* Während der NS-Zeit Schlageter-Platz

 







Dr. Karin Johannsen-Bojsen
Dr. Karin Johannsen-Bojsen

Dr Karin Johannsen-Bojsen wurde am 25. Juli 1936 als Tochter des Wein- und Spirituosenhändlers und Rumherstellers Otto Johannsen und seiner Ehefrau Mary in Flensburg geboren. Die elterliche Wohnung befand sich in der Toosbüy straße 37/Ecke Burgplatz, wo Karin mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Kay aufwuchs. Firmensitz von „A.H. Johannsen Rum“ ist seit 1914 die Marienburg in der Marienstraße 6, die heute in vierter Generation als das letzte traditionelle Rum-Haus der Stadt Flensburg geführt wird – und als echtes Kleinod der Flensburger Kulturgeschichte beliebtes Ziel von Stadtführungen ist. Mit neun verschiedenen Rumsorten und dem wohlschmeckenden Aquavit der Marke No. 6, ist A. H. Johannsen als Botschafter des Nordens weit über die Grenzen Deutschlands in aller Munde!

Vorfahre Jens Johannsen (in Öl)
Vorfahre Jens Johannsen (in Öl)

Als Angehörige der dänischen Minderheit setzt sich unsere Chronistin mit ihrer eigenen deutsch-dänischen Geschichte im Grenzland zwischen Nord- und Südschleswig auseinander. „Ich lebte in beiden Welten – getrieben von Neugier und Wissensdrang!“ Karin war zunächst auf einer deutschen, dann auf zwei dänischen Schulen. Sie legte ein dänisches und darüber hinaus auch das deutsche Abitur ab. Sie studierte auf deutschen und dänischen Universitäten sowie in England. Danach legte sie das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab und unterrichtete über 30 Jahre Deutsch und Englisch am dänischen Gymnasium in Flensburg. Mit ihren ehrenamtlichen Engagements in den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Politik hat sie sich sehr früh schon neben Studium und Beruf – bis heute diesseits und jenseits der Grenze eingebracht. Ihr Name steht für unzählige Vorträge, Veröffentlichungen in Printmedien und Büchern, steht für Gesprächsleitungen bei nationalen und internationalen Podiumsdiskussionen. Als Ratsherrin vertrat Johannsen-Bojsen acht Jahre den Südschleswigschen Wählerverband und war über 12 Jahre als berufenes Mitglied des ZDF-Fernsehrates im Kulturausschuss als zweite Vorsitzende verantwortlich für Minderheitenfragen.

Amtsschlachter Johann Gottfried Beyreis
Amtsschlachter Johann Gottfried Beyreis

Als Schriftstellerin stellt Johannsen- Bojsen in Lyrik und Prosa das Verhältnis zwischen Deutsch und Dänisch im Grenzland und die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen südschleswigschen Identität in den Mittelpunkt ihrer Gedichte und Romane die sie leider bislang nur in dänischer Sprache veröffentlicht hat! Mit ihrem Gedichtband „sindelag – ’Barn i „Flensborg 1939 – 49 Digte” legt sie ein autobiografisches Kunstwerk aus Momentaufnahmen ihrer Kindheit vor! Unsere Chronistin heiratete 1977 ihren Kollegen Hans-Gunner Bojsen, der ihr, wie sie dankbar sagt, nach seiner Pensionierung den Rücken insbesondere für ihr politisches Wirken und ihre vielen Veröffentlichungen freigehalten hat.

 

„Mein Ziel war es immer, die Vielfalt unserer beiden Kulturen und Sprachen zu beschreiben!“

Karin, wie ich unsere Chronistin im weiteren Verlauf dieses Artikels nennen darf, blickt zurück: Einer ihrer Vorfahren war Jens Johannsen aus Eckernförde. Er hatte sich als Amtsschlachter in Flensburg angesiedelt. Traditionell hätte sein Sohn die Nachfolge antreten sollen. In diesem Fall aber schaltete seine Tochter durch ihre Eheschließung mit dem hiesigen Amtsschlachter Johann Gottfried Beyreis die Konkurrenz aus. Damit stand der nachfolgenden Johannsen-Generation die Wahl zu anderen Berufen nichts mehr im Weg. So eröffnete Karins Großvater A. H. Johannsen im Jahre 1860 in der Großen Straße 4 neben der Unionbank eine Rumund Weinhandlung. Deren Kaufmannshof verlief in Richtung Norderhofenden und grenzte in der Mitte an das Druckereigebäude der damaligen „Flensburger Norddeutschen Zeitung“ – einer Vorläuferin des Flensburger Tageblatts.

