizzierte – wirklich an eine schnelle Sättigung des Marktes glaubte? Zumindest suchte Beate Rotermund nach einem zweiten Standbein und beteiligte sich an einem medizinischen Projekt am Starnberger See. Ein gewisser Dr. Fritz Wiedemann hatte in Ambach ein Kurheim eröffnet und propagierte eine Frischzellen-Therapie. Aus heutiger Sicht eine pseudomedizinische Methode. Die Aussicht auf beschleunigte Heilungen von Knochenbrüchen und ein „Anti-Aging-Effekt“ lockten aber sogar einige Prominente an. Beate Rotermund war 1953 und 1954 über mehrere Monate am Starnberger See und war verantwortlich für das Personal, die Küche und die Kommunikation mit den Gästen.<br>Letztendlich entpuppten sich die Abstecher an die Alpen nicht als wirtschaftlicher Husarenstreich, öffneten aber eine Flanke im privaten Bereich. „Ewe“ Rotermund entdeckte die Liebe zum Hausmädchen Helga, die rund 15 Jahre jünger war als seine Gattin Beate. Als diese zurückgekehrt war, stellte sie ihn zur Rede. Der Ehemann verließ das Haus. Es drohte die Scheidung. Der Anwalt verwies auf die damals gültigen Gesetze und setzte ein offizielles Schreiben auf – mit der Aufforderung an „Ewe“ Rotermund, innerhalb von 14 Tagen die eheliche Gemeinschaft wieder aufzunehmen. Kurz vor Ablauf der Frist tauchte er wieder im Marienkirchhof auf.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.2_Chefin-Zeitung-o.D.-1950er.jpg" alt="" class="wp-image-66518" width="765" height="859" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.2_Chefin-Zeitung-o.D.-1950er.jpg 898w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.2_Chefin-Zeitung-o.D.-1950er-267x300.jpg 267w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.2_Chefin-Zeitung-o.D.-1950er-768x862.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.2_Chefin-Zeitung-o.D.-1950er-696x781.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/18-9.2.6.Bd_.2_Chefin-Zeitung-o.D.-1950er-374x420.jpg 374w" sizes="auto, (max-width: 765px) 100vw, 765px" /><figcaption>„Die Chefin“: Ab Ende der 50er Jahre führte sie die Firma ohne ihren Mann<br>Foto: FZH Hamburg 18-9.2.6.Bd.2</figcaption></figure></div>



<p>Laut Autobiografie war die Eiszeit damit nicht beendet. Erst „komplizierte Probleme im Geschäft“ sollen die Ehe wieder zusammengeschweißt haben. Der Starnberger See blieb eine Episode, Helga allerdings war weiterhin die Geliebte von „Ewe“ Rotermund. Die betrogene Ehefrau drückte jahrelang beide Augen zu, wollte ihren „Ewe“ nicht verlieren. Später meinte sie: „Da waren die Kinder, da war das Geschäft – das wollte ich alles erhalten.“<br>Allerdings zog sich Ernst-Walter Rotermund bereits am 1. August 1957 aus dem Tagesgeschäft von „Beate Uhse“ zurück – aus Rücksicht auf seine Gesundheit. Er galt als „Hypochonder“, tolerierte nur noch Rohkost. Häufiger bereitete Beate Rotermund für die Kinder heimlich Schinken, Eier, Würstchen oder Gulasch zu. Der Familienvater reiste viel, während sich seine Frau um den Fortbestand des Unternehmens sorgte. Erleichtert stellte sie schließlich fest: „Erstaunlicherweise entstanden bei der Arbeit ohne Ewe viel weniger Reibungsverluste.“<br>Die Familie konnte sich einen für damalige Verhältnisse hohen Lebensstandard erlauben. Urlaub war keine Rarität mehr. Im Winter ging es häufiger zum Skilaufen in die Alpen. Von Mitte Mai bis September zelteten die Rotermunds sehr oft in Glücksburg und kehrten nur zum Duschen in die Wohnung im Flensburger Marienkirchhof zurück, wo die Familie sich inzwischen eine Etage höher weitere Zimmer angemietet hatte. Beliebte Ziele waren die FKK-Strände von Sylt oder Röm. Auch Montalivet (Frankreich), das größte FKK-Gelände der Welt, war eine Reise wert. „Unsere Kinder sollten nicht verklemmt, sondern freizügig aufwachsen“, erklärte die Mutter.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="779" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-1024x779.jpg" alt="" class="wp-image-66517" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-1024x779.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-300x228.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-768x585.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-1536x1169.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-2048x1559.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-696x530.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-1068x813.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-552x420.jpg 552w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/04/DSC_9180-roem-80x60.jpg 80w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Familie Rotermund fuhr gerne nach Röm</figcaption></figure></div>



