In der Innenförde planschen gerade zwei Delfine, und auch in der Geschäftsstelle der SG Flensburg-Handewitt herrscht rege Betriebsamkeit. Trainer Ljubomir Vranjes ist hereingeschneit. Es geht um die Terminierung einiger Spiele. Die Hallenbelegung macht unerwartet schwere Probleme, und es geht darum eine Lösung zu finden, die die Mannschaft nicht allzu sehr belastet. „Morgens komme ich immer mit einem Plan ins Büro, aber dann kommt es schnell anders“, erzählt SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke mit einem Lächeln. Häufiger sorgen unverhoffte Dinge wie ein Termin-Hickhack oder die Verletzung eines Spielers für eine Änderung im ohnehin prall gefüllten Manager-Kalender. Einladungen von Sponsoren in der ganzen Republik, Fahrten zur HBL in Dortmund oder zur EHF in Wien sowie Auswärtsspiele lösen viele Reisen aus.

Ein emsiges Programm, das Dierk Schmäschke auch in den nächsten Jahren auf sich nehmen will und muss. Erst vor Kurzem setzte er seine Unterschrift unter einen bis 2021 gültigen Vertrag. „Mit großem persönlichen Einsatz hat Dierk Schmäschke es verstanden, die SG nach innen und nach außen so auszurichten, dass es gelungen ist, die Optimierungspotenziale – sowohl auf der Aufwands- als auch der Ertragsseite – zunehmend besser zu heben“, ließ der Beiratsvorsitzende Boy Meesenburg offiziell verlautbaren. „Wir haben in den letzten fünf Jahren wichtige Schritte nach vorne gemacht. Nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich und organisatorisch.“











Dierk Schmäschke ist ein SG-Urgestein mit Wurzeln auf der Geest und im Friesischen. In Niebüll wurde er am 2. April 1958 geboren. Er sei ein „typischer Norddeutscher, im Kern Nordfriese“, sagt er über sich selbst. Seine innere Ruhe erklärt er mit den „stürmischen Naturgewalten an der Nordsee, denen man mit Ausgeglichenheit begegnet“. Handball spielte schon früh eine große Rolle. Als Mitglied der A-Jugend-Bezirksauswahl hatte er sich für höhere Aufgaben aufgedrängt. Der Linksaußen blieb wegen des Abiturs sein erstes Männerjahr noch beim Stammverein RW Niebüll, um sich dann bei der SG Weiche-Handewitt durchzusetzen. Der damalige Trainer und SG-Funktionär Henning Lorenzen war es, der Dierk Schmäschke 1978 entdeckt hatte.

Im ersten Spiel für die SG Weiche-Handewitt traf er gleich auf die deutsche Nationalmannschaft, damals der amtierende Weltmeister. Alle Akteure durften gegen diesen illustren Gegner mitwirken. Auch Dierk Schmäschke. „Da wäre ich fast rücklings von der Bank gefallen“, schmunzelt er heute über seinen Kurzeinsatz in der Schlussminute. Aufs Feld, in die Deckung, einmal mit nach vorne, Abpfiff. Am 11. November 1978 feierte Dierk Schmäschke in der Regionalliga gegen Arminia Hannover sein offizielles SG-Debüt. „Wir haben nicht auf dem hohen Niveau der heutigen SG gespielt“, erinnert sich der mittlerweile 58-Jährige. „Aber mit einer Regional-Auswahl haben wir vielleicht den Grundstein für die heutigen Erfolge gelegt.“

