Prof. Dr. Werner Reinhart, Uni-Präsident in Flensburg

Seit fast einem Jahr bin ich nun Präsident der Universität Flensburg. Ich kenne sie sehr gut: 2002 begann ich hier als Professor für Amerikanistik, ab 2011 war ich als Vizepräsident unter der damaligen Präsidentin Prof. Dr. Waltraud ‚Wara‘ Wende für Studium und Lehre zuständig. Nachdem Wara Wende im Juni 2012 als Bildungs- und Wissenschaftsministerin in das schleswig-holsteinische Landeskabinett berufen wurde, wählte mich der Senat der Universität Flensburg im Oktober 2012 zum neuen Präsidenten. Unruhige Zeiten lagen hinter uns – der Kampf um den Erhalt der Wirtschaftswissenschaften, die Entwicklung neuer Lehramtsstudiengänge – und sie wurden nicht ruhiger: Kaum im Amt sah ich mich mit Wara Wendes Plänen zur Neuausrichtung der Lehramtsstudiengänge in Schleswig-Holstein konfrontiert. Die Notwendigkeit dieser Reform, die endlich die Lehrerinnen- und Lehrerausbildung der schulischen Realität anpasste, zogen wir nie in Zweifel, doch wir bangten um unsere Universität. Denn bisher hatte die Universität Flensburg Lehrerinnen und Lehrer für die sogenannte Sekundarstufe I, also bis zur 10. Klasse ausgebildet, und die Christian-Albrechts-Universität (CAU) in Kiel für die Sekundarstufe II, also für Oberstufe und Gymnasien. Diese „Arbeitsteilung“ in der Lehramtsausbildung hat Wara Wende mit ihrer Einführung eines „Sekundarlehramtes“, das an beiden Hochschulen studiert werden kann, aufgehoben. Es folgten einige – konstruktive – Auseinandersetzungen mit der CAU und dem Ministerium für Bildung und Wissenschaft. Dass ich Mitte September gemeinsam mit der Bildungs- und Wissenschaftsministerin und dem Präsidenten der CAU, Prof. Dr. Gerhard Fouquet, vor der landesweiten Presse die Einigung in der dringend notwendigen Reform der Lehramtsausbildung verkünden konnte, hat mich außerordentlich gefreut. Lehramtsstudierende in Schleswig-Holstein haben dadurch künftig die Wahl zwischen inhaltlich unterschiedlich profilierten, aber gleichwertigen Studiengängen, zwischen dem ‚Kieler‘ und dem ‚Flensburger Modell‘.

Der Campus und die Region sind eng miteinander verwoben – deshalb nehme ich gerne die Gelegenheit wahr, Ihnen die Neuerungen, die die Lehramtsreform mit sich bringt, sowie die  Besonderheiten des ‚Flensburger Modells‘, darlegen zu dürfen.







 

Die Neuerungen und die Besonderheiten des ‚Flensburger Modells‘

Zu Beginn des kommenden Wintersemesters werden wir drei neue schulbezogene Studiengänge einführen:

einen Bachelor (BA) „Bildungswissenschaften“

zwei Master (MA) of Education: Ein MA für das Lehramt an Grundschulen und ein MA für das Lehramt an Gemeinschaftsschulen.

Mit dem eigenständigen viersemestrigen „Master für das Lehramt Grundschule“, der in Schleswig-Holstein nur an der Universität Flensburg studiert werden kann, geht ein lang gehegter Traum von uns in Erfüllung. Es macht nämlich einen großen Unterschied in Pädagogik und Wissensvermittlung, ob man Kinder oder Jugendliche unterrichtet. Dem können wir nun endlich Rechnung tragen. Außerdem entscheiden sich Schulkarrieren bereits im Elementar- und Grundschulbereich. Auch deshalb ist es aus unserer Sicht nur konsequent, das Lehramt an der Grundschule durch einen eigenen Studiengang aufzuwerten.

Die Besonderheit des ‚Flensburger Modells‘ besteht darin, dass es die Vermittlung didaktischer und pädagogischer Fähigkeiten ebenso ernst nimmt wie das Studium fachwissenschaftlicher Inhalte. Dazu gehört, dass zukünftige Lehrer und Lehrerinnen verstärkt darauf vorbereitet werden, mit Heterogenität und Vielfalt umzugehen. Aus diesem Grund führen wir in Flensburg strukturelle Elemente ein, die in dieser Form in Deutschland einzigartig und modellbildend sind. So wird es in Flensburg künftig verpflichtende Studieninhalte zu Diagnose und individueller Förderung, Deutsch als Zweitsprache, sozialer Ungleichheit und interkultureller Vielfalt geben.

Außerdem führen wir, als ein Kernstück der Reform, ab dem Schuljahr 2014/15 ein eigenes Praxissemester ein. Von Mentorinnen und Mentoren gut betreut sollen unsere Studierenden möglichst umfassend die Herausforderungen des Schulalltags, wie etwa Elternabende, Konfliktgespräche oder Klassenfahrten, kennenlernen. Damit möchten wir Theorie und Praxis in der Lehramtsausbildung besser verschränken.

Auch ein Auslandssemester ist vorgesehen. Wir haben deshalb für unsere BA-Studiengänge ein Auslands- bzw. „Mobilitäts“-Fenster eingeplant. Wenn jemand das auf keinen Fall nutzen möchte, kann er in diesem Semester sein Studium zumindest in englischsprachigen Lehrveranstaltungen absolvieren.