<p>Die Söhne Klaus und Ulrich waren im Marienkirchhof gemeldet. Dirk und Bärbel, die Kinder aus der ersten Ehe von Ernst-Walter Rotermund, waren im Sommer viel zu Besuch, lebten sonst bei ihrer Mutter in Frankfurt. Als diese mit ihrem zweiten Ehemann ins afrikanische Mogadishu verzog, kam der schulpflichtige Dirk ab Mai 1959 dauerhaft nach Flensburg zurück. Die Behörden intervenierten nicht wie noch eine Dekade zuvor. Beate Rotermund musste zwar oft vor Gericht und war in bestimmten Kreisen höchst umstritten, sie war aber verheiratet und wirtschaftlich eine Erfolgsfrau. Nun konnte sie sich sogar ein eigenes Flugzeug leisten: eine Cessna 172.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
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		<title>Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 3</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Mar 2021 00:12:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Beate Uhse Chronik Folge 3]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die „Schrift X“ von Braderup Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Beate Uhse war mit ihrem kleinen Sohn Klaus auf dem Flugplatz in Leck gelandet, befand sich in Gefangenschaft. Da sie Englisch sprach, setzte das britische Militär die junge Witwe manchmal als Dolmetscherin ein. Einmal ging es zu einem Verpflegungsdepot in Flensburg. Auf dem Rückweg [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die „Schrift X“ von Braderup</h2>



<p>Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Beate Uhse war mit ihrem kleinen Sohn Klaus auf dem Flugplatz in Leck gelandet, befand sich in Gefangenschaft. Da sie Englisch sprach, setzte das britische Militär die junge Witwe manchmal als Dolmetscherin ein. Einmal ging  es zu einem Verpflegungsdepot in Flensburg. Auf dem Rückweg prallte der Lastwagen mit einem britischen Motorradmelder zusammen. Dieser war auf der Stelle tot. Beate Uhse stürzte beim Unfall von der LKW-Ladefläche auf den Asphalt und lädierte sich die Hüfte. Sie musste einige Tage auf der Krankenstube verbringen.<br>Am 25. Mai 1945 machte sich die Rekonvaleszentin mit dem Fahrrad auf ins zehn Kilometer entfernte Braderup. Das kleine   nordfriesische Dörfchen zählte eigentlich keine 500 Seelen, hatte aber inzwischen ebenso viele Flüchtlinge aufgenommen. Die Neuankömmlinge meldeten sich beim Bürgermeister. Beate Uhse fand Asyl in der Bücherei der Dorfschule, wo Söhnchen Klaus und Kindermädchen Hanna Roch schon sechs Tage vorher eingetroffen waren. Mitbewohnerin war eine Lehrerin. Die Verhältnisse waren eng.<br>Es war ein Neuanfang. Beate Uhse hatte zwar ein Bankbuch mit 26.000 Mark in der Tasche. Im Westen war es aber nichts wert; das Geld lag in der russischen Zone. Da die Besatzungsmächte jede fliegerische Tätigkeit auf absehbare Zeit für Deutsche verboten hatten, war eine baldige Tätigkeit als Pilotin keine Perspektive. Um sich und ihr Kind über die Runden zu bringen, hackte die junge Mutter Rüben, stach Torf oder gab in der Schule Englischunterricht. Ökonomisch ergiebiger war letztendlich der Schwarzmarkt mit  Kaffee und Butter.<br>Nach einigen Monaten reiste Beate Uhse quer durch Deutschland, um ihre Verwandten zu suchen. Das Fahrrad und eine Liaison mit einem Fernfahrer sicherten die Überwindung von Distanzen. Sie hatte Briefe von Fliegerjungs mit sich und konnte dann bei deren  Familien übernachten. Ihren Bruder Ulrich fand sie im Allgäu, von den Eltern war nichts in Erfahrung zu bringen. Beate Uhse traute sich auch nach Rangsdorf, um Eigentum zu retten. Das Häuschen war aber bereits von anderen Menschen bewohnt. Die junge Frau wurde von russischen Soldaten aufgegriffen und vergewaltigt, wie Beate Rotermund in ihrer 1989 erschienenen Autobiografie  schilderte.