Gisela Piepiorka
Gisela Piepiorka

Happy birthday! Unsere Chronistin Gisela Piepiorka wird am 28. Juni 90 Jahre alt

Es war wieder einmal eine glückliche Fügung, in der gebürtigen Flensburgerin Gisela Piepiorka eine Zeitzeugin gefunden zu haben, deren Erinnerungen sich an die guten und an die finsteren Jahre wie ein roter Faden durch unsere Stadt ziehen. Der Bogen spannt sich über 90 Jahre! Davon lassen sich rund 47 Jahre auf ihr Leben (und Miterleben des November-Progroms von 1938) und ihr geschäftliches Wirken (Mittagstisch Backhaus) auf die Große Straße 15-19 fokussieren. Heute lebt Gisela mit ihrem Ehemann Karl Piepiorka in einer geräumigen Etagenwohnung im Südergraben direkt gegenüber vom Gerichtsgebäude. Im Rundumblick schaut sie auf Südermarkt und Holm bis hinauf nach Jürgensby!
Gisela Piepiorka und ihre um drei Jahre jüngere Schwester Gerda sind in ihrer Familie die ersten gebürtigen Flensburgerinnen. Sie kamen im Haus Bismarckstraße 52 zur Welt und wuchsen auf Jürgensby auf. Im Jahre 1932 – Gisela war 8 Jahre alt – bezog Familie Backhaus zunächst eine Wohnung im Nordergraben, deren Hof sich im direkten Anschluss an den Hinterhof des Hauses Große Straße 15–19 befand. Als nach zwei Jahren die Möglichkeit bestand, die gesamte zweite Etage des Vorder- und Hinterhauses Große Straße 15-19 zu mieten, zogen Backhaus dort ein.
Giselas Großvater mütterlicherseits (Jahrgang 1864) lebte als Kutscher in Hamburg. Ihre Eltern hatten sich im „Hotel Ostseebad Heiligendamm“ kennengelernt wo ihr Vater Fritz Backhaus als Küchenchef tätig war. Ihre Mutter Minna arbeitete als Kalte Mamsell in der Hotelküche. Sie war gelernte Köchin.
Im Jahre 1920 trat Fritz Backhaus in Flensburg die Stelle als Küchenchef im „Hotel Flensburger Hof“, Norderhofenden 1 an. Besitzer des Hotels waren die Gebrüder Grabbe. Der Flensburger Hof verfügte über 80 Zimmer, Salons und ein Weinrestaurant. Es gab einen Personen-Fahrstuhl, Zentralheizung, fließend kaltes und warmes Wasser auf den Zimmern sowie besonders ausgestattete Zimmer mit Privatbad! Für an- und abreisende Gäste waren hoteleigene Autos zwecks Personen- und Gepäckbeförderung in Betrieb. Fritz Backhaus hatte es geschafft, Küchenchef im vornehmsten Haus am Platz zu sein! Auf dieser wirtschaftlichen Grundlage konnten Fritz und Minna in Flensburg heiraten und sich in der Bismarckstraße eine Wohnung mieten.
Als der Großvater 14 Tage vor Giselas Geburt verstarb, löste die Großmutter ihren Haushalt in Hamburg auf und zog zu ihren Kindern. Sie verstarb 1937.
Gisela erinnert sich noch heute an den Weg, den sie Hand in Hand gemeinsam mit ihrer Schwester Gerda von der Bismarckstraße bis runter zum Hotel Flensburger Hof gelaufen ist, um den Vater während der Arbeit kurz mal zu besuchen. Sie mussten die Jürgensbytreppe hinunter und durch einen heute längst verschwundenen Tunnel, an dessen Ende der freundliche Schutzmann winkte, um die Kinder über die Straße zu geleiten. Am Hotel Flensburger Hof angekommen, gelangten die beiden Mädchen durch einen seitlichen Torbogen in den Innenhof des Hotels. Die große Hotelküche befand sich im Parterre, sodass die Kinder von außen durch die Fenster ihrem Vater bei der Arbeit zuschauen konnten! Den Heimweg legten die Kinder mit der Straßenbahn bis zur Haltestelle Bremer Platz zurück.







Eheleute Heinrich und Hilde Lazarus mit Sohn Manfred
Eheleute Heinrich und Hilde Lazarus mit Sohn Manfred

Giselas Kindheit in Flensburg

Gisela fühlte sich als Kind schon in besonderer Weise vom Theater angezogen. Als sich für Kinder die Möglichkeit eröffnete, nicht nur als Zuschauer sondern auch aktiv mitzuwirken, war sie sofort dabei. Sie spielte auf der Freilichtbühne in Solitüde im Sommernachtstraum die „Bohnenblüte“ („Ich durfte sogar etwas sagen!“). In der Operette „Ännchen von Tharau“ (Uraufführung 1933) war sie Page. Und als zu Weihnachten „Heinzelmännchens Wachparade“ auf die Bühne kam, spielte Gisela den Teddybären. Diese Erlebnisse zählen zu den glücklichen Jahren ihrer Kindheit vor dem Krieg. Auch erinnert sich Gisela lebhaft an die Kindergottesdienste in St. Jürgen, die Pastor Wulf in besonderer Weise gestaltet hat. „Er predigte nicht von der Kanzel, sondern sprach mit uns auf Augenhöhe! Die Lieder, die er mit uns gesungen hat, begleiten mich bis heute!“ Auch noch als Handelsschülerin war Gisela unter Pastor Wulf Mitglied im „ev. Mädchenbund“. Der wurde aber bald von den Nazis verboten. Die Erinnerungen aber sind nicht allein bei Gisela geblieben. Als sie neulich mal wieder von einer Ehemaligen auf diese Zeit angesprochen wurde, setzten sich die beiden Frauen spontan auf eine Bank in der Angelburger Straße, um Gemeinsames ins Gedächtnis zurückzurufen. „Wir haben sogar eines unserer alten Lieder gesungen!“

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