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	<title>1945 Archive - Flensburgjournal</title>
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		<title>Flensburg 1945 – Folge 12: Eine bescheidene Friedensweihnacht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Dec 2025 11:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flensburg 1945]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es war schon dunkel an diesem Adventssonntag, aber irgendwie heller als sonst. Es war der 2. Dezember 1945, als nach fast sechs Jahren wieder das Licht der Straßenlampen ansprang. Diese ungewohnte Helligkeit war eine Überraschung für viele Flensburger, für einige wirkte sie „beinahe wie ein Märchen“. Sechs Winter lang musste wegen der Gefahr von Bombenangriffen [&#8230;]</p>
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<p>Es war schon dunkel an diesem Adventssonntag, aber irgendwie heller als sonst. Es war der 2. Dezember 1945, als nach fast sechs Jahren wieder das Licht der Straßenlampen ansprang. Diese ungewohnte Helligkeit war eine Überraschung für viele Flensburger, für einige wirkte sie „beinahe wie ein Märchen“. Sechs Winter lang musste wegen der Gefahr von Bombenangriffen alles abgedunkelt werden. Nun war das Licht in die Hauptstraßen und an die wichtigen Kreuzungen zurückgekehrt – täglich ab 18.30 Uhr für vier Stunden.</p>



<p>Es brannten allerdings nur die Bogenlampen, die mit Strom funktionierten. Bei der Gasbeleuchtung waren oftmals Masten und Beleuchtungskörper beschädigt, zumal die Gasversorgung ohnehin stark limitiert war. Eine Lieferung war werktags nur von 16 bis 19 Uhr und sonntags von 10.30 bis 13.30 Uhr garantiert. Aber auch das lückenhafte Lichtermeer verbreitete eine besondere Atmosphäre, die am Südermarkt täglich um 21 Uhr mit einer musikalischen Bereicherung gewürzt wurde. Die Glocken der Nikolaikirche spielten: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Kurz vor Weihnachten konnten sogar die elektrischen Kerzen des großen Weihnachtsbaumes angeschaltet werden. Zwei nadelige Geschwister, die die Stadt aufstellen ließ, standen am Nordertor und auf dem Bremer Platz.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Weihnachtszeit als Großstadt</h2>



<p>Die aktivierte Beleuchtung in den Hauptstraßen hatte die Militärregierung gefordert. Sie war auch ein Thema im Magistrat der Stadt Flensburg. Dieses gemeinsame Gremium von Verwaltung und Politik blickte auf die erste Friedensweihnacht seit sieben Jahren. Und erstmals lebten zum Zeitpunkt des christlichen Festes etwas mehr als 100.000 Menschen im Stadtgebiet. Dazu gehörten weiterhin gestrandete Soldaten der aufgelösten Wehrmacht, sogenannte „Displaced Persons“ aus Polen oder dem Baltikum und zahlreiche Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten.</p>



<p>Viele der Neuankömmlinge waren in Privathäusern einquartiert. Zum Stichtag 11. Dezember waren aber 2798 Menschen, darunter 1115 Kinder, auf 21 verschiedene Baracken-Unterkünfte verteilt. Die größeren Lager wirkten wie ein „Ghetto“, hatten sogar eigene Kirche, Schule und Geschäfte. Die Lebensbedingungen waren schlechter als bescheiden. Oft hausten mehrere Familien in einem Raum, teilten sich einen Ofen. Anfangs dienten Kreidestriche zur Abtrennung der Wohnflächen. Da wirkten zur Begrenzung aufgehängte Decken schon fortschrittlich. Im Lager Kielseng teilten sich vier Personen ein primitives Doppelstockbett. Anderswo mussten einige auch auf dem Boden schlafen. Die britische Militärregierung verfügte Ende 1945, dass „in Flensburg wohnende oder untergebrachte Zivilpersonen einen Mindestwohnraum von dreieinhalb Quadratmeter je Kopf zu ihrer Verfügung haben müssen“.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Flensburger Flüchtlingsausschuss</h2>



<p>Als Instrument der politischen Beteiligung wurde im Herbst 1945 – wie auch in vielen anderen Orten – ein Flüchtlingsausschuss gebildet. Unter dem Vorsitz von Stadtrat Friedrich Drews trafen sich wöchentlich drei einheimische Stadträte und drei Flüchtlingsvertreter. Dieses Trio bildeten drei Herren mit gehobenen Berufen aus Pommern, Ostpreußen und Mecklenburg. In der Runde ging es um Arbeits-, Wohn- und Energiepolitik, aber auch um Versorgungs- und Gesundheitsfragen.</p>



<p>Die übergeordnete Zielsetzung war ein Ausgleich zwischen Neuankömmlingen und angestammter Bevölkerung. Von den Sitzungen des Flüchtlingsausschusses entstanden oftmals zwei Protokolle – mit etwas abweichenden Sichtweisen. Es gab Vorbehalte und Misstrauen auf beiden Seiten. Aussagen von Stadträten aus jener Zeit ließen tief blicken. „Flensburg ist nun doppelt so groß wie früher, die Fremden könnten über eine Mehrheit verfügen“, meinte einer. Ein anderer forderte: „Fremden sollte man die Beteiligung an einem Flensburger Geschäft verbieten, damit die Entfremdung der Stadt nicht von Dauer wird.“ Ein Neu-Flensburger aus Königsberg hielt dagegen: „Die Flüchtlinge haben nicht aus Feigheit ihre Heimat verlassen, sondern entsprechend den Anweisungen und der Not gehorchend.“ Weit verbreitet war die Hoffnung, nicht allzu lange in Flensburg bleiben zu müssen und wieder nach Hause zu kommen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Viele karitative Aktionen in der Adventszeit</h2>



<p>In der Adventszeit 1945 begleitete der Flüchtlingsausschuss mehrere Veranstaltungen. Am 13. Dezember hatte man für ein Sonderkonzert im Deutschen Haus 1094 Karten an Fürsorgeempfänger, zu 80 Prozent Flüchtlinge, ausgegeben. Als das Orchester am Ende mit einem Weihnachts-Potpourri auftrumpfte, flossen so manche Träne. Der Schützenhof diente als Plattform für Weihnachtsfeiern der Stettiner, Ostpreußen oder Schlesier. Viele Danziger Familien trafen sich im Deutschen Haus zu einem Krippenspiel. Oberbürgermeister Jacob Clausen Möller kaufte derweil für Weihnachten ein. 1500 Kilogramm Grütze, 700 Liter Milch, 1000 Kilogramm Kartoffeln sowie einige Tannenbäume sollten an die Flüchtlingslager geliefert werden.</p>



<p>Überhaupt waren karitative Aktionen Ende 1945 großgeschrieben. Schon Ende September hatte die Militärregierung ein Hilfswerk der evangelischen Kirche genehmigt, das für Flüchtlinge und Bedürftige Geld, Lebensmittel, Bekleidung und Küchengeräte sammelte. Mitte Dezember hatten vier Kirchengemeinden jeweils eine Wärmestube eingerichtet, in der von Mittag bis Abend Kaffee ausgeschenkt und Lesestoff bereitgehalten wurde. Bei der „Südschleswig-Hilfe“ waren im Dezember 1945 rund 10.000 Empfänger registriert. Es gab in Flensburg zwei Verteilstationen für Lebensmittel, eine für Kleidung und gleich fünf für Milch.</p>



<p>Die Militärregierung setzte für eine Winter-Sammlung einige Kontingente fest: 720 Paar Stiefel, 1200 Decken und 7000 Ski-Mützen. In der britischen Besatzungszone wurde an mehreren Standorten Zuckerwaren produziert – als weihnachtliche Überraschung für die Kinder. Die Stadt Flensburg organisierte 5500 Beutel Studentenfutter, 5000 Kilogramm Äpfel und 20.000 Beutel Pralinen. Versprochenes Trockenobst konnte nicht geliefert werden. Diese kleine Bescherung konnten zunächst die Kleinen mit ihren Eltern im Rathaus am Holm abholen. Dann wurden die deutschen Schulen im Deutschen Haus beglückt, und schließlich gab es im Flensborghus eine Feier für die dänischen Schulen. „Denkt an eure Schulkameraden und an die vielen armen Flüchtlingskinder“, sprach der Oberbürgermeister. „Lasst uns hoffen, dass sie im nächsten Jahr Weihnachten auch in ihrem eigenen Haus und Heim feiern können.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Weihnachtsfeiern für Jung und Alt</h2>



<p>Die Stadt hatte auch an die ältere Generation gedacht. An zwei Nachmittagen erschienen insgesamt 800 Senioren im Flensborghus und erfreuten sich an einer Adventstafel mit Kuchen. Gesangverein und dänische Pfadfinder zelebrierten Weihnachtslieder. Einige Kinder von ehemals politisch verfolgten Eltern erhielten eine Einladung in die „Neue Harmonie“ (Toosbüystraße) – eine Art der Wiedergutmachung. An langen weißgedeckten Tischen fanden sich für jedes Kind ein bunter Teller mit Honigkuchen und ein Tütchen Pralinen. Kellner servierten heißen Kakao.</p>



<p>Der Flensburger Turnerbund, erst seit wenigen Monaten wieder zugelassen, richtete intern eine Weihnachtsfeier für die Kinderabteilung aus, sorgte aber auch für ein sportliches Highlight. 2000 Zuschauer kamen am 9. Dezember 1945 zu einem Schauturnen mit einigen deutschen Top-Turnern ins Deutsche Haus. Das Flensburger Nachrichtenblatt berichtete von der „ersten großen Manifestation nach dem Kriege für den Gedanken der Leibesübung“. Aus der Veranstaltung resultierte ein Gesamterlös von 3000 Mark, der den Kriegsversehrten gespendet wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Basteln und Weihnachtsbäume</h2>



<p>Allen war bewusst: Es standen keine Festtage der Üppigkeit bevor. Der Mangel machte erfinderisch. Es wurde viel gebastelt. In der Norderstraße leitete eine „Weihnachtsfrau“ eine Werkstatt mit zwölf fleißigen Helferinnen. Eltern lieferten Stoffreste, Flicken, Holzwolle und Nähgarn an. Material, das sich in Teddys und Puppen verwandelte. In der Angelburger Straße waren zwei junge Frauen tätig. Sie wollten eigentlich Kunstgeschichte studieren, bekamen aber keinen Studienplatz und fertigten deshalb mit einigen Unterstützern Spielzeug, Steckenpferde, Puppenwagen und Weihnachtsschmuck aus Pappe, Wolle oder Holz. Lederfetzen und Segeltuchreste eigneten sich für Gürtel und Taschen. Auch Jugendgruppen der Kirchengemeinden und Verwundete in den Lazaretten beteiligten sich an den immer umfangreicher werdenden Bastelaktionen. So manches Holz- oder Stofftier wurde schließlich in den Schaufenstern der Flensburger Innenstadt präsentiert.</p>



<p>Bereits einen Monat vor dem Fest hatte die Militärregierung mitgeteilt, dass keine „geistigen Getränke“ ausgeschenkt, Weihnachtsbäume hingegen geschlagen werden dürften. Ein Marktmeister versprach: „Für Flensburg werden genug Weihnachtsbäume geliefert.“ Am Südermarkt, am Burgplatz und an 14 weiteren Stellen wurde ein amtlicher Verkauf eingerichtet. Dennoch „bediente“ sich manch einer in einem nahen Wald. Die Polizei vermeldete die Tage vor Heiligabend, viele Diebstähle von Geflügel und Kaninchen im Flensburger Umland.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Weihnachten im Flüchtlingslager</h2>



<p>Recht kurzfristig hob die Militärregierung die obligatorische Ausgangssperre für die Heilige Nacht, die Nacht auf den zweiten Feiertag und den Jahreswechsel auf. Das städtische Kulturamt und der Flüchtlingsausschuss luden an Heiligabend für 14 Uhr zu einer „Weihnachtlichen Feierstunde für Flüchtlinge und deren Kinder“ ins Deutsche Haus. Orgelmusik, Gesang, Darbietungen und Ansprachen prägten einen Nachmittag, den nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge miterlebte. Im Barackenlager Kielseng war man froh, den Ofen mit Holz heizen zu können. Bereits gegen zehn Uhr waren britische Soldaten aufgekreuzt und hatten unter den vielen Menschen Weißbrot und Zigaretten verteilt. Viel waren traurig und jammerten über das Elend und die zerstörte Heimat. Ein Engländer versuchte zu trösten: „In spätestens 15 Jahren ist Deutschland wieder aufgebaut.“</p>



<p>Am Nachmittag diente der Wirtschaftsraum des Lagers als Bühne für ein Krippenspiel. Engel mit aufgekrempelten Hemdsärmeln schlichen über den Boden. Ein Pastor hielt eine Predigt. Frauen und Männer sangen: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Dabei weinten fast alle und dachten an schönere Zeiten. In den Baracken waren Weihnachtsbäume in Blechdosen aufgestellt, geschmückt mit Sternen aus Glanzpapier. Bei den Geschenken für die Kinder dominierten Papierblöcke, selbstgenähte Puppen und Blechbüchsen-Karusselle. Das Kielsenger Weihnachtsmenü lautete: Weißbrot mit Grießschmalz und gerösteten Steckrübenscheiben. Dazu tranken viele eine halbe Tasse Punsch.</p>



<p>Der offizielle Bericht des Stadternährungsamts skizzierte für die Tage vom 21. Dezember 1945 bis zum 3. Januar 1946 die allgemeine Knappheit in der Lebensmittelversorgung: Während Vollmilch ausreichend vorhanden war, boten die Bäckereien nur Weizenmischbrot an. Weißkohl, Rotkohl und Steckrüben prägten die bescheidene Flensburger Gemüse-Vielfalt. „Mit Ausnahme von zwei Pfund je Kopf der Bevölkerung zu Weihnachten sind seit etwa acht Wochen keine Kartoffeln mehr an die Verbraucher ausgegeben worden“, schrieb ein Beamter. „In den letzten Tagen wurde ein Schiff mit 190 Tonnen Speisekartoffeln von Schottland im Flensburger Hafen gelöscht, aber noch nicht verteilt.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein recht umfangreiches Kulturprogramm</h2>



<p>Angesichts der leeren Teller war das Flensburger Kulturprogramm für die Festtage erstaunlich reichhaltig. Im Deutschen Haus inszenierte das Stadttheater am ersten Feiertag mit „Die spanische Fliege“ einen Schwank, der zwölf Jahre lang von den Bühnen verbannt war. In der „Neuen Harmonie“ sorgte der damals bekannte Schauspieler Hermann Speelmanns mit seiner Wanderbühne an drei Abenden für ein volles Haus. Die beheizte Nikolaikirche belebten am zweiten Feiertag Flensburgs Top-Sängerin Gerty Molzen, der Kantatenchor und ein Theaterspiel. Da war ein sportlicher Leckerbissen bereits verdaut. Der Sportverein Flensburg 08 hatte seinen angestammten Platz am Sender saniert und tatsächlich am ersten Weihnachtstag mit einigen Fußballspielen eingeweiht. Tags darauf folgte der Feldhandball.</p>



<p>Auch zwischen den Tagen ruhte die Kulturszene nicht. Täglich wurde um 14.30 Uhr im Deutschen Haus das Märchenspiel „Die Gänsehirtin am Brunnen“ aufgeführt. In den Kinos „Colosseum“ und „Capitol“ lief die „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers. Ein Film, der im Dezember 1944 der NS-Zensur zum Opfer gefallen war und nun von der Militärregierung freigegeben wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein eher beschaulicher Jahreswechsel</h2>



<p>An Silvester bot das Deutsches Haus mit „Die spanische Fliege“ den letzten kulturellen Nachschlag für 1945. Um 23.30 Uhr begann der Silvester-Gottesdienst in der Marienkirche. Die Polizei registrierte bis auf ein paar eingeschlagene Fensterscheiben einen sehr ruhigen Jahreswechsel. Nur in den Hauptstraßen wurde etwas Feuerwerk gezündet. Die Feuerwehr pumpte an Silvester den vollgelaufenen Keller des Bahnhofshotels leer, und rettete drei junge Pferde aus einem Löschteich in der Schützenkuhle – als das Jahr 1946 gerade einmal zehn Stunden alt war.</p>



