Annie, die Legende von Hotdog-Havn

Jeder in der Region kennt Annie’s Kiosk, das ist der Kiosk den Ochseninseln gegenüber, wo man bei einem Ausflug Hot-Dogs und andere Würstchen kaufen kann, und das Ganze dann mit einem Softeis, evtl. mit „Lakritsdrys“, abschließt.

Dieses Eis schleckt man in Sønderhav, doch diese gelbe Imbissbude hat es geschafft, dass der Ort vom Publikum im Laufe der Jahre zu Hot-Dog-Havn umbenannt wurde.











Annie hat mir erzählt, dass diese Namensgebung den Offiziersanwärtern der Marineschule Mürwik auf der anderen Seite der Förde zu verdanken ist. Diese hatten in früheren Jahren einmal im Jahr mit Segelbooten ein „Hot-Dog-Race“ über die Förde veranstaltet, und bei der Gelegenheit diese Ortsbezeichnung aus der Taufe gehoben.

Wer aber kennt die Geschichte von diesem kleinen Kiosk, wer ist eigentlich Annie, gibt es die wirklich? Ja die gibt es, und da muss man mal etwas weiter ausholen.

Vor ziemlich genau 80 Jahren beehrte der dänische König Christian X. den südlichen Landesteil seines Reiches mit einem Besuch, Anlass war die Eröffnung des „Fjordvejen“, einer Landstraße, die von Kollund über Sønderhav bis nach Rinkenæs führt, und die überwiegend am Ufer der Flensburger Förde gelegen, wohl eine der landschaftlich schönsten Straßen der Region ist.

Im Jahr der Eröffnung, 1933, legten noch die Schiffe der Flensburger Dampferflotte mehrmals täglich am Anleger in Sønderhav an, um Gäste aussteigen zu lassen, die sich dann häufig von dort per Boot auf die große

Kong Christian X. Als er 1933 den Fjordvejen einweihte, legte er unbewusst das Fundament für Annies Kiosk

Ochseninsel übersetzen ließen, um den Tag bei „Æblekæge“ oder einem oder zwei Tuborg zu genießen.

Da dies also schon von Beginn an ein gern besuchtes Ausflugsziel hauptsächlich wohl der Flensburger war, kam der Waldarbeiter Reinhardt Petersen schon 1936 auf die Idee, dort einen „Pølsevogn“ aufzustellen.

Dies war eigentlich kein Wagen, sondern eine winzig kleine Bude mit zwei Verkaufsluken. Es war der erste Kiosk, der in unmittelbarer Nachbarschaft der Dampferbrücke eröffnet wurde, und die ersten Kunden mögen zu den in Flensburg bekannten Petuh-Tanten gehört haben. So war es logisch, dass eine der Luken zur Dampferbrücke zeigte, über die zweite Luke wurden die Gäste der Landseite bedient, dies blieb so, bis 1945 der heutige Kioskstandort bezogen wurde.

Dort gab es reichlich Parkmöglichkeiten, wenn dies auch in der damaligen Zeit vermutlich noch nicht unbedingt so notwendig gewesen ist.

1966 suchte ein 15-jähriges Mädchen mit Namen Annie Bøgild eine Beschäftigung, sie arbeitete bis dahin im Andenken- und Tabakladen rechts neben einem Geschäft in Krusaa, das später als RITA`s Supermarkt in der Region einige Berühmtheit erlangte.

So recht glücklich war diese Annie in dem Laden nicht, es gab viele Regalmeter, die ständig vom Staub befreit werden mussten, das war wohl eine recht eintönige Arbeit, und so sah sie sich nach einer anderen Beschäftigung um. Sie erkundigte sich nach dem Kioskbesitzer Reinhardt Petersen.