1984 glückte erstmals der Aufstieg in die Bundesliga. Die Stars gingen nun regelmäßig im Handewitter Sportzentrum ein und aus. Die SG-Hymne „Auf in den Kampf“ und die brodelnde Stimmung sorgten für Gänsehaut bei den SG-Spielern und Angstschweiß bei den Gegnern. Die Premieren-Saison endete nach einer Berg- und Talfahrt mit einem emotionalen Höhepunkt. „Es war absolut still“, erzählt Dierk Schmäschke. Nach einer Heimniederlage gegen Lemgo wähnten sich alle vier Minuten lang im Fahrstuhl gen Zweitklassigkeit, dann verwandelte die Bekanntgabe eines überraschenden Resultats die Enttäuschung in einen Freudentaumel: Klassenerhalt. Eine DVD bezeugt diesen Husarenstreich. Zwar musste der blitzschnelle Links-
außen in seiner Karriere auch zwei Abstiege verkraften und lange Auswärtstouren mit dem Bus („Der Rückweg war gefühlt immer länger als der Hinweg, weil man meistens verlor“) erdulden, doch die positiven Impressionen überwogen. 1988 und 1992 ging es wieder hoch ins Handball-Oberhaus. Die Landesderbys gegen den THW Kiel lösten den einstigen Lokalschlager gegen den TSB Flensburg ab. Und dann gab es noch den Pokal-Knüller gegen den TSV Milbertshofen. „Eines der längsten Spiele der Handball-Geschichte“, schmunzelt Dierk Schmäschke. „Zwei Mal gab es Verlängerung, und permanent wurde das Spiel unterbrochen, weil der Boden gewischt werden musste.“ Am 19. Mai 1993 absolvierte der schnelle Linksaußen sein letztes von 308 SG-Spielen. Natürlich mit seiner Nummer sieben.

Seine Funktionärslaufbahn war da bereits im Gange. Als Spieler hatte er am Hallenheft mitgearbeitet, pflegte bald Kontakte zu Sponsoren und Fan-Clubs. 1990, als gerade die SG Flensburg-Handewitt aus der Taufe gehoben worden war, sprach ihn Vize-Präsident Frerich Eilts auf dem Parkplatz an. Fortan gehörte Dierk Schmäschke dem internen Ligaausschuss an, wurde 1995 zusammen mit Manfred Werner Geschäftsführer der GmbH & Co. KG – zunächst neben-, dann hauptamtlich. Die SG wechselte in die neuerbaute Flens-Arena, heimste erste Titel ein. Doch 2003 war vorerst Schluss. „Ich habe festgestellt, dass ich mich in den neuen Strukturen nicht mehr richtig wiederfinde“, sagte er damals. Die Vereinsführung hatte Thorsten Storm als zweiten, hauptverantwortlichen Geschäftsführer installiert.

Dierk Schmäschke kehrte in seinen alten Beruf zurück, unterrichtete Deutsch und Sport im nordfriesischen Neukirchen. Doch der Handball-Sabbat währte nicht lang. „Ein paar Tage nach meinem Ausscheiden“, erzählt der studierte Pädagoge, „rief mich Bob Hanning an.“ Der heutige DHB-Funktionär war damals Trainer beim HSV Hamburg und kümmerte sich auch um die Geschicke außerhalb des Spielfelds. Dierk Schmäschke bekam einen Berater-Vertrag, blieb aber zwei Jahre lang Lehrer und avancierte zum „Phantom“ des HSV. Später wurde er Geschäftsführer und nach einer Umstrukturierung hauptamtlicher Vize-Präsident. Die Hanseaten bewegten sich auf soliden Bahnen und wurden 2011 deutscher Meister. „In einer Großstadt fällt der Fokus mehr auf das Event“, bilanziert das Nordlicht rückblickend. „Bei der SG steht dagegen eine ganze Region hinter der Mannschaft, hier wird der Handball gelebt.“

Die SG ließ ihn nie kalt, zumal Harrislee der Wohnsitz blieb und er hier mit seiner Frau Meike und seinen zwei erwachsenen Kindern seinen Ruhepol hat. So fielen ein Anruf von Gesellschafter Mike Lassen („Nordschrott“) und Gespräche mit dem Beirat schnell auf fruchtbaren Boden. 2011 kehrte der „verlorene Sohn“ zurück. Als Geschäftsführer arbeitete er zunächst im Tandem mit Holger Kaiser, dann alleinverantwortlich. Allerdings in ständigem Kontakt mit dem Beirat, der als Vertretung der 72 Gesellschafter in wichtige Entscheidungen zu involvieren ist. Natürlich ist Dierk Schmäschke bei jedem Spiel in der „Hölle“, betreut Ehrengäste, hält kurze Vorträge oder springt dort ein, wo es gerade klemmt. Die 60 Handball-Minuten erlebt er stets im Stehen. „Die Anspannung ist sehr groß“, gesteht er. „Manchmal halte ich es nicht aus und gehe für ein paar Minuten vor die Tür.“ Wenn das keine Handball-Leidenschaft ist, die in nunmehr 30 SG-Jahren gewachsen ist.

Text und Fotos: Jan Kirschner 

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