<p>Kurz darauf meldete ein Marineoffizier aus Mürwik: „400 Ostflüchtlinge eingetroffen“. Die deutschen Soldaten stellten eine beheizte Baracke zur Verfügung – mit 250 Betten und Stroh. Die Royal Navy ordnete an, dass das Lager bis zum 5. Januar um 18 Uhr geräumt sein müsse, da mit Truppen aus Norwegen zu rechnen wäre. 1946 schien mit den Herausforderungen zu beginnen, mit denen 1945 geendet hatte. Oberbürgermeister Jacob Clausen Möller hatte in der Weihnachtssitzung der Stadtvertretung den „Kampf gegen die Überbevölkerung der Stadt, gegen Kälte und Hunger“ zu den wichtigsten Aufgaben der Politik erklärt. Er zeigte sich zuversichtlich: „Bei bereitwilliger, harter Arbeit wird das kommende Jahr keinen Rückgang, sondern Fortschritt bringen.“&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner  </em></p>
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		<title>Historisches Vorhaben: Flensburger Gedenkstätte und Museum für die Zeit um 1945</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2025 23:49:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es war der 1. September 1939, als das deutsche Panzerschiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf ein polnisches Militärlager eröffnete und eine mehrtägige Schlacht auslöste. Heute gilt die Westerplatte bei Danzig als erster Schauplatz des Zweiten Weltkriegs – und wird von vielen zeitgeschichtlich interessierten Menschen besucht. Ein blumengeschmücktes Denkmal erinnert an gefallene polnische Soldaten. Eine Kasernen-Ruine kann [&#8230;]</p>
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<p>Es war der 1. September 1939, als das deutsche Panzerschiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf ein polnisches Militärlager eröffnete und eine mehrtägige Schlacht auslöste. Heute gilt die Westerplatte bei Danzig als erster Schauplatz des Zweiten Weltkriegs – und wird von vielen zeitgeschichtlich interessierten Menschen besucht. Ein blumengeschmücktes Denkmal erinnert an gefallene polnische Soldaten. Eine Kasernen-Ruine kann besichtigt werden, große Schautafeln geben eine historische Einordnung.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="800" height="537" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/Foto011.jpg" alt="Historisches Vorhaben: Flensburger Gedenkstätte und Museum für die Zeit um 1945" class="wp-image-84783" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/Foto011.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/Foto011-300x201.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/Foto011-768x516.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/Foto011-626x420.jpg 626w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/Foto011-696x467.jpg 696w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">23. Mai 1945: Verhaftung von Albert Speer, Karl Dönitz und Alfred Jodl</figcaption></figure></div>


<p>Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der deutschen Kapitulation. Die Verhandlungen fanden im französischen Reims und in Berlin-Karlshorst statt. In jenen Tagen spielte aber auch Flensburg eine Rolle – als Sitz der letzten Reichsregierung und als Rückzugsort vieler Nationalsozialisten. Und am 23. Mai 1945 schloss sich in der Fördestadt das unsägliche Kapitel des NS-Regimes, als Großadmiral Karl Dönitz und seine Gefolgschaft von britischen Soldaten verhaftet wurden. Eine Gedenkstätte oder ein Museum, das diese unrühmlichen Wochen näher beleuchtet, finden sicah in Flensburg allerdings nicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Flensburger Beschlusslage</h2>



<p>Das soll sich ändern. Bereits am 2. Mai 2024 hat die Ratsversammlung den Aufbau einer Einrichtung beschlossen, die einen etwas sperrigen Namen trägt: „Norddeutsches Vermittlungszentrum zur kritischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Flensburg – inklusive Vor- und Nachgeschichte“. Die Stadtverwaltung hat im September fünf einschlägige Büros angeschrieben, die für eine Machbarkeitsstudie in Frage kommen.&nbsp; Bis Ende Januar sollen die strukturellen, finanziellen und organisatorischen Grundlagen ermittelt werden.</p>



<p>Darauf aufbauend soll ein konkretes Konzept entwickelt und Kooperationen mit wissenschaftlich oder politisch wichtigen Personen geschaffen werden. Für diesen Prozess wurde bereits eine Steuerungsgruppe gebildet. Ihr gehören Ellen Kittel (Projektleitung), Dr. Jessica von Seggern (Leitung Stadtarchiv), Axel Böcker (Leitung Denkmalschutz) und Noosha Aubel (Dezernentin) an. Die Ratsfraktionen sollen in den Austausch integriert werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die möglichen Standorte</h2>



<p>Ein Standort für dieses Vermittlungszentrum wurde noch nicht festgelegt. Es gibt aber zwei Favoriten. Zum einen das Deutsche Haus. Es war um 1945 herum Versammlungs- und Kulturstätte, für einige Monate aber auch ein Lazarett. Allerdings soll das Deutsche Haus 2027 für umfangreiche Sanierungsarbeiten für rund zwei Jahre geschlossen werden. Die Wiedereröffnung könnte mit der Premiere einer Gedenkstätte für 1945 kombiniert werden.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img decoding="async" width="800" height="533" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9814.jpg" alt="Historisches Vorhaben: Flensburger Gedenkstätte und Museum für die Zeit um 1945" class="wp-image-84782" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9814.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9814-300x200.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9814-768x512.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9814-630x420.jpg 630w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9814-696x464.jpg 696w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Möglicher Standort: Das Deutsche Haus &#8230;</figcaption></figure></div>


<p>In den Fokus rückte zuletzt auch das Polizeigebäude am Norderhofenden. Die Polizeidirektion soll in das weitgehend leerstehende Postgebäude am Bahnhof einziehen. Wann das sein wird, ist aber noch nicht klar. „Im Moment gibt es noch keinen Zeitplan für den Umzug, weil wir noch in Abstimmungsgesprächen mit dem neuen Vermieter sind“, sagt eine Sprecherin vom zuständigen Gebäudemanagement Schleswig-Holstein auf Nachfrage.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img decoding="async" width="800" height="533" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9811.jpg" alt="Historisches Vorhaben: Flensburger Gedenkstätte und Museum für die Zeit um 1945" class="wp-image-84781" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9811.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9811-300x200.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9811-768x512.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9811-630x420.jpg 630w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/10/DSC_9811-696x464.jpg 696w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">&#8230; oder das Polizeigebäude am Norderhofenden</figcaption></figure></div>


<p>Das Objekt am Norderhofenden war ursprünglich ein Hotel („Flensburger Hof“), seit der Nazi-Zeit residieren hier Ordnungskräfte. Die Gefängniszellen der Gestapo waren ein Ort der NS-Verfolgung. Im Mai 1945 traf sich die SS-Elite um Heinrich Himmler zu letzten Gesprächsrunden, und schließlich wurden die frischverhafteten NS-Größen Karl Dönitz, Alfred Jodl und Albert Speer in einem Hinterhof des „Polizeipräsidiums“ der internationalen Presse vorgeführt.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner   </em></p>
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		<title>Flensburg 1945 Folge 10: Medien zwischen Gleichschaltung und Demokratie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Oct 2025 22:38:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Am 2. Januar 1945 eröffneten die „Flensburger Nachrichten“ das neue Jahr mit der Schlagzeile: „Der Führer an das deutsche Volk.“ Auf Adolf Hitler folgte die Silvesteransprache von Joseph Goebbels, dann aktuelle Meldungen vom Weltkrieg. „Großer Abwehrerfolg der deutschen Truppen in Kurland“, lautete eine Überschrift. Eine andere bilanzierte: „Bei Budapest in einer Woche 415 Sowjetpanzer vernichtet.“ [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://flensburgjournal.de/flensburg-1945-folge-10-medien-zwischen-gleichschaltung-und-demokratie/">Flensburg 1945 Folge 10: Medien zwischen Gleichschaltung und Demokratie</a> erschien zuerst auf <a href="https://flensburgjournal.de">Flensburgjournal</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Am 2. Januar 1945 eröffneten die „Flensburger Nachrichten“ das neue Jahr mit der Schlagzeile: „Der Führer an das deutsche Volk.“ Auf Adolf Hitler folgte die Silvesteransprache von Joseph Goebbels, dann aktuelle Meldungen vom Weltkrieg. „Großer Abwehrerfolg der deutschen Truppen in Kurland“, lautete eine Überschrift. Eine andere bilanzierte: „Bei Budapest in einer Woche 415 Sowjetpanzer vernichtet.“ Verblendete Nazi-Verehrer vermuteten angesichts solcher Nachrichten das Deutsche Reich in der Erfolgsspur. Halbwegs kritischen Lesern hingegen dürfte aufgefallen sein, dass sich die Ostfront näherte und sich nicht mehr – wie noch vor zwei Jahren – bei Moskau und Stalingrad befand, sondern im Baltikum und in Ungarn.</p>



<p>Die „Flensburger Nachrichten“ waren in jenen Monaten nicht mehr als ein Sprachrohr und Propagandamittel der NS-Diktatur – von der Weltpolitik bis zum Lokalteil. So durfte in der Ausgabe eins des Jahrgangs 1945 auch NSDAP-Kreisleiter Hermann Riecken seine Durchhalte-Parolen verkünden: „Die Wunden, die dieser Krieg schlägt, treffen uns unterschiedlich, den einen härter als den anderen. Das Schicksal um unsere Zukunft aber tragen wir alle.“ Darunter stand eine Info über die „Eignung als Volkssturmführer“. Der Lokalteil bestand fast nur aus Mitteilungen der NSDAP, etwas Kultur, ein paar Gerichtsurteilen sowie Kleinanzeigen. Die grausame Fratze des Krieges ließ sich nicht ganz aus der geschönten Zeitungswelt heraushalten. Am 3. Januar 1945 erschienen nicht weniger als zehn Todesanzeigen für gefallene Soldaten aus Flensburg. Und ein Kleinkind war einer schweren Krankheit erlegen.</p>


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<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="567" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/XIV-Foto-B-10718.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 10: Medien zwischen Gleichschaltung und Demokratie" class="wp-image-84341" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/XIV-Foto-B-10718.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/XIV-Foto-B-10718-300x213.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/XIV-Foto-B-10718-768x544.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/XIV-Foto-B-10718-593x420.jpg 593w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/XIV-Foto-B-10718-696x493.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/XIV-Foto-B-10718-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Nikolaistraße 1945: Zeitenwende bei den „Flensburger Nachrichten“; Foto: Stadt Flensburg</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Bestandteil der NS-Propaganda</h2>



<p>Die „Flensburger Nachrichten“ hatten ein schmales, lokales Gesicht. Sie agierten als ein Parteiorgan der NSDAP. Kaufleute, die für die Werft, Reedereien oder die Flensburger Brauerei standen, hatten während der Weimarer Republik die Zeitung übernommen. Diese wurden in der NS-Zeit allerdings nach und nach herausgedrängt, bis im Januar 1939 sämtliche Anteile an den NS-Staat übergegangen waren und die „Grenzverlag GmbH“, ein Bestandteil des NSDAP-Geflechts, als Herausgeber für die „Flensburger Nachrichten“ auftrat. Die Auflage: 20.000 Stück.</p>



<p>In der Redaktion dominierten zwei Leitsätze: „Alle wahren Deutschen sind Nationalsozialisten“ und „Der Führer hat immer Recht“. Als sogenannter Hauptschriftleiter fungierte seit Oktober 1941 Ernst Schröder. Er war zuvor unter anderem als Berater von Flensburgs Oberbürgermeister Ernst Kracht und Gauleiter Hinrich Lohse tätig gewesen und hatte weiterhin einen kurzen Draht ins Rathaus und nach Kiel. Der Journalist schrieb seine Texte im NS-Jargon und ließ die hauseigenen Berichte stets über seinen Schreibtisch laufen. Überregionale Berichte kamen ohnehin vom „Deutschen Nachrichtenbüro“, der Presseagentur der NS-Zeit. In Berlin wurde genau gefiltert, was überhaupt erscheinen durfte. Genaue Wirtschaftsstatistiken, Angaben über Rüstungsbetriebe, Umbauten von Verkehrswegen oder Baumaßnahmen der Wehrmacht waren schon lange kein Lesestoff mehr.</p>



<p>Stattdessen versuchte das „Deutschen Nachrichtenbüro“ weiterhin, seine höchst tendenziösen Erzeugnisse unter die Bevölkerung zu streuen und einer Kriegsmüdigkeit vorzubeugen, was sich auch in den „Flensburger Nachrichten“ niederschlug. „Der Krieg wird für Amerika laufend schwerer und blutiger“, hieß es im Januar. Im Februar war zu lesen: „Deutsche Gegenmaßnahmen im Osten werden wirksam“. Oder: „Roosevelt fordert Besetzung des Reiches bis 2000“. Auf den hinteren Seiten präsentierte sich die Zeitung als Ratgeber, bot eine „Gesundheitspflege für die kriegsbewährte Jugend“ oder stellte „Unsere Schuhe im Winter“ vor. Täglich wurde das richtige Verhalten im Bombenkrieg angemahnt – wenn auch nur indirekt: „Heute verdunkeln von 16.15 Uhr bis 8.15 Uhr“.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Papiermangel reduzierte Zeitungsumfang</h2>



<p>Ab März 1945 hatten die „Flensburger Nachrichten“ werktags nur noch zwei Seiten. Der Papiermangel wurde ein immer mächtigerer Begleiter der Zeitungshäuser. Aus den Printmedien entfiel das Rundfunk-Programm. In vielen Haushalten stand ein Radio, aber mit dem Vorrücken der Alliierten gab es immer weniger deutsche Sender, die Propaganda und Unterhaltung ausstrahlten. Fernsehen gab es noch nicht. In den Kinos lief die „Deutsche Wochenschau“, bis die Flensburger Lichtspielhäuser im April ihren Betrieb einstellten. Manch einer wich auf den deutschen Dienst der BBC aus. Ein großes Risiko, denn wer beim Hören sogenannter „Feindsender“ erwischt wurde, musste mit schweren Strafen rechnen. Aber wer halbwegs informiert sein wollte, nutzte illegale Quellen. „Zu den deutschen Nachrichten haben wir kein Vertrauen mehr“, betonte ein Flensburger Zeitgenosse. „Man sagt uns nicht die Wahrheit, verschweigt manche Tatsachen und entstellt sie durch Schönfärberei.“</p>



<p>Dabei war Flensburg im Vergleich zu vielen anderen Regionen mit seiner Presselandschaft sogar privilegiert. Zwar war schon 1933 die SPD-Zeitung „Flensburger Volkszeitung“ verboten und der unpolitische „Flensburger Generalanzeiger“ eingestellt worden, in der Fördestadt erschienen aber immerhin noch zwei tägliche Publikationen – neben den „Flensburger Nachrichten“ auch die „Flensborg Avis“. Die Redaktion, die am Nordermarkt saß, hatte sich als oberstes Gebot eine Neutralität auferlegt. Das Organ der dänischen Minderheit galt lange als das „freieste Blatt im Deutschen Reich“, unterhielt Außenstellen in Sonderborg, Tondern und Apenrade und hatte einen Korrespondenten in Kopenhagen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Erzwungene Selbstzensur bei „Flensborg Avis“</h2>



<p>Allerdings verteilte das Medium von der Gesamtauflage (7500 Stück) nur 1500 Exemplare in Flensburg und Umgebung. Zudem war es mit etlichen Verwarnungen konfrontiert und durfte im Juni 1940 für zwei Wochen nicht gedruckt werden, da ein Däne, der wegen Spionage-Tätigkeiten verhaftet worden war, angeblich in ein zu positives Licht gerückt worden war. NS-Stellen sprachen vom „schlimmsten antideutschen Hetz­organ“. Die fast komplett dänischsprachige Zeitung musste ihren Chefredakteur austauschen, ihre selbstständige Berlin-Berichterstattung einstellen und sich auf Lokales aus Flensburg und der Grenzregion beschränken.</p>



<p>Es war quasi eine verspätete Gleichschaltung. Der neue Chefredakteur Lorens Peter Christensen und seine Kollegen unterwarfen sich einer strengen Selbstzensur. Bis auf einige dänische Versammlungen bestand der Lokalteil fast nur noch aus Verlautbarungen der NS-Behörden – ins Dänische übersetzt. Auf Kommentare verzichtete man, da man keine negative Stellung beziehen durfte, den NS-Staat aber auch nicht loben wollte. Diese blumige Formulierung aus dem Februar 1945 gehörte zu den gewagtesten der letzten Kriegsmonate: „Doch auch andere kleine Freunde wie Singdrosseln, Buchfinken, Grasmücken, Stieglitze, Lerchen und viele anderen werden bald auf der Bildfläche erscheinen, und dann wird ein Freudengesang in Dänemarks Gärten erklingen. Ja, die angenehme Zeit, die dann kommt, die der Star und wir so lange herbeigesehnt haben.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Riskante Schlagzeile am 7. Mai 1945</h2>



<p>Die „Flensborg Avis“ blieb bis zum letzten Atemzug des NS-Staats auf der Bildfläche und titelte am 7. Mai 1945: „Danmark atter frit!“ Übersetzt: „Dänemark wieder frei!“ Eine riskante Schlagzeile in einer Stadt, die zum Rückzugsort vieler NS-Größen geworden war. Kurz darauf sichteten die Journalisten zwei Beamte des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS vor ihrem Gebäude auf dem Nordermarkt und rechneten mit ihrer Verhaftung. Es tauchte ein britischer Offizier auf, und die beiden SD-Leute machten sich aus dem Staub.</p>



<p>Da die Dönitz-Regierung nur wenige Kilometer entfernt regierte, berichtete man bei „Flensborg Avis“ in den nächsten beiden Wochen vorsichtiger. Das Blatt erschien aber durchgängig. Der Redaktion wurde von der britischen Militärregierung eine anti-nationalsozialistische Haltung attestiert. Sie blieb eigenständig, Lorens Peter Christensen machte als Chefredakteur weiter. Die „Flensborg Avis“ war die einzige Zeitung in der britischen Zone, die mit vier statt nur zwei Seiten erscheinen durfte – und das an sechs Tagen die Woche.</p>



