Uni-Präsidentin Waltraud ,Wara’ Wende
Uni-Präsidentin Waltraud ,Wara’ Wende

Was hat sich emotional und rational abgespielt, als Albig Ihnen das Amt des Bildungs- und Wissenschaftsministers angeboten hat? Das war gar nicht so dramatisch, weil wir uns seit neun Monaten immer mal wieder getroffen haben. Kennengelernt habe ich ihn schon im Herbst vergangenen Jahres. Torsten Albig war damals bereits Spitzenkandidat, und ich wollte mir einen unmittelbaren Eindruck von ihm und seinen politischen Ideen verschaffen, nicht über die Medien, sondern im persönlichen Kontakt. Unser erstes Gespräch war auf eine Dreiviertelstunde terminiert. Nach eineinhalb Stunden kam dann seine Sekretärin in sein Dienstzimmer und hat uns wegen eines Folgetermins unterbrochen. Wir beide hätten sonst wahrscheinlich noch lange kein Ende gefunden. Der Kieler Oberbürgermeister hat mich sofort begeistert und ich habe mir gesagt: Wenn dieser Mann Ministerpräsident wird, dann brauchen wir uns keine wirklichen Sorgen zu machen, der hat nicht nur Ideen und Visionen, sondern der ist auch an den Ideen und Visionen anderer interessiert, der kann auch zuhören.

Sehr viel später hat er mir dann erzählt, dass auch er unser erstes Gespräch als etwas Besonderes empfunden hat, dass unser Gespräch auch auf ihn einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat. Ich glaube, er fand es gut, dass ich als Präsidentin der Universität Flensburg um einen Termin gebeten hatte, dann aber im Gespräch nicht ausschließlich als Lobbyistin der Universität agiert habe. Die Situation der Uni war nämlich nur eines von vielen gesellschaftspolitischen Themen, über die wir uns unterhalten haben. Das war der Anfang unserer Beziehung. Danach haben wir uns in unterschiedlichen Konstellationen immer mal wieder getroffen. Ich weiß nicht, ab wann genau Torsten Albig die Absicht verfolgte, mich als Ministerin ins Kabinett zu holen.







Uni-Präsidentin Waltraud ,Wara’ Wende mit ihrem FH-Kollegen Prof. Dr. Herbert Zickfeld
Uni-Präsidentin Waltraud ,Wara’ Wende mit ihrem FH-Kollegen Prof. Dr. Herbert Zickfeld

Torsten Albig vermittelt den Eindruck, als wolle er mit Konzepten nicht nach außen treten, sich mit konkreten Plänen zurückhalten. Er wirkt unverbindlich. Ob unverbindlich das richtige Wort ist, dass möchte ich bezweifeln. Torsten Albig interessiert sich für die Meinung anderer, er ist niemand, der seine Position absolut setzt. Aber er hat sehr wohl klare Vorstellungen von Politik. Und die wird er auch ins Spiel bringen, wenn er Ministerpräsident ist. Doch er ist sich ganz offensichtlich auch bewusst: Das sind immer nur ‚meine‘ Vorstellungen, es bringt nichts, wenn ich die über die Köpfe der anderen hinweg einfach „durchpowere”. Ich muss, wenn ich erfolgreich Politik machen will, mit ganz vielen Akteuren diskutieren, ich muss viele mitnehmen. Und das bedeutet, dass ich Positionen, die ich jetzt vertrete, möglicherweise nachjustieren muss. Dass dies eine gute Strategie ist, das kann man beispielsweise ganz konkret daran sehen, was hier in Flensburg passiert ist. Vor zwei Jahren wollte die schwarz-gelbe Regierung die Wirtschaftswissenschaften an der Uni Flensburg „platt machen“ (und musste den Beschluss zurücknehmen, Anm. der Red.). Ich glaube, so etwas Törichtes würde unter einem Ministerpräsidenten Albig nicht passieren. Wenn er vor einer gravierenden Entscheidung stehen würde, dann hätte er vorher mit vielen Betroffenen gesprochen und einen Konsens mit den Betroffenen zu finden versucht. Sein Politikstil zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Idee im Dialog weiterentwickelt. Und genau so muss es meiner Meinung nach sein.