<br>Während ihrer damaligen Deutschland-Tour hatte sie in Bayern die Messerschmitt AG aufgesucht. Der Flugzeug-Hersteller plante  nun einen Kabinenroller und suchte bereits nach Vorführ-Fahrerinnen. Folgenreicher war das Plastikspielzeug, das die clevere Mutter mit in den hohen Norden schleppte. Am 8. Februar 1946 meldete sie in der Kreisstadt Niebüll ein Wandergewerbe an und  tingelte durch die Region. Ein „Traumdeuter“ bereicherte das Sortiment.<br>Die „fremde Witwe mit der Pilotenjacke“ fiel auf. Und ihr fiel auf, dass im kleinen Braderup mehrere Nachbarinnen ungewollt  schwanger wurden. Das Bedürfnis nach Sexualität stand den Existenzängsten in der schweren Nachkriegszeit gegenüber. Kondome waren Mangelware, Kenntnisse über andere Verhütungsmittel ebenso. Beate Uhse wusste durch ihre Mutter, die ja Ärztin war, von der Knaus-Ogino-Methode, die auf Basis des weiblichen Zyklus die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage berechnet.<br>Laut ihrer Autobiografie radelte die Jung-Unternehmerin nach Niebüll und lieh sich in der dortigen Kreisbücherei das Buch „Die  natürliche Geburtenregelung nach Knaus“ aus. Auf einer geborgten Schreibmaschine tippte sie die wichtigsten Passagen ab und  ergänzte sie um ein paar eigene Zeilen. Zum Beispiel: „Würden wir triebmäßig zeugen, wäre es heute keinem Ehepaar möglich,  seinen Kindern ein anständiges, menschenwürdiges Leben und eine entsprechende Erziehung zukommen zu lassen. Es entsteht daher für uns die soziale Pflicht, die Befriedigung des Sexualtriebs von der Zeugung scharf zu trennen.“ Für das Skript fiel Beate  Uhse kein besserer Name als „Schrift X“ ein.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-20 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="648" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X-648x1024.jpg" alt="" data-id="66298" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/schrift-x/" class="wp-image-66298" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X-648x1024.jpg 648w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X-190x300.jpg 190w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X-768x1214.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X-696x1100.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X-266x420.jpg 266w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/1946-Schrift-X.jpg 920w" sizes="auto, (max-width: 648px) 100vw, 648px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Die legendäre „Schrift X“</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="716" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32-716x1024.jpg" alt="" data-id="66297" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/eheratgeber/" class="wp-image-66297" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32-716x1024.jpg 716w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32-210x300.jpg 210w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32-768x1099.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32-696x996.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32-294x420.jpg 294w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/6e044ae1-0001-0004-0000-000000633373_w920_r0.6992840095465394_fpx50_fpy64.32.jpg 920w" sizes="auto, (max-width: 716px) 100vw, 716px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Früher Ratgeber: „Stimmt in unserer Ehe alles?“</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Wenige Jahre später erzählte sie in einer Vernehmung auf dem Flensburger Polizeipräsidium eine andere Version. Demnach hatte  sie die Exemplare fertig von einem Vertreter gekauft, der in Mürwik ansässig war. „Ich habe unter diese Schrift X lediglich meinen  Firmennamen gesetzt“, sagte Beate Uhse. „Ich hatte jedoch nie die Absicht, mich dabei als Verfasser oder Hersteller zu  bezeichnen.“ Wenige Wochen später revidierte sie diese Aussage. „Ich bin selbst die Verfasserin der Schrift“, betonte die Kauffrau.  „Mit Rücksicht auf ein bestehendes Gesetz der Militärregierung, wonach die Vertreibung von Druckschriften der Genehmigung  bedurfte, hatte ich Unannehmlichkeiten befürchtet.