Museumsleiter Thomas Overdick
Museumsleiter Thomas Overdick

Es ist Ende Januar. Kartons und Kisten, Paletten und Maschinenteile stapeln sich in Fluren und Räumen, Pläne und Plakate im Büro des Museumsleiters, der in Jeans und ohne Schlips das kreative Chaos wenige Wochen vor der Neueröffnung im Griff hat. Ein Mann steht urplötzlich im Verwaltungsflur.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragt Thomas Overdick überrascht. „Ich soll die Computer abholen!“ „Ach ja, jetzt erkenne ich Sie wieder. Sie kommen von der Fachhochschule.“ Im Hintergrund klingelt das Telefon. Vor dem Haupttor wartet der Wagen einer Schreinerei. Das ist die Unruhe vor dem Sturm. Am 11. März eröffnet das „neue“ Schiffahrtsmuseum. Bei unserem Besuch liegen noch Wochen und Berge von Arbeit vor dem ersehnten Termin. Im ehemaligen Zollpackhaus, dem Teil des Schiffahrtsmuseums, das wir als „Museum“ kennen, öffnen Mitarbeiter genau beim Glockenschlag 10 die Pforten. Denn völlig geschlossen war das Haus während der monatelangen Umbauphase nicht.







Das Erdgeschoss hat schon – fast – sein endgültiges Aussehen. Großzügig verteilt auf der großen Fläche eine Cafeteria, der Empfangstresen, ein kleiner Shop mit maritimen Andenken und regionalen Produkten, eine Bücherecke, Ständer mit Informationen zu den Präsentationen und Aktionen. All das gehört zum neuen Konzept an der Schiffbrücke. „Warum kommen Menschen zu uns?“ fragt der Museumsleiter und gibt sogleich die Antwort: „Wegen der Ausstellungen, zur Freizeitgestaltung und zum Shoppen.“ Es genügt demnach nicht nur zu präsentieren. Besucher eines modernen Museums wollen Aktivitäten. Dem kommt Thomas Overdick und seine Mannschaft mit einem umfassenden Veranstaltungsprogramm, räumlich mit einem technisch gut ausgestatteten Saal und einem museumspädagogischen Raum entgegen. „Handeln statt Wandeln“ könnte man das Konzept zusammenfassen.

Bis zur Eröffnung im März ist noch Schauen angesagt. Seit November können Besucher im Obergeschoss die Geschichte des Rum- und Zuckerhandels in eindrucksvollen Bildern und Dokumenten nachempfinden, ein Thema, das auch nach der Umgestaltung des Hauses eindrucksvoll in Szene gesetzt sein wird. „In Szene setzen“ ist das Stichwort für Veränderungen, die den Besucher erwarten.

„Weg vom Vitrinenmuseum“ nennt das der Museumsleiter. „Ich baue auf die erzählerische Kraft der Objekte“, sagt er und führt uns zum Steuerhaus der „Neptun“, die auf einem originalgetreu nachgebauten Decksboden montiert wurde. Das wagenradgroße Steuerrad liegt noch zwischen Konstruktionslatten am Boden, aber der Gang über die gewölbten Decksplanken in Originalqualität lässt erahnen, was Thomas Oberdick mit „Kraft der Objekte“ vermitteln will. Die Ausstellungsstücke sollen eingebettet und eingebaut werden in ein Szenario, das Geschichte erlebbar macht, Zeitenrücksprünge ermöglicht und tote Dinge zum Erleben erweckt.

Wir sind gewohnt, Historie zu beschauen als Ausschnitte aus einer vergangenen Epoche. Das Schiffahrtsmuseum will mehr, eine Brücke schlagen zwischen dem, was einmal war, und dem, was für uns heute davon noch wichtig ist. „Flensburg ist ohne Schifffahrt, ohne Seehandel nicht vorstellbar.“ Die Stadt lebte und lebt auch heute noch von der Anbindung ans Meer. Die großen Kaufmannsfamilien, die zum Teil noch heute vor allem den Handel mitbestimmen, haben ihre Wurzeln vielfach in der städtischen Vergangenheit als maritime Handelsmetropole. Der Import von Zucker und Rum hat der Stadt Wohlstand gebracht. Von hier aus begann die Kolonisierung Westindiens, der Dreieckshandel mit Afrika und der Ausbau Flensburgs mit dem bis heute erhaltenden Stadtbild. Das Museum versucht den Bogen zu schlagen von den Anfängen der maritimen Bedeutung der Fördestadt bis heute.