<p>Das Papier wurde aus Dänemark importiert. Anfang August immerhin 3200 Kilogramm pro Ausgabe, da die Menge bis auf 40.000 Exemplare hochschnellte und die „Flensborg Avis“ sogar in Dithmarschen gelesen wurde. Sie wurde regelmäßiger gedruckt als deutsche Zeitungen und veröffentlichte amtliche Bekanntmachungen auch auf Deutsch. Bald reagierte das britische Presse-Hauptquartier in Hamburg: „Zukünftig kein deutsches Wort mehr!“ Zudem durfte die Frage der deutsch-dänischen Grenze und der nationalen Zuordnung Südschleswigs nicht mehr thematisiert werden. Die dänische Minderheit durfte nur in Unterrichts-, Kultur- und Wohlfahrtsangelegenheiten informiert werden. Der zuständige Zensor saß in der Waitzstraße: ein Captain, der eine Frau aus Kopenhagen hatte, aber selbst nur mittelprächtig Dänisch beherrschte. Da rutschte auch mal etwas durch.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Flensburger Nachrichten-Blatt der Militärregierung“</h2>



<p>Für die „Flensburger Nachrichten“ waren die Tage zwischen den letzten Kriegshandlungen und dem Neubeginn von größeren Umwälzungen begleitet. Am 20. April 1945 erschien sie letztmalig mit vier Seiten – zum Geburtstag von Adolf Hitler. Sonst war die Zeitung nur noch ein Blatt, das beidseitig bedruckt war. Am 2. Mai fiel die Ausgabe aus – ein Stromausfall in Flensburg. Am 8. Mai meldeten die „Flensburger Nachrichten“ als eine der ganz wenigen deutschen Publikationen die bedingungslose Kapitulation und druckten eine Rede von Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, dem formalen Regierungschef, ab.</p>



<p>Auch am 9. Mai 1945 kamen die „Flensburger Nachrichten“ heraus. In weiten Teilen Deutschlands sah es da ganz anders aus. Sobald ein Gebiet von alliierten Truppen besetzt war, wurden Radio und Zeitung für deutsche Verleger und Journalisten gesperrt. Britische Presse-Offiziere nahmen die Arbeit auf, um nach neuen Vorgaben und unter neuem Namen die deutsche Bevölkerung zu informieren. Den hohen Norden erreichte ein britischer Presse-Trupp erst am 10. Mai, dem Himmelfahrtstag. In der Flensburger Nikolaistraße beschlagnahmten sie das Zeitungsgebäude und übernahmen Verlags- und Redaktionsleitung. Bereits am nächsten Morgen schoss das erste „Flensburger Nachrichten-Blatt der Militärregierung“ aus der Druckermaschine.</p>



<p>Es war wirklich nur ein Blatt, und es erschien nur vier bis fünf Mal die Woche. Ab September gab es montags, dienstags und donnerstags ein vierseitiges Druckerzeugnis. Der allgemeine Mangel zwang zum sparsamen Umgang mit Papier. Die Auflage war klein, dafür wurden die Zeitungsausgaben in zahlreichen Schaufenstern und an Säulen ausgehängt. Der Betrieb hieß nun „Flensburger Nachrichten Verlag und Druckerei GmbH“ und bot immerhin 100 Frauen und Männern eine Beschäftigung. Neben dem „Flensburger Nachrichten-Blatt“ ließen die Briten auch den „Kieler Kurier“ in der Nikolaistraße drucken, da es im stark zerstörten Kiel an einer geeigneten Produktionsstätte fehlte.</p>


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<figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="730" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/b16150-730x1024.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 10: Medien zwischen Gleichschaltung und Demokratie" class="wp-image-84339" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/b16150-730x1024.jpg 730w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/b16150-214x300.jpg 214w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/b16150-768x1077.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/b16150-299x420.jpg 299w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/b16150-696x976.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/09/b16150.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px" /><figcaption class="wp-element-caption">Lorens Peter Christensen: seit 1945 Chefredakteur der Flensborg Avis; Foto: Arkivet ved Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Demokratie als alliiertes Ziel für Deutschland</h2>



<p>Redaktionell dominierten die überregionalen Meldungen. Vieles erreichte nun die Leser, was unter dem NS-Regime undenkbar gewesen wäre. Da ging es um die Verhaftung von Kriegsverbrechnern, die Entdeckung weiterer Konzentrationslager und den „Massenmord von Auschwitz“. Der Beginn des Zweiten Weltkrieg wurde nun richtig eingeordnet: „Deutschlands Angriff auf Polen“. Während anfangs der deutsche Zusammenbruch („Berlin ein Trümmerfeld“) geschildert wurde, deutete das „Flensburger Nachrichten-Blatt“ Ende November 1945 erstmals an, in welche Richtung es gehen sollte: „Deutsche Demokratie – das Ziel der Militärregierung“.</p>



<p>Bis auf eine Ecke mit amtlichen Bekanntmachungen war der Lokalteil im „Flensburger Nachrichten-Blatt“ meistens sehr übersichtlich. Es waren oft die Kleinanzeigen, die den Alltag der Bevölkerung am besten widerspiegelten. Eine Auswahl vom 3. September 1945: „Ziege oder Schaf zu kaufen oder zu tauschen!“, „Scharfer Hofhund und Kastenwagen für mittelschweres Pferd dringend gesucht!“, „Schreibmaschine für einige Monate gegen gute Gebühr zu leihen!“, „Wer polstert mir eine Chaiselongue im Hause bei voller Verpflegung?“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Redaktion unter Leitung vom Presse-Offizier</h2>



<p>Die Redaktion leitete ab Mai 1945 der kanadische Pressekontroll-Offizier Jack Zubick. Im August stieg Ulrich Eyck als Nachrichten-Redakteur ein. Er war 1933 von seinen jüdischen Eltern nach England verschickt worden und hatte im Krieg den Tarnnamen Staff-Sergeant Frank Alexander angenommen. „Schätzt die Pressefreiheit, seid mutig und zeigt weiterhin mehr als andere, dass ihr aus den Erfahrungen eurer früheren Kollegen gelernt habt“, sagte er zu den deutschen Journalisten. Die Trennung von Nachricht und Meinung war ein wichtiges Grundprinzip. Und: Die Deutschen sollten mit pädagogischen Mitteln die Demokratie über die Presse erlernen.</p>



<p>Den Briten war es wichtig, dass keine Nazis mehr hinter den Schreibmaschinen sitzen. Es gab allerdings keine Karteikarten über die Journalisten, sodass nach einem persönlichen Gespräch das Bauchgefühl den Ausschlag geben musste. Der neuen Redaktion gehörte der langjährige Hauptschriftenleiter Ernst Schröder nicht mehr an. Er wurde im Mai 1945 verhaftet und saß drei Jahre im Gefängnis. Zu den Männern des redaktionellen Neubeginns gehörten Bäcker-Sohn Franz Götke, Will Rasner (früher NSDAP-Mitglied, später Bundestagsabgeordneter) und auch Gerhard Becker, der in der NS-Zeit viele linientreue Kommentare verfasst hatte. Die Briten erkannten seine Reue und Einsicht an.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Lizenz für das „Flensburger Tageblatt“</h2>



<p>Praktisch mit der Kapitulation 1945 liefen Bemühungen die „Flensburger Nachrichten“ wiederzubeleben. Hermann G. Dethleffsen und Christian C. Carstensen, zwei der früheren Besitzer, führten am 14. Mai 1945 ein Gespräch mit Otto Ohlendorf, dem Chef des Nachrichtendienstes im „Sonderbereich Mürwik“. Man wurde sich über eine Rückgabe des Verlags an eine Gruppe Flensburger Bürger einig. Den Vertrag erkannten die Briten allerdings nicht an. Sie pochten auf eine Lizenz, die erst nach einem längeren Kontrollverfahren ausgegeben wurde.</p>



<p>Es waren wieder Hermann G. Dethleffsen und Christian C. Carstensen, die die Verhandlungen aufnahmen. Den Briten konnten sie schon im August 1945 ein Konzept vorlegen, dass eine Gesamtauflage von 23.000 Exemplaren an drei Tagen die Woche beinhaltete. Es gab allerdings auch in den neugegründeten Parteien Bemühungen, ein Presseorgan zu schaffen. Die Briten machten deutlich: Angesichts des Papiermangels konnte es für Flensburg nur eine Zeitungslizenz geben. Daher einigten sich die Vertreter von SPD, CDU und der Kaufleute auf ein gemeinsames Vorgehen.</p>



<p>Schließlich überreichte Leutnant Lindsay-Young am 4. April 1946 die Lizenzurkunde an die drei Gesellschafter Ludwig Iversen (Kaufmann), Thomas Andresen (CDU) und Hans Harloff (SPD). Bei der Feierstunde im Blauen Saal war auch der neue Verleger Georg Macknow anwesend. Er hatte zuvor für das „Berliner Tageblatt“ gearbeitet und schlug den neuen Namen für die Pressepublikation im hohen Norden vor: „Flensburger Tageblatt“. Erster Chefredakteur wurde der spätere Landtagsabgeordnete und Stadtpräsident Hanno Schmidt. Er war ein Schulfreund von Thomas Andresen und hatte während der NS-Zeit zuletzt in Thüringen für das Feuilleton gearbeitet. Am 6. April 1946 formulierte er in der Ausgabe Nummer eins des „Flensburger Tageblatts“ einige redaktionelle Leitsätze. Unter anderem diesen: „Die Presse soll nicht wie unter dem Nazi-Regime der Vormund, sondern der Treuhänder der öffentlichen Meinung sein.“­</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner</em></p>
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		<title>Flensburg 1945 Folge 7: Der Sonderbereich Mürwik und das Ende des NS-Staates</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Jul 2025 15:50:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Am 10. Mai 1945 erreichte die 159. Brigade der Briten mit rund 3000 Mann Flensburg. Kommandant John Bryan Churcher wunderte sich über die vielen deutschen Kraftwagen, in denen deutsche Offiziere saßen. Zahlreiche Armeebusse waren unterwegs, und am Hafen patrouillierten deutsche Militärpolizei und Marinekräfte. War der Weltkrieg in Deutschlands Norden wirklich beendet? Die Briten wählten das [&#8230;]</p>
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<p>Am 10. Mai 1945 erreichte die 159. Brigade der Briten mit rund 3000 Mann Flensburg. Kommandant John Bryan Churcher wunderte sich über die vielen deutschen Kraftwagen, in denen deutsche Offiziere saßen. Zahlreiche Armeebusse waren unterwegs, und am Hafen patrouillierten deutsche Militärpolizei und Marinekräfte. War der Weltkrieg in Deutschlands Norden wirklich beendet? Die Briten wählten das Polizeipräsidium in Norderhofenden als ihr Hauptquartier und setzten ihre Flagge auf das Dach.</p>



<p>Eine britische Verwaltungstruppe übernahm die zivilen Behörden der Stadt und des Landkreises. Einige Häuser auf der Westlichen Höhe und in der Rathausstraße wurden beschlagnahmt. „Die schönsten Villen und die feinsten Hotels“, jammerte ein Zeitzeuge. Die bisherigen Eigentümer hatten nur 24 Stunden Zeit bis zur Räumung und mussten die Inneneinrichtung zurücklassen. Betroffen war auch der fast 80-jährige Ex-Oberbürgermeister Hermann Todsen.</p>



<p>Der noch amtierende Amtsinhaber Ernst Kracht erhielt plötzlich Besuch. In seinen Memoiren heißt es: „Ein englischer Soldat mit Maschinengewehr meldete sich bei mir im Rathaus und teilte mit, dass der Gouverneur mich zu sprechen wünsche.“ Nach einem kurzen Treffen erfolgte ein Wechsel auf dem Chefplatz der Stadt. Ernst Kracht war nur noch Befehlsempfänger und besorgte Gegenstände, die die britischen Besatzer benötigten: Radio-Apparate, Büromaterial oder Wohnungseinrichtungen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="896" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/large_BU_005687.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 7: Der Sonderbereich Mürwik und das Ende des NS-Staates" class="wp-image-83375" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/large_BU_005687.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/large_BU_005687-268x300.jpg 268w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/large_BU_005687-768x860.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/large_BU_005687-375x420.jpg 375w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/large_BU_005687-696x780.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Mai 1945: Britische Kolonne am Flensburger Hafen; Foto: IMW</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Alliierte Überwachungskommission auf der „Patria“</h2>



<p>Eine umfangreiche Entwaffnung des deutschen Militärs lief. Bis zum 12. Mai waren Waffen und Munition an allen Dienststellen der Wehrmacht abzugeben. Größere Kaliber und Sprengmittel nahm der U-Boot-Stützpunkt Kielseng an. Alle deutschen Soldaten, die nicht in Flensburg beheimatet und gesund waren, mussten Flensburg umgehend verlassen – so die Theorie. Immer wieder strandeten vereinzelte Soldaten oder versprengte Truppenteile in Flensburg.</p>



<p>Auf dem Wohnschiff „Patria“ residierten nun keine ranghohen Nazis mehr, sondern die 25-köpfige alliierte Überwachungskommission – unter der Leitung des US-Generalmajors Rooks und des britischen Brigadegenerals Foord. Die Weisung des US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower lautete: Demilitarisierung und Entnazifizierung. Die letzte deutsche Regierung und die Oberkommandos von Wehrmacht und Marine hatten sich in den „Sonderbereich Mürwik“ zurückgezogen, der am 12. Mai 1945 fixiert wurde.</p>



<p>Dieser umfasste sieben Kilometer Küste von Kielseng bis Meierwik, dehnte sich zwei Kilometer ins Binnenland aus und flankierte die Bahnlinie von Flensburg nach Glücksburg. In dieser Zone befanden sich Nachrichtenschule, Offiziersschule und Sportschule der Marine sowie die Kaserne Meierwik und das Wasserschloss Glücksburg, in dem sich Reichswirtschaftsminister Albert Speer einquartiert hatte – unter vielen Adligen. Zehntausende Soldaten campierten in Mürwik. Die Ministerien waren auf mehrere Standorte verteilt und wohl nur unzureichend arbeitsfähig. Ein Fernschreiben aus dem Auswärtigen Amt: „Bitte sofort Schreibdame mit Maschine und Büromaterial in Kraftwagen nach Mürwik entsenden!“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eigenleben in der Enklave</h2>



<p>Englisches Militär und zwei deutsche Marinewachen schirmten den „Sonderbereich Mürwik“ ab. Es wurde scharf kontrolliert. Standortkommandeur Wolfgang Lüth hatte selbst eine Losung ausgegeben, betrank sich in der Nacht zum 14. Mai 1945 aber dermaßen, dass er sich an das Code-Wort nicht mehr erinnern konnte. Da er dennoch durch eine Sperre drängen wollte, erschoss ihn ein Wachposten.</p>



<p>Die Alliierten duldeten die letzte Reichsregierung, erkannten sie aber nicht an. Die Enklave bildete ihre eigenen Regeln aus. Offiziere und Wachbataillone behielten ihre Waffen. Großadmiral Karl Dönitz hatte am 9. Mai 1945 das Offizierskorps auf die neue Rolle mit ewiggestrigen Worten eingestimmt: „Wir haben die eifrigsten Wächter zu sein über das Schönste und Beste, was uns der Nationalsozialismus gegeben hat, die Geschlossenheit unserer Volksgemeinschaft.“ Während diese Herrschaften von den „Volksgenossen“ Disziplin einforderten, übertrumpften sie sich bei Alkohol-Eskapaden und trieben es mit Wehrmachtshelferinnen.</p>



<p>Die Uhren der NS-Zeit tickten im „Sonderbereich Mürwik“ länger. Erst auf Drängen der Briten wurde die Reichskriegsflagge eingeholt, und erst am 14. Mai ordnete Karl Dönitz an, die Hitler-Bilder aus den Ämtern zu entfernen – aber auch nur, wenn ein dienstlicher Kontakt mit der Besatzungsmacht bestand. Ehrenzeichen der Wehrmacht durften ohne Hakenkreuz weitergetragen werden. Für Generaloberst Alfred Jodl gab es sogar noch eine Feierstunde, während fast zeitgleich der einfache Soldat Johann Süß auf dem Richtplatz am Tremmerupweg zum Tode verurteilt wurde. Da deutsche Lieder und Märsche nicht mehr gespielt und gesungen werden durften, erließ Karl Dönitz den Befehl: „Es wird nur noch gepfiffen.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Regierungspolitik in der Marine-Sportschule</h2>



<p>Die Marine-Sportschule Mürwik war das Reich einer Regierung, die kein Reich mehr hatte, aber Zukunftspläne entwarf. Über 350 Menschen waren für diese machtlose Erscheinung tätig. Dazu gesellte sich ein 200-köpfiges „Nachrichtenbüro“, das sich mit alliierten Medien und eigenen Mitteilungen befasste. Auf den Gängen waren viele Ritterkreuzträger, aber kaum Zivilisten unterwegs. Täglich tagte das Kabinett im Saal, betonte seinen Geltungsanspruch und thematisierte Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit oder soziales Elend. Die Regierungsmitglieder hatten weiterhin ihre Ordonnanz, ließen sich wecken und ihre Diensträume säubern. Das Mittagessen im Offizierskasino gab es ohne Lebensmittelmarken. Weißgekleidete Kellner servierten reich gefüllte Schüsseln.</p>



