Irmis erster Schulausflug von der Marienschule zum Pavillon in der Marienhölzung
Irmis erster Schulausflug von der Marienschule zum Pavillon in der Marienhölzung

Baumschmuck, der nie fehlen durfte waren die Ketten fliegender Engel und tanzender Püppchen, die Omi Gäthje filigran aus Silber- und Buntpapier alle Jahre wieder mit spitzer Schere ausgeschnitten hat. Irmi hat heute noch den herrlichen Duft der kleinen roten Äpfel in der Nase. Die Frage, ob sie auch gut geschmeckt haben, erwidert sie mit einem Schmunzeln: „Man isst doch seine Geschichte mit!“

Als Irmi dann ihre Solopartie „Vom Himmel hoch da komm ich her…“, in höchsten Tönen sang, aber vom Vater mehrmals ermuntert wurde, doch bitte eine Oktave tiefer zu singen, konnte sie seinen Unmut gar nicht verstehen. Für sie spielte sich das wundersam heilige Geschehen von Weihnachten hoch oben über ihr im Himmel ab. Und deshalb glaubte sie auch, mit aller Kraft so schrecklich hoch singen zu müssen! Nur Omi Gäthje fand Irmis Gesang wunderschön! Zur Belohnung durfte sie sich das große mit kostbarem Glanzpapier umwickelte Paket, das unter Omis Bett versteckt war, hervorholen. Dabei war Irmis Aufregung so groß, dass ihr die Erwachsenen beim Öffnen helfen mussten. Und da war sie, die Puppe aus dem Schaufenster: Noch schöner, noch glanzvoller und noch unnahbarer als sie sich in der Auslage unter den anderen Puppen präsentiert hatte. „Bei diesem Anblick verlor ich die Fassung“, erinnert sich Irmi, als sei es erst gestern passiert. „Ich schrie so laut und unaufhaltsam, dass ich mich kaum wieder einkriegen konnte. Die drei Erwachsenen standen mit stillem Entsetzen um mich herum. Erst Minuten später haben wir meine Puppe, die ich spontan Waltraut genannt habe, gemeinsam feierlich aus dem Karton genommen. Waltraut war etwas ganz Besonderes. Sie war so schön, dass ich nicht einmal gewagt habe, sie mit in mein Bett zu nehmen. Diesen Platz behielt meine Puppe Bibi. Sie hatte keine Nase mehr und total schütteres Haar. Wenn ich den Kindern auf der Straße genug von meiner schönen Waltraut erzählt hatte, wollten sie diese Puppe mit eigenen Augen sehen und kamen mit zu mir nach oben!“







Toosbüystraße zwischen
Marienapotheke und
Burgplatz

Irmi kam Ostern 1933 in die Marienschule. Auf der Verschlusskrause ihrer Zuckertüte steckte ein winziges Hakenkreuz. Das war kostenlos mitgeliefert worden. Der erste Schulausflug der Marienschüler 1 fand im Sommer statt. Alle Mädchen trugen Blumen- oder gehäkelte Kränze im Haar. Die Mütter trugen Hüte. Der Schulausflug, der wie ein Umzug organisiert war, hatte den Pavillon in der Marienhölzung zum Ziel. Sammelpunkt und Ende war der Schulhof. Der Zug führte über die Toosbüystraße, am Burgplatz vorbei, ging über die Dorotheenstraße, den Marienhölzungsweg und schließlich durch die Weiße Pforte zum Pavillon. Hier wurde den Kindern zur Stärkung Kuchen und Saft ausgegeben. Ausruhen gab es wohl nicht. Nach lustigen Kreis- und Wettspielen musste der kilometerlange Rückweg geordnet angetreten werden.

2. Mai 1933, Irmis erster Schultag mit kleinem Hakenkreuz auf der Zuckertüte
2. Mai 1933, Irmis erster Schultag mit kleinem Hakenkreuz auf der Zuckertüte

Mit 10 Jahren kam Irmi auf die Auguste-Viktoria-Schule!

Die Toosbüystraße war eine sehr beliebte Wohn- und eine sehr lebendige Einkaufsstraße. Hof-Photograph Fröhlich, die Neue Harmonie, Tanzschule Domsch und Schlachter Otzen waren Publikumsmagneten. Bei Schuh-Wempner (Fritz Wempners Vater) wurden orthopädische Schuhe aber auch elegante Maßschuhe maßgefertigt. Hier zählte die „Haute Volaute“ zur Kundschaft. In der Toosbüystraße bekam man einfach alles: Neben Schreibwaren Schwarz war Feinkost Schwabe, daneben Gemüse Schmidt und ein Bäcker, bei dem es für 5 Pfennige tütenweise leckeren Kuchenschmull gab. Bei Kaufmann Witt ließen sich die Hausfrauen aus Korn frisches Mehl mahlen. Das duftete wunderbar! Gleich daneben war das Buttergeschäft von Ewald Stabe. Diese Läden waren oftmals sehr viel kleiner als die Tante-Emma-Läden. Neben der Neuen Harmonie hatte die kleine Putzmacherin Lauschke ihr Ateliergeschäft. Sie fertigte und änderte Hüte nach dem neuesten Schrei. Hier war auch Sallingsen, der Kaufmann der alles hatte! Und gleich daneben befand sich die Konditorei Pfinder. Frau Pfinder war Sängerin und Gesangspädagogin. Sie hat viele Nachwuchstalente ausgebildet. Der Durchgang zum Burghof führte in das Schokoladengeschäft von Fräulein Löwe. Das war eine zauberhafte kleine, alte Dame mit einer ganz tiefen Stimme.

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