André Schlegel mit der Hinterlassenschaft von Gerty Molzen
André Schlegel mit der Hinterlassenschaft von Gerty Molzen

Mit Sätzen wie diesen ist die „Petuh-Tante“ Gerty Molzen in Flensburg bekannt geworden. Berühmt allerdings wurde sie als Rock-Lady im gehobenen Alter von 80 Jahren.
Begonnen hat ihre Karriere mit einer soliden Ausbildung als Sängerin. Ihr Vater, ein angesehener Flensburger Reeder, entdeckte das Talent des Energiebündels Gerty, die lieber mit Jungs spielte als mit Puppen und sich auf den Straßen Flensburgs mit Gleichaltrigen raufte. „Ich wäre lieber ein Junge geworden“, sagte sie in einem NDR-Interview anlässlich ihres 80. Geburtstages 1986. Doch das war Anfang der 20er Jahre nicht „opportun“. Opportun war es zu jenen Zeiten auch nicht, sich als Frau ans Steuer zu setzen. Als einige der wenigen Ausnahmen stellte der Polizeipräsident von Berlin-Charlottenburg ihr am 22.10.1927, also im Alter von 21 Jahren, den Führerschein für „Kraftwagen mit Verbrennungsmaschinen“ aus. Nach dem Motto „brave Mädchen kommen in den Himmel, unangepasste überall hin“, lebte Gerty Molzen ihr Temperament bei Gesangsstudien in Berlin, München und Mailand aus. Ihr erster Auftritt führte sie an die Förde zurück. In der Marienkirche gab sie 1930 ihr erstes Konzert. Ihre Stimmlage war Alt und die setzte sie bei Opern­engagements in Koblenz und Saarbrücken ein. Mehrere Jahre lang sang und spielte sie in der „Zauberflöte“, „Arabelle“ oder im „Zigeunerbaron“.
Einer der ganz Großen des Theaters, Gustav Gründgens, entdeckte Gerty Molzens komische Seite.
Bevor sie ihre komödiantischen Fähigkeiten ausleben konnte, kam sie 1938 auf die Leinwand, als Gesangs-Double für die Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt im Film „Der Schritt vom Wege“. Mit Gute-Laune Auftritten unterhielt sie die Truppe an der Kriegsfront.
„Das war selbstverständlich, dass wir das machten“, sagte sie 1986. Die humorigen Stunden mit der Flensburgerin dürften so manchem Landser über die schwere Zeit seiner Einsätze hinweggeholfen haben. Einen politischen Auftrag sah sie in ihren Auftritten nicht.
Gerty Molzen war mit ganzem Herzen dem Norden verpflichtet und erhellte den oft grauen Alltag der Kriegs- und Nachkriegszeit mit ihren literarischen Ergüssen und den Erinnerungen an die Zeit der Petuh-Tanten, den Fahrten mit dem Salondampfer über die Förde, den späteren Butterfahrten. Ihr ist es mit zu verdanken, dass das in Flensburg verwurzelte Kauderwelsch aus Plattdeutsch, dänischer Satzstellung und eigenen Wortschöpfungen bis heute überlebt hat. In ihren Büchern und Fernsehauftritten ließ sie auch Nicht-Nordlichter an dieser einzigartigen Sprachwelt teilhaben.

André Schlegel mit Gertys Nachlass
André Schlegel mit Gertys Nachlass

 