Das ist nur eine kleine Auswahl von Buchtiteln der Autorin Dr. Karin Johannsen-Bojsen
Das ist nur eine kleine Auswahl von Buchtiteln der Autorin Dr. Karin Johannsen-Bojsen

Aus dieser Zeit kursiert in Karins Familie eine Anekdote, die noch in vierter Generation Schmunzeln bereitet: Bei einem Rundgang durch die Lagerräume hatte Karins Großvater zwischen dem Verpa – ckungsgut frisch gedruckte Zeitungen gefunden. Und, was ihn bei seiner Ent- deckung noch mehr erstaunt haben soll, war ein Gummischlauch, der Hochprozentiges aus einem seiner Rumfässer zu der benachbarten Druckerei führte. Da floss täglich kostbarer Rum durch eine Pipeline im Tauschgeschäft gegen Bildung! Großartige Idee, mag der Firmenchef insgeheim gedacht haben. Aber nicht hinter seinem Rücken! Der für seine Zornausbrüche bekannte Mann soll diesem illegalen Treiben sofort ein Ende bereitet haben.

Die Marienburg
Die Marienburg

Die herrliche Geschichte wie er seine Frau kennengelernt hat, wird ebenfalls von einer Generation zur anderen wortgetreu weitererzählt: „Jung an Jahren, fleißig und erfinderisch, wie A. H. Johannsen gewesen sein soll, hatte er ein eigenes, erfolgversprechendes Rumrezept entwickelt. Er selbst fuhr mit Pferd und Wagen über Land zu den Krögern, um dort seine Spirituosen zu verkaufen. Als A. H. eines Tages auf der Chaussee vor Ohrsfeldhaff an einer Reihe von Apfelbäumen entlangfuhr, fiel ihm unverhofft ein reifer Apfel in den Schoß. Er stoppte die Pferde und erblickte in der Krone des Apfelbaums ein liebliches Engelsgesicht. Das war Katharina! Sie wurde seine Frau und Mutter seiner zehn Kinder, von denen der Jüngst e Sohn, Otto, der Vater unserer Chronistin gewesen ist!“

Marienstraße 4, Eingang zur Marienburg
Marienstraße 4, Eingang zur Marienburg

A. H. kaufte noch kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs das Anwesen in der Marienstraße 6 und verlegte seinen Firmensitz von der Großen Straße 4 in die Marienburg. Die Familie blieb in der Großen Straße wohnen. Erst nach dem Krieg wurden die Kutscherwohnungen für die Junggesellen der Familie eingerichtet. Zwei der älteren Brüder waren im ersten Weltkrieg gefallen und zwei Schwestern an der „Spanischen Grippe“ – einer Pandemie die in den Jahren zwischen 1918 und 1920 in Europa gehaust hat – verstorben. Nach dem Tod von A. H. übernahmen die beiden jüngsten Söhne Carl und Otto das Geschäft. Auch der Heirat von Otto und Mary war eine ungewöhnliche Liebesromanze vorausgegangen: „Der Sohn eines Rumfabrikanten heiratet 1935 die bildschöne, kluge Tochter eines Kesselschmieds!“

 

Karins Erinnerungen …

Mary Lorenzen mit Mutter und Geschwistern
Mary Lorenzen mit Mutter und Geschwistern

Karin hat ihre Kindheit zwischen Toosbüy- und Marienstraße verbracht. Die Familie wohnte in dem großen Eckhaus am Burgplatz der während der NS-Zeit nach Albert Schlageter – einer Nazi- Kultfigur – umbenannt worden war.