<p>Diese Scheinregierung versuchte, einen Keil zwischen Sowjets und den westlichen Alliierten zu schieben. Der Vorwurf wurde laut: „Die Besserstellung des ostdeutschen Raumes wird ein Übriges für die Bolschewisierung auch in diesem Teil Deutschlands tun.“ Karl Dönitz widersprach dann aber einer Ostorientierung, da sie die „Aufgabe der völkischen Existenz“ bedeuten würde. Eine Debatte über Deutschlands Rolle in der zukünftigen Weltordnung war entzündet. Das Auswärtige Amt plädierte für eine Neutralität, um nicht zwischen den Großmächten zerrieben zu werden. Andere erwarteten die „größte Handlungsfreiheit“, wenn man sich für den Westen entscheiden würde.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Flensburger Verhaftungswelle</h2>



<p>Derweil waren die Briten auf der Suche nach Kriegsverbrechern. In Flensburg erfolgten etliche Verhaftungen – auch von ranghohen NS-Größen. Heinrich Himmler war zwar geflüchtet, Wehrmacht-Chef Wilhelm Keitel konnte aber nicht entwischen. Reichsernährungsminister Herbert Backe und ein paar Tage später Reichsverkehrsminister Julius Dorpmüller wollten zu Fachgesprächen nach Frankreich, wurden aber schon am Flugplatz „Schäferhaus“ verhaftet. NS-Chefideologe Alfred Rosenberg hatte sich bei einem Alkohol-Exzess am Bein verletzt und wurde im Lazarett der Kriegsmarine aufgegriffen.</p>



<p>In der Bismarckstraße klingelte und klopfte es am 14. Mai um 22 Uhr an einer Haustür. Zwölf britische Militärsoldaten fanden Einlass. Bis fünf Uhr morgens folgten Vernehmungen, dann wurden sechs Personen, darunter der Gesandte Karl Schnurre, festgenommen. In der Marienallee war Oberbürgermeister Ernst Kracht dabei, Papiere zu vernichten, da er mit einer Durchsuchung rechnete. Kurz darauf war das Haus umstellt. Ein Militärpolizist führte den Oberbürgermeister ab. Er musste in einen Lastwagen einsteigen. Bürgermeister Mackeprang wurde noch eingesammelt, dann verließ das Fahrzeug die Fördestadt. Das Ziel: das Zentralgefängnis in Neumünster.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="694" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Passierschein_Muerwik_Mai_1945.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 7: Der Sonderbereich Mürwik und das Ende des NS-Staates" class="wp-image-83376" style="width:800px;height:auto" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Passierschein_Muerwik_Mai_1945.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Passierschein_Muerwik_Mai_1945-300x260.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Passierschein_Muerwik_Mai_1945-768x666.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Passierschein_Muerwik_Mai_1945-484x420.jpg 484w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Passierschein_Muerwik_Mai_1945-696x604.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Passierschein_Muerwik_Mai_1945-534x462.jpg 534w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Passierschein: Twedter Holz lag im „Sonderbereich Mürwik“</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Das „normale“ Leben in der Fördestadt</h2>



<p>In Flensburg war eine Phase der Ungewissheit angebrochen. „Einige meinen, Flensburg werde zu Dänemark kommen, andere behaupten, Dänemark lehne dankend ab“, notierte Tagebuch-Schreiber Wilhelm Clausen. Der Frieden brachte Sommerwetter, aber auch ein schweres Gewitter mit Hagelschlag und Sturm. Am 12. Mai 1945 platzte abends der Saal im „Flensborghus“ aus allen Nähten. Der Danebrog flankierte das Rednerpult, erleichterte Worte kamen über die Lippen. Eine Radioansprache des dänischen Königs wurde wiederholt, da sie viele wegen des Strommangels noch nicht gehört hatten.</p>



<p>Tags darauf waren auf Südermarkt und Nordermarkt die Verordnungen der Militärbehörde plakatiert. Die NSDAP war nun offiziell verboten, viele ihrer Gesetze aufgehoben. Eine tägliche Ausgangssperre wurde von 22.15 Uhr bis 5.30 Uhr verhängt. Die Bevölkerung beschäftigte sich hauptsächlich mit ihrer Versorgung. 1200 Kalorien stand jedem täglich zu, was mit fünf Scheiben Brot, zehn Gramm Fett und einem Glas Milch definiert war. Ein englischer Offizier sagte: „Die Deutschen brauchen nicht zu glauben, dass sie Zucker, Fett und Hefe annähernd in normalen Rationen erhalten werden, aber sie werden etwas zu essen bekommen.“ Flensburgs größte Probleme waren der Energiemangel in der Lebensmittelindustrie und zu wenig Wohnraum. Im Hafen lagen Schiffe mit rund 25.000 Menschen – mit KZ-Häftlingen, Soldaten, Verwundeten und Flüchtlingen.</p>



<p>Am 16. Mai war das Haus in der Wrangelstraße 1 mit Blumen geschmückt. Die Militärregierung hatte Jacob Clausen Möller, ein Vertreter der dänischen Minderheit, zum neuen Oberbürgermeister berufen. Neben ihm traten Kaufmann Christian C. Christiansen und Sozialdemokrat Friedrich Drews als Bürgermeister sowie Rechtsanwalt Christian Ravn als juristischer Berater auf. Ein Quartett, das durch keine NS-Vergangenheit belastet war. Die Stadt „kochte“ nur auf Sparflamme. Gerichte, Wohnungsamt, und Arbeitsamt arbeiteten. Dagegen waren die Schulen geschlossen, die Postbeförderung war eingestellt. Ab dem 17. Mai war auch der private Kraftverkehr verboten. 2800 Lastwagen der Wehrmacht standen nutzlos in der Marienhölzung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine „politisch schädliche“ Regierung</h2>



<p>Das „Flensburger Nachrichtenblatt der Militärregierung“ berichtete fast täglich über neue Grausamkeiten aus den Konzentrationslagern. Im „Sonderbereich Mürwik“ konnte man an diesem Thema nicht mehr vorbeisehen. Der leitende Minister Lutz Graf Schwerin von Krosigk unterrichtete offiziell Karl Dönitz über Schiffe, die KZ-Häftlinge an Bord hatten. Er schrieb: „Wenn in Konzentrationslagern oder bei Festnahmen Dinge vorgekommen sind, die allgemein gültigen Grundsätzen des Rechts und der Moral und dem Empfinden eines anständigen Menschen zuwiderlaufen, nur wenige Menschen in Deutschland hiervon etwas gewusst haben.“ Ein Regierungspapier wurde aufgesetzt, in dem die Verantwortung an diese Gräueltaten weggeschoben wurden und die Wehrmacht reingewaschen wurde.</p>



<p>Die ausländische Presse beschäftigte sich mehr und mehr mit der Dönitz-Regierung, während die Alliierten bereits konkrete Vorstellungen einer Nachkriegsordnung hatten: Deutschland sollte dezentralisiert, eine Demokratie aufgebaut und Schleswig-Holstein in die britische Besatzungszone integriert werden. Da konnte ein Ansinnen der deutschen Minister, ihren Regierungssitz von Flensburg in den mitteldeutschen Raum oder gar nach Berlin zu verlegen, nur Verwunderung auslösen. In einer Besprechung mit US-Vertretern setzte Karl Dönitz weiter auf die Vorzüge einer Diktatur und lästerte über die Weimarer Republik. US-General Rooks kam zum Fazit: „Für eine Demokratisierung ist diese Regierung politisch schädlich.“ Am 17. Mai traf eine 15-köpfige russische Delegation ein, die den „Sonderbereich Mürwik“ von Anfang an ablehnte. Die NS-Größen mussten nun täglich mit ihrer Verhaftung rechnen.</p>



<p>Noch hatte Flensburg aber ein ganz eigenes, irritierendes Flair. Ein US-Journalist berichtete: „Der Krieg war schon mehr als zwei Wochen zu Ende, aber wir stellten fest, dass die Offiziere und Soldaten der deutschen Armee und der Luftwaffe ihre Rangabzeichen trugen, einander grüßten, Geländewagen fuhren und sich ganz allgemein so verhielten, dass ich das ungemütliche Gefühl hatte, der Krieg ginge weiter und ich sei irgendwo hinter die deutschen Linien geraten.“ Pfingsten (20. und 21. Mai) war entspannt: Die englischen Soldaten ließen sich am ZOB, im Bahnhofshotel und in anderen Gaststätten bedienen – bei wunderbarem Wetter. Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die „Operation Blackout“</h2>



<p>Am 22. Mai 1945 schrillte zur Nachmittagsstunde ein Telefon in der Marine-Sportschule: die alliierte Überwachungskommission. Karl Dönitz, Alfred Jodl und Hans-Georg von Friedeberg, die höchsten Köpfe der Regierung, der Wehrmacht und der Marine sollten am nächsten Tag um 9.45 Uhr auf der „Patria“ erscheinen. Dann der 23. Mai 1945: Die drei NS-Größen wurden in drei verschiedenen Autos zum Wohnschiff gefahren und setzten sich in der Bar an einen langen Tisch. Begleitoffiziere und Adjutanten schritten auf dem Linoleum-Boden. Nach sechs Minuten erschienen der Amerikaner Rooks, der Brite Foord und der Russe Truskov und setzten sich gegenüber den drei NS-Herrschaften. Rooks kam gleich zur Sache: „Die Mitglieder der geschäftsführenden deutschen Regierung und des Oberkommandos der Wehrmacht sind als Kriegsgefangene in Haft zu nehmen. Die geschäftsführende deutsche Regierung ist aufgelöst.“</p>



<p>Die „Operation Blackout“ lief da bereits. Albert Speer wurde widerstandslos in Glücksburg festgenommen. „Das musste ja so kommen, es war sowieso nur noch Operette“, sagte der Reichsminister. Der gesamte Marinebereich war „führerlos“, sodass britische Panzer-Division und Soldaten blitzschnell einrücken konnten und keinen Schuss abfeuern mussten. Das Kabinett hatte gerade mit der Sitzung begonnen, als ein englischer Soldat in den Saal stürzte: „Hände hoch! Hosen herunter!“ Sämtliche Gefangene wurden nach draußen geführt und auf dem Freigelände versammelt, wo sich nach einer guten Stunde 5000 Personen drängten.</p>


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<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="806" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Germany_Under_Allied_Occupation_BU6693.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 7: Der Sonderbereich Mürwik und das Ende des NS-Staates" class="wp-image-83374" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Germany_Under_Allied_Occupation_BU6693.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Germany_Under_Allied_Occupation_BU6693-298x300.jpg 298w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Germany_Under_Allied_Occupation_BU6693-150x150.jpg 150w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Germany_Under_Allied_Occupation_BU6693-768x774.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Germany_Under_Allied_Occupation_BU6693-417x420.jpg 417w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/06/Germany_Under_Allied_Occupation_BU6693-696x701.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">23. Mai 1945: Zahlreiche Verhaftungen im „Sonderbereich Mürwik“; Foto: IMW</figcaption></figure></div>


<p>Die drei NS-Spitzen waren von der „Patria“ zurück. Hans-Georg von Friedeburg ging noch mit Karl Dönitz auf und ab und wurde dann zu seiner Unterkunft in der Kaserne Meierwik gebracht. Dort legte er all seine Orden an, suchte einen Waschraum auf, schloss sich ein und setzte seinem Leben mit Gift ein Ende. Es war der einzige Todesfall an diesem Tag im „Sonderbezirk Mürwik“. Für die anderen Regierungsmitglieder hieß es plötzlich: „Abfahrt sofort!“ Der eine oder andere Koffer blieb zurück.</p>



<p>Die nächste Etappe war das Polizeipräsidium in Norderhofenden. Die NS-Repräsentanten schmorten dort eine Stunde in der Halle, erfuhren eine gründliche Leibesvisitation und mussten alle ihre Abzeichen aushändigen. Karl Dönitz beklagte den Verlust seines Feldmarschallstabs. Die Alliierten wollten den endgültigen Bruch mit Nazi-Deutschland demonstrieren und initiierten die Verhaftung als Medien-Spektakel. 80 Reporter, Fotografen und Kamerateams waren angereist. Damit alle Teams ihre Aufnahmen machen konnten, wurde Karl Dönitz, Alfred Jodl und Albert Speer befohlen, gleich mehrfach hintereinander den Innenhof des Polizeipräsidiums zu betreten.</p>



<p>Die Kriegsverbrecher wurden am späten Nachmittag in Lastwagen verladen und – von Panzern eskortiert – zum Flugplatz „Schäferhaus“ gefahren. Auf dem Luftweg ging es nach Luxemburg ins Untersuchungsgefängnis. Tags darauf titelten die Zeitungen in Flensburg: „Das Ende der Dönitz-Zeit“. Das US-Magazin „Time“ bilanzierte eher blumig als spektakulär: „Das Deutsche Reich starb an einem sonnigen Morgen in der Nähe des Ostseehafens Flensburg.“&nbsp;</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner </em></p>
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		<title>Flensburg 1945 Folge 5: Plötzlich Reichshauptstadt</title>
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		<pubDate>Sat, 03 May 2025 10:56:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ende April 1945 war der Alltag aus den Fugen geraten. Flensburg war zwar im Bombenkrieg nur wenig zerstört worden, dafür füllte sich die Stadt immer mehr mit Menschen: Flüchtlinge und Soldaten strandeten im hohen Norden des Dritten Reiches, Hunderte von KZ-Häftlingen wurden auf unmenschliche Weise herantransportiert. Die Versorgung war zunehmend angespannt. Einige befürchteten sogar eine [&#8230;]</p>
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<p>Ende April 1945 war der Alltag aus den Fugen geraten. Flensburg war zwar im Bombenkrieg nur wenig zerstört worden, dafür füllte sich die Stadt immer mehr mit Menschen: Flüchtlinge und Soldaten strandeten im hohen Norden des Dritten Reiches, Hunderte von KZ-Häftlingen wurden auf unmenschliche Weise herantransportiert. Die Versorgung war zunehmend angespannt. Einige befürchteten sogar eine Hungersnot, während andere die Kornsuppe, zubereitet mit Saft und Zucker, empfahlen – als die beste Lösung für einen leeren Magen.</p>



<p>Das Stromnetz hatte viele Aussetzer. Wenn es funktionierte, liefen auch die Radios, die im Schutz der Privatwohnung oft auf Feindsender eingestellt waren – um zu erfahren, wie aussichtlos der Krieg inzwischen aus deutscher Sicht war. Man hörte von der Begegnung amerikanischer und sowjetischer Soldaten in Torgau oder von Waffenstillstandsverhandlungen, die SS-Reichsführer Heinrich Himmler mit den Westmächten führte. „Noch immer glauben dumme Menschen an den Sieg“, schrieb der Flensburger Wilhelm Clausen in sein Tagebuch und hielt fest: „Nun ist es wohl sicher, dass die Engländer zu uns kommen, und das betrachten wir als das kleinere Übel.“ Dass nicht die Sowjets in Flensburg einmarschieren würden, war im Grunde seit der Jalta-Konferenz im Februar beschlossene Sache. Zu diesem Zeitpunkt war aber wohl niemandem in den Sinn gekommen, dass die Fördestadt sogar für ein paar Tage zur inoffiziellen Reichshauptstadt werden könnte. Diese Entwicklung war das Ergebnis der Kriegswirren und ihrer spontanen Ausschläge.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="616" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/Karl_Doenitz-616x1024.jpg" alt="Flensburg 1945 – Folge 5" class="wp-image-82758" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/Karl_Doenitz-616x1024.jpg 616w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/Karl_Doenitz-180x300.jpg 180w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/Karl_Doenitz-768x1277.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/Karl_Doenitz-253x420.jpg 253w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/Karl_Doenitz-696x1157.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/Karl_Doenitz.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 616px) 100vw, 616px" /><figcaption class="wp-element-caption">Karl Dönitz: der Nachfolger von Adolf Hitler</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Vorbereitungen für einen Regierungsumzug</h2>



<p>Spätestens im Februar 1945 rechneten Regierungs- und Behördenvertreter damit, dass Berlin nicht zur Metropole „Germania“ aufsteigen, sondern in alliierte Hand fallen würde. Die Front näherte sich so rasch Berlin, dass selbst das größenwahnsinnige NS-Regime seine Hauptstadt als heißes Pflaster wahrnehmen musste. Es bildeten sich interne Arbeitsstäbe, die sich mit der Evakuierung der Reichsministerien beschäftigten. Mitte April ließ Adolf Hitler höchstpersönlich das Deutsche Reich für die weitere Kriegsführung in einen Nord- und in einen Südraum aufteilen. Zugleich setzte er für beide Bereiche jeweils einen Oberbefehlshaber ein. Der Mann, der im Norden das Vertrauen des Führers rechtfertigen sollte, war Karl Dönitz, der Großadmiral der Kriegsmarine. Der 53-Jährige galt als überzeugter Nationalsozialist und glühender Anhänger von Adolf Hitler. Sein Weltbild stellte „Führer, Volk und Vaterland“ dar.</p>