Da es zu der Zeit noch winterlich war, und der Kiosk in dieser Jahreszeit nicht geöffnet war, fuhr dessen Besitzer wie damals viele andere auch, gerne einmal als Gast mit einem der Butterdampfer, die in Dänemark den Namen „Spritbåd“ trugen. So ging auch Annie an Bord, suchte und traf tatsächlich Reinhardt Petersen und fragte ihn, ob er sie nicht als Aushilfe gebrauchen und anstellen könne.

Oh ja, das könne er, Annie könne in vier Wochen anfangen, das wäre der

1. April, und der Termin für den Saisonstart des Kiosk.

Als Annie daraufhin beklagte, dass sie in dem Fall für vier Wochen keinerlei Einkommen haben würde machte Reinhardt Petersen eine Ausnahme, und öffnete in dem Jahr 1966 Annie zuliebe schon am 1. März, und damit begann für Annie eine Erfolgsgeschichte, die nun schon bald fünfzig Jahre anhält.

Ihr erster Verdienst betrug übrigens 450.- Dkr im Monat, heute wären das so etwa 60 Euro.

Wenn in den ersten Jahren der Kiosk im Winter geschlossen hatte, verkaufte Annie beim nicht weniger bekannten Bäcker Bang in Padborg Rundstykker und Wienerbrød.

Etwa zehn Jahre nach dem Beginn ihrer Tätigkeit, als Annie schon viele tausend Hot-Dogs verkauft hatte, machte Reinhardt Petersen sie zur Miteigentümerin. 1984 übernahm Annie Bøgild das Geschäft vollständig, der Gründer starb ohne vorherige  Krankheitsanzeichen nur drei Monate später.

 

Eine Institution

Annie’s Kiosk ist nicht einfach ein Kiosk, er ist eine Institution. Wenn zu Beginn in den 30er Jahren vielleicht die Menge der Kunden Laufkundschaft war, so darf man heute davon ausgehen, dass die große Mehrheit der Wurst- und Softeisesser Stammkunden sind.

Annie erzählt, dass sie fast alle Kunden kennt, allerdings nicht mit ihren Namen, oft weiß sie nicht einmal, ob einer der Gäste aus Dänemark oder aus Deutschland kommt, aber: „Ich kenne die Gesichter, alle sind meine Freunde, ich erkenne sie immer wieder, auch wenn ich nicht einmal ihre Namen kenne.“

Dabei machen die Motorradfans zumindest in der Sommersaison sicher einen guten Teil der Grundauslastung aus, den Anfang der motorisierten Gäste machte in den 70er Jahren ein Motorradclub, und dann hörte es nicht mehr auf. Die wunderschöne Strecke unmittelbar an der Flensburger Förde lockt Radfahrer, Autofahrer, Wanderer und Motorradfahrer gleichermaßen, und an einem Tag in der Woche wird der Parkplatz zum „Sehen und gesehen werden“ für 300, 400 oder mehr motorisierte Zweiradfahrer, mehr als 500 gepflegte Donnerbüchsen wurden auch schon einmal gezählt, ein Mitarbeiter der Flensburger Touristik-organisation weiß von einem Tag mit ca. 1.000 motorisierten Zweirädern zu berichten.

Diese Zweiradinvasion findet immer am ersten Sonntag eines Monats, und in etwas verminderter Form auch an jedem Dienstag in der Sommersaison statt.

 

Bekannt wie ein bunter Hund

Was macht neben der Landschaft den unglaublichen Erfolg eines kleinen Kioskes aus, der so bekannt ist, dass nicht nur in seinem Heimatland Dänemark, sondern auch in Deutschland in vielen Publikationen wie der WELT, der taz, im NDR Fernsehen, im Marco Polo Reiseführer und in anderen Medien über ihn berichtet worden ist? Zunächst muss man wohl die Inhaberin Annie Bøgild selbst nennen, in der Zeitung „Aabenraa Ugeavis“ vom  18. August 2010 schreibt dazu Knud Barfod: „En god pølse og en nips kærlighed“  etwa „…eine gute Wurst und ein Schuss Liebe.“

Annie Bøgild bezieht ihre Waren aus der Region, lokale Bäcker und Schlachter sind ihre Lieferanten, und auf Fertigprodukte wird weitgehend verzichtet.