Im neu errichteten Maschinenhaus des Schiffahrtsmuseums findet der Besucher Zeugnisse vom Beginn der Dampfschifffahrt bis zum modernen Schiffssteuerstand. Alles lebt, dreht sich, bewegt sich, kann angefasst und bedient werden. Ein wenig die Augen schließen und schon beginnt die abenteuerliche Reise über die Meere zu tropischen Zielen. Leiden und Tod, Ausbeutung und Sklaverei werden nicht ausgeblendet. Sie sind ebenso ein Teil der Geschichte wie Erfolg und Reichtum, Genuss und Gewinn. Deshalb ist es auch konsequent, dass der Besucher im Museumsladen nicht nur eine Postkarte oder ein Buch erwerben kann, sondern auch eine Flasche Rum.

Viel ist nicht geblieben von den „Kolonialwaren“ des 18. und 19. Jahrhunderts. Die dänischen Inseln sind heute ein US-Duty-free-Paradies, die Zuckerrohrplantagen auf St. Croix, St. Jan und St. Thomas verwaist, die Flensburger Rumdynastien aufgelöst, die großen Marken von internationalen Konzernen übernommen oder ganz einfach vom Lauf der Geschichte verschluckt. Geblieben sind museale Restbestände, die es zu bewahren oder aufzubewahren gilt. Geblieben ist jedoch auch das kulturelle Erbe, das in der Stadt weiterlebt, die Kaufmannshöfe, die Namen der einstigen Rumbarone und die Bedeutung der Schifffahrt, nicht zuletzt für den Wirtschaftszweig Tourismus. Thomas Overdick versucht mit seinem Museumskonzept all dies zueinander in Beziehung zu setzen, durch eine erlebnisorientierte Gestaltung, die sich nicht in Schaustücken genügt, sondern alle Sinne einschließt, nicht zuletzt unter Zuhilfenahme moderner Kommunikationstechnik. Fünf große Themenbereiche erwarten den Besucher

– Hafen und Höfe

„Stadtgeschichte ist Handelsgeschichte“, sagt der Museumschef. Die Hochs und Tiefs der Stadt waren im Wesentlichen durch Erfolg und Misserfolg der Handelsschifffahrt bestimmt. Ein eindrucksvolles Ausstellungsobjekt ist bereits vorab zu besichtigen. Der originalgetreue Schnitt durch den Rumpf eines Segelschiffes mit einer Ziegellast, wie sie auf den Fahrten in die Karibik typisch war.

– Schiffstechnik

Vom aufgeschnittenen Dampfkessel, über Schiffsantriebe bis zum Funkraum, aber auch dem erwähnten Brückensimulator aus dem Jahre 2003, zeigt die Ausstellung die Bedeutung der Schiffstechnik bis zum heutigen Tag. Beispielhaft sind mehrere Objekte Leihgaben der Fachhochschule, deren Schwerpunkt u.a. in der Ausbildung von Schiffsingenieuren und Kapitänen liegt.

– Westindienfahrt

Die Objekte des Zucker- und Rummuseums werden in dieses Szenario integriert. Das Modell einer Zuckerplantage zeigt anschaulich die harte und ausbeuterische Arbeit auf einer der Karibikinseln. Der Laden von C.C.Petersen aus der Norderstraße in der Fassung von 1895 war bereits Teil der Museumsaustellung.

– Die Flensburger Werft

– Die Fördeschifffahrt

und schließlich die „Mitmachwerkstatt“ zum Thema maritimes Handwerk. Hier können zukünftige Besucher Seile flechten und einem Segelmacher bei der Arbeit zusehen.

Das neue Konzept ist, auf den Arbeiten seiner Vorgängerin Jutta Glüsing aufbauend, wesentlich durch Thomas Overdick, begleitet von zahlreichen Helfern, Wissenschaftlichern und Handwerkern, ermöglicht worden, jedoch auch durch eine Millionen-Finanzierung der Stadt (30%), der EU (50%) und des Landes (20%) sowie eines sehr engagierten Fördervereins, der auf die Investitionssumme von 3,65 Millionen noch einmal 300.000 Euro aus Privatschatullen drauf­legte.

Am 11. und 12. März heißt es dann nach mehrmonatiger Umbauphase: LEINEN LOS!

Bericht und Fotos: Dieter Wilhelmy 

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