<p>Der Großadmiral verließ in der Nacht zum 22. April mit einer kleinen Gefolgschaft Berlin. Das Ziel: das noch unbesetzte Schleswig-Holstein. Unterwegs stieß die kleine Gruppe immer wieder auf Flüchtlingszüge und rückflutende Wehrmachtskolonnen. „Allen gemeinsam steht der große Motor dieser Völkerwanderung – die Furcht – im Gesicht geschrieben“, notierte der Adjutant. Am Vormittag erreichte Karl Dönitz sein neues Hauptquartier: eine Baracke am Plöner See. In seinem Kriegstagebuch notierte er ein paar Tage später: „Da die Kapitulation ohnehin die Vernichtung der Substanz des deutschen Volkes bedeuten muss, ist es auch aus diesem Gesichtspunkt richtig weiterzukämpfen.“ Der Großadmiral folgte der unsinnigen Aufforderung, leichtbewaffnete Marinetruppen nach Berlin zu schicken, und bewies so eine bedingungslose Treue zum Führer – im Gegensatz zu den NS-Größen Hermann Göring oder Heinrich Himmler.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das „politische“ Testament</h2>



<p>Die Reichsregierung sollte eigentlich im Raum Eutin zusammengefasst werden, einige Minister trafen nach und nach ein. Karl Dönitz ging davon aus, dass Adolf Hitler in Kürze folgen würde. Diese Einschätzung änderte sich, als Feldmarschall Wilhelm Keitel und Generaloberst Alfred Jodl, die beiden wichtigsten Personen im Oberkommando der Wehrmacht, die Reichshauptstadt ohne den Führer verlassen hatten. Und dann am 30. April 1945 um 18.35 Uhr ein Funkspruch aus Berlin: „Anstelle des bisherigen Reichsmarschalls Göring setzt der Führer Sie, Herr Großadmiral, als seinen Nachfolger ein.“ Was diese Meldung nicht verriet: Adolf Hitler hatte drei Stunden vorher Suizid begangen.</p>



<p>Am 1. Mai gingen im Holsteinischen bruchstückhaft weitere Meldungen aus Berlin ein. Am Nachmittag hieß es schließlich: „Führer gestern 15.30 verschieden. Testament vom 29. April überträgt Ihnen das Amt des Reichspräsidenten.“ Karl Dönitz war nun der erste Mann im Dritten Reich, und bereitete eine Rede vor. Am späten Abend meldete der Reichssender Hamburg aus dem Hauptquartier: „Hitler ist vor dem Feind gefallen, nachdem er bis zuletzt gegen den Bolschewismus gekämpft hat.“ Dann stellte sich Karl Dönitz in einer siebenminütigen Ansprache als Nachfolger vor. „Die Hauptsorge der militärischen Führung in der augenblicklichen Situation ist die Rettung deutschen Landes und deutschen Volkstums vor dem Bolschewismus“, sagte er und betonte: „Der Schwerpunkt der Kampfführung liegt daher eindeutig im Osten. Es wird militärisch alles nur Mögliche getan, um den Abfluss deutscher Menschen zu ermöglichen.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Lage in Flensburg</h2>



<p>Flensburg hatte Strom, etliche Radios waren eingeschaltet. Bei einigen Zeitgenossen überwogen Schock und Trauer darüber, dass der Führer nicht mehr lebte. Der „Endsieg“ bestimmte noch immer ihren verblendeten Glauben. Bei den meisten waren aber die Sorge um den Lebensunterhalt und die Angst vor Bombenangriffen so groß, dass die neue Situation an der Spitze der Reichsregierung die Hoffnung auf ein sehr baldiges Kriegsende nährte. Aber warum sprach Karl Dönitz von „Kampfführung“ und nicht von Waffenstillstand? Der Flensburger Wilhelm Clausen bilanzierte enttäuscht: „Noch also kein Ende des aussichtslosen Krieges.“</p>



<p>Unter den NS-Größen hatte da bereits ein regelrechter Wettlauf nach Flensburg begonnen. Die Grenzstadt war so weit entfernt vom Frontverlauf wie kein anderer Ort im Deutschen Reich. Bereits am 28. April tauchte Alfred Rosenberg, Reichsminister der nicht mehr von den Deutschen besetzten Ostgebiete, am Marinestützpunkt Mürwik auf. Heinrich Himmler wurde am 2. Mai vormittags das erste Mal gesehen. Der SS-Reichsführer Heinrich Himmler selbst stieg im Polizeipräsidium Norderhofenden ab und bezog das Zimmer 69. Er traf mit einem großen Tross ein. Einige seiner Leute schliefen im Museum und demolierten dort im Suff. Tagsüber saß Heinrich Himmler in der Feuerwehrschule Harrislee. Dort stand auch der Fuhrpark, der sogar eine Milchkuh für den persönlichen Bedarf befördert hatte. Wüste SS-Gelage waren an der Tagesordnung. Wurst, Schokolade und Zigarren – sonst alles Mangelware – gab es hier im Überfluss.</p>



<p>Im Flensburger Rathaus pflegte man einen kurzen Draht zur Marine in Mürwik, wo mit Offizier Wolfgang Lüth ein strammer Nazi als Standortkommandeur agierte. „Wir waren uns darin einig, dass ein Hinübergreifen des unmittelbaren Kriegsgeschehens in den Norden des Landes verhindert werden müsse“, schrieb Oberbürgermeister Ernst Kracht in seinen Erinnerungen. „Die Stadt Flensburg, die bisher glimpflich davongekommen war, sollte nicht einem letzten schweren Angriff ausgesetzt werden.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Karl Dönitz: Vom Plöner See an die Flensburger Förde</h2>



<p>Am 2. Mai harrte Karl Dönitz noch am Plöner See aus und ärgerte sich, dass die deutsche Armee in Italien eigenmächtig kapituliert hatte. Da betrat sein Adjutant das Arbeitszimmer und berichtete von einem Telefonat: Durch Lübeck rollten britische Panzer. Das letzte Tor zwischen Ost und West hatte sich damit geschlossen, die Westfront hatte keinen Sinn mehr. Karl Dönitz entschloss sich, sein Hauptquartier zu verlegen – nach Flensburg. 1911 hatte er dem ersten Seeoffiziers-Jahrgang an der neuen Marineschule in Mürwik angehört.</p>



<p>In einer fünf Tonnen schweren Panzerlimousine, ein Geschenk von Adolf Hitler, ging es zusammen mit Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk und dem Adjutanten Walter Lüdde-Neurath in den hohen Norden. Um 21 Uhr war die Levensauer Hochbrücke bei Kiel erreicht. Dort wartete bereits Hans-Georg von Friedeburg, der neue Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Dieser erhielt den Auftrag, mit dem britischen Feldmarschall Bernhard Montgomery Verhandlungen für eine Teilkapitulation aufzunehmen. Während der Weiterfahrt beschnupperten sich Karl Dönitz und Lutz Graf Schwerin von Krosigk ausgiebig. Das Ergebnis: Der Großadmiral hatte seinen neuen Außenminister gefunden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der letzte Bombenangriff auf die Stadt Flensburg</h2>



<p>Das gepanzerte Fahrzeug stoppte immer wieder – aus Vorsicht. Denn gegen den Bordwaffenbeschuss aus der Luft bot es nur unzureichenden Schutz, und es waren in dieser Nacht viele Jagdbomber unterwegs. Die Briten vermuteten eine Truppenkonzentration im Nordraum und ließen Angriffe in mehreren Wellen fliegen. 15 Maschinen näherten sich Flensburg. Um exakt 22.46 Uhr schreckte ein Vollalarm viele aus den Betten. Sie schlüpften schnell in die Kleidung und eilten in die Schutzräume und Keller. Währenddessen knatterten schon die Flug-Abwehr-Kanonen, deren Leuchtmunition den Himmel schaurig-schön färbte.</p>



<p>Eine halbe Stunde später fielen die ersten vier Sprengbomben auf die Straßenbahn-Endhaltestelle in Mürwik. Sie töteten sechs Soldaten und eine Luftwaffen-Helferin. Es folgten 150 Brandbomben und 44 Sprengbomben auf südliche Stadtteile. Es starben 49 Menschen. Die meisten Opfer gab es in der als Hilfskrankenhaus dienenden Landwirtschaftsschule in der Eckernförder Landstraße. Der Südwestflügel stürzte ein und begrub mehrere Dutzend Personen unter sich. Auch Häuser in Teichstraße, Mittelstraße und Waitzstraße wurden getroffen. In einem Etagenhaus im Südergraben wurden die Bewohner durch einen Einschlag geweckt. Die zerfetzte Decke gab den Blick in den Nachthimmel frei.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="579" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/HAL_Patria-III.jpg" alt="Flensburg 1945 – Folge 5" class="wp-image-82757" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/HAL_Patria-III.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/HAL_Patria-III-300x217.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/HAL_Patria-III-768x556.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/HAL_Patria-III-580x420.jpg 580w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/HAL_Patria-III-696x504.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/HAL_Patria-III-324x235.jpg 324w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Wohnschiff „Patria“: Quartier für Karl Dönitz; Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Der erste Regierungstag in Flensburg</h2>



<p>Um 3 Uhr nachts war es wieder ruhig. Dann erst trafen Karl Dönitz und seine Begleiter in Mürwik ein. Der Standortkommandeur Wolfgang Lüth begleitete die Neuankömmlinge auf den großen Passagierdampfer „Patria“, der getarnt an der Blücherbrücke lag und als Wohnschiff diente. Das Wasser kräuselte sich nur leicht, dennoch kam Karl Dönitz nicht in den Schlaf. Er beschäftigte sich pausenlos mit neuen, schwer kontrollierbaren Informationen über Vorstöße alliierter Truppen, stellte fest, dass bis auf Ostfriesland und Schleswig-Holstein Nordwestdeutschland inzwischen komplett besetzt war und sprach den Befehl aus, den Nord-Ostsee-Kanal zu verteidigen – als letzten Puffer für die neue Reichshauptstadt Flensburg.</p>



<p>Am Morgen eine Überraschung: Die Baracken, die für den Führungsstab vorgesehen waren, waren erst teilweise eingerichtet und beinhalteten nur eine bescheidene Nachrichtentechnik. Wolfgang Lüth räumte kurzerhand das Standortgebäude für die Regierungsvertreter und für das Oberkommando der Wehrmacht. Aber auch in diesem Ambiente fiel die Lagebesprechung verheerend aus: Im gesamten Reichsgebiet war das Verkehrswesen zusammengebrochen, was den Transport von Rohstoffen und Lebensmitteln torpedierte. Es bewegten sich fast nur noch die Flüchtlingsströme und das zurückweichende Militär. Aus dem Süden des Reiches traf ein Telegramm ein: „Ordnung nur noch in Oberdonau, Auflösungserscheinungen in Truppe und Verwaltung, herumlungernde Soldaten.“ In Mürwik war allen klar: Der Krieg war militärisch verloren. Es konnte eigentlich nur noch darum gehen, möglichst viele Menschen und Gebäude vor Tod und Zerstörung zu bewahren.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Sonderzug „Auerhahn“</h2>



<p>Noch nicht in Flensburg eingetroffen war der Sonderzug „Auerhahn“. In seinen Waggons befanden sich nicht nur Lebensmittel, Wehrmachtsgüter und eine Funkstelle, sondern auch geheime Dokumente der Kriegsmarine und viele private Gegenstände von Karl Dönitz. Der Großadmiral persönlich hatte Asmus Jepsen, einem Kapitänleutnant aus Angeln, befohlen, den Zug vom alten Hauptquartier in Holstein an die Flensburger Förde zu überführen. Das war alles andere als eine kleine Aufgabe in Zeiten größter Kriegsmüdigkeit und weiterer Fliegerangriffe.</p>



<p>Es dauerte fast einen Tag, ehe Eckernförde erreicht war, das inzwischen zur „Offenen Stadt“ erklärt worden war und nicht mehr verteidigt werden sollte. Viele deutsche Soldaten setzten sich ab und versuchten, sich auf eigene Faust in ihre Heimatorte durchzuschlagen. Asmus Jepsen blieb eine kleine Restmannschaft. Überdies war die Lok abgekoppelt worden, und es dauerte etliche Stunden, bis sich Ersatz fand. Als der Sonderzug „Auerhahn“ im Bahnhof Sörup eintraf, griffen britische Flugzeuge an. Die Verbindung nach Mürwik brach ab, die wichtige Lieferung steckte fest. Asmus Jepsen soll die Geheimsachen vernichtet und viele Lebensmittel an Flüchtlinge verteilt haben. Die Dienstpflicht war offenbar beendet, und der Kapitänleutnant ging nach Hause. Nur wenige Männer blieben am Sonderzug, der einige Stunden später seine Fahrt doch noch nach Flensburg fortsetzte.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="809" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/asmus-jepsen.jpg" alt="Flensburg 1945 – Folge 5" class="wp-image-82756" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/asmus-jepsen.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/asmus-jepsen-297x300.jpg 297w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/asmus-jepsen-768x777.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/asmus-jepsen-415x420.jpg 415w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/04/asmus-jepsen-696x704.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Asmus Jepsen: eines der letzten Opfer der NS-Justiz</figcaption></figure></div>


<p>Am nächsten Morgen – es war der 5. Mai – erhielt Asmus Jepsen überraschenden Besuch von der geheimen Feldpolizei. Er wurde vor den Augen seiner Familie festgenommen. Die NS-Marinejustiz stufte das Verhalten von Asmus Jepsen in einer Eilsitzung als „Fahnenflucht“ und „Plünderung“ ein und verurteilte den Angeklagten zum Tode. Karl Dönitz bestätigte dieses Urteil mit seiner Unterschrift. In seiner Zelle in Mürwik schrieb Asmus Jepsen einen Abschiedsbrief an seine Frau: „Du, die Kinder und mein Vaterland waren es, für die ich stets kämpfte, damit wir alle in einem schönen Vaterland leben konnten. Leider ist es anders geworden. Deutschland wird nichts mehr bedeuten und ihr werdet nichts als Not und Sorgen kennen!“ Am nächsten Abend wurde der Familienvater auf dem Twedter Feld erschossen und an Ort und Stelle verscharrt. Noch in der Nacht gruben einige Angehörige den Leichnam wieder aus und überführten ihn zum Friedhof Adelby.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wilde Gerüchte am 3. Mai</h2>



<p>Am 3. Mai 1945 war die „Flensburger Nachrichten“ nicht erschienen – wegen eines Stromausfalles am Vortag. Stattdessen kursierten Gerüchte: Angeblich wolle Karl Dönitz Flensburg bis auf den letzten Mann verteidigen, hieß es, während andere davon erzählten, dass die US-Amerikaner acht Kilometer vor Flensburg stünden. Zur Mittagszeit stürmten die Massen die Bunker und Unterstände, da ein Bombenangriff die Stadt „pulverisieren“ sollte. Es geschah nichts. Die Polizeidirektion forderte via Drahtfunk: „Bewahrt Ruhe, Ordnung und Haltung!“ Um 19.30 Uhr nahm eine neue Radiostation mit dem großspurigen Namen „Reichssender Flensburg“ ihren Betrieb auf. Es sprach Rüstungsminister Albert Speer. Er appelliert an die Deutschen, Disziplin zu bewahren und eine Lähmung des öffentlichen Lebens zu verhindern.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner </em></p>
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		<title>Flensburg 1945 Folge 4: Luftkrieg über Flensburg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Apr 2025 22:49:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flensburg 1945]]></category>
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		<category><![CDATA[Luftkrieg über Flensburg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Unruhe kam aus der Luft. Am 23. April 1945 heulten in den Abendstunden mehrmals die Sirenen, Menschen hasteten in die Keller und in die Schutzräume. Britische Bomber näherten sich dem nördlichsten Zipfel Deutschlands. Was am Boden niemand ahnte: Es war eine Armada von 148 Fliegern, die Kurs auf Flensburg nahm, um dort Bahnhofs- und [&#8230;]</p>
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<p>Die Unruhe kam aus der Luft. Am 23. April 1945 heulten in den Abendstunden mehrmals die Sirenen, Menschen hasteten in die Keller und in die Schutzräume. Britische Bomber näherten sich dem nördlichsten Zipfel Deutschlands. Was am Boden niemand ahnte: Es war eine Armada von 148 Fliegern, die Kurs auf Flensburg nahm, um dort Bahnhofs- und Hafenanlagen zu zerstören. 150 schwere Luftminen, 600 Sprengbomben und etwa 25.000 Brandbomben – so der Plan – sollten über der Fördestadt abgeworfen werden. Eine Bombenlast, die größer war als alles, was jemals zuvor auf Flensburg niedergegangen war. Doch die auf rund 100.000 Menschen angewachsene Stadt hatte einen Schutzengel: das norddeutsche Schmuddelwetter. Eine dicke Wolkendecke versperrte die Sicht auf die Zielregion. Die Flugzeuge drehten ab, an diesem Abend kam keine einzige Bombe zum Einsatz.</p>