“ Wie dem auch sei: Das Echo auf die „Schrift X“ war in Braderup und  Umgebung so gewaltig, dass Beate Uhse ein neues Geschäftsfeld witterte und einige Städte in den Fokus nahm. Da die Kopien auf Schwarzmarkt-Papier keinen größeren Ansprüchen genügten, ließ sie nun in Flensburg drucken. Zunächst 2000 Mal die „Schrift X“  und 10.000 Werbezettel, die in den Briefkästen von Husum und Heide landeten. Die Bestell-Adresse: Betu-Vertrieb, Schule  Braderup. Mit den Einnahmen folgten die nächsten Aktionen, 1947 unter anderem in Hamburg und Bremen. Bis zur  Währungsreform 1948 soll die „Schrift X“ 32.000 Mal angefordert worden sein – für jeweils zwei Reichsmark. Im Herbst 1949  stellte Beate Uhse die Postwurfsendungen für ihre erste Publikation ein. Nicht ganz freiwillig, denn juristische Fallbeile behinderten den Absatz. <br>Im Januar 1948 hatte Beate Uhse eine Vorladung auf das Flensburger Polizeipräsidium erhalten. Es lagen Anzeigen erboster  Kunden vor. In Einzelfällen war von Betrug die Rede, andere sahen einen Verstoß gegen die Preisvorschriften. Die zwei Reichsmark, so die Kritiker, wären ein Wucherpreis für die „Schrift X“, da sie eine weder neue noch besonders zuverlässige Verhütungsmethode verbreiten würde. „Es wird die falsche Vorstellung geweckt, es handele sich um ein besonderes Verfahren unbekannter Art, dabei  wird nur in einer populären Weise das bekannte Knaus-Ogino-Verfahren mitgeteilt“, meinte der Zentralausschuss für die Innere  Mission der Evangelischen Kirche. Der Obermedizinalrat Dr. Hans Heigl las auch nicht mehr als die „derzeitige wissenschaftliche Lehrmeinung der Frauenheilkunde“, befürchtete aber „unter Umständen eine Übertretung der Preisvorschriften“.<br>Die Angelegenheit wurde ein Fall für die Juristen. Oberstaatsanwalt Seyfahrt erhob gegen die Unternehmerin, die mittlerweile Beate Rotermund hieß, Anklage. Die Vorwürfe: „Die Absicht, sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, und das  Vermögen anderer dadurch beschädigt zu haben, dass sie durch Vorspiegelung falscher oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregte.“<br>Am 28. März 1950 wurde das Hauptverfahren am Amtsgericht Flensburg eröffnet. War der Erfolg der „Schrift X“ nur ein Mythos?  Oder redete die Geschäftsfrau vor Justitia ihre Zahlen klein? Zumindest gab sie an, dass sie „nur in einigen Monaten mein knappes  Existenzminimum durch den Verkauf der Schrift X verdiente“. Den Vorwurf der Wucherei bestritt sie: „Selbst die massenweise angebotenen behördlich genehmigten und zugelassenen Ehekalender, die nur aus Tabelle und Gebrauchsanweisung bestehen,  werden für drei D-Mark verkauft.“ Überhaupt: Beschwert hätten sich nur 0,1 Prozent der Besteller.<br>Am 4. Juli 1950 entschied das Amtsgericht auf Freispruch, da „von einem übermäßigen Gewinn nicht die Rede sein kann“. Beate  Rotermund saß im Saal und konnte der Urteilsbegründung entspannt folgen. „Das Problem, das in dieser Schrift angeschnitten wird, gehört zu den ernstesten und wichtigsten Problemen des Zusammenlebens der Geschlechter“, verlas der Amtsrichter unter anderem. Und: „Die Firma Beate Uhse greift so in die Privatsphäre ein wie es die Anpreisung eines Waschmittels zur Reinigung  schmutzigster Wäsche oder eines Insektenpulvers zur Beseitigung von Flöhen, Läusen oder Wanzen tut“.<br>Zu diesem Zeitpunkt hatte Beate Rotermund ihr Sortiment deutlich erweitert. Schon die ersten Käuferinnen der „Schrift X“ fragten  nach weiterer Aufklärungsliteratur, die bis dahin praktisch nur über Chiffre-Anzeigen zu beziehen war. Oder nach Kondomen, die oft nur Apotheken im Sortiment hatten. Im prüden Nachkriegsdeutschland war es vielen peinlich, dort nach einem Päckchen zu fragen. 1948 offerierte der „Betu-Vertrieb“ das Buch „Die vollkommene Ehe“, einen Bestseller aus den 20er Jahren. Für die Präservative  bediente sich das junge Unternehmen beim größten Kondom-Versandhändler Walter Schäfer. Die Ware wurde dann einfach  gewinnbringend weiterverkauft.