Dieses Qualitätsbewusstsein erbrachte dem kleinen Kiosk am Fördeufer bei den im Jahr 2010 abgehaltenen 2. dänischen Hot-Dog-Meisterschaften im Vergnügungspark TIVOLI in København gegen harte Konkurrenz den fünften Platz, immerhin hatte sogar ein dänischer Sternekoch am Wettbewerb teilgenommen, und einer ihrer dankbaren Kunden hat ihr einen Michelin-Stern auf dem Computer selbst gebastelt, und den Ausdruck im Windfang neben der Softeis-Luke angebracht.

Annie kann man an vielen Tagen immer noch in ihrem Kiosk sehen, nur den Tag mit bis zu 14 Arbeitsstunden an bis zu sieben Tagen in der Woche, den mag sie sich nicht mehr zumuten, und das muss wohl auch nicht sein, wenn man in wenigen Jahren das Rentenalter erreicht hat.

„Ich gönne mir, was ich nie habe denken können, jetzt immer mein freies Wochenende“, sagt sie, und weiß dabei den Kiosk in den Händen von bis zu fünfzehn studentischen Mitarbeitern, die in einem gut organisierten Schichtbetrieb zusammen mit Annies Schwester dafür sorgen, dass die Kunden versorgt werden.

Das Badehotel Waldhaus in Süderhaff, Foto von Wilhelm Dreesen 1895, da hat noch niemand an Hot-Dog-Havn gedacht

Ein freies Wochenende? Dies war nicht immer so, und Annie gibt zu, dass sie vor langer Zeit sogar bei der Beerdigung eines nahen Verwandten nicht teilnehmen konnte, weil es einfach zu viel Arbeit gab, dazu stellt sie fest: „Man stirbt nicht von Arbeit, sondern wenn man damit aufhört.“

Und dennoch. Auf meine Frage stimmt sie zu, dass mindestens 50% ihrer Arbeit immer noch Hobby ist, und als ich das Lachen in ihrem Gesicht sehe weiß ich, dass der Prozentsatz wohl viel zu niedrig angesetzt ist. Die Kunden, ob sie nun in Motorradkluft oder im Sommer sonnenverbrannt in Badehose geduldig in kø stehen, (schlangestehen) und auf ihre Bestellung warten, sind ihr ans Herz gewachsen.

 

Aufhören, den Ruhestand genießen? 

Auf diese Frage kommt ein mehr als entschiedenes „Nein“, auf keinen Fall. Sie erzählt, dass immer mal wieder diese Frage gestellt wird, aber ihr „Niemals“ kommt so kämpferisch und deutlich, dass daran kein Zweifel erlaubt ist.

„Aufhören? Nicht einmal wenn ich im Rollstuhl sitze oder einen Rollator benutzen muss, ich höre nicht auf, und außerdem verkauft man nicht seine Kinder.“ (Basta sagt sie nicht, aber es hätte gepasst)

Diese eindeutige Stellungnahme kommt sicher auch daher, dass Annies Tätigkeit von Beginn an weitaus mehr als Broterwerb war, die Kunden, immer wieder die Kunden.

Meine Frage nach Prominenz am Kiosk beantwortet Annie mit einer langen spontanen Aneinanderreihung von prominenten Namen.

Tochter (Prinzessin Alexandra) und Schwiegersohn von Prinzessin Benedikte und Prinz Richard von Berleburg, Prinzgemahl Henrik mit uniformiertem Fahrer und Hund, – weder Prinz noch Hund haben allerdings eine Ringrider oder einen Hot-Dog geordert –, der frühere  Regierungschef Poul Hartling (1914-2000), der Außenminister und auch einmal Regierungschef Dänemarks, war da, und noch so viele mehr.