<p>Eine Akte der Stadtverwaltung mit dem Titel „Bombenabwürfe in Flensburg“ – die Präposition „über“ wäre passender gewesen – und dem Vermerk „Geheim!“ ist erhalten geblieben. Die Kriegsschädenstelle, dem Oberbürgermeister direkt untergeordnet, listete insgesamt 38 Luftangriffe und 461 Alarmierungen im gesamten Zweiten Weltkrieg auf. Der schlimmste Einzelfall: Am 19. Mai 1943 griffen US-Bomber die Nordstadt an. Die amtliche Bilanz registrierte 83 Tote, vornehmlich im Bereich einer Fischkonservenfabrik, und rund 1500 Obdachlose. Insgesamt kam Flensburg – im Vergleich zu vielen anderen Orten im Deutschen Reich – aber glimpflich davon. Es entwickelten sich Legenden, weshalb die nördlichste Stadt so wenig mit schweren Luftangriffen konfrontiert war. Der wichtigste Schutzschirm war aber wohl der Zufall des Wetters – so wie am 23. April 1945.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Organisation des Luftschutzes</h2>



<p>Offiziell galt in Flensburg – wie auch für Kiel oder Lübeck – die „Gefährdungsstufe I“. Mehrere Kasernen, der Marinestützpunkt Mürwik oder die Flensburger Werft, auf der lange Zeit U-Boote hergestellt wurden, mussten als bevorzugte Angriffsziele eingestuft werden. Mit dem 30. November 1944 wurden die Polizeistunden ausgeweitet. Nach 22 Uhr durfte niemand mehr auf die Straße. Die dunkle Jahreszeit musste zappenduster sein, Städte und Siedlungen sollten aus der Luft möglichst unscheinbar sein. Wohnungs- und Schaufenster wurden mit Verdunklungsstoffen und Pappen abgedeckt, die Straßenbeleuchtung war abgeschaltet, und Fahrzeuge durften nur mit schmalen Schlitzblenden ausgestattet sein.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="710" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02823-710x1024.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 4: Luftkrieg über Flensburg" class="wp-image-82417" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02823-710x1024.jpg 710w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02823-208x300.jpg 208w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02823-768x1107.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02823-291x420.jpg 291w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02823-696x1003.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02823.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 710px) 100vw, 710px" /><figcaption class="wp-element-caption">Luftschutzstollen unter dem Museumsberg; Foto: Stadtarchiv Flensburg</figcaption></figure></div>


<p>Der Luftschutz war breit organisiert. Bereits 1933 (!) wurde der Reichsluftschutzbund gegründet, der sich direkt der NSDAP unterordnete und bis zu 20 Millionen Mitglieder zählte. In Flensburg saß diese NS-Organisation am Südermarkt und veranstaltete Vorführungen und Vorträge. Im Nordergraben gab es sogar eine Luftschutzschule. Flensburg war in vier Reviere unterteilt, darunter agierten Block- und Hausluftschutzwarte. Diese wachten über Ausbildung, Ausrüstung und die Schutzkeller-Einrichtung der einzelnen Gebäude. Ein Luftschutzraum im Keller war Pflicht eines jeden Hauseigentümers.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Bunker, Stollen und Flak</h2>



<p>Die Anforderungen an Luftschutzräume wuchsen mit der fortschreitenden Bombentechnik. Mehrere Bunker wurden gebaut. Unter dem Museumsberg bot ein langer Stollen Platz für 800 Menschen. Ein noch größeres Vorhaben war seit November 1943 in der Apenrader Straße im Bau: ein Stollen mit 3200 Sitzplätzen. Wegen des allgemeinen Materialmangels war eine Fertigstellung aber erst für 1946 prognostiziert. Bei Kriegsende gab es für etwa 100.000 Menschen nur 25.000 Plätze in adäquaten Luftschutzräumen. Alle anderen mussten bei Vollalarm auf Keller oder behelfsmäßige Unterstände ausweichen.</p>



<p>Neben dem Schutz gab es bei Luftangriffen die Gegenwehr. Die sogenannte Flugabwehrkanone – kurz Flak – war zunächst am Ostseebad, in der Grenzlandkaserne, in der Duburgkaserne und am Hafen positioniert. Weitere Stellungen folgten im Laufe des Krieges im Bereich von Bohlberg, Blasberg, Friedensweg, Mühlental, Jarplund und Handewitt. Die 8,8-Zentimeter-Geschosse der Flak konnten 10.600 Meter Höhe erreichen. Die Flieger der Alliierten griffen 1945 aus etwa 8000 Metern an. Laut Berechnungen bedurfte es 4000 bis 6500 Schüsse für den Abschuss eines einzigen gegnerischen Bombers. Ein ohrenbetäubendes Geknatter.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Bombenangriffe im April 1945</h2>



<p>Im Februar und März 1945 war es ruhig über Flensburg, da es kein Ziel von Luftangriffen war. Der Flensburger Wilhelm Clausen mutmaßte am 30. März in seinem Tagebuch: „Die feindlichen Flieger haben an Flensburg kein Interesse. Haben es von Anfang an kaum gehabt, und nachdem auf der Werft keine U-Boote mehr gebaut werden, schon gar nicht mehr.“ Zwei Wochen später klang es ganz anders: „Wir müssen täglich, ja stündlich darauf gefasst sein, dass die Kriegsfurie an uns heran- und über uns hinwegbraust.“ Und ein paar Zeilen weiter: „Die Hoffnung, dass Flensburg, ohne Kampfplatz geworden zu sein, heil aus dem Kriege hervorgehen würde, wird leider zu Schanden werden.“</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="571" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02809.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 4: Luftkrieg über Flensburg" class="wp-image-82421" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02809.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02809-300x214.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02809-768x548.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02809-588x420.jpg 588w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02809-696x497.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/XIV-Foto-B-02809-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Luftschutzschule am Nordergraben: Übung mit Gasmasken; Foto: Stadtarchiv Flensburg</figcaption></figure></div>


<p>Der 2. April 1945, der Ostermontag, begrüßte Flensburg mit Sturmböen, saftigen Regengüssen und einem Luftalarm am Nachmittag. Tags darauf fielen knapp zwei Dutzend Sprengbomben auf den Flugplatz Schäferhaus. Werkstatthallen und Rollfeld wurden getroffen, ein Sprengtrichter halbierte an einer Stelle die Lecker Chaussee. Die Druckwellen beschädigten selbst in der Friesischen Straße Fenster und Dächer. Das verletzte Pferd eines Landwirtes musste notgeschlachtet werden. Beim nächsten Angriff auf den Flugplatz am 13. April starben drei sowjetische Kriegsgefangene, 20 deutsche Flugzeuge gingen in Flammen auf.</p>



<p>Am 19. April galt der britische Angriff eigentlich dem Flugplatz in Schleswig, zehn Spreng- und 600 Brandbomben fielen aber schon über Flensburg-Weiche. Getroffen wurden eine Baracke im Zwangsarbeiter-Lager, der Schuppen und die Verladerampe des Güterbahnhofs, eine chemische Fabrik und fatalerweise ein Wohnhaus in der Langen Reihe. Obwohl sie im vermeintlich sicheren Keller Unterschlupf gesucht hatten, starben eine aus dem Baltikum geflüchtete Frau sowie eine junge Mutter mit ihrer fünfjährigen Tochter und einem zwei Monate alten Säugling.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Schwere des Alltags</h2>



<p>Neben der gewachsenen Gefahr aus der Luft erschwerte die allgemeine Versorgungssituation den Alltag zunehmend. Bereits Anfang März 1945 – auch als Folge des Zustroms von Flüchtlingen – mussten Brot-, Fett- und Nährmittelrationen weiter gekürzt werden. Im April wurden Gemeinschaftsküchen eingerichtet, damit jeder Einwohner täglich eine warme Suppe bekommen konnte. Die Beratungsstelle des „Deutschen Frauenwerks“ empfahl Gerichte mit Roggen-Vollkorn-Flocken, während die Tageszeitung anmahnte: „Esskartoffeln gebet nie als Futter für das liebe Vieh!“ Gaststätten hatten nicht mehr regulär geöffnet. Wenn diese nicht schon in ein Flüchtlingsquartier umgewandelt worden waren, hatten nur noch Soldaten Zutritt.</p>



<p>Angesichts der Notlage nahmen Diebstähle zu. In der Nacht zum 8. April brachen Unbekannte in eine Lebensmittelgroßhandlung in der Johannisstraße ein. Am folgenden Morgen fehlten 50 Kilogramm Zucker, 50 Kilogramm Salz, 40 Kilogramm Mehl, 20 Kilogramm Kunsthonig, 57 Pakete Waschpulver und 46 Pakete Einweichmittel. Wer erwischt wurde, musste mit einer harten Strafe rechnen. Ein Küchengehilfe aus Mürwik hatte bei den Lieferungen an die Lazarette täglich einen Liter Vollmilch für sich abgezweigt. Das sei „verwerflich gegenüber Kranken und Kinder“, meinte ein Gericht und verurteilte den Täter zu einer sechsmonatigen Haftstrafe.</p>



<p>Der Energiesektor lahmte. Oberbürgermeister Ernst Kracht und NSDAP-Kreisleiter Hermann Riecken nahmen Mitte Februar 1945 mit einem gemeinsamen Appell den Gasbedarf ins Visier: „Solange es noch Verbraucher gibt, die das Mehrfache der ihnen zugeteilten Mengen glauben verbrauchen zu können, kann eine geregelte Bewirtschaftung nicht aufrechterhalten werden.“ In den folgenden Wochen wurde die Gaslieferung der Stadtwerke wiederholt ausgesetzt. Dank eines milden Winters konnte die Bevölkerung die Kohlen- und Gasvorräte halbwegs strecken.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="576" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/Sondertorv-Flensb.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 4: Luftkrieg über Flensburg" class="wp-image-82420" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/Sondertorv-Flensb.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/Sondertorv-Flensb-300x216.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/Sondertorv-Flensb-768x553.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/Sondertorv-Flensb-583x420.jpg 583w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/Sondertorv-Flensb-696x501.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Am Südermarkt saß der Reichsluftschutzbund; Foto: Dänische Zentralbibliothek</figcaption></figure></div>


<p>Das Heizen mit Holz als Alternative wurde nicht geduldet. Für die Marienhölzung wurde ein scharf kontrolliertes Betretungsverbot ausgesprochen, um den Holzbedarf für Bäckereien und Gaswerk sicherzustellen. Seit dem 1. März 1945 war der Straßenverkehr stark reglementiert. Und ab Mitte April hielt die Straßenbahn nicht mehr in der Innenstadt, sondern nur noch nördlich vom Nordertor, am Reichsbahnhof sowie zwischen Hafermarkt und Mürwik. Züge verließen Flensburg nur noch an drei Tagen in der Woche.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Unterricht und Kultur</h2>



<p>In der alltäglichen Not blieb das Elend des Krieges immer allgegenwärtig. Alarmsirenen und Bombenangriffe sorgten für Angst, und die Lazarett-Züge, die täglich weitere verwundete Soldaten nach Flensburg brachten, wirkten sehr bedrückend. Das Deutsche Haus und etliche Schulen hatten sich in Krankenlager verwandelt. In der Adolf-Hitler-Schule (Goethe-Schule) bemühte man sich, mit Flaggenparaden den ideologischen Rahmen zu halten, aber der Lernstoff konnte immer seltener vermittelt werden. In den beengten Verhältnissen fand Unterricht kaum noch statt, zumal ältere Schüler Bildungs- für Kriegsaufgaben opfern mussten – an der Front oder als Flakhelfer.</p>



<p>Erstaunlich, dass das kulturelle Leben fast bis zum letzten Atemzug der NS-Diktatur weiterlief – wenn auch auf Sparflamme. Das „Colosseum“ in der Großen Straße, mit 960 Plätzen das bedeutendste Kino nördlich des Nord-Ostsee-Kanals, zeigte am 13. April 1945 den „Orient-Express“. Einen Tag später hatte das „Capitol“ den Kriminalfilm „Zentrale Rio“ im Programm. Der letzte Kinoabend im Zweiten Weltkrieg. Einige Tage später veranstaltete das Trollseelager einen Boxabend, zu dem sogar Sportlerlegende Max Schmeling erschien und für die westeuropäischen Insassen und Soldaten eifrig Autogramme schrieb. Für Wehrmachtsangehörige öffnete auch das Stadttheater. Tanzabende mit Elisabeth Müller-Brunn wurden mehrfach wiederholt, Gerty Molzen sang, und Walzer oder Märsche lebten in Konzerten auf. In der Nikolaikirche zelebrierte Organist Walter Kraft mehrfach Bach-Kompositionen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die NS-Organisationen</h2>



<p>Auch NS-Organisationen arbeiteten in Flensburg fast bis zum letzten Kriegstag. Am 20. April hatte Adolf Hitler Geburtstag, am Vorabend sprach Propagandaminister Joseph Goebbels im „Großdeutschen Rundfunk“, und in Flensburg lud die NSDAP ihre Ortsgruppen und Parteigenossen gleich an vier Abenden ins Stadttheater. Gauredner August Glasmeier kam aus Lübeck und würzte seinen Vortrag mit irritierendem Pathos und Durchhalteparolen. „Der Führer ist der erste Mann in 2000-jähriger Geschichte, der das Volk auf einen Nenner brachte und einigte“, sagte er, um kurz darauf die eigentlich aussichtlose Kriegslage zu beschönigen: „Nicht der Frontverlauf, nicht die einzelne Schlacht ist entscheidend, sondern das Zerbrechen der Moral und die Zermürbung des Herzens.“</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="575" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/1942-Kriegsschaden-Gaswerk-07.07.1942.jpg" alt="Flensburg 1945 Folge 4: Luftkrieg über Flensburg" class="wp-image-82419" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/1942-Kriegsschaden-Gaswerk-07.07.1942.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/1942-Kriegsschaden-Gaswerk-07.07.1942-300x216.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/1942-Kriegsschaden-Gaswerk-07.07.1942-768x552.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/1942-Kriegsschaden-Gaswerk-07.07.1942-584x420.jpg 584w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/03/1942-Kriegsschaden-Gaswerk-07.07.1942-696x500.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Das Gaswerk nach einem Bombenangriff 1942;
Foto: Stadtarchiv Flensburg Foto: Stadtarchiv Flensburg</figcaption></figure>



<p>Ihren Nachwuchs rekrutierte die NSDAP weiter. Am 20. April 1945 wurde der Jahrgang 1935 in die Hitler-Jugend (HJ) aufgenommen. Fünf Tage später musste die erste Gefolgschaft im Bann 86 antreten – um exakt 18.45 Uhr an der Endstation der Straßenbahn in der Apenrader Straße. Weltanschauliche Schulungen und körperliche Ertüchtigungen kamen aus Personalmangel zum Erliegen, singend zog die HJ trotzdem durch die Straßen: „ &#8230; und setzen treu zu unserer Fahne auch unser Leben ein.“ Seit Jahresbeginn erfasste der „Volkssturm“ auch die 14- bis 16-jährigen Jungen. Sie wurden zu Lehrgängen kommandiert.</p>



<p>Ab Ende März 1945 wurde Flensburg in einen Verteidigungszustand versetzt. Dabei sollte auch der NS-Organisation „Werwolf“ eine Rolle zukommen. Am 22. April wurden Hitler-Jungen in Kiel auf einen Partisanenkrieg gegen die Alliierten vorbereitet. Ihr „geheimer“ Auftrag lautete: Sprengung der nach Flensburg führenden Brücken im Ernstfall. Den Heranwachsenden wurde gezeigt, wie Sprengladungen an heranrollende Panzer angebracht werden. Ein Vorkommando hatte da bereits die Pflastersteine der Brücken in der Schleswiger Straße, an der Husumer Straße und im Peelwatt entfernt.</p>



<p>Die weibliche Jugend war im „Bund deutscher Mädchen“ organisiert. Sie war in den letzten Tagen des Krieges in Nähstuben sowie im Versorgungs- und Gesundheitsbereich tätig. Die junge Generation wurde mit Propaganda überschüttet und verblendet. Ein Großteil glaubte auch im April 1945 noch an den Führer und den „Endsieg“. In anderen Gruppen der Bevölkerung sah das Stimmungsbild anders aus. Ein gebürtiger Flensburger, der schon vor 1933 der NSDAP beigetreten war, vertraute seinem Tagebuch Folgendes an: „Die Kriegslage ist furchtbar. Die Russen haben nun Berlin eingekesselt. Es ist der letzte Todeskampf des Dritten Reiches …&nbsp; Nun aber, da wir den Glauben an die Unbesiegbarkeit der Führer in Berlin verloren haben, bricht sich auch mit überraschender Schnelligkeit die Erkenntnis Bahn, dass unsere Führer nicht nur unseren Krieg verloren, sondern auch verschuldet haben. Wir sehen jetzt erst vieles mit etwas anderen Augen an.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die letzten Luftangriffe</h2>



