Im November stehen die Volkstrauertage an, das Wetter liefert die passende Stimmung und das näher rückende Jahresende zeigt wieder mal, wie sehr die Zeit fliegt. Niemand weiß, wie lange er noch auf dieser Erde hat, aber vorsorgen kann jeder. Eine Anlaufstelle in Flensburg ist der Mühlenfriedhof.
Typentests gehen immer. Winter- oder Sommertyp? Katze oder Hund? Bin ich treu, treulos oder treudoof? Das wollen viele mit halbseidenen Psychofragen herausfinden. Frage lesen und – je nach Medium – die Antwort ankreuzen oder anklicken, die einem am ehesten aus der Seele spricht. Die Fragen bei diesem Test sind einfach: Entweder – oder? Am Ende spuckt die Maschine aus, dass ich mich am besten in einem Sarg im Rosarium beerdigen lasse.
Vorkasse gegen Unsicherheit

Die Antwort gab RuhNa, der Ruhestättennavigator der Friedhöfe Flensburg. Auf deren Homepage hilft er Lebenden dabei, ihre passende Grabstätte zu finden. Ab Mitte 50 wollen viele klären, was mit ihnen passiert, wenn sie nicht mehr da sind. „Häufig erzählen sie, dass ihre Kinder nun aus dem Haus und sie deshalb alleine im Ort sind“, erzählt Holger Hiebsch, Geschäftsführer der Flensburger Friedhöfe.
Im Kundenzentrum auf dem Friedenshügel, einem der kommunalen Friedhöfe, kann jeder sich beraten lassen, eine Grabstelle auswählen und bezahlen. Kauf zu Lebzeiten, kurz KZL, nennt sich dieses Geschäftsmodell. Die Käufer können sich darauf verlassen, dass danach keine weiteren Friedhofs-Kosten auf ihre Hinterbliebenen zukommen. Auch die Grabpflege können sie mitbuchen, sodass die 20 bzw. 25 Jahre Ruhefrist abgedeckt sind, die auf einem Urnen- bzw. Sarggrab liegen.











Reserviert

Zwischen Rosensträuchern steht Hiebsch vor einer Grabreihe und zeigt auf einen Marmorblock. Oben links ist ein Name mit Lebensdaten eingraviert, auf dem Stein ist Platz für fünf weitere. Sie sind reserviert und werden freigehalten, bis sie gebraucht werden. „Die Leute finden es gut, wenn sie wissen, wo sie liegen werden“, beobachtet Hiebsch. „Das nehmen viele in Anspruch.“ Dabei spricht er aus eigener Erfahrung, schließlich ist einer der Plätze seiner. „Es tut gut, dass ich das schon geklärt habe.“
Wer vorsorglich eine Grabstelle kaufen möchte, muss zunächst entscheiden, ob er eine Einäscherung oder ein Erdbegräbnis bevorzugt. „Der Trend geht eindeutig zur Einäscherung“, weiß Hiebsch. Zunächst wuchsen die Zahlen in den Städten, inzwischen auch auf dem Land. Die Prozentanteile nehmen in Deutschland Richtung Norden zu, in Flensburg verzeichnen sie 80 bis 85 Prozent.
Asche zu Asche

Hiebsch kann sich vorstellen, dass diese geografische Einteilung mit der Religionszugehörigkeit zusammenhängt. Gläubige hofften darauf, dass sie nach dem Tod wiederauferstehen, und wollten darum ihren Körper nicht verbrennen lassen. Da es in Norddeutschland weit weniger Katholiken als im Süden des Landes gibt, könnte dies ausschlaggebend für die unterschiedliche Wahl der Bestattungsart sein.
Bevor das Christentum aufkam, übergaben Römer und Wikinger ihre Toten durch das Feuer. Es gilt bis heute als reinigendes Element. Im 18. Jahrhundert erinnerten sich die Menschen an diese historische Vorgehensweise und etablierten sie erneut. Heutzutage verselbständigt sich der Trend zur Ein-
äscherung. Wenn mehr Freunde und Bekannte erzählen, dass sie sich einäschern lassen möchten, folgen einige deren Beispiel.
Für alle, die ein Urnenbegräbnis wünschen, bieten die Flensburger Friedhöfe besondere, individuellere Möglichkeiten: In einer bepflanzten Spirale, unter wehenden Gräsern oder Bäumen.