<br>Die Kapitalknappheit war zunächst ein steter Begleiter der Eine-Frau-Firma. Die allgemeinen Moralvorstellungen jener Zeit  übertrugen sich auf die Banken, die einen Präservativ-Handel nicht mit Krediten fütterten. Nur wenn etwas Geld in der Kasse war,  konnte neues Werbematerial gedruckt werden. Die Adressen schrieb die Solo-Selbstständige nachts aus Telefonbüchern ab. Ihr Privatleben hatte sich schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg gedreht. Es gab einen neuen Mann. Im Sommer 1946 war Beate  Uhse nach Sylt gefahren, um mit Butter zu handeln. Es war Zeit für einen Abstecher an den FKK-Strand, wo sie erstmals Ernst-Walter Rotermund begegnete. „Ewe“ stammte aus einer Flensburger Kaufmannsfamilie und war aus der Kriegsgefangenschaft mit einem Konzept für ein Haarwasser-Versandgeschäft zurückgekehrt.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="645" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-1024x645.jpg" alt="" class="wp-image-66310" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-1024x645.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-300x189.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-768x484.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-1536x967.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-696x438.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-1068x673.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU-667x420.jpg 667w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/BU.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Juni 1945 bis Anfang 1948: Beate Uhse wohnte in der Schule von Braderup <br>Foto: Gemeinde Braderup</figcaption></figure></div>



<p>Es funkte wohl schnell, und es entstand – wie man heutzutage sagen würde – eine Patchwork-Familie. Sie hatte ihren kleinen  Klaus, er hatte aus rster Ehe Tochter Bärbel und Sohn Dirk. Sie lebten zunächst in Braderup zusammen. Im Oktober 1947 schrieb  Beate Uhse: „Um das Wohl meiner kleinen Familie sorgen: Kartoffeln, Rüben und Feuerung.“<br>Privat und geschäftlich schielte das junge Paar nach Flensburg. Es zog zu seiner Tante Elfriede, die mit einem Pastor verheiratet  war. Die Neubürger wohnten damit im Herzen der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sankt Marien. Zum 23. März 1948  erfolgte die Eintragung beim Flensburger Einwohner-Meldeamt. Die neue Adresse: Marienkirchhof 4. Vorerst musste ein Zimmer für die fünfköpfige Familie reichen. Es waren beengte Verhältnisse, aber besser als die Schulbücherei von Braderup.<br>Belastender für das junge Glück war die Angst von „Ewe“ Rotermund, in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten. Das ging so  weit, dass er im September 1948 mit Gleichgesinnten nach Südamerika segelte, um in Übersee eine Auswanderung vorzubereiten. Er wusste nicht, dass seine Lebensgefährtin, die in Deutschland bleiben wollte, bereits von ihm schwanger war und am 9. Mai 1949 Sohn Ulrich gebar.<br>Beate Uhse bekam moralische Unterstützung von der Familie Rotermund, musste sich aber vorerst als alleinerziehende Mama mit  ihrem Sohn Klaus und dann dem Baby durchschlagen. Das Kindermädchen Helga half. Dirk und Bärbel kamen zu ihrer leiblichen  Mutter. Das Flensburger Jugendamt hatte interveniert. „Ihre Erziehung sollte nicht länger einer Person anvertraut sein, die in  ungeregelten Verhältnissen lebt“, hieß es. Bei „Ewe“ Rotermund endete der Südamerika-Aufenthalt mit Ernüchterung. Er kehrte  nach etwa einem Jahr zurück. Kurz danach, am 15. November 1949, heiratete er Beate Uhse, die den Namen Rotermund annahm. Es war eine ganz nüchterne Hochzeit: Auf dem Standesamt und ohne Ringe. <br>Der „Betu-Vertrieb“ bewegte sich in Flensburg – so schildert es die Autobiografie – zunächst auf einem ganz kleinen Level.  Angeblich sollen Bücher und Präservative in der Schublade einer Wickelkommode aufbewahrt worden sein. Auch der Balkon im  Marienkirchhof soll als Lager gedient haben. Das ist wohl nicht mehr als eine verklärte Legende. Es gibt einen amtlichen Brief, der  im September 1948 an Beate Uhse geschickt wurde. Die Anschrift: Schiffbrücke 33. Da hatte die Jungunternehmerin wohl schon  einen Raum – in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Im- und Exporthandel. Und gab es zu diesem Zeitpunkt wirklich eine Wickel-Kommode? Sohn Ulrich wurde ja erst im Mai 1949 geboren.