Manche Kunden sind zwar nicht prominent, aber doch erwähnenswert. So erzählt Annie mir von einer Dame, die in København mit 72 (!!!) Jahren den Motorradführerschein gemacht hatte, nur um den Kiosk zu besuchen, von dem sie schon so viel gehört hatte. Diese Dame kam tatsächlich angeknattert, aß einen Hot-Dog, übernachtete in einem nahen Gästehaus, und fuhr an nächsten Tag glücklich zurück nach København.

Eine andere Geschichte erzählt vom Bekanntheitsgrad der gelben Wurstbude sogar in Afrika.

Eines Tages fragte ein junges Mädchen nach einer Aushilfstätigkeit bei Annie an, sie wolle Geld für eine Reise nach Ghana zusammensparen, das Mädchen bekam den Job. Monate später kam sie zurück und erzählte Folgendes: „Ich habe in Ghana bei einem Nissan Autohändler gearbeitet. Einer der Ghanaer fragte mich, woher ich käme, ich hätte so helle Haut, und ich erzählte ihm, ich sei aus Dänemark.

Da sagte mir der Ghanaer, er hätte Verwandte in Hamburg, das sei dicht bei Dänemark, und immer wenn er in Hamburg sei, würde er nach Dänemark fahren, um Hot-Dogs zu essen, die gebe es in einem Kiosk in einem Ort mit Namen Sønderhav. Die Welt ist klein, oder?

 

40-jähriges Jubiläum in 2006

Die Sympathie zu Annie kommt von ihren Kunden, im Jahr 2006 feierte sie in einem großen Partyzelt neben dem Kiosk ihr 40-jähriges Jubiläum.In einem Motorrad mit Beiwagen, der mit Girlanden geschmückt war, fuhren Gäste mit ihr eine Ehrenrunde, und die von Annie bestellte Blaskapelle spielte auf.

Dann kam ein Shantychor in Sicht, und Annie erkundigte sich bei den vielen Sängern, wohin sie sollten, und ob sie möglicherweise von den Ochseninseln bestellt worden seien, nein, das waren sie nicht.

Der ganze Shantychor war von Annies Mitarbeitern engagiert worden, und sang nur ihr zu Ehren.

Einmal kam ein Bus vorbei, in dem ein amerikanischer Chor aus Mississippi saß, natürlich probierten die Sänger auch Hot-Dogs. Zum Dank baute sich der Chor vor dem Kiosk auf, und sang nur für Annie ein Ständchen, „Da musste ich vor Rührung schlucken“, sagt Annie.

Dann frage ich sie nach ihrer Familie.

Ihr Sohn will den Kiosk nicht, der arbeitet als Ingenieur in København, und das findet Annie gut, „jeder muss das machen, was ihm Spass macht“, sagt sie.

Ihr Mann Mogens, der vor seinem Ruhestand landwirtschaftliche Maschinen verkauft hat, ordnet den Haushalt und übernimmt die kleinen Reparaturen im Kiosk, und am eigenen Motorboot hat er auch viel gearbeitet, das steht jetzt aber zum Verkauf.

Früher hatten Annie und Mogens Bøgild ein blank poliertes Luxusschiff, „da blieben die Bekannten plötzlich weg, die trauten sich nicht an Bord, da haben wir das Schiff abgegeben. Ich brauche ein Schiff, das ich auch einmal mit Holzschuhen betreten darf“, lacht sie, und man spürt ihre Bodenständigkeit.

In der Freizeit sind Annie und ihr Mann Mogens früher in einem Ford-A- Modell des Baujahres 1929 unterwegs gewesen, heute sieht man sie bei Oldtimertreffen in einem roten Ford Mustang Baujahr 1966.

Der Kiosk heute

Wer so mitten im Leben steht, der wird noch lange Hot-Dogs, Ringrider und Softis verkaufen, und viele viele Kunden beiderseits der Grenze werden es Annie danken.

 

Hans Erhard Henningsen 


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