Ähnlich habe ich in den vergangenen zwei Jahren auch mein Präsidentenamt wahrgenommen: Ein gutes Beispiel für diese Art des Miteinanderarbeitens ist das im Frühjahr vorgelegte Flensburger Konzept für die Reform der Lehrerbildung. Um ein wirklich gutes Konzept entwickeln zu können, habe ich eine Vielzahl von Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen geführt, mit Professoren und Professorinnen, Studenten und Studentinnen, Lehrern und Lehrerinnen, Eltern und Interessensvertretungen und auch mit Politikern. Am Ende stand dann ein zwar von mir zu Papier gebrachtes, aber im Dialog entstandenes und von vielen getragenes gemeinsames Konzept, das wir als das ‚Flensburger Modell‘ bezeichnen. Das ist ein kleines Beispiel, das aber sehr gut verdeutlicht, wie man zu guten Lösungen kommt. Ähnlich sollte es meiner Meinung nach auch in der Landespolitik laufen. Politiker, die von sich glauben, alles zu wissen, beziehungsweise alles besser zu wissen als andere, machen mir Sorge. Aber ein solcher Politikertyp ist Torsten Albig mit Sicherheit nicht.

Gesetzt den Fall, Sie gehen als Ministerin nach Kiel. Dort treffen Sie auf einen Beamtenapparat mit Mitarbeitern, die dort schon seit zig Jahren Entscheidungen ausführen aber auch selbst treffen. Befürchten Sie nicht gegen diesen Beamtenapparat ankämpfen zu müssen? Ja, ja die Ministerien und der Beamtenapparat… auch hier wird es darum gehen, miteinander ins Gespräch zu kommen, und es werden mit Sicherheit viele Gespräche notwendig sein. Die größte Herausforderung wird sein, gemeinsam mit allen Betroffenen – mit Schülern, Eltern, Lehrern – ein von möglichst vielen Menschen als zukunftsweisend angesehenes Konzept von Schule zu entwickeln. Mein Ziel ist es nicht, die Gymnasien abzuschaffen, ich möchte leis­tungsstarke Gymnasien, aber ich möchte auch exzellente Gemeinschaftsschulen, die ihre Schüler und Schülerinnen ebenfalls zum Abitur führen können. Ich glaube, wir werden in diesem Land nur friedlich miteinander leben, wenn wir beides akzeptieren, Eltern, die sich wünschen, dass ihre Kinder zum Gymnasium gehen, und Eltern, welche die integrierte Gemeinschaftsschule für ihre Kinder wählen. Warum, so frage ich, müssen die einen die anderen davon überzeugen, dass die jeweils eigene Vorstellung von Schule die einzig richtige ist?

Ganz frei ist die Elternwahl nicht. Schließlich wird das alte Schulsystem mit Haupt- und Realschule nicht mehr angeboten. Damit findet bereits eine Lenkung statt. Lenken ist etwas anderes als vorschreiben. Wenn ich selbst mich in der Vergangenheit häufig für die integrierte Gemeinschaftsschule bis Klasse 13 ausgesprochen habe, dann habe ich das nicht getan, weil ich keine Gymnasien haben will, sondern weil viele wissenschaftliche Studien belegt haben, dass in Deutschland der soziale Status der Eltern und eben nicht die Intelligenz der Kinder die Schulkarriere entscheidend mitbestimmt. So ist die Chance auf eine Gymnasialempfehlung bei gleichen Leistungen und Fähigkeiten der Kinder deutlich größer, wenn die Kinder aus sozial höheren Schichten stammen. Bei der Bewertung durch die Lehrer und Lehrerinnen werden, das hat eine Hamburger Studie ergeben, leistungsfremde Faktoren einbezogen, beispielsweise, ob die Familie dem Kind ausreichendes Unterstützungspotential für das ‚schwere‘ Gymnasium bereitstellen kann.