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-21 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="731" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-1024x731.jpg" alt="" data-id="66302" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-scaled.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/dsc_9430-marienkirchhof4/" class="wp-image-66302" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-1024x731.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-300x214.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-768x548.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-1536x1096.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-2048x1462.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-696x497.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-1068x762.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-589x420.jpg 589w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9430-marienkirchhof4-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Anfang 1948 zog Beate Uhse in den Flensburger Marienkirchhof</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Ab Ende 1949 fußte die junge Ehe auf einer gemeinsamen Sorge um die Kinder und einer beruflichen Zusammenarbeit. Beate  marschierte jeden Morgen zum Flensburger Hauptpostamt gegenüber der Hafenspitze und schaute, ob im Schließfach 185 neue Aufträge warteten. Danach verpackte sie in einem angemieteten Keller im Marienhölzungsweg 19 die Bestellungen, kaufte Lebensmittel ein und kochte. Am Nachmittag kümmerte sie sich um die Kinder, während „Ewe“ neue Ware orderte und Werbung  lancierte. Nach dem Essen war Beate nochmals im Keller, um Adressen oder Briefe zu schreiben. Anfangs antwortete sie immer persönlich und wälzte dafür sogar Aufklärungsbücher in der Bibliothek.<br>Die Strichzeichnung eines keuschen Mädchens diente Beate Uhse als Blickfang ihres ersten, nicht mehr als zwei Seiten umfassenden Angebots. Der Inhalt: Präservative, Verhütungsmittel und Aufklärungsbücher wie „Unter vier Augen“ und „Liebe ohne Furcht“. Am 18. August 1949 hatte die Unternehmerin den Vertrieb von chemisch-pharmazeutischen Präparaten eines Lübecker Arztes angemeldet. Anregende Produkte wie „Erotin“ und „Sanursex“ bereicherten die Auswahl. Mit wachsendem Sortiment und  steigender Nachfrage stieg der Raumbedarf. Ende 1949 residierte der Versandhandel offiziell in der Nikolaistraße 10. In der  Wilhelmstraße 1a existierten bereits Lagerkapazitäten. <br>Die Juristen beäugten die Firma, die mit Artikeln der Ehehygiene ihre Geschäfte machte, von Anfang an kritisch. Der  Oberstaatsanwalt veranlasste, dass Beate Uhse am 28. Januar 1949 auf das Flensburger Polizeipräsidium vorgeladen wurde. Spitze Fragen prasselten auf die schwangere, damals alleinstehende Frau ein: „Was ist der Gegenstand des Unternehmens?“ Die Beamten protokollierten: „Zweck dieses Unternehmens ist es, auf wissenschaftlicher Grundlage dafür interessierte Kreise über die  Geburtenregelung aufzuklären.“</p>



<figure class="wp-block-gallery aligncenter columns-2 is-cropped wp-block-gallery-22 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="722" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-1024x722.jpg" alt="" data-id="66300" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-scaled.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/dsc_9426-marienhoelzung19/" class="wp-image-66300" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-1024x722.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-300x211.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-768x541.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-1536x1082.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-2048x1443.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-696x491.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-1068x753.