Trauerfeiern variieren

Traditionell lassen viele vor der Ein-
äscherung eine Trauerfeier für alle Freunde und Bekannte abhalten. Die endgültige Urnenbeisetzung kann später im kleinen Familienkreis vollzogen werden. Momentan tendieren viele zu einer einzigen Urnen-Trauerfeier. „Doch nicht die Urnenbeisetzung ist der zeremonielle Akt, sondern der Moment der Einäscherung“, sagt Hiebsch. Darum können die Angehörigen im Krematorium zusehen, wie der Sarg in den Ofen einfährt. Dieses Angebot wird etwa einmal im Monat wahrgenommen. Alternativ informieren Hiebsch und seine Kollegen gerne, wann genau die Einäscherung stattfindet, sodass die Trauernden gleichzeitig aus der Ferne gedanklich anwesend sein können.

Kostenfrage und
grüner Daumen

Vor der Jahrtausendwende zahlten Krankenkassen Sterbegelder für Bestattung und Beerdigung, nun muss jeder selbst dafür aufkommen. Bei Kosten um die 8.000 € für den gesamten Vorgang mit Abholung, Zurechtmachung und Trauerfeier, suchen viele eine bescheidene Lösung für ihren Abgang. Die Kosten für eine Urnenbestattung fallen leicht günstiger aus als für ein Sargbegräbnis. Für ein Urnengrab inklusive dessen Pflege sollten 1.250 € eingeplant werden. Die Kosten für die Platzmiete und die Grabpflege splitten sich ungefähr in der Hälfte. Beim Kauf können Kunden festlegen, ob die Angehörigen, ein angestellter Friedhofsgärtner oder ein Gärtner aus den umliegenden Friedhofsgärtnereien den Platz bestellen sollen.
Somit ist die Entscheidung für Urne oder Sarg auch „eine Frage des Arbeitsaufwandes für die Angehörigen“, sagt Hiebsch. Schließlich sind Urnenbegräbnisse deutlich kleiner und weniger pflegeintensiv als traditionelle Sarggräber. Etwa ein Drittel der Hinterbliebenen kümmerten sich noch selbst um deren Zustand. Nicht unbedingt wegen Geldknappheit, sondern um die Verbindung zum Verstorbenen zu wahren. Manche versprächen das Wässern und Gärtnern aus Pflichtgefühl heraus, andere motivierten sich damit, regelmäßig den Friedhof zu besuchen. Dennoch seien es weniger Menschen geworden, die sich selbst darum kümmern wollen. „Es geht leider mehr in die Isolation“, bedauert Hiebsch die allgemeine Auflösung des Familienzusammenhaltes.

Seebestattung

Wer sich mit dem Meer verbundener fühlt als mit der Erde, findet seine passende Bestattungsart auf der See. Alexander Klein von NAS Feodora steuert sein Schiff nicht nur auf Ausflüge, sondern begleitet Menschen auch auf ihrer letzten Fahrt. „Sie fühlen sich mit dem Meer verbunden und haben in ihrem Leben damit zu tun“, erzählt er. Zu seinen Kunden gehören viele Angler, Seeleute und Küstenbewohner – auch einige, die im Seniorenalter ihr Haus verkauft haben, um ihren Lebensabend am Meer zu verbringen. „Sie wünschen sich, mit dem Element eins zu werden, aus dem alles Leben entsteht“, erklärt Klein. Der Ringschluss lautet: Aus dem Fruchtwasser gekommen und wieder ins Wasser zurückgegeben.
Entgegen vieler Vorstellungen ist eine Seebestattung deutlich günstiger als die in der Erde. Durchschnittlich müssen für die gesamten Abläufe und Materialien 3.500 bis 5.000 € eingeplant werden. In den letzten Jahren sei die Nachfrage gestiegen, was Klein sich folgendermaßen erklärt: „Viele denken an Pragmatisches wie ihre Grabpflege.“ Diese entfällt, da sogar die spezielle Seeurne sich nach acht bis zwölf Stunden auflöst und die Asche sich verteilt.