„Is doch Szünde!“, wenn das alles verloren ginge

Das tut es nicht. Denn Gerty Molzen hat einen großen Koffer hinterlassen, in dem nach ihrem Tod 1990 alles gesammelt wurde, was sie an Dokumenten, Zeitschriftenausrissen, Tonbandaufzeichnungen und Fotos hinterlassen hat. Vor allem aber Dutzende von Tagebüchern mit minutiösen Aufzeichnungen ihrer Schaffensperiode, ein noch ungehobener, weil nicht ausgewerteter Schatz an Zeitdokumenten des 20. Jahrhundertes.
André Schlegel, heute 44, lernte durch einen Zufall Gerty Molzen als 17-jähriger kennen und kam seitdem nicht mehr von ihr los, folgte ihren Auftritten und kam auch persönlich der Künstlerin so nahe wie kaum ein anderer. Er hat von der Familie Molzens dieses Erbe übernommen und beginnt es nun, Dokument für Dokument aufzuarbeiten.
Die Vielfalt ihres Schaffens wird in der Bio-, Filmo- und Discografie Gerty Molzens deutlich. Sie hat auf der Leinwand nicht nur ihre Stimme geliehen, sondern auch aktiv Rollen übernommen. Mehr als zehn Filme weist ihre Filmografie aus. Vom „Polizeirevier Davidswache“ (1967), über „Bismarck von hinten oder Wir schließen nie“ (1974), „Hamburg Transit“ (1974) – „Hochsaison“ (1974), „Sonderdezernat K1“ (1 Folge, 1977), Wim Wenders „Der Amerikanische Freund“, Der (1977), „Fall Bachmeier – Keine Zeit für Träne“, Der (1984), „Der Landarzt (1987) bis zu „POLSPRUNG“ (1990).
Die Premiere des letzten Films in Berlin hat Gerty Molzen nicht mehr miterleben dürfen. Sie starb am 31. Juli jenes Premierejahres.
Mehr als elf Schallplatten tragen ihr Markenzeichen. Sie verkörpert mit ihrem Gesang die „Rote Lilly“ oder bietet „Songs von der Waterkant.“ Den durchschlagenden Erfolg jedoch erreichte sie mit ihren Auftritten als „Rock Oma“. Produzent und Musiker Gerd Plez, mit richtigem Namen Gerhard Folke Plätz, entdeckte die damals 78-jährige für die Rockbühne. Plez war Mitglied der Songgruppe „Hong Kong Syndikat“, die in den 80er Jahren international Erfolge feierte.
Als der Sänger und Produzent auf Gerty Molzen stieß, überredete er sie, einen englischsprachigen Song aufzunehmen.
„Ich hatte keine Ahnung, was ich da singe“, erinnert sie sich bei ihrem 80. Geburtstag. Das merkt man auch beim Zuhören. Aber gerade diese „schräge“ Interpretation des Lou Reed-Klassikers „Take a walk on the wild side“ verschafft Gerty Molzen einen unerwarteten und internationalen Spät­erfolg. Die Auftritte wirken wie eine Parodie. Das jedoch ist Gerty Molzen zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst. Sie kämpft sich mit altersgemäßem Hüftschwung, brüchiger Stimme, aber voller Elan durch den Text. Die Menschen jubeln, verschaffen ihr Auftritte im New Yorker „Palladium“ und im Londoner „Hippodrome“. Sie kann es nicht fassen, ihre Schallplatten verkaufen sich wie geschnitten Brot. „So’n Aggewars!“, muss sie gedacht haben bei all der Aufmerksamkeit bei Presse und Publikum, Aufmerksamkeit, die bis Japan reichte. Es blieb nicht bei einer Platte. Gemeinsam mit ihrem Produzenten legte sie nach und altrockte mit „Do you really want to hurt me“.
Mit diesem Erfolg schloss sich der Kreis und ließ ihr kabarettistisches Talent noch einmal aufleben.
Im Kern gehörte ihre Liebe den leisen Tönen, denen des Chansons, des Couplets, Liedern mit Tiefgang und Sprachwitz, tief verwurzelt in der Tradition der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts.
„Groß sein im Kleinen“, war ihr Lebensmotto, das sie perfekt umgesetzt hat.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Privat, Dieter Wilhelmy

Empfehlung:
Alle Lieder von Gerty Molzen auf CD
Gerty Molzen – von Flensburg nach New York, Lieder aus 60 Jahren Bühne,
Sun Day Records, erhältlich im Flensburger Schiffahrtsmuseum.

Das mag ich
Das mag ich Ich liebe es Ich muss lachen Einfach WOW! Das macht mich traurig Das macht mich wütend

Weitere Artikel anzeigen
Lade mehr Aktuelles

Jetzt gleich kommentieren:

avatar
  
smilegrinwinkmrgreenneutraltwistedarrowshockunamusedcooleviloopsrazzrollcryeeklolmadsadexclamationquestionideahmmbegwhewchucklesillyenvyshutmouth
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Auch interessant

Klimaschutz geht uns alle an

Der Sommer 2018 – Endgültige Bestätigung für den „Klimawandel“? Im Jahr 2018 erleben wir i…