In unserem Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3, steht, dass niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat oder seiner Herkunft benachteiligt werden darf, in unserem Schulsystem aber ist genau dies reine Fiktion. Kinder, die aus sozial niedrigen Schichten stammen, haben relativ geringe Chancen, mit einem exzellenten Schulabschluss den Grundstein für eine erfolgreiche berufliche Zukunft zu leben. Und dies ist besonders in Schleswig-Holstein der Fall. In Schleswig-Holstein sind – so deutlich wie in kaum einem anderen Bundesland – der soziale Status und die finanzielle Situation der Eltern, deren Bildungsniveau und deren Engagement, die entscheidenden Bausteine für den Schulerfolg junger Menschen. Schulerfolg ist beispielsweise abhängig von der Kommunikationsfähigkeit der Eltern und deren Einfluss auf das Sprechvermögen der Kinder, Schulerfolg ist abhängig von der Möglichkeit der Inanspruchnahme von Nachhilfestunden, und er ist abhängig von der Partizipation an außerschulischen Lernfeldern, Museums- und Theaterbesuchen, Musikschulen, Sportvereinen, Sprachenschulen.

Gemeinschaftsschulen, die ich mir im Übrigen als Ganztagsschulen wünsche, könnten hier gegensteuern, sie könnten einen Beitrag dazu leisten, dass junge Menschen nicht qua Geburt zu Bildungsverlierern werden, bloß weil sie in ihrem Zuhause keine optimale Förderung erhalten. Außerdem: Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, unsere Ressource ist nichts anderes als Bildung. Junge Menschen ohne oder mit niedrigen Schulabschlüssen, junge Menschen, die keine Aussicht auf eine qualifizierende Berufsausbildung haben, die können wir uns schlichtweg nicht leisten. Deshalb müssen wir ein Schulsystem haben, das möglichst vielen jungen Menschen eine Chance gibt, ein Schulsystem, dessen Lehrer und Lehrerinnen in der Lage sind, Schüler und Schülerinnen ganz individuell zu fördern und sie nicht vorzeitig zu selektieren.

Ich kämpfe für Chancengerechtigkeit, aus diesem Grund bin ich auch gegen das Betreuungsgeld: Ich würde immer dafür plädieren, Kinder in Krippen und Kitas zu geben, weil sie dort soziale und intellektuelle Kompetenzen entwickeln, die sie so in der Familie, insbesondere der Ein-Kind-Familie, kaum entwickeln können. Krippen und Kitas haben einen positiven Einfluss auf den weiteren Bildungsweg, das haben Studien längst belegt.

Allerdings werde ich meine Position nicht erzwingen wollen. Wenn Eltern sagen, sie möchten ihre Kinder zu Hause behalten, dann sage ich: Gerne, wenn es nicht des Geldes wegen ist! Notwendig ist meines Erachtens Aufklärung über die Vorteile des Krippen- und Kitabesuchs. Der eigentliche Hintergrund des Betreuungsgeldes ist doch, dass nicht genug Kitaplätze und viel zu wenig Krippenplätze für die unter 3-Jährigen vorhanden sind. Und deshalb die Berliner Regierung sich törichte Fernhalteprämien ausgedacht hat, um die fehlenden Krippen- und Kitaplätze zu verschleiern.

Die aktuelle Diskussion um das Betreuungsgeld finde ich geradezu empörend: Die gut verdienende Mittelschicht wird durch die angebotenen 150 Euro Betreuungsgeld nicht davon abgehalten werden, ihre Kinder in Krippen oder Kitas zu geben. Anders sieht es aus, wenn eine Familie bereits in der Mitte des Monats nicht weiß, wie sie finanziell über die Runden kommen soll. Dass Eltern sich in einer solchen Situation für die Aufbesserung des Haushaltsgeldes und gegen die Betreuung in Krippen oder Kitas entscheiden, liegt nahe, wäre aber fatal für die Kinder. Ich bin dafür, dass man sozial schwache Familien dabei unterstützt, ihre Kinder bestmöglich zu fördern und dass man sie nicht mit einer Fernhalteprämie dazu verführt, die Kinder zuhause zu behalten.

Was werden Sie in Ihrem neuen Amt in Kiel zuerst in Angriff nehmen? Mit Blick auf die Universitäten und Hochschulen möchte ich nicht viel reinregieren. Ich weiß aus meiner Zeit als Professorin und jetzt als Präsidentin: Es töricht ist, wenn Politik meint, alles besser zu wissen! Allerdings möchte ich die Kooperation zwischen den Hochschulen stärken, möchte motivieren, dass Kooperationen gelebt werden. Beispielhaft ist Lübeck. Dort haben Universität und Fachhochschule kluge und sehr erfolgreiche gemeinsame Forschungs-Projekte ins Leben gerufen. Auch hier in Flensburg sind wir auf dem Weg dorthin. Uni und Fachhochschule haben bereits viele Kooperationsprojekte. Die müssen wir weiterentwickeln. Das ist sensibel, weil wir eine andere Vorgeschichte haben als Lübeck. Aber es ist machbar. Und natürlich werde ich mit dem Finanzminister den einen oder anderen Kampf um mehr Geld für die Hochschulen führen müssen.