<p>Über dem Norden Deutschlands wurden weiterhin Bomben abgeworfen. In der Nacht auf den 3. Mai schreckte ein Vollalarm viele Flensburger aus den Betten. Sie zogen sich schnell an und eilten in den Keller, begleitet vom Getöse der Flak. „Da sie mit Leuchtmunition schossen, bot der Himmel ein wunderbares Bild, aber es war unheimlich“, meinte ein Zeitzeuge. Ungefähr 15 britische „Mosquitos“ beteiligten sich an diesem Angriff. Vier Sprengbomben schlugen vor dem Kasernentor in Mürwik ein, wobei eine Luftwaffenhelferin und sechs Soldaten starben. Alle anderen 49 Opfer dieses Luftangriffs waren Zivilisten, darunter 20 Kinder. Allein 32 Menschen starben bei einem Einschlag in ein Hilfskrankenhaus an der Schleswiger Straße. Sieben Wohngebäude wurden total zerstört, 106 Flensburger wurden obdachlos. Am 4. Mai 1945 folgte ein letzter Luftangriff auf den Flugplatz. Inzwischen war Flensburg zum Sitz der NS-Regierung ernannt worden …</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner </em><br><em>Titelfoto: Stadtwerke Flensburg</em></p>
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		<title>Flensburg 1945 Folge 2: Immer mehr Flüchtlinge</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Feb 2025 16:48:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flensburg 1945]]></category>
		<category><![CDATA[1945]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es war der 24. Januar 1945: Am Flensburger Bahnhof trafen Flüchtlinge ein. Hauptsächlich Frauen und Kinder, eine überschaubare Gruppe. Sie kamen aus dem „Warthegau“, einer Region, die erst seit 1939 unter deutscher Kontrolle gestanden hatte. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen wurde die angestammte Bevölkerung vertrieben oder deportiert und Deutsche aus dem Baltikum [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Es war der 24. Januar 1945: Am Flensburger Bahnhof trafen Flüchtlinge ein. Hauptsächlich Frauen und Kinder, eine überschaubare Gruppe. Sie kamen aus dem „Warthegau“, einer Region, die erst seit 1939 unter deutscher Kontrolle gestanden hatte. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen wurde die angestammte Bevölkerung vertrieben oder deportiert und Deutsche aus dem Baltikum angesiedelt, um die Ostgebiete in einen „deutschen Kulturraum“ – so der Nazi-Jargon – zu verwandeln. Nun aber mussten die erst vor wenigen Jahren angesiedelten Menschen flüchten – vor der Roten Armee. Und einige der „Rückgeführten“ landeten in Flensburg. Aber nur vorübergehend, so die offiziellen Stellungnahmen: „Die Volksgemeinschaft wird für die aus dem Osten kommenden Frauen und Männer einstehen, bis sie nach Hause zurückkehren können.“</p>



<p>In diesen Tagen kannte der Flüchtlingsstrom aber nur eine Richtung: Am 2. Februar registrierte Flensburg den bisher größten Transport. Und in den nächsten Tagen kamen immer mehr Menschen, jetzt nicht mehr nur aus dem „Warthegau“, sondern auch aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern, Estland und Lettland. Die Züge waren überfüllt, im Hafen liefen Dampfer ein, andere marschierten zu Fuß oder mit einem Wagen. Die amtliche Statistik hatte mit Jahresbeginn 1945 für Flensburg exakt 67.464 Einwohner gezählt. Eine Zahl, die binnen weniger Monate nur noch Makulatur war.</p>


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<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="576" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_091420.jpg" alt="" class="wp-image-81823" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_091420.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_091420-300x216.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_091420-768x553.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_091420-583x420.jpg 583w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_091420-696x501.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Die Kriegslage</h2>



<p>Auf breiter Front näherte sich das sowjetische Militär und war inzwischen in das Deutsche Reich eingedrungen, das in den Jahren zuvor einen bösen Vernichtungskrieg in den Tiefen Russlands geführt hatte. Nun flüchteten die Menschen aus Angst vor Vergeltung – mit nur wenig Hab und Gut. Und bei eisiger Witterung unter strapaziösen und gefährlichen Bedingungen. Am 30. Januar 1945 stach in Gotenhafen (Gdynia) die „Wilhelm Gustloff“ in See. Sie wurde von einem sowjetischen U-Boot für ein Kriegsschiff gehalten und torpediert. Der Passagierdampfer sank, mehrere tausend Menschen starben.</p>



<p>Die Nazi-Regierung konnte die dramatische Entwicklung des Kriegsgeschehens nicht verschweigen, glaubte aber offenbar immer noch an eine Wende. Ende Februar hielt Joseph Goebbels im Rundfunk eine lange Ansprache. „Die Gebiete, die wir verloren haben, müssen und werden wir uns zurückholen“, sagte der Propaganda-Minister. „Im Osten haben wir eine neue Verteidigungslinie aufgebaut.“ Mit eindringlichem Unterton warnte er vor den vermeintlichen Konsequenzen einer militärischen Niederlage – vor der „Auflösung des Reiches und der biologischen Auslöschung des deutschen Volkes“. Flankierende Nachrichten sollten in jenen Tagen seine Worte bestätigen. Einige Schlagzeilen: „Grausamkeiten der Bolschewisten im deutschen Osten“ oder „Roosevelt fordert Besetzung des Reiches bis 2000“. In der Bevölkerung war kaum noch Zweckoptimismus aufzuspüren. Der Flensburger Wilhelm Clausen schrieb für den 8. März 1945 in sein Tagebuch: „Tiefe Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit hat sich der Mehrzahl des Volkes bemächtigt. Wer hofft und glaubt noch an den Sieg?“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Versuch einer Willkommenskultur</h2>



<p>Der stark frequentierte Flensburger Bahnhof war Sinnbild für die mangelnde Zuversicht. Fast rund um die Uhr trafen Neuankömmlinge ein, die Bedienstete ins Durchgangslager leiteten. Dort gab es etwas zu essen und zu trinken. Allein im Februar – teilte die NS-Volkswohlfahrt mit – wurden 85.000 warme oder kalte Mahlzeiten ausgegeben. Die mitgeführten Lebensmittelkarten galten auch in Flensburg, neue wurden im Sitzungssaal des Rathauses ausgestellt – Eingang X, erster Stock. Die Vertreter der Wohnungsämter von Stadt und Landkreis nahmen die Personalien auf. Es wurden immer mehr, und der Wohnraum war knapp.</p>



<p>Schnell war ersichtlich, dass die Belastungen der ansässigen Bevölkerung wachsen würden. Die Tageszeitungen, die ausgehängt an zwölf verschiedenen Stellen die Flüchtlinge informieren sollte, wurden auch dazu genutzt, den angestammten Lesern die gewünschte Willkommenskultur einzutrichtern. Da wurde unter dem Titel „Sonnenstrahl im Dunkeln“ über zwei Frauen aus dem Osten berichtet, die nach acht Tagen in Flensburg angekommen waren, um bei Verwandten in Mürwik Aufnahme zu finden. Flensburger halfen zunächst beim Tragen der Tasche und zeigten den Weg, dann meinte eine Stimme: „Wir lassen Sie nicht in diesem stürmischen Wetter weitergehen.“ In dieser Geschichte nahmen zwei einheimische Frauen die anderen beiden für eine Nacht bei sich auf und brachten sie am nächsten Tag zur Straßenbahn.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="542" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/web_beer-201604_00.jpg" alt="" class="wp-image-81825" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/web_beer-201604_00.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/web_beer-201604_00-300x203.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/web_beer-201604_00-768x520.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/web_beer-201604_00-620x420.jpg 620w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/web_beer-201604_00-696x472.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Unzählige Menschen auf der Flucht</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Wer hat Platz für Mitbewohner?</h2>



<p>Die Realität war eher bürokratischer und drohender Natur. Der 10. Februar 1945 war für Privatleute die erste Frist, um „überzähligen Wohnraum“ zu melden – am besten mit Betten, Wäsche und Gerät. Oft musste das Wohnungsamt Luftschutzbetten organisieren, oder die NS-Volkswohlfahrt brachte Bettgestelle, Decken und Matratzen. Die Gäste konnte man sich nicht aussuchen, aber manchmal stimmte die Chemie. Da freuten sich Kinder über eine „Ersatzoma“, und die alleinstehende ältere Frau über Leben in der Bude. Die Ausgangslage war aber eher spannungsgeladen. „Ehe man sich versieht“, meinte ein Zeitgenosse, „stehen die Flüchtlinge mit ihrem Quartierzettel vor der Tür. Wer sie nicht aufnimmt, macht sich strafbar.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Widerstand gegen Zuteilungen</h2>



<p>Manche wehrten sich dennoch. Ein älteres Flensburger Ehepaar, wohnhaft in der Bismarckstraße 52, füllte mit seinen Eingaben bald einen kleinen Aktenordner. Anfang Februar war ihm ein pensionierter Lehrer und dessen verwitwete Schwägerin zugeteilt worden. Es gab aber nur ein Zimmer und auch nur einen Schlafplatz. Die Ankündigung des gemischten Paares, im selben Bett übernachten zu wollen, mündete in einem Streit, an dessen Ende es der Lehrer vorzog, die erste Nacht in ein Lazarett auszuweichen.</p>



<p>Die nächste Zuteilung: zwei Erwachsene und ein Kind. Das ältere Ehepaar, selbst kinderlos, bat nun darum, keine Familien mit Nachwuchs aufnehmen zu müssen. „Wir haben nichts gegen eine ruhige, alleinstehende Frau oder gegen einen Mann“, hieß es nun. Aber es gebe nur einen Gasherd. Deshalb müssten die Ankömmlinge zum Essen außer Haus. „Ich bin über 65, im Dienst von 8 Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags und sehne mich wirklich danach, wenn ich abends nach Hause komme, eine warme Mahlzeit zu essen und nicht noch Stunden lang darauf warten zu müssen, nur weil erst andere, die den ganzen Tag nichts getan haben, unseren Herd in Anspruch nehmen müssen.“</p>



<p>Bald schaute die Polizei vorbei. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Jürgensby wetterte: „Weltfremde Menschen, die den Ernst der Zeit weder erfasst haben noch je erfassen werden.“ Auch NSDAP-Kreisleiter Hermann Riecken lud einige Flensburger vor, die falsche Angaben zur Zimmer- und Personenzahl gemacht hatten oder den Flüchtlingen Schwierigkeiten bereiteten. „Die Forderungen der Volksgemeinschaft verlangen unter den heutigen Umständen den Einsatz von Eigentum und Bequemlichkeiten“, polterte dieser.</p>



<p>Gerüchte oder Verfehlungen der Flüchtlinge verbreiteten sich schnell in der Fördestadt. Diebstähle wurden ihnen oft angehängt – egal ob berechtigt oder unberechtigt. Als ein Mann aus dem Kleiderschrank ungefragt den besten Anzug seines Gastgebers entnahm und damit spazieren ging, fütterte er damit das Straßengespräch. Und wer das Wohnungsamt aufsuchte, um vielleicht die Belegung um eine oder zwei Personen zu reduzieren, musste sich bisweilen bissige Kommentare der wartenden Menge anhören. Da wurde den Flensburgern schon mal „Bomben und Granaten auf die Köpfe“ gewünscht.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="557" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/rathaus45-hofansicht.jpg" alt="" class="wp-image-81824" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/rathaus45-hofansicht.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/rathaus45-hofansicht-300x209.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/rathaus45-hofansicht-768x535.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/rathaus45-hofansicht-603x420.jpg 603w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/rathaus45-hofansicht-696x485.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/rathaus45-hofansicht-100x70.jpg 100w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Hofansicht des Flensburger Rathauses: Ausgabe von Lebensmittelkarten</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Massenquartiere und Krankheiten</h2>



<p>Es war viel zu regeln – und das bei Personalnot in der kommunalen Verwaltung. Deshalb wurden Kräfte aus Stadttheater und Orchester sowie Lehrer in das Wohnungswesen eingebunden. Der starke Zuzug war kaum zu bewältigen. Sogenannte Massenquartiere, hauptsächlich in den Schulen, nahmen zu. Anfang März 1945 waren bereits 6000 „Unquartierte“ erfasst. Flensburgs Oberbürgermeister Ernst Kracht versuchte, den Landkreis („gegenüber dem Durchschnitt nicht genügend ausgelastet“) stärker einzubinden. Dort vermeldete man rasch gestiegene Zahlen.</p>



<p>In mindestens einem Flensburger Flüchtlingslager brach die Ruhr aus. Auch Diphtherie und Scharlach machten im Winter 1945 die Runde. Mitte Februar wurde in der dänischen Realschule ein Flüchtlingskrankenhaus mit 100 Betten eingerichtet. Auch für die stationäre Versorgung der angestammten Bevölkerung hätte es unbedingt ganz andere Kapazitäten bedurft. Diese waren aber schlichtweg nicht realistisch angesichts einer stetig dramatischer werdenden Situation in den Lazaretten, wo die Verwundeten teilweise auf Stroh lagen und es sogar an Verbandszeug fehlte. Dazu schmälerten sich die Rationen für Lebensmittel.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Flucht von Königsberg nach Flensburg</h2>



<p>Die Prognosen waren düster. Mit immer mehr Flüchtlingen musste gerechnet werden. Im Osten des Deutschen Reiches waren viele Menschen auf Wanderschaft, ohne überhaupt ahnen zu können, wo sie einmal sesshaft werden würden. Dazu gehörte Annemarie Simoleit aus Königsberg. Ende Januar 1945 gab es keine Alternative zur Flucht – zusammen mit ihrer Mutter, dem kleinen Sohn und der noch kleineren Tochter. Ihr Mann war im fernen Frankreich stationiert. Die vierköpfige Familie zog an, was auf den Leib ging. Die Rucksäcke wurden mit Lebensmitteln gefüllt. Zunächst ging es über das Frische Haff nach Pillau, das auf einer vorgelagerten Nehrung an der offenen Ostsee lag. Auf einem Kahn hockten die Menschen dicht an dicht.</p>



<p>Im ostpreußischen Hafenort hieß es warten – unter schwierigsten Bedingungen. Annemarie Simoleit und ihre Mutter saßen mit zwölf Personen in einem kleinen Raum. Die Kinder durften auf einem Tisch liegen. Nach zehn Tagen sollten Schiffe nach Warnemünde ablegen. Es bildete sich eine riesige Menschenmenge, die sich am Kai drängte – bisweilen mit tödlichen Folgen und unter sowjetrussischem Beschuss. Die Lage war verzweifelt. Aber irgendwann konnten Annemarie Simoleit und ihr Anhang auf einen Frachter, der sie in beengten und gefährlichsten Verhältnissen über die Ostsee brachte. Sie sahen, wie in der Nähe Schiffe in Flammen aufgingen und wie Swinemünde Opfer eines zerstörerischen Bombenangriffes wurde. Nach zehn Tagen erreichte der Flüchtlings-Tross Rostock – verdreckt, verlaust und hungrig.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="934" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/Wilhelm-Gustloff_10-04-1939_London_Sammlung-JSA-877x1024-1.jpg" alt="" class="wp-image-81826" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/Wilhelm-Gustloff_10-04-1939_London_Sammlung-JSA-877x1024-1.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/Wilhelm-Gustloff_10-04-1939_London_Sammlung-JSA-877x1024-1-257x300.jpg 257w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/Wilhelm-Gustloff_10-04-1939_London_Sammlung-JSA-877x1024-1-768x897.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/Wilhelm-Gustloff_10-04-1939_London_Sammlung-JSA-877x1024-1-360x420.jpg 360w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/Wilhelm-Gustloff_10-04-1939_London_Sammlung-JSA-877x1024-1-696x813.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die „Wilhelm Gustloff“: Untergang am 30. Januar 1945</figcaption></figure></div>


<p>Ein paar Wochen sah es so aus, als ob die Hansestadt die neue Heimat werden könnte. Dann sorgten die neuesten Nachrichten für eine Fortsetzung der Flucht: Die Russen waren kurz vor Rostock. Am 1. Mai 1945 ging Annemarie Simoleit mit ihrer Mutter und den beiden kleinen Kindern an Bord eines Viehverladedampfers. Offenbar im letzten Moment, denn beim Auslaufen tauchten russische Panzer am Hafen auf. Die Fahrt weiter in den Westen war äußerst unbequem. Alle vegetierten auf Eisenplanken. Essen befand sich nicht an Bord, man konnte nur Tee kochen. In Rostock hatte Annemarie Simoleit nur Butter und Zucker, aber kein Brot einstecken können. Das musste für die nächsten acht Tage genügen. Der Dampfer nahm Kurs auf Flensburg, wurde dann aber zunächst nach Sonderborg umgeleitet. Dort gab es Weißbrot und Leberwurst.</p>



<p>Der Krieg war inzwischen beendet. „Jetzt aber nichts wie zurück nach Flensburg, sonst werden wir hier alle interniert“, meinte der Kapitän. Unter Beschuss ging es zurück in die Innenförde, wo man noch ein paar Tage auf dem Schiff ausharren musste. Der Grund: Die Gaststätte „Sanssouci“ in der Friesischen Straße musste noch hergerichtet werden. Dort hatte die Wehrmacht seit 1940 gehaust. Der Lagerleiter berichtete: „Mit etwa 20 Arbeitskräften habe ich zwei Tage lang den vorhandenen Schmutz und Unrat beseitigen lassen, da es unmöglich war in solchen verwahrlosten Räumen Menschen unterzubringen.“ Schließlich zogen für einige Monate 200 Flüchtlinge ein. Darunter nicht nur Annemarie Simoleit, ihre Mutter und die beiden Kinder, sondern auch Ehemann Wilhelm, der aus Frankreich den Weg nach Flensburg gefunden hatte.</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Titelfoto: Stadtarchiv Flensburg</em><br><em>Fotos: Privat</em></p>



