In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten.
In dieser Ausgabe hält Heike Lillmeyer Rückblick. Sie kam am 15.12.1942 in der
Glücksburger Straße 40 in Flensburg zur Welt.

Heike Lillmeyer ist eine handfeste Norddeutsche. Ihre Großeltern, die Eheleute Schröder, lebten von der Fischerei in Munkmarsch auf Sylt. Sie fuhren gemeinsam mit ihrem Boot raus aufs Meer. Nach ihrer Rückkehr am Morgen war es Großvaters Aufgabe einen Teil der Fische zu räuchern. Großmutter bereitete den restlichen Fang für den Verkauf im eigenen Fischgeschäft in der Friedrichstraße in Westerland zu. Die Großeltern arbeiteten so hart, dass sie sich kaum einmal Zeit für eine warme Mahlzeit gemeinsam mit der Familie gegönnt haben. Sie ernährten sich überwiegend von frischen Austern. Ihre vier Kinder, darunter Heikes Mutter Erna Marie, wurden von der ältesten Tochter versorgt. Sie machte auch den Haushalt! Zu der Zeit war Sylt nur auf dem Seeweg zu erreichen. Der Hindenburgdamm wurde erst im Jahre 1927 – nach vierjähriger Bauzeit eingeweiht!











Umzug der Großeltern von Sylt nach Flensburg

Heikes Großeltern mussten die Fischerei aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und die Insel Sylt verlassen. Sie zogen nach Flensburg, wo sie in der Glücksburger Straße 40 von der Stadt Flensburg ein Haus auf 99 Jahre Erbpacht übernehmen konnten. In diesem Haus wurde auch ihre Enkelin Heike als zweites von vier Kindern geboren. Sie ist heute unsere Chronistin!

Heikes 10 glücklichsten
Kinderjahre in der
Glücksburger Straße

Weil sich Heikes Mutter vor Bauchschmerzen nicht mehr auf den Beinen halten konnte, wäre die gute alte Hebamme, Frau Kösling beinahe viel zu früh gerufen worden. Die Hochschwangere hatte beim Backen der Weihnachtskekse einfach zu viel von dem Teig verschlungen! Heike kam erst einige Tage später zur Welt. Von der Hebamme gewickelt, wurde sie in ihren mit Schafsfellen und einer Wärmflasche ausgestatteten Kinderwagen gelegt und in die Gartenlaube geschoben. Draußen war es bitter kalt! Großvater und seine Skatbrüder, Pastor Wulf und der Schnapsbrenner aus der oberen Angelburger Straße, saßen in der Laube. Sie sollten aufpassen und Bescheid geben, wenn sich das Baby melden würde! Als das Skatspiel beendet war, kehrte der Großvater in die warme Küche zurück, wo er mit seinem selbst angesetzten Stachelbeerwein auf das Neugeborene anstoßen ließ. Dass der nur wenige Stunden alte Säugling immer noch draußen in seinem Kinderwagen schlief, war gar nicht bemerkt worden. Inzwischen hatte sich eine samtweiche Schneedecke über Heikes Kissen gebreitet. Der Schreck war groß, als das eingeschneite Baby entdeckt wurde. Aber Heike war bei ihrem Kaltstart ins Leben nichts passiert! Im Gegenteil! Sie liebt bis heute klirrend kalte Winter mit Eis und Schnee.