Karins erste deutliche Erinnerung an ihren Vater ist der 1. September 1939, als er gleich am ersten Tag bei Kriegsausbruch zum Kasernendienst nach Rendsburg eingezogen wurde. Er war so groß, so stark und so liebevoll. Als die Mutter Besuchserlaubnis bekam, stand dieser Vater als kleiner Wachsoldat in Uniform, schwarzen Stiefeln und Gewehr wie ein Zinnsoldat im Schilderhaus – regungslos mit starrem Blick nach vorn! So hat er bis zur Wachablösung eine Stunde dagestanden. Erst dann durfte er zu seiner Familie rüberschauen und sie in die Arme nehmen! Karins Vater hatte großen Abscheu vor dem was jetzt wieder passierte. Der Schock vom ersten Weltkrieg steckte ihm noch in den Knochen. Ein halbes Jahr vor Kriegsende 1918 war er gemeinsam mit seinen Klassenkameraden mit Notabitur aus der Oberprima direkt in den Schützengraben geschickt worden!

 

Nicht Sprache und Gesinnung miteinander verwechseln

Karneval am Burgfried bei Mahnkes. 1. Reihe von links: Marret Aldag, Helga Carstensen, Karin und H. J. Mahnke, oben links Karin Johannsen-Bojsen
Karneval am Burgfried bei Mahnkes. 1. Reihe von links: Marret
Aldag, Helga Carstensen, Karin und H. J. Mahnke, oben links
Karin Johannsen-Bojsen

Da die Johannsens väter- und mütterlicherseits sehr starke dänische Wurzeln haben, wurde in den Familien beides – Deutsch und Dänisch – gleichwertig und perfekt muttersprachlich gepflegt. Karin hat Briefschaften väterlicherseits aufbewahrt, wo die Korrespondenz seit 1840 erstmalig in deutscher Sprache, jedoch mit dänischem Substrat geführt wird. Sie hat sehr positive Beschreibungen ihrer Eltern in Bezug auf deutsch-dänische Verbindungen in Flensburg. Ihre Eltern verkehrten in den Kreisen von deutsch- und dänisch gesinnten Flensburger Kaufleuten. Zu den dänisch gesinnten zum Beispiel gehörte das Tex- tilhaus Plambeck & Carstensen in der Norderstraße. Dort im nördlichs ten Stadtteil kauften bevorzugt die Frauen vom Land ein. Auch bei Zahnarzt Uldall in der Großen Straße 30, gaben sich Patienten deut – scher und dänischer Gesinnung die Türklinke in die Hand. „Ungeachtet ihrer Gesinnung spielten alle Kinder gemeinsam in den Gärten und Kaufmannshöfen. Auch Susanne Brodersen von der Essig- und Senffabrik in der Großen Straße gehörte dazu.”

 

Dänische Schulen in Flensburg

Flüchtlinge treffen auf dem Bahnhof in Flensburg ein
Flüchtlinge treffen auf dem Bahnhof in Flensburg ein

Unter preußischer Herrschaft (ab 1864) wurden die dänischen Schulen geschlossen. Erst nach dem verlorenen ersten Weltkrieg und nach der Abstimmung 1920 waren sie im Landesteil Schleswig wieder zugelassen – auch noch nach 1933! Die Volksschule in der Schulgasse wurde praktischerweise je zur Hälfte in eine deutsche und eine dänische Seite aufgeteilt. Mary, Karins Mutter, deren Urgroß-, Großeltern und Eltern dänisch durchdrungen waren, wechselte auf die dänische Seite der Schule, wobei sie ihr erstes dänisches Diktat, gleich in Fortsetzung an das letzte deutsche, fehlerfrei in ihr Heft niederschrieb. Diese Schule wurde während des Krieges von den Nazis zugemacht. Die Begründung dafür war der deutliche Schülerschwund. Denn immer weniger Flensburger Bürger hatten den Mut, sich öffentlich zur dänischen Minderheit zu bekennen. Sie befürchteten Diskriminierungen und Nachteile für ihre Kinder und meldeten sie deshalb in deutschen Schulen an. Viele Mitglieder der dänischen Minderheit waren „pro forma“ aus ihrem Verein ausgetreten. So gab es Ende des Krieges deutlich weniger Mitglieder als am Anfang! Nur die Duborg- Skole blieb mit Duldung der Nazis in ihrer damaligen Form als dänische Grundund Realschule bestehen. Die Begründung dafür mag eine nicht uneigennützige Loyalität gegenüber der südschleswigschen Minderheit gewesen sein.

Karin: „Der Zug gen Norden mit der Verschmelzung der nordischen Rasse schien unaufhaltsam!“ Wer traute sich noch in der Öffentlichkeit Dänisch zu sprechen?