Zusammenarbeit
mit Bestattern

Heutzutage darf jeder seine Seebestattung anordnen. Sie ist nicht mehr nur Seeleuten vorbehalten und muss nicht offiziell beantragt werden. Wer vorsorgen möchte, kann diesen Wunsch schriftlich bei einem Bestatter hinterlegen. Es reicht sogar, den Angehörigen davon zu erzählen, die es dann in die Wege leiten dürfen. Die Bestatter übernehmen die komplette Abwicklung und übergeben die Asche an die Schiffsbesatzung, viele begleiten die letzte Reise.
Wie bei einer herkömmlichen Urnenbeisetzung auf dem Friedhof kann man wählen, ob vor der Einäscherung eine Trauerfeier mit Sarg – an Land und großer Gesellschaft – abgehalten werden soll. Im Zuge der Pragmatisierung verzichteten viele darauf und planten nur die Seebestattung im kleinen Kreis. Bis zu 50 Personen können auf der Feodora II von Alexander Klein zu einem Festpreis mitfahren. Es besteht die Möglichkeit, im Anschluss an die Beisetzung ein Kaffeetrinken an Bord zu veranstalten. Insgesamt dauert die Fahrt zwei Stunden.

Seemännische Bräuche

Mit oder ohne Trauergesellschaft fährt das Schiff 45 Minuten raus ins Urnenfeld. Es befindet sich außerhalb der sogenannten Dreimeilenzone, und ist damit gesetzlich geregelt weit genug von der Küste entfernt. Dort veranstalten sie die Trauerfeier, die optional durch einen Kirchenvertreter abgehalten werden kann. Auch persönliche Worte finden Raum, ebenso seemännische Bräuche. Traditionell hängt die Flagge auf Halbmast, wenn die Urne an einem doppelten Seil zu Wasser gelassen wird. Ist sie bestattet, läutet die Schiffsglocke achtmal, zum Abschied ertönt der Abschiedsgruß und das Schiff kreist um die Beisetzungsposition. Deren Koordinaten bekommen die Angehörigen auf einer Seekarte eingezeichnet und erhalten einen Auszug aus dem Schiffstagebuch.

Familie informieren

Nachdem Bestattungsart und Grabstelle ausgewählt sind, kann man mit einem Bestatter alle weiteren Bausteine besprechen. Wenn dann der Ernstfall eintritt, ist bereits alles abgesprochen und wird nach den eigenen Wünschen durchgeführt. Im Beratungszentrum auf dem Friedenshügel empfehlen sie den Kunden, dass sie zu Hause vermerken und ihre Angehörigen darüber informieren sollten, wo die Grabstelle liegt. Der Bestatter weiß dann Bescheid, was zu tun ist. Jeder hat das Recht, über seine Bestattung zu entscheiden. Daran können die Hinterbliebenen nichts ändern. Sie müssen allerdings alles festlegen, wenn es vorab nicht getan wurde. Wer sein Recht in Anspruch nehmen will, sollte seine Gedanken darüber frühzeitig schriftlich festhalten.
Bevor Holger Hiebsch sich um die Flensburger Friedhöfe kümmerte, organisierte er die Stadtverwaltung. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie schwierig das Thema Tod anzupacken ist, wenn die natürlichen Berührungspunkte dazu fehlen. „Wenn man sich aber damit beschäftigt, ist man schnell drin und es wird selbstverständlich. Dann redet man darüber wie über alles andere.“ Hiebsch wünscht sich, dass es kein Tabuthema bleibt und die Menschen auf einem Friedhof wie in einem Park spazieren gehen. „Ich glaube, es wird leichter, wenn man den Tod akzeptiert.“

