FES (1) Klaus Buch2.… bitten wir Zeitzeugen über ganz persönliche Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe beschreibt Klaus Buch wie er nach Flensburg kam und was er in seiner Zeit in Flensburg erleben und bewegen konnte.

 











In dieser Ausgabe beschreibt Klaus Buch seine Ankunft in Flensburg im Jahre 1962, wo seine berufliche Laufbahn als Referendar an den Gewerblichen Beruflichen Schulen der Stadt Flensburg (heute Eckener–Schule) begann – und was er als Neu-Flensburger in seiner Arbeitswelt und als Kanusportler erleben und mit bewegen konnte.

Buch wurde im Jahre 1934 in Herne mitten im Ruhrpott geboren. Während seiner Ausbildung im Bergbau war er erstmals auch auf Kumpels von der Flensburger Förde getroffen. Darunter waren viele Söhne aus Familien, die aufgrund der in Schleswig-Holstein angekommenen Flüchtlingszuströme keinerlei Berufsperspektive hatten. Ein verdrehtes Bild. In der Nachkriegszeit hatten Arbeitsvermittler aus ganz Schleswig-Holstein ihre Arbeitslosen zu Hunderten mit guten Verdienstaussichten in den Bergbau ins Ruhrgebiet geschickt. Als dann aber schon Mitte der 1950 Jahre das Zechensterben spürbar wurde, orientierte sich Buch beruflich um. Er studierte Berufspädagogik an der Universität Köln. Sein zweites Studienfach war Sport an der Sporthochschule Köln. Nach seinem 1. Staatsexamen kam Klaus Buch als junger Referendar nach Flensburg.

Durch Kinderlandverschickung dem Bombenhagel im Ruhrgebiet entkommen

Klaus Buch wollte eigentlich Förster werden. Mit diesem für den Ruhrpott außergewöhnlichen Berufswunsch war er aufgewachsen, bis ihn die Realität der Nachkriegszeit einholte. Die Stadt Herne war vom Kohlebergbau mit damals noch vier Schachtanlagen geprägt. Buchs Vater war Leiter eines chemischen Labors auf der größten Schachtanlage. Wegen der massiven Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet verbrachte Buch im Zuge der Kinderlandverschickung ab 1942 drei Jahre in einer einklassigen katholischen Volksschule am Bodensee. (Klaus ist evangelisch). Untergebracht war er in einem Dorf bei Bauer Möhrle. Nach Abschluss der vierten Klasse wurde er 1944 auf ein von der Stadt Herne ausgelagertes Gymnasium in Treptow/Hinterpommern geschickt. Diese Odyssee gen Osten endete Ende 1944 mit der Flucht vor den Russen – zurück ins Elternhaus nach Herne. Dort besuchte Buch bis zur Mittleren Reife das Neusprachliche Gymnasium. Sein Berufswunsch Förster zu werden blieb chancenlos. Natürlich spielten damals auch Beziehungen, über die Familie Buch nicht verfügte, eine große Rolle. Außerdem wurden die aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrenden Soldaten bei Lehrstellen- und Arbeitsplatzvergabe bevorzugt.

Nun doch in den Bergbau

Klaus Buch absolvierte im Steinkohlebergwerk Zeche Shamrock in Herne eine Bergmannslehre mit Knappen-Hauer-Prüfung, besuchte anschließend die Bergingenieurschule Essen, legte 1958 die Prüfung zum Untertage-Grubensteiger ab, wo er anschließend ein Jahr lang als Obersteiger und zum Schluss als Ausbildungsleiter tätig war.

Noch bevor das Zechensterben im Ruhrgebiet den Arbeitsvermittlern deutlich wurde – Grund dafür war der rasante Vormarsch des Erdöls als wesentlich billigerer Brennstoff für Haushalte, Gewerbe und Industrie – kamen nach dem gescheiterten ungarischen Volksaufstand von rund 200.000 Menschen, die gen Westen geflohen waren, etwa 13.000 Ungarnflüchtlinge in die Bundesrepublik Deutschland. Für die wurde dringend Arbeit gesucht. Ein Teil dieser Flüchtlinge wurde gleich über Österreich in den Bergbau ins Ruhrgebiet geschickt. Klaus Buch erinnert sich noch an deren Ankunft in seiner Zeche: „Sie kamen mit Dolmetschern und waren nagelneu eingekleidet. Trotzdem haute ein Drittel dieser Männer gleich nach dem ersten Tag wieder ab! Und nach kurzer Zeit noch viele mehr!“

Als 1959 das Ende der Schachtanlage Shamrock absehbar war, sah Buch für seine berufliche Zukunft im Bergbau keine Chance mehr. Er folgte dem Rat eines guten Freundes, ein Studium zum Berufsschullehrer aufzunehmen. Berufschullehrer waren gefragt!

Um dieses Ziel zu erreichen, legte Buch im Sommer 1959 die Hochschulreifeprüfung ab. Nur wenige Monate später nahm er das Studium der Berufspädagogik mit Fachrichtung Metalltechnik an der Uni Köln auf. Sein zweites Lehrfach ‚Sport’ absolvierte er an der Sporthochschule Köln. In den Semesterferien arbeitete er praxisnah in einer Maschinenfabrik. Bereits im Juli 1962 hatte Buch das 1. Staatsexamen bestanden.

