Oluf-Samson-Gang in Flensburg
Oluf-Samson-Gang in Flensburg

Auf der Duburg herrscht Hochstimmung. Fackeln beleuchten die verwitterten Mauern, Musik tönt aus den kahlen Hallen, Bürger und Honoratioren drängen sich um ein Paar, die junge Braut, um den schon etwas älteren Bräutigam und, nicht zu vergessen, den Brautvater, allen bekannt als früherer Bürgermeister der Stadt. Die einfachen Leute des Marienbergs sehen von Ferne dem Schauspiel zu. Die Rede, die Anders Schriver den beiden Brautleuten widmet, erreicht ihre Ohren nicht. Nachdem er einige aufmunternde Worte an seine Tochter gerichtet hat, wendet er sich an den zukünftigen Schwiegersohn, Oluf Samson.

„Verehrter Oluf. Vor zwei Jahren hast Du den Weg auf die Duburg gefunden, um den Eid als Bürger auf die Stadt zu leis­ten. Du kamst nicht als Bittsteller, denn Dein Weg, der Dich von der Insel Samsø hierher geführt hat, war bereits mit Fleiß, aber auch mit Glück gepflastert. Wärest Du bei Deiner Einbürgerung nicht meiner geliebten Tochter begegnet, hätten eure Herzen nicht zueinander gefunden, ständen wir heute nicht hier und könnten euch nicht hochleben lassen. Herzensglück kann man nicht schenken. Aber für euch habe ich eine Mitgift, mit der, vielmehr in der ihr euer Glück bewahren sollt. Ich übergebe euch hiermit den Schlüssel zu meinem, jetzt eurem Haus an der Ramsharde. Noch gehört dieser Teil unserer Siedlung nicht zu den prosperierenden Quartieren. Dies aber soll euch Mahnung und Ansporn sein, mit Bescheidenheit und Fleiß euren Wohlstand zu mehren. Deshalb soll euch nicht nur das Haus gehören, sondern auch das Land, das bis zum Wasser führt, die Förde, die uns in Zukunft den Weg in die Welt weisen und euch eine blühende Zukunft bescheren soll.“







Luftaufnahme vom Oluf-