Der Mühlenfriedhof

Die Themenfelder auf dem Friedenshügel ziehen viele Menschen an, die sich mit ihrem Ableben beschäftigen. Damit ist die Stadt Vorreiter und zählte in einem Ranking von 2013 zu den besten zehn Friedhöfen Deutschlands. Mit dem Mühlenfriedhof haben sich Hiebsch und seine Kollegen nun auch auf den Titel beworben.
Der Mühlenfriedhof wurde 1872 angelegt, als der alte Friedhof nicht mehr ausreichte. Das Gelände auf dem Friesischen Berg ist 11 Hektar groß, beherbergt 4.000 Grabstellen und ist terrassenartig angelegt. Seinen Namen erhielt er, weil sich gegenüber der Kapelle eine Mühle befand. Er ist der traditionelle Friedhof der Stadt. Hiebsch erzählt: „Die High Society von Flensburg und Umgebung liegt dort.“ Jeder, der etwas auf sich halte, wolle sich dort gebettet wissen – bei den anderen wichtigen Personen der Stadtgeschichte. Die Lassen-Gruft, ein exklusiver und der Familie vorbehaltener Bestattungsraum, stehe inzwischen nicht mehr unter Ruheschutz und wird gerade von einem Historiker aufgearbeitet. Bald möchte Hiebsch sie der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Die reichen Familien leisteten sich aufwendige Grabmale, die Besuchern des Friedhofs heute einen Einblick in Geschichte, Kunsthandwerk und Kultur der Stadt geben. Die alte Reederfamilie Bruhn ließ von WMF, heutzutage bekannt durch ihre Bestecke, eine Engelsfigur herstellen, deren Wert dem Jahreseinkommen eines Arbeiters entsprach. Er schmückt das Familiengrab und soll dessen Mitglieder beschützen, da Engel seither als Begleiter der Menschen und Tröster angesehen werden.

Engel, Bäume und Kapelle

Nach abgelaufener Ruhefrist wurde der Engel restauriert und auf dem somit ältesten Grab des Mühlenfriedhofs wiederaufgestellt. Um ihn herum wurden Plätze für Urnen geschaffen, ein modernes Grabfeld mit einem klassischen Engel. „Der Engel ist jetzt für alle da“, sagt Hiebsch. Er freut sich, dass nun mehr Menschen zu weit erschwinglicheren Preisen unter dem Schutzengel liegen können. Deshalb haben die Friedhofsgärtner ein weiteres Feld angelegt, das sich in Bögen vor einem modernen Engel aus hellem Material ausstreckt.
Im Blättergarten ruhen Urnen in blätterförmigen Granitsteinen unter alten Bäumen und ein weiteres Themenfeld findet sich unter Ginkgo-Bäumen. Sie stehen symbolisch für Yin-Yang aus der chinesischen Philosophie und sind eines der ältesten Lebewesen der Erde.
Die Kapelle bietet 145 Trauergästen Platz und wirkt seit ihrer Sanierung modern und freundlich. Dazu beauftragte Hiebsch kein großes Planungsbüro, sondern arrangierte eine Kooperation mit der Fachschule für Technik und Gestaltung, einem Zweig der Beruflichen Schulen in Flensburg. Zwei Studierende ersetzten braune Täfelungen durch helle, blaue Glaselemente und hängten die Decke ab. „Es war eine Win-win-Situation“, berichtet Hiebsch. „Die Studis hatten ein Projekt und einen Zuschuss zur Klassenkasse, wir eine neue Kapelle.“

Unter Sternen

Die Bestattungspflicht zieht erst ab einem bestimmten Entwicklungsstadium des Menschen. Damit Tot- und Fehlgeburten dennoch einen würdigen Platz finden, gibt es auf dem Mühlenfriedhof den Sternenfriedhof. Dort sind die Kinder unter Sternen gebettet, auf denen ihre Namen stehen. Ebenfalls in Gemeinschaft liegen in Reih und Glied die Gräber der Diakonissen und Nonnen des St.-Franziskus-Hospitals. Ganz in ihrer Nähe sind die Schwestern untergebracht, die noch geheiratet haben.
Regelmäßig führt Hiebsch Gruppen und Vereine herum, die an den Abläufen von Friedhöfen und Krematorien interessiert sind. Auf dem Mühlenfriedhof zeigt er gerne die Engelsfiguren und erklärt, was das eine oder andere pompöse Grabmal darstellt und bedeutet. Locker spricht er über das Verhältnis von Leben und Tod und hilft, die Scheu vor dem Thema abzubauen. Solch eine Führung bietet Überblick und klärt auf. „Ein paar Tage nach einer Besichtigung kam ein Paar wieder, um ein Grab zu kaufen. Man könnte sagen, es war ein besonderes Souvenir.“
Text: Lisa Dauth
Fotos: Benjamin Nolte, privat

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