Aus tausend Meter Tiefe in den hohen Norden

Buch hatte seine Bewerbungsunterlagen an damals alle 11 Länder-Kultusministerien geschickt. Seine Augen leuchten heute noch wenn er davon berichtet, dass die freundlichste Einladung aus Schleswig-Holstein mit dem Hinweis auf die damalige Gewerbliche Berufsschule Flensburg (GBS-FL) gekommen ist. Ein Auszug aus dem Schreiben des ehemaligen Direktors Jipp, Schützenkuhle 20, gibt Einblick in die damalige Situation:

„Wir haben 1957 ein neues Gebäude mit Werkstätten für alle Abteilungen bezogen. Die Schule zählt ca. 3.000 Schüler mit 35 hauptamtlichen Lehrkräften. Mit einer Wohnungszuweisung ist nach den bisherigen Erfahrungen etwa innerhalb eines halben Jahres zu rechnen, da das Wohnungsbauprogramm für Landesbedienstete weiter durchgeführt wird. Ein Baukostenzuschuss ist nicht erforderlich.“ Da Klaus Buch und seine Ehefrau Ingeborg begeisterte Kanusportler waren, lockte neben den neuen beruflichen Herausforderungen natürlich auch das Wasser.

Das Grundgehalt eines Referendars war im Vergleich zum Lohn eines Bergmannes – 1.200,00 DM (plus Prämien) – fühlbar geringer. Diesen finanziellen Abstieg nahm Buch in Kauf. Als Referendar hatte er ein Grundgehalt von DM 261,00, zuzüglich des Alters-, Verheirateten- und Kinderzuschlags waren somit monatlich 443,00 DM auf seinem Gehaltskonto. Nach dem
2. Staatsexamen und nach Übernahme in den Schuldienst an der GBS-FL gab es erfreulich mehr Geld!

„Da waren wir sprachlos!“

Familie Buch hatte 1963 eine Wohnung in der Marienallee bezogen. Gleich gegenüber, Hausnummer 55 hatte der Allgemeinmediziner Dr. Paul eine neue Praxis eröffnet. Das passte gut. Als Ingeborg Buch dort ein Rezept abholen wollte, kam ihre Kassenzugehörigkeit bei der Ruhrknappschaft zur Sprache. Ein Kassenmitglied aus dem Ruhrpott war für Flensburg ungewöhnlich. Als sich der Mediziner dann auch gleich für Heimatort und Zeche interessierte, stellte sich schnell heraus, dass Dr. Paul ebenfalls aus Herne kam und in Buchs ehemaliger Zeche Shamrock als Werksarzt tätig gewesen war. Auch Dr. Paul hatte wegen der drohenden Zechenschließung die ärztliche Betreuung der Bergleute aufgekündigt, um in Flensburg eine eigene Praxis zu eröffnen.

Als Referendar an der GBS und gelernter Bergmann legte Buch eine weitere Gesellenprüfung zum Maschinenbauer ab

Um seine Metallbearbeitungskenntnisse weiter zu vertiefen, legte Buch am Ende seines zweijährigen Referendariats vor der Handwerkskammer Flensburg zusätzlich eine Prüfung zum Maschinenbauer ab. Diese Herausforderung meisterte er während der Schulferien und an freien Tagen und Nachmittagen in der Maschinenfabrik Zierck, später Krones-Zierck, heute Krones. Die Firma stellt Getränkeflaschen-Waschanlagen her. Klaus Buch erinnert sich noch mit Schmunzeln, wie er gemeinsam mit seinen Schülern des letzten Lehrjahrs sein Prüfungsstück fertigte, die Schweißproben ablieferte und stolz in ihrer Reihe seinen Gesellenbrief in Empfang nahm. Da war er 26 Jahre alt! Nach seinem 2. Staatsexamen 1964 wurde Buch in den Schuldienst an der Gewerblichen Beruflichen Schule Flensburg (GBS Flensburg) im Fach „Metalltechnik“ übernommen.

Es wurde höchste Zeit für einen Schulneubau!

Die Schülerzahlen explodierten, die Schulräume platzen aus allen Nähten, und die Schüler und Lehrer liefen und radelten zu den Ausweichquartieren quer durch die ganze Stadt. Mit den Ausweitungen des Berufsschulalltags und mit der zunehmenden Technisierung wurden höhere Schulabschlüsse gebraucht. Dieser Wandel blieb nicht ohne Folgen. Wie Klaus Buch berichtet, war die Anzahl der Schüler an der GBS FL ab 1964 von 3.000 rasant auf 4.200 gestiegen. Im gleichen Zuge musste die Anzahl der Lehrkräfte von 35 auf 135 aufgestockt werden. Ausgehend von den Schulstandorten Schützenkuhle 20-26 musste mit dem Lehrbetrieb auf 13 ausgelagerte Filialen ausgewichen werden. Die befanden sich in den Räumlichkeiten anderer Schulen, in Jugendtreffs, in fremden Sporthallen und auf freien Sportplätzen. Als durch Buchs Initiative Sport an der GBS FL eingeführt wurde, ging es in Scharen quer durch die Stadt: Wichtige Adressen waren Schützenhof, Polizeisportplatz in der Westerallee, Duburghalle in der Waldstraße und die Sporthalle an der Reitbahn. Wer kein Fahrrad hatte, lief zu Fuß.

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