Neben den Schulen ist für mich der vorschulische Bereich von großer Bedeutung. Bildungsbiografien entscheiden sich ganz früh. Deshalb brauchen wir exzellente Krip­pen und Kitas, wir brauchen exzellent ausgebildete Erzieher und Erzieherinnen. Das wird eines der ersten Felder sein, um die ich mich kümmern werde.

Aber auch die Grundschule ist mir sehr wichtig: In den letzten Monaten haben wir an der Universität Flensburg ein Konzept für die zukünftige Grundschullehrerausbildung entwickelt. Darüber bin ich sehr glücklich. Dieses Konzept ist von der jetzigen Regierung, und besonders von Jost de Jager, geradezu gefeiert worden. Ausgearbeitet worden ist das Konzept in enger Rücksprache mit der SPD, dem SSW und den Grünen. Damit haben also alle Parteien unsere Ideen bestätigt. Und darauf bin ich sehr stolz, Parteiengezänk hat es hier nicht gegeben, die Inhalte haben überzeugt.

Wie sieht es mit der Nachfolge für Ihr Amt hier an der Universität aus? Das wird sich zeigen, noch ist einiges offen, aber ich bin ganz sicher, es wird ein passender Nachfolger bzw. eine passende Nachfolgerin gefunden werden: Niemand ist unersetzbar. Wie sieht die Bilanz ihrer zwei Jahre in Flensburg aus? Zukunftsfähig sind die Projekte, die wir gemeinsam mit der Fachhochschule ins Leben gerufen haben: Ein Kompetenzzentrum für Unternehmertum und Mittelstand und ein Kompetenzzentrum für Nachhaltige Energiesysteme. In Planung befindet sich ein gemeinsames Kompetenzzentrum für Medien und ein Kompetenzzentrum zu den Zukunftsfragen der Gesellschaftsentwicklung, letzteres möchten wir ‚Norbert Elias Zentrum’ nennen.

Mit Blick auf die Lehrerbildung ist es uns gelungen, die Ausbildung auf die Gemeinschaftsschule auszurichten, und wir haben zudem eine separate Ausbildung für Grundschullehrer auf den Weg gebracht. Für beide Schulformen haben wir die Praxisanteile erhöht: Zukünftige Lehrer und Lehrerinnen müssen kontinuierlich Schulpraktika absolvieren, wenn sie bei uns ein Lehramtsstudium wählen. Außerdem haben wir die Pflichtmodule Deutsch als Fremdsprache und Medienkompetenz für alle zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer als verbindlich definiert. Wir wollen die Studierenden zu einem Auslandssemester motivieren und wir bieten ihnen – last but not least – während ihres Studiums wiederholt interdisziplinäre, also fächerübergreifende, Veranstaltungen an, um sie auf Projektarbeit, die ja an den Schulen eine immer größere Rolle spielt, bereits im Studium vorzubereiten.

Bisher war es schwierig, die erste Ausbildungsphase an der Universität mit der zweiten Phase, dem Referendariat, zu synchronisieren. Auch dieses Problem haben wir in Angriff genommen, das für das Referendariat verantwortliche IQSH will zukünftig enger als bisher mit uns zusammenarbeiten. Universität und IQSH wollen sich zusammensetzen und die beiden Phasen der Ausbildung aufeinander abstimmen, um so Synergien zu erzeugen.

Und so sind wir am Ende unseres Gesprächs wieder bei Torsten Albig angekommen: Miteinander reden und miteinander kreative Lösungen finden, das ist der Weg – nicht nur für die Zusammenarbeit von Universität und IQSH, Universität und Fachhochschule, Universität und Schule, sondern auch für gute Politik.

*IQSH – Lehrerfort- und Weiterbildungsinstitut des Landes Schleswig-Holstein

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