Diese ‚Flensburger Besonderheiten‘ prägen das Lehramtsstudium unserer Universität, das immerhin 60% unserer knapp 5000 Studierenden wählen. In kaum einem anderen Land hängen Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland – wir möchten Lehrerinnen und Lehrer ausbilden, die daran mitwirken, das zu ändern. Wer bei uns studiert, soll nicht nur Schule kennen, wie sie ist, sondern auch Ideen entwickeln, wie sie sein könnte.

Dabei profitieren wir natürlich von unserer geographischen Lage in der deutsch-dänischen Grenzregion. Im September haben wir beispielsweise einen Partnerschaftsvertrag mit einer dänischen Hochschule unterzeichnet, die Lehrerinnen und Lehrer ausbildet: Mit dem University College Süddänemark.

Und weil künftig möglicherweise auch bereits 17-Jährige zu uns an die Universität kommen, die vielleicht noch nicht hundertprozentig wissen, ob sie für den Lehrerberuf geeignet sind, sollen unsere Studierenden die Möglichkeit haben, sich im Verlauf ihres Studiums umorientieren zu können, ohne ein komplett neues Studium beginnen zu müssen. Die Universität Flensburg wird deshalb auch weiterhin spezifische außerschulische Master-Studiengänge anbieten, die für andere Berufsfelder qualifizieren, z. B. Studienangebote zu „Europäischer Bildung in Übergängen“, zu „European Studies“ oder zu „Kultur – Sprache – Medien“.

 

Verstärkung der Universität Flensburg

Was der dänische Philosoph Sren Kierkegaard bei Lehrern zu sagen hatte

Die Reform unserer Studiengänge sowie der Ausbau einiger Fächer auf Oberstufenniveau erfordern einen personellen Ausbau der Universität. Deshalb haben wir neue Professuren eingerichtet.

Eine Professur für Heterogenität und Inklusion bietet spezifische Module zu Diagnose und Förderung an, damit sowohl Hochbegabungen als auch Lernschwächen wie Legasthenie und Dyskalkulie frühzeitig erkannt werden können.

Mit unserer Professur für „Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache“ bieten wir Lehrerinnen und Lehrern aller Fächer das Handwerkszeug, mit bestimmten Deutschproblemen umgehen zu können, die sich aus der Struktur der jeweiligen Muttersprache der Migrantenkinder ergeben.

Zudem sind wir uns bewusst, dass Schülerinnen und Schüler natürlich auch außerhalb der Schule lernen. Deshalb haben wir neben einer Professur für Entwicklungspsychologie auch eine für eine soziologisch orientierte Kindheits- und Jugendforschung ausgeschrieben und besetzt.

Und weil es gerade in einem Zeitalter von Cybermobbing und Datenmissbrauch unverzichtbar ist, neben Medienkompetenz auch Medienkritik zu vermitteln, haben wir eine Professur für Medienpädagogik geschaffen. Gemeinsam mit der Fachhochschule Flensburg möchten wir zudem zeitnah ein Zentrum für Europäische Medienforschung und Medienpädagogik gründen.

 

Neue Herausforderungen

Unser reformierter Studiengang für das Lehramt an Gemeinschaftsschulen bildet die Grundlage für den Master-Studiengang „Sekundarschullehramt“, den die Landesregierung spätestens 2016 verwirklicht sehen will. An der Universität Flensburg werden auf „Oberstufenniveau“, also für die Sekundarstufen I und II, folgende Unterrichtsfächer studiert werden können: Deutsch, Mathematik, Englisch, Spanisch, Dänisch, Geschichte und Wirtschaft/Politik.

Für die Unterrichtstätigkeit in der Sekundarstufe I können die Fächer Sport, Geographie, Philosophie, Biologie, Chemie, Physik, Evangelische und Katholische Religion, Kunst, Musik, Ernährungs- und Verbraucherbildung, Textil und Mode sowie Technik gewählt werden.

Auch wenn es mich als Präsidenten natürlich schmerzt, dass wir nicht alle unsere Fächer auf Sek II Niveau anbieten können, dass die Wahlmöglichkeiten also eingeschränkt sein werden, freut es mich doch zugleich, dass die auszubauenden Fächer hervorragend in unser zukünftiges Profil einer Europa-Universität passen.

Darüber hinaus vertraue ich auf die Stärken unserer kleinen Universität: Auf Vielfalt, Offenheit und Wandel. Vielfältig wie die Region sind unsere interdisziplinären Studienangebote, offen ist die Atmosphäre an unserer familiären Hochschule der kurzen Wege und der individuellen Begleitung, und für Wandel stehen wir als Institution. Denn die Universität Flensburg begreift sich als Reform-Universität, die Antworten sucht auf die drängenden Fragen der Gegenwart. In der Lehramtsausbildung stehen wir daher für innovative Unterrichtskonzepte und eine Unterrichtskultur, die gleichermaßen Fachkompetenz, Kreativität und Empathie einfordert.

Und deshalb bin ich stolz, Präsident dieser Universität zu sein. Dieser Universität, die ab Oktober deutschlandweit eine der modernsten Lehramtsausbildungen anbietet. Das wird nicht nur unserer Region gut tun, sondern dem gesamten Land Schleswig-Holstein.

 

Prof. Dr. Werner Reinhart 


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