Fenster mit Blick zur
Adelbyer Meierei

Heikes erste Erinnerungen an ihre Kindheit in Großvaters Haus in der Glücksburger Straße 40 sind mit dem typischen Lärm aus der benachbarten Meierei verbunden. Das Poltern begann am frühen Morgen mit der Anlieferung der Milch. Die schweren Kannen wurden von den Lieferfahrzeugen auf die Rampe geladen und auf den Eisenrollen des Transportbandes in die Halle gelenkt. Waren sie zu dicht aneinander gestellt, schepperten und schlugen sie mit lautem Getöse gegeneinander. Dabei erreichte der Lärmpegel die gesamte Klaviatur des Möglichen. Auf ihrem Rückweg verursachten die sauber geschrubbten Kannen nicht weniger Lärm. Wenn dann eine auf dem Förderband aus dem Gleichgewicht geriet, und von der Rampe über das Kopfsteinpflaster des Hofes bis an die Mauer rollte, war das Getöse kaum noch zu überbieten. Heike hat diese „Klänge“ noch heute in den Ohren!
Der gepflasterte Hof war auch der Spielplatz der Kinder. Als der neue Meiereidirektor, Meierist Dresen, mit seiner Familie einzog, wurden dessen jüngste Tochter Marlis und Heike für immer beste Freundinnen. Die beiden Mädchen waren damals 5 Jahre alt und hatten wegen ihrer Streiche schnell die Namen „Max und Moritz“ weg! Eines Tages wollten sie die Zubereitung der Buttermilch-Graupensuppe, die von der Molkerei an die Milchgeschäfte geliefert wurde, übernehmen. Natürlich ohne Erlaubnis! So füllten sie die Graupen aus den bereitstehenden Getreidesäcken direkt in Vollmilchkannen, die danach ungeprüft an die Milchgeschäfte geliefert wurden. Die Einzelhändler merkten „die Verunreinigung“ der Milch durch den Zusatz der Graupen erst beim Verkauf an die Kunden. Die Freundinnen hatten mit ihrem Einsatz helfen und erreichen wollen, dass Marlis Vater ein bisschen mehr Zeit mit ihnen verbringen könnte. Nachdem die Schuldigen schnell gefunden waren, wurden die Mädchen durch dreitägigen Hausarrest voneinander getrennt.
An dem Haus der Großeltern war ein kleiner Anbau mit Waschküche und einer Toilette mit fließendem Wasser aus dem Spülkasten. Das war die erste moderne Toilettenanlage für dieses Haus. Einmal in der Woche war Badetag für die ganze Familie. Für das Reinigungsbad wurde die große Zinkwanne mit heißem Wasser aus dem Waschzuber gefüllt. Wenn im Sommer die Sonne das Wasser in der Zinkwanne erwärmen konnte, fand die Zeremonie draußen auf der großen Terrasse statt.
Die Glücksburger Straße war auch Spielstraße

Heike Lillmeyer spricht von der oberen und unteren Glücksburger Straße. Das ehemalige Haus der Großeltern, Nummer 40, steht in der Mitte. Hauptverkehrsmittel waren Pferd und Wagen. Wenn ein Auto kam, sprangen die Kinder schnell zur Seite. Im Tante Emma Laden gegenüber der Adelbyer Meierei kaufte sich Heike für 10 Pfennige braune Anis-Brustbonbons in der spitzen Tüte. Die Tüte fiel für Heike etwas größer aus, weil ihre Großmutter öfter mal für Tante Emma Essen kochte.
Das Schlafzimmer der Großeltern befand sich ganz oben unter dem Dach. Sie schliefen in zwei sich gegenüberliegenden Alkoven. An Omas Seite standen auf dem Nachttisch drei leere Gläser für die Bonbontüten. Auch Rocks und Himbeerbonbons waren bei den Kindern sehr beliebt. Während Oma ihren Enkelkindern fantastische Geschichten aus ihrem Leben erzählte, durften sie von den Bonbons naschen. Wehe aber, wenn eines der Enkel auf den Bonbons herumkaute, dann machte sie sofort Schluss – und die Kinder konnten abziehen. Als die Großmutter durch ihren zweiten Schlaganfall ihre Sprache verloren hatte, waren ihre Enkel sehr traurig. Nun konnte sie ihnen nur noch zuhören. Großmutter verstarb im Jahre 1952. Der Großvater folgte ihr nach kurzer Zeit. Er fiel bei einem seiner Spaziergänge in der Johannisstraße tot um.
Wenn die Großmutter auch die prägende Person im Hause gewesen ist, so stand der Großvater ihr in nichts nach. Wie Heike betont, soll er handwerklich ein Alleskönner gewesen sein. Er hat zum Beispiel die Bombenschäden am Haus repariert und für die Enkel das Spielzeug und deren Kinder- und Puppenwagen aus Holz gebaut. Und witzig genug soll er auch gewesen sein: Weil er nach einem Jahrmarktbesuch einmal nicht nach Hause gefunden hatte, soll er sich in der Leichenhalle vom St. Franziskus Hospital mit seiner selbst geschossenen Plastikblume in der Hand dort zum Ausnüchtern in einen leeren Sarg gelegt haben. Beim Aufwachen am nächsten Morgen sei die Nonne, die die in der Nacht Verstorbenen zur letzten Ruhe betten sollte, vor Schreck in Ohnmacht gefallen.