Karin: „Einige blieben unbeirrt dabei – unter ihnen verständlicherweise deutsch-dänische Paare! Andrerseits pflegten Angehörige der dänischen Minderheit bereits ab 1800 die deutsche Sprache!“ In diesem Zusammenhang berichtet Karin von einer bemerkenswerten Reaktion der Bewohner von Aventoft die auch nach der Abstimmung im Jahre 1920 ausnahmslos ihr Plattdänisch gesprochen haben. „Ein Glücksfall für die Bewahrer alter Sprachen“, sagt Karin: Damit hatte ein ganzes Dorf das Sønderjysk (oder Südjüsk) vor dem Vergessen bewahrt – was nichts über die nationalen Gefühle dieser Menschen ausgesagt hat.

Karin: „In Flensburg wurde seit dem Mittelalter Plattdeutsch gesprochen. Erst nach der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich die hochdeutsche Sprache durchgesetzt, während die einfacheren Leute eher bei Plattdeutsch geblieben sind!“

 

Karins Schulzeit

Duborg-Skolen
Duborg-Skolen

1942: Erstklässlerin Karin besuchte bis Kriegsende eine deutsche Schule. Die einzige männliche Lehrkraft war ein leicht verwirrter, älterer Herr mit Geige und einer Kopfverletzung aus dem ers ten Weltkrieg. Die Kinder mobbten ihn in beschämender Respektlosigkeit. Im August 1946 wechselte Karin auf die dänische Schule in der Duburger Straße /Ecke Nordertor.

Das Wiedererwachen dänischer Einflüsse und die historisch gewachsenen Verknüpfungen als Angehörige der Minderheit hatten den Entschluss zum Schulwechsel leicht gemacht. Selbst Karins alte Lehrerin hatte großes Verständnis für diese Entscheidung – wenn auch eher aus materieller Sicht. Bereits als 10-Jährige entdeckte Karin ihr lyrisches Talent. Ihr gefielen die dänischen Lieder und die dänische Literatur. Sie war begeistert, endlich mal von jungen Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet zu werden. Es wurde viel gesungen und gelacht. Und es ging alles so ungezwungen, liebenswürdig und demokratisch zu – im Vergleich zu ihren ers ten drei Schuljahren. Ebenso wie ihre Mutter damals nach dem ersten Weltkrieg durfte auch Karin als Sydslesvigpige (südschleswigsches Ferienkind) jedes Jahr im Sommer nach Dänemark auf einen Bauernhof. Die Einflüsse zweier Kulturen haben immer ihr Interesse geweckt und ihre Sichtweite geprägt. Die Freude darüber bringt Karin heute noch bei den „Ehemaligen-Sydslesvigpige- Treffen“ zum Ausdruck. Als ebenso spannend empfand sie als Heranwachsende ihre Zeit bei den Spejdern, den dänischen Pfadfindern. Karin machte nach der zwölften Klasse auf der Duborg-Skole ihr Abitur. Da zu der Zeit die dänische Reifeprüfung an deutschen Universitäten noch nicht anerkannt wurde, Karin aber auf deutschen und dänischen Universitäten studieren wollte, legte sie nach einem weiteren

Die Tauschzentrale befand sich auf dem Holm auf der rechten Seite zwischen Rathausstraße und Südermarkt
Die Tauschzentrale befand sich auf dem Holm auf der rechten
Seite zwischen Rathausstraße und Südermarkt

Schuljahr an einem Abendgymnasium für Hochbegabte in Hamburg auch das deutsche Abitur ab. Ihre Neigung zum Schreiben – „ich wollte unbedingt einmal Schriftstellerin werden“ – vertiefte sie durch die Lektüre und auch mit eigenen Veröffentlichungen in der Studentenzeitschrift „FRONT OG BRO“ (Front und Brücke zwischen Deutschen und Dänen). Karin: „’Front og Bro’ wurde das Motto für mein Leben!“ Im Hinblick auf ihren späteren Berufswunsch promovierte sie an der Universität Kiel im Fach Englisch mit dem Thema: „Konstruktionsmotive des englischen Künstlerromans“. Zu ihrem großen Unglück aber verstarb ihr Doktorvater, der sich auf dieses sehr spezielle Thema eingelassen hatte. Schließlich konnte Prof. Broder Carstens, Anglist an der Hamburger Universität, als neuer Doktorvater gewonnen werden. Nach größten Anstrengungen hatte Karin nach vier Jahren ihren Doktortitel in der Tasche.