<p></p>
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		<title>Flensburg 1945 Folge 1: Ein bedrückender Januar</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Jan 2025 23:25:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Lichterglanz fehlte, kaum einer schmückte einen Baum – Weihnachten 1944 war trostlos und bedrückend. Viele Männer und Söhne waren an der Front, einige gerade gefallen, und die Töchter mussten zum Arbeitsdienst. Eine Tauschzentrale auf dem Holm regelte, dass zumindest die Kleinsten ein Spielzeug erhielten. Der übliche Weihnachtsbraten fiel bescheiden aus: Selbst Salz und Kartoffeln [&#8230;]</p>
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<p>Der Lichterglanz fehlte, kaum einer schmückte einen Baum – Weihnachten 1944 war trostlos und bedrückend. Viele Männer und Söhne waren an der Front, einige gerade gefallen, und die Töchter mussten zum Arbeitsdienst. Eine Tauschzentrale auf dem Holm regelte, dass zumindest die Kleinsten ein Spielzeug erhielten. Der übliche Weihnachtsbraten fiel bescheiden aus: Selbst Salz und Kartoffeln waren knapp. Die weihnachtliche Extrazulagen bestanden aus einem halben Pfund Fleisch und zwei Eiern. Wilhelm Clausen gehörte zu den wenigen, die in dieser Krisenzeit die Muße fanden, sich dem Schreiben eines Tagebuchs zu widmen. Der frühere Lehrer, der sich dann als Hausverwalter betätigte, hielt unter anderem fest: „Keine einzige Weihnachtskerze ist zu kaufen. Die Lichter sind beschlagnahmt für Bombengeschädigte, denen es vielfach an jeglichem Beleuchtungsmittel fehlt.“</p>



<p>Am Neujahrstag läuft das Radio. Eine Ansprache des „Führers“ wird verlesen. Adolf Hitler lässt verkünden: „Die weltentscheidende Bedeutung des Krieges, in dem wir uns befinden, ist dem deutschen Volk heute klar: ein unbarmherziges Ringen um Sein oder Nichtsein, das heißt um Leben oder Tod.“ Vermeintliche Erfolgsberichte von der Front sollen die Zuversicht fördern. Aber jedem, der das Kriegsgeschehen verfolgt, dürfte auffallen, dass die Meldungen nicht mehr – wie vor zwei Jahren – aus Stalingrad oder Nordafrika kommen, sondern aus dem Baltikum, aus Budapest oder Straßburg.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="484" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/XIV-Foto-B-04033.jpg" alt="Flensburg 1945 Teil 1: Ein bedrückender Januar" class="wp-image-81552" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/XIV-Foto-B-04033.jpg 800w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/XIV-Foto-B-04033-300x182.jpg 300w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/XIV-Foto-B-04033-768x465.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/XIV-Foto-B-04033-694x420.jpg 694w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/XIV-Foto-B-04033-696x421.jpg 696w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Farben Sommer: Betriebsfeier im Januar 1945 unter der Nazi-Flagge</figcaption></figure></div>


<p>Legt sich die Schlinge allmählich um das Deutsche Reich? Soll es überrannt werden? Das Leid in den Familien wird immer größer. In den „Flensburger Nachrichten“ häufen sich die Todesanzeigen mit den Militär-Kreuzen – um die fünf bis zehn an einem Tag. Und die NSDAP schreit nach menschlichem Nachschub. Seit September läuft die Aktion „Volkssturm“, um alle bisher noch nicht kämpfenden waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren für die Verteidigung des „Heimatbodens“ und für den deutschen „Endsieg“ aufzubieten. Der Glaube an eine neue Wunderwaffe und das Menetekel einer Ausrottung Deutschlands sollen die Einsatzbereitschaft heben. Aber die englischen Flugblätter, die manchmal vom Himmel regnen, klingen gar nicht so extrem.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Rationalisierte Lebensmittel und gedrosselte Heizungen</h2>



<p>So oder so: Der Flensburger Alltag ist in den düsteren Januar-Tagen 1945 schwer genug. Die Geschäfte haben zwar von neun bis 17 Uhr geöffnet, aber fast alles ist rationalisiert. Bei Essen und Trinken geht nichts ohne die obligatorischen Lebensmittelkarten. Für einige Produkte gibt es Sonderregeln. So bedarf es für Vollmilch eines Haushaltsausweises, da nur Familien mit Kindern und schwangere Mütter bedacht werden sollen. Einbrüche in Vorratskeller nehmen zu. „Größere Mengen Schweinefleisch gestohlen“, melden die „Flensburger Nachrichten“ am 19. Januar. Es regiert in Flensburg der Mangel, aber noch kann der Hunger einigermaßen gestillt werden.</p>



<p>Gas-, Kraft- und Wasserwerk sowie die Straßenbahn erhalten in diesen Tagen einen gemeinsamen Regiebetrieb – unter dem Dach der „Stadtwerke Flensburg“. Es gibt Einschränkungen beim Verbrauch. Nur ein Herd pro Haushalt darf genutzt werden. Die Zentralheizung ist oft gedrosselt und kann dann nur ein Zimmer beheizen – wenn überhaupt. Früh abends ins halbwegs kuschelige Bett – das ist eine pragmatische Lösung. Kohle zwingt sich nicht als Alternative auf, auch bei diesem Brennstoff registriert der Handel einen Engpass. Am 14. Januar treffen sich die Töpfer und Ofensetzer in der „Neuen Harmonie“ zu ihrer Gautagung. Es wird über einen „kriegseinfachen“ Ofen diskutiert, der sich von jedermann aufbauen lässt. Zu einem Lehrfilm ist auch die Bevölkerung eingeladen. Sein Titel: „Kohle sparen, aber wie?“</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="710" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/pl004404-2-710x1024.jpg" alt="Flensburg 1945 Teil 1: Ein bedrückender Januar" class="wp-image-81550" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/pl004404-2-710x1024.jpg 710w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/pl004404-2-208x300.jpg 208w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/pl004404-2-768x1108.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/pl004404-2-291x420.jpg 291w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/pl004404-2-696x1004.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/pl004404-2.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 710px) 100vw, 710px" /></figure></div>


<p>Die Wirtschaft ist voll auf Krieg ausgerichtet. Die Werft lässt zahlreiche U-Boote vom Stapel, die Maschinenfabriken fertigen Geräte für die Marine oder Schiffsteile, und die „Feldmühle“ hat Toilettenpapier für die Wehrmacht auf der Agenda. Selbst die Herrenschneider sind nur zu 25 Prozent für den zivilen Bereich tätig, sonst dreht sich alles um Uniformen und Ausrüstung. Da viele deutsche Männer im Krieg sind, müssen Zwangsarbeiter aus Osteuropa und Frauen anpacken. Gerade im Textilbereich breitet sich die Heimarbeit aus. Wer sein Haus reparieren muss oder erweitern will, muss sein Vorhaben bei der Stadtverwaltung anmelden. Der Bauführer der Stadt prüft die eingehenden Anträge auf ihre Notwendigkeit. Manchmal gibt es einen Auftragsschein. Nur: Handwerker sind kaum zu kriegen. Der Wohnungsbau ist gelähmt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Steigende Zahl von Bomben-Alarmen</h2>



<p>Zumindest stehen noch fast alle Gebäude. Zwar haben am 19. Mai 1943 durch einen amerikanischen Bombenangriff 83 Menschen den Tod gefunden und sind rund 1500 Menschen im Flensburger Norden obdachlos geworden, sonst gehören aber eher andere Städte zu den Angriffszielen der Alliierten. Der eingangs erwähnte Wilhelm Clausen schreibt am  17. Dezember 1944 in sein Tagebuch: „Wir Flensburger haben hierin einen großen Vorzug vor vielen anderen Orten. Wenn wir uns abends in unseren Betten ausstrecken, denken wir kaum an die Möglichkeit, dass unsere Nachtruhe gestört werden könnte.“</p>



<p>Im Januar 1945 ändert sich aber die Situation. Militärmaschinen fliegen ständig über Schleswig-Holstein ein, um Berlin und andere Orte zu attackieren. Fast täglich ertönt eine öffentliche Luftwarnung in Flensburg, und immer häufiger wird die Alarmierung ausgeweitet, sodass die Bevölkerung aufgefordert wird, die Schutzräume aufzusuchen. Zu dramatischen Ereignissen kommt es zunächst aber nicht. Am 16. Januar 1945 wird an der Eckernförder Landstraße eine Bombe abgeworfen, die einen etwa 3,50 Meter breiten Krater hinterlässt.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="556" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/voelkisch5-2-556x1024.jpg" alt="Flensburg 1945 Teil 1: Ein bedrückender Januar" class="wp-image-81551" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/voelkisch5-2-556x1024.jpg 556w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/voelkisch5-2-163x300.jpg 163w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/voelkisch5-2-768x1414.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/voelkisch5-2-228x420.jpg 228w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/voelkisch5-2-696x1282.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/voelkisch5-2.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 556px) 100vw, 556px" /></figure></div>


<p>Die Möglichkeit eines Luftschlags prägt gerade die vielen dunklen Stunden eines Tages. Nach 22 Uhr darf keine Privatperson mehr auf die Straße. Wohnungs- und Schaufenster sind mit dunklen Stoffen und Pappen abgedeckt. Regelmäßige Hinweise in den Zeitungen weisen auf die Zimmerbeleuchtung hin: „Heute verdunkeln von 16.15 Uhr bis 8.15 Uhr!“ Bedrohliche Plakate warnen vor der tödlichen himmlischen Gefahr. Die Straßenbeleuchtung ist abgeschaltet. Fahrzeuge, selbst der Drahtesel, sind mit schmalen Schlitzblenden versehen. Bei 580 zugelassenen Autos und Lastwagen ist der motorisierte Verkehr in der Fördestadt überschaubar, wird aber dennoch immer stärker reguliert. Der Schienenverkehr wird weiter ausgedünnt. Die Straßenbahn fährt morgens und nachmittags nur noch für Berufstätige. Ab dem 23. Januar treffen keine Schnell- und Eilzüge mehr in Flensburg ein.</p>



<h2 class="wp-block-heading">NS-Organisationen mit Durchhalte-Parolen</h2>



<p>Seit wenigen Wochen ist Hermann Riecken, der NSDAP-Kreisleiter, zurück in der Fördestadt. Als SS-Hauptsturmführer und Ostland-Gebietskommissar ist er in Pernau (Estland) und Düneburg (Lettland) gewesen – bis die Rote Armee die Regie im Baltikum übernommen hat. Statt in einer 20-Zimmer-Dienstwohnung im Baltikum sitzt der 43-Jährige wieder in seinem Büro in der Großen Straße 21. Ein Rede-Manuskript für eine Feierstunde der NS-Organisationen zum zwölften Jahrestag der Macht­übernahme von 1933 liegt auf dem Schreibtisch. „Dem Reich verschworen auf Leben und Tod kämpft und arbeitet jeder an dem Platz, an den ihn sein Volk stellt“, wird Hermann Riecken unter anderem sagen. Schließen möchte er mit: „Unser Glaubensbekenntnis ist der Sieg.“</p>



<p>Die Durchhalte-Parolen füttern die NS-Organisationen mit der Aktion „Volksopfer“. Die Menschen, die ohnehin immer weniger haben, sollen auch noch spenden. „Es soll ein Opfer sein, ein Beitrag zum Kampf und zum Sieg“, betont der NS-Kreisleiter. „Je früher das Opfer – desto näher der Sieg!“ Die Hitler-Jungen gehen von Haustür zu Haustür und sammeln Anzüge, Uniformstücke, Essgeschirr, Stoffabfälle, Handschuhe oder Stiefel. Pferdebespannte Blockwagen bringen die Fuhren zu den zehn Sammelstellen in der Stadt, wo Frauen das Sammelgut für Wehrmacht und „Volkssturm“ sortieren.</p>


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<figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="781" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_123423-781x1024.jpg" alt="Flensburg 1945 Teil 1: Ein bedrückender Januar" class="wp-image-81549" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_123423-781x1024.jpg 781w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_123423-229x300.jpg 229w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_123423-768x1007.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_123423-320x420.jpg 320w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_123423-696x913.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/IMG_20241129_123423.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 781px) 100vw, 781px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ernst Kracht: Flensburgs Oberbürgermeister von 1936 bis 1945</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Die Rolle des Bahnhofs</h2>



<p>Zum Schmelztiegel wird immer mehr der Bahnhof. Als letzte Station vor der Grenze zum besetzten Dänemark treffen schon länger viele Transporte mit Truppen und Verwundeten in Flensburg ein. In diesen Tagen registriert das Deutsche Rote Kreuz verstärkt flüchtende Zivilisten aus dem Osten des Reiches. Es gibt allerhand zu tun. Mittendrin Erna Kracht. Sie ist die Ehefrau des hiesigen DRK-Oberstführers Ernst Kracht, zugleich der Oberbürgermeister Flensburgs.</p>



<p>1936 ist der 54-Jährige von den Nationalsozialisten eingesetzt worden. Am Holm hat er sein Geschäftszimmer, aber meistens nutzt er sein Büro in einer Villa im Marienhölzungsweg. Das private Leben in der Dienstwohnung ist längst nicht mehr so schön wie am Anfang der Flensburger Amtszeit. Die beiden Töchter wohnen nicht mehr zu Hause, die beiden Söhne sind im Krieg gefallen. In einigen Räumen leben nun Bombengeschädigte aus Hamburg. Ernst Kracht hat im letzten Frühling ein sogenanntes Behelfsheim beantragt – als Ausweichquartier. Gegen einen Bezugsschein gibt es einen Zuschuss vom Reich: zehn Sack Zement, anderthalb Kubikmeter Holz und etwas Isolierpappe. Allerdings ist das kleine Bauprojekt auf dem Nachbargrundstück vor dem Winter nicht ganz fertig geworden.</p>


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<figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="699" height="1024" src="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/0008293-der-gebieterische-ruf-1944-2-699x1024.jpg" alt="Flensburg 1945 Teil 1: Ein bedrückender Januar" class="wp-image-81547" srcset="https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/0008293-der-gebieterische-ruf-1944-2-699x1024.jpg 699w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/0008293-der-gebieterische-ruf-1944-2-205x300.jpg 205w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/0008293-der-gebieterische-ruf-1944-2-768x1125.jpg 768w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/0008293-der-gebieterische-ruf-1944-2-287x420.jpg 287w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/0008293-der-gebieterische-ruf-1944-2-696x1020.jpg 696w, https://flensburgjournal.de/wp-content/uploads/2025/01/0008293-der-gebieterische-ruf-1944-2.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 699px) 100vw, 699px" /></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Kultur und Unterhaltung zur Ablenkung vom Krieg</h2>



<p>Ernst Kracht ist seit Mai 1933 NSDAP-Mitglied, wird aber von den Zeitgenossen nicht als „Aktivist der Partei“ eingeordnet. Er gilt als ausgewiesener Verwaltungsfachmann mit einer Vorliebe für Sozialpolitik und Kultur. Selbst in diesem tristen Januar werden völlig unpolitische Veranstaltungen organisiert. Das Stadttheater ist zwar offiziell seit einigen Monaten geschlossen, da der Großteil des Ensembles an die Front geschickt wurde, alle paar Wochen lockt aber zumindest ein musikalischer Leckerbissen – etwa die Berliner Philharmoniker – ins unbeheizte Ambiente. Die Niederdeutsche Bühne ist noch aktiv und feiert mit „De Schörtenjäger“ sogar eine Premiere. Geöffnet haben auch die Lichtspielhäuser: Das Colloseum zeigt die „Familie Buchholz“, das Holm-Filmtheater setzt auf den Film „Der gebieterische Ruf“, und der Mürwiker Filmpalast hat die Komödie „Der Gasmann“ im Programm. Große Kontingente an Kino-Tickets werden für Soldaten der Wehrmacht zurückgehalten – als Entspannung vom üblen Kriegsgeschehen.</p>



<p>Die Spielfilme auf der Leinwand können aber nicht die dunklen Streifen vertuschen: Leid und Elend werden auch in Flensburg immer größer. Am 24. Januar treffen die ersten deutschen Flüchtlinge aus dem erst 1939 nach der Besetzung Zentralpolens geschaffenen Warthegau ein. Die sowjetrussischen Truppen rücken immer weiter vor. Renate Kracht, die ältere der beiden Töchter des Oberbürgermeisters, kehrt mit einem der letzten Schnellzüge vom Studium aus dem ostpreußischen Königsberg zurück. Aus Berlin trifft wenige Tage später eine neue Anweisung ein: „Der Verlauf des Krieges im Osten und Westen des Reiches macht weitere Umquartierungen in weniger gefährdete Gebiete notwendig.“ Ernst Kracht und Hermann Riecken bereiten einen gemeinsamen Appell vor, der am 1. Februar 1945 in den „Flensburger Nachrichten“ erscheint und zur Solidarität mit den Flüchtlingen aufruft: „Wir erwarten von der Bevölkerung Flensburgs, dass sie den erforderlichen Wohnraum zur Verfügung stellt und die von uns zu treffenden Maßnahmen hinsichtlich der Unterbringung, Verpflegung und Versorgung tatkräftig unterstützt.“</p>



<p><em>Text: Jan Kirschner<br>Fotos:  Privat  </em></p>
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