Besuch der dänischen Schule

Heikes Großmutter hatte dänische Wurzeln. Sie war in Gravenstein bei ihren dänischen Pateneltern aufgewachsen. Sie sprach Friesisch, Altdänisch und Deutsch. Mit ihren Enkelkindern sprach sie Deutsch. Was lag da näher, die Enkelin auf die dänische Schule in der Jürgensgaarder Straße zu schicken? Heikes Klassenzimmer hatte einen balkonähnlichen Vorbau, der über eine Treppe zum Schulhof führte. Heike hat ihren Klassenlehrer, Herrn Jacobsen, so abgöttisch geliebt, dass sie ihr Pausenbrot des Öfteren mit ihm geteilt hat. Das war im Jahre 1948. Für Heike besonders prägend waren ihre Sommerferien in Dänemark auf einem Bauernhof in der Nähe von Kolding. Ihre deutsch-dänische Pflegemutter hat ihrem Ferienkind Heike so viel Zuneigung und Herzenswärme entgegengebracht, dass daraus eine lebenslange Freundschaft entstanden ist. Für Heike zählen diese Ferienaufenthalte zu den unbeschwerten Tagen, Wochen und Monaten ihres Lebens. Ihren Schulwechsel nach der vierten Grundschulklasse von der dänischen Schule auf die deutsche St.-Jürgen-Mädchenschule hat Heike bedauert. Ihre Mutter aber hatte sich gegen sie durchgesetzt. Die hatte an später gedacht, an mögliche Bewerbungsschreiben ihrer Tochter, die in gutem Deutsch vorgelegt werden sollten. Sie bezweifelte, ob Heike diesen Anforderungen gerecht werden würde – auf der dänischen Schule hatte sie „Deutsch als Fremdsprache“!
Umzug in die
Kanzleistraße 12-14

In der Nachkriegszeit war das Leben auch in der Kanzleistraße von Bescheidenheit geprägt. Wegen der vielen Flüchtlinge mussten die Menschen eng zusammenrücken. Die wenigen kleinen Tante Emma Läden hatten die Menschen zu versorgen. Eine Besonderheit war damals schon, dass ein Schlachter Rindertalg ohne Lebensmittelkarten abgab. Als Brotaufstrich verzehrt, klebte der noch lange unter dem Gaumen. Heike erinnert sich an die Schrebergärten am Krummen Weg. Wo es an reifen Früchten etwas zu naschen gab, waren die Kinder zur Stelle. Gleich in der D-Mark-Zeit zog es die Kunden in die Kappelner Straße, wenn Bäcker Rollbicki zwei Tage altes Brot zu Niedrigpreisen über den Ladentisch schob.
Eine Lehrstelle mit
Kleiderordnung

Heike machte ihre kaufmännische Lehre bei Speck & Söhne – einem Spirituosenhersteller, Groß- und Einzelhändler in der Feldstraße. Zur Belegschaft zählten der Chef und dessen Ehefrau sowie zwei weibliche Lehrlinge. Das Büro befand sich in einem zugigen, sehr kalten Raum, der von reinen Alkoholdämpfen aus der Rumherstellung durchzogen war. Heike erinnert sich an die Wohltat, wenn sie nach Dienstschluss auf dem Heimweg ihren benebelten Kopf auslüften konnte. Ihr Arbeitsplatz war so kalt, dass sie sich unter ihren Kleidern nie warm genug anziehen konnte. In dieser Firma wäre es natürlich für die Frauen dringend notwendig gewesen, lange Hosen zu tragen. Doch, mit Hosen zur Arbeit zu kommen hatte der Chef seinen Mitarbeiterinnen ein für alle Mal verboten. Für Heike hatte diese absonderliche Kleiderordnung eines Tages die Folge, dass sie während des Unterrichts in der Berufsschule zusammengebrochen ist. Nach abgeschlossener Lehre arbeitete sie später bei verschiedenen Flensburger Unternehmen.

Die jungen Leute gingen hin wo was los war

Der „Grogkeller“ am Südermarkt oder das „Löwenloch“ an der Ecke Holm/Rathausstraße waren Anziehungspunkte für die jungen Leute. Größere Tanzvergnügen fanden im Deutschen Haus statt – kleinere im Lokal „Ruhetal“. Für den Tanztee waren die Rosenterrassen eine gute Adresse. Zum Baden in Soli-
tüde ging es mit der Straßenbahn. Sport trieb Heike im Flensburger Hockey- und Tennisclub ,FHTC, am Volkspark.