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-596x420.jpg 596w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9426-marienhoelzung19-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Marienhölzungsweg 19: Den Keller nutzte Beate Uhse 1948/49</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img loading="lazy" decoding="async" width="659" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-659x1024.jpg" alt="" data-id="66299" data-full-url="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191.jpg" data-link="https://flensburgjournal.de/dsc_9191/" class="wp-image-66299" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-659x1024.jpg 659w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-193x300.jpg 193w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-768x1193.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-989x1536.jpg 989w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-1319x2048.jpg 1319w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-696x1081.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-1068x1659.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191-270x420.jpg 270w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9191.jpg 1376w" sizes="auto, (max-width: 659px) 100vw, 659px" /><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Gewerbegenehmigung von 1949: „Distribution and Sale of Books and Pamphlets“</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Und: „Ist der Betu-Vertrieb in das Handelsregister eingetragen?“ Nein, das war er nicht. Offenbar hatte Beate Uhse mit  unterschiedlichen Auskünften seitens der Behörden zu kämpfen, die sich vor der Gründung der Bundesrepublik mit der britischen Militärregierung abzustimmen hatten. Sie war bereits im Oktober 1948 beim Gewerbeamt gewesen, das zunächst eine  Versandgenehmigung von der Landesregierung einforderte. Das dauerte. Auch zum Zeitpunkt der Vernehmung war kein Schriftstück eingetroffen. Im Frühjahr 1949 hieß es plötzlich, dass ein formloser Antrag bei der städtischen Gewerbepolizei genügen würde.<br>Ganz so einfach war es dann doch nicht. Die „Zentralstelle zur Bekämpfung der Schwindelfirmen“ schrieb am 13. Juni 1949 an den  Oberstaatsanwalt: „Das Unternehmen bedient sich, obwohl es sich um keine eingetragene Firma handelt, des Namens Betu-Vertrieb ohne Führung des Familiennamens.“ Einen Monat später musste Beate Uhse erneut zur Kripo. Als Vermerk landete in den Akten: „Betu-Vertrieb unzulässig“.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="910" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-1024x910.jpg" alt="" class="wp-image-66303" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-1024x910.jpg 1024w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-300x267.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-768x683.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-1536x1366.jpg 1536w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-2048x1821.jpg 2048w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-696x619.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-1068x950.jpg 1068w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2021/03/DSC_9437-nikolai10-scaled-e1616762048596-472x420.jpg 472w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Neue Adresse Ende 1949: Nikolaistraße 10</figcaption></figure>



<p>Beate Uhse bemühte sich nun um eine Registrierung bei der britischen Dienststelle in Hannover und erhielt am 3. September 1949  die Gewerbegenehmigung für die „Distribution and Sale of Books and Pamphlets“. Ins Flensburger Handelsregister ließ sie „B. Uhse Reformversand Flensburg“ eintragen. Im Februar 1951 wurde daraus das „Versandhaus Beate Uhse“. Die Inhaberin hieß inzwischen Rotermund, nutzte beruflich ihren alten Namen nun sehr offensiv. Während andere Erotik-Versandhändler sich hinter Fantasie-Bezeichnungen versteckten, hatte das Flensburger Unternehmen eine reale Gallionsfigur zum Anfassen. Das Mehr an Persönlichkeit signalisierte Vertrauen und Seriosität. Aus den Unklarheiten um den Firmennamen war urplötzlich ein Erfolgsfaktor geworden.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos: Privat</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://flensburgjournal.de/die-beate-uhse-chronik-3/">Die Beate Uhse Chronik &#8211; Folge 3</a> erschien zuerst auf <a href="https://flensburgjournal.de">Flensburgjournal</a>.</p>
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