 

Die Schrecken des Krieges in Gedichtform verarbeitet

Karin verfasste über ihre Kindheitserinnerungen den in dänischer Sprache herausgebrachten Lyrikband „sindelag – Barn i Flensborg – 1939-1949 (Digte). Ich sprach mit ihr über einige einschneidende, für Flensburg typische Episoden aus dieser Zeit:

Schlageter-Platz (Burgplatz) unter den Nazis
Schlageter-Platz (Burgplatz) unter den Nazis

In ihrem Gedicht „Fjenden 1“ beschreibt sie ihren ersten Kontakt mit den Engländern. Gemeint sind die Tiefflieger! In Begleitung des Pflichtjahrmädchens sollte sie mit ihrem Bruder Kay eine Kochplatte zur Oma in die Bauerlandstraße bringen. Transportmittel war der Kinderwagen. Beim Überqueren des Schlageter-Platzes tauchten plötzlich Tiefflieger am Himmel auf. Karin bezeichnet sie in ihrem Gedicht als Todesvögel. Alle drei rannten in Panik über die Straße. Die Zurufe der Mutter, De ckung im nächsten Haus zu suchen hörten sie nicht. Ein Projektil zerfetzte den Mantel des Pflichtjahrmädchens, ohne sie zu verletzen. Das junge Mädchen ließ den Kinderwagen los, um das rollende Geschoss als Trophäe an sich zu nehmen. Schließlich fanden sich die Kinder im Keller bei Kaufmann Wiese in den Armen der Mutter wieder. Karin beschreibt in ihrem Gedicht auch die allgemeine Situation, die die Menschen scheinbar wie selbstverständlich und unabwendbar annahmen: … Eisklumpen unter den Fü.en in dünnen Schuhen. Kein Licht und nichts zu essen. Diphterie – und die Ärzte im Felde …

In „Flensborgnætter II“ (Flensburgnächte II) beschreibt Karin das Entsetzen im Treppenhaus, während sich die Bewohner mit Koffern, Kinderwagen und schreienden Babys in den Keller zwängen. Dabei lässt sie den kugelrunden, schwer kriegsverletzten Hausmeis ter, der die demente Mitbewohnerin auf dem Rücken die Treppe hinunter schleppt, nicht aus den Augen. Sie schreibt: Auch das Inferno kann mal zur Ruhe kommen. Dann tritt die Routine ein und alle warten auf Entwarnung! In einem dritten Gedicht zu diesem Thema erinnert sich Karin an Sattler Nikolaisen, „…in dessen Keller wir zwischen Reitpeitschen und Sattelzeug an feuchten Wänden lehnten. Die stumme Hälfte der Front sieht des Nachts nicht uns Kinder…” Mit der „stummen Hälfte der Front“ sind die alleingelassenen Frauen gemeint, deren Männer im Krieg sind! Karin erinnert sich daran, was die Frauen hinter vorgehaltener Hand über den Postboten im benachbarten Dorf sprachen. Der soll manchmal tagelang mit der Todesbotschaft in der Posttasche herumgelaufen sein, weil er es einfach nicht übers Herz gebracht hat den Brief abzugeben.

Karins Mutter wechselte 1920 von der deutschen auf die dänische Schule und schrieb ihr erstes dänisches Diktat fehlerfrei gleich ins alte Heft
Karins Mutter wechselte 1920 von der deutschen auf die dänische Schule und schrieb ihr erstes dänisches Diktat fehlerfrei gleich ins alte Heft

Nicht in Gedichtform überliefert aber in Karins Gedächtnis eingebrannt ist der 19. Mai 1943: Durch einen Volltreffer auf den einzigen dänischen Kindergarten der Stadt in der Werftstraße waren alle 15 Kinder und beide Erzieherinnen ums Leben gekommen. Die eine von ihnen war die Ehefrau des Direktors der Duborg-Skole. Sie war je zur Hälfte als Französischlehrerin am dänischen Gymnasium und zur anderen im Kindergarten beschäftigt. Die besondere Ironie ihres schicksalhaften Todes liegt im Thema ihrer letzten Französischstunde kurz bevor sie ums Leben kam: Die Novelle „La dernière classe“ („Der letzte Unterricht“) von Alphonse Daudet war gerade besprochen worden!

Karin: „Während dieses Angriffs waren wir alle im Keller. Die Bomben fielen rund um uns herum auf den Schlageter- Platz und in den Garten der Diako. Unser Haus blieb verschont. Aber alles Glas von den Fenstern, Spiegeln, das Porzellan und die Gläser im Schrank waren zerschlagen und Schränke und Kommoden weit von den Wänden abgerückt. Das Entfernen der Glassplitter aus den Polstermöbeln war eine spezielle Aufgabe. Glasermeister Eggen, der seine Werkstatt am Schlageter Platz hatte war über viele Wochen beschäftigt.

 

Das Ende des Tausendjährigen Reichs bescherte uns Kindern eine lange schulfreie Zeit

Flensborgnaetter II – Hausbewohner auf dem Weg in den Luftschutzkeller
Flensborgnaetter II – Hausbewohner auf
dem Weg in den Luftschutzkeller

Karin: „Als wir nach dem Zusammenbruch von allen Schulzwängen frei waren, haben wir mit offenen Augen und Ohren vom Leben gelernt. In Flensburg gab es Ausgebombte und Evakuierte, Flüchtlinge und die flüchtende Nazi-Elite, die sich über Skandinavien retten wollte. Verwundete Soldaten lagen überall in Notlazaretten, deutsche Soldaten wurden zu Gefangenen im eigenen Land! Sieger und Besiegte bevölkerten Flensburg; darunter befreite Gefangene aus Russland und Polen und befreite KZ-Häftlinge aus ganz Europa!“ Karin: „Es schien sich ein Meer von Hass, das nach Rache schrie aufzutun. Wir aber standen im Schutze unserer Kindheit!“

 

Tauschzentrale und Schwarzmarkt

Karin im traditionellen Russenkittel, ihre Mutter Mary und ihr Bruder Kay (heute als pensionierter Lehrer auf der Insel Læsø
Karin im traditionellen Russenkittel, ihre
Mutter Mary und ihr Bruder Kay (heute als
pensionierter Lehrer auf der Insel Læsø

Karins Eltern waren überglücklich, in der Tauschzentrale auf dem Holm eine elektrische Eisenbahn für ihren Sohn Kay ergattert zu haben. Die Überraschung zum Weihnachtsfest schien gelungen. Doch bereits nach der ersten Runde gab die Lok für immer ihren Geist auf! Auch auf dem Schwarzmarkt lief nicht immer alles wie gewünscht. Karins Tante hatte mit einem Bauern ein Tauschgeschäft „Fallschirmseide gegen 1 Pfund Butter“ abgeschlossen. Sie radelte über Land und überreichte ihr Bündel Seide. Zwei Tage später sollte sie dann ihre Butter bei einer Adresse im Nordergraben abholen. Dort überreichte man ihr verabredungsgemäß ein fest verschnürtes Päckchen. Als sie es zuhause geöffnet hatte, lag ein blanker Ziegelstein auf ihrem Teller!

 

Die Suche nach dem Vater

Karin: „Bei Kriegsende haben wir meinen Vater in allen umliegenden Internierungslagern gesucht. Wir liefen mit einem Plakat mit der Aufschrift „Wer hat Otto Johannsen gesehen?“ an den großen Zeltlagern in der Marienhölzung und Ostseebad entlang. Niemand konnte Auskunft geben.“ Umso unvergesslicher für Karin ist der Augenblick des Wiedersehens mit ihrem Vater. „Er muss kurz vor mir die Wohnung betreten haben. Er saß auf dem Wäschepuff im Schlafzimmer, weit nach vorne gebeugt mit dem Rücken zur Tür. Er war total abgemagert und abgerissen!“ Otto Johannsen verstarb im Jahre 1950. Sein Bruder und Geschäftspartner Carl Johannsen überlebte ihn nur um drei Jahre! Das Gespräch mit Dr. Karin Johannsen- Bojsen führte

 

Renate Kleffel  

Das mag ich
Das mag ich Ich liebe es Ich muss lachen Einfach WOW! Das macht mich traurig Das macht mich wütend

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