Goldschmiede_Reich_20150002Anfang gut – alles gut

Es ist der 6. September 2015. In Neumünster sind heute Morgen die ersten 400 Flüchtlinge in überfüllten Zügen angekommen. In den nächsten Wochen werden Tausende weitere erwartet. Im Fernsehen haben wir in den vergangenen Tagen die Bilder ihrer Odyssee über den Balkan nach Budapest verfolgt, ihre verzweifelten, desperaten Versuche weiter zu kommen, weiter nach Westen und Norden. Den Institutionen misstrauend machten sich tausende zu Fuß auf den Weg Richtung Österreich. Dann handelten die Behörden und packten sie in Züge, weiter nach München. Bilder, wie wir aus Filmen über die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges kennen. Bis heute waren es Bilder. Jetzt kommen Menschen, auch nach Flensburg.
Noch vor wenigen Wochen gingen andere Bilder durch die Medien, Menschenmassen in deutschen Großstädten, die Angst schürten vor Überfremdung durch Migranten und Flüchtlinge.
In den letzten Tagen schlug das Pendel in die andere Richtung. Jubelnd werden die Ankommenden begrüßt. Bunte Ballons und eine Invasion von Kuscheltieren sollen eine Willkommenskultur vermitteln. Dabei wollen die Flüchtlinge vor allem eines: Zur Ruhe kommen! Schlafen ohne den Einschlag von Bomben und Granaten fürchten zu müssen, eine friedliche Perspektive für ihre Kinder und für sich selbst.











Bereitschaft

Der Jubel wird verstummen, die fremdenfeindlichen Stimmen hoffentlich auch. Für die Kommunen vor allem wird praxisnahes Handeln gefragt sein, die Lösung von Alltagsproblemen der Neubürger. Institutionen wie ‚Schutzengel‘ in Flensburg treffen in aller Stille und mit großer Professionalität Vorbereitungen für die Familien, die Flensburg erreichen werden und deren Bedürfnisse nicht von staatlichen Stellen allein befriedigt werden können.
Es ist der 7. September 2015. Wir besuchen ‚Schutzengel-Flensburg‘ in der Lerchenstraße, einer Seitenstraße der Harrisleer Straße in der Neustadt, ein unscheinbares Reihenmiets­haus mitten im Kiez. Die Räume verteilen sich über die Hausnummern 4-6, kleine Räume, die früher als Wohnräume dienten, vom FAB (Flensburger Arbeiter-Bauverein) mietfrei zur Verfügung gestellt.
Gruppenräume, Küche, Tagungszimmer und Büros erstrecken sich über zwei Etagen. Geschäftsführer Volker Syring und Marketingleiter René Bastian Koch vermitteln uns bei einem Rundgang einen Einblick in die Tätigkeitsbereiche.
In einem der Aktivräume spielt ein Vater unter Anleitung von Familienhelferin Melanie Haas und Mitarbeiterin Claudia Diestel mit seinem Kind. Ein Baby wird im gleichen Raum betreut. Ein Familienidyll könnte man meinen. Doch die Hintergründe für eine Betreuung bei ‚Schutzengel‘ sind oft weniger problemfrei. Viele Familien kommen insbesondere bei Schwangerschaft und anstehender Geburt eines Kindes an ihre Belastungsgrenzen.

schutzengel_2-syrische familie-siehe-textPraxis

René Bastian Koch erzählt beispielhaft über eine Hilfsaktion:
„Die kritische Situation einer syrischen Familie konnte durch unsere Schutzengel-Familienhebamme zum Guten gewendet werden. Über Bulgarien und Bremen fand die Familie mit drei kleinen Kindern nach Schleswig-Holstein. Insbesondere für die schwangere Mutter eine nahezu übermenschliche Anstrengung. Entkräftet und verunsichert sah die Familie der Geburt entgegen, denn ohne Deutsch- oder Englischkenntnisse stellt selbst ein Arztbesuch eine unüberwindbare Hürde dar. Eine aufmerksame Nachbarin hatte einen Schutzengel-Flyer aus einer Arztpraxis an die Familie weitergegeben und stellte damit die entscheidende Weiche. Ihr ist es zu verdanken, dass kurzfristig und unbürokratisch die Schutzengel-Familienhebamme eingreifen konnte. Sie begleitete die werdende Mutter bei der Geburt, was angesichts der auftretenden Komplikationen von bedeutender Hilfe war. Ein Kaiserschnitt war nötig – das Kind kam mit einer Behinderung zur Welt.
Da die Familie keinen Zugang zu ihren offiziellen Dokumenten hatte – diese waren bei ihrer Einreise in Deutschland abgenommen worden – gab es viele bürokratische Stolpersteine, denn ohne Dokumente ist kein Antrag auf Unterstützung möglich! Besonders prekär: Nach nur drei Tagen musste die Mutter die Klinik ohne Arztbrief verlassen. Die Situation schien aussichtslos. Mit Hilfe engagierter Bürger und der Familienhebamme konnte nach endlosen Gesprächen mit unterschiedlichen Ämtern, ärztliche Hilfe eingeleitet und die Lebenssituation der Familie ein Stück weit normalisiert werden. Die Dokumente waren einfach in einer Behörde vergessen worden.
Zwischenzeitlich hat sich der Aufenthaltsstatus geklärt und der Familie bietet sich eine Perspektive. Der Vater nimmt an einem Sprachkurs teil, die Kinder besuchen entsprechende Betreuungseinrichtungen.“

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