Als Wolfgang Lillmeyer
in Heikes Leben trat

Im Jahre 1973 tauchte der aus Hamburg zugereiste Augenoptiker Wolfgang Lillmeyer in Flensburg auf. Heike brauchte eine neue Brille, Lillmeyer passte seiner neuen Kundin ein schickes Modell an, und sechs Wochen später waren die beiden ein Ehepaar. Den Entschluss, so schnell zu heiraten, hatte der Wohnungsmakler Walter Naeve herbeigeführt. Die von ihm in Aussicht gestellte Mietwohnung in der Clädenstraße 4 stand seinen Vorgaben nach nur für ein Ehepaar zur Verfügung!

Heike startet noch
einmal durch

Die Decke sollte ihr nicht auf den Kopf fallen. Als die Zwillinge Caterina und Katja herangewachsen waren, startete Heike noch einmal richtig durch. Ihren ersten aufregenden Auftritt hatte sie ganz unvorbereitet im Jahre 1987 auf der „Fördeschau“ auf der Exe. Eine große Modenschau war angesagt. Tragbare Moden für die reifere Frau in jeder Konfektionsgröße waren angesagt. Die Veranstalter, Flensburger Kaufleute, hatten namhafte Künstler wie Ilse Werner und Bernhard Brink sowie eine bekannte Mannequintruppe unter Vertrag genommen. Wolfgang Lillmeyer arbeitete bei Optik Ehler, dessen Brillen von den Mannequins vorgeführt werden sollten. Heike stand hinter der Bühne, um die jeweils passenden Brillen für die Präsentation bereitzuhalten. Die Besucher hatten ihre Plätze längst eingenommen – und das Unglaubliche nahm seinen Lauf. Der Bus mit den Mannequins war auf dem Weg nach Flensburg steckengeblieben. Bevor aber die Modenschau abgesagt werden musste, kam rettende Hilfe aus dem Publikum. Frauen mit den entsprechenden Konfektionsgrößen wurden hinter die Bühne gebeten und in die bereitliegenden Kleidungsstücke gesteckt. Unter ihnen auch Heike, die ja schon hinter der Bühne stand. Sie spürt heute noch die Anspannung, wie es ihr und den anderen Frauen ergangen ist, sich in solch einer Situation unvorbereitet über den Laufsteg zu bewegen.
Dieser ersten Fördeschau, die alle zwei Jahre auf der Exe stattfinden sollte, folgten zwei weitere.
Flensburg ist klein. Wolfgang Lillmeyers liebste und treueste Brillen-Kundin bei Ehler Optik war Frau Beate Uhse–Rotermund. Aus der Beraterfunktion hatte sich über drei Jahrzehnte eine sehr persönliche Freundschaft zwischen Beate Uhse und den Lillmeyers entwickelt. Bis zu ihrem Tod am 16. Juli 2001 war Beate Lillmeyers Kundin. Sie kam nie ohne ihren kleinen Stahlkoffer, in dem sie ihr komplettes Büro bei sich trug.
„Beate, hast du Arbeit
für mich?“

Heike hatte als spontanes Modell auf der Fördeschau genug Mut bewiesen. Danach scheute sie sich nicht, Frau Rotermund nach einer möglichen Beschäftigung in ihrem Unternehmen zu fragen. Das war 1995. Nach kurzer Ein-
arbeitung stand Heike als erwachsene Frau ganz vorne am Beratungstresen im berühmten Flensburger Sexeck in der Gutenbergstraße.
Inzwischen sind viele Jahre ins Land gegangen. Heike und Wolfgang genießen den traumhaften Blick vom 7. Stock ihres Hochhauses im Timm-Kröger-Weg. Rechts liegt die Marienhölzung vor ihnen, geradeaus die Handewitter Kirche. Auf der linken Seite können sie das Starten und Landen der Flugzeuge und die Fallschirmspringer von Schäferhaus beobachten. Die Augenoptik allerdings lässt Wolfgang Lillmeyer immer noch nicht ganz los! Einmal in der Woche bedient er seine treuen Kunden bei Ehler Optik in der Mürwiker Straße 114.

Das Gespräch mit Heike Lillmeyer
führte Renate Kleffel

Das mag ich
Das mag ich Ich liebe es Ich muss lachen Einfach WOW! Das macht mich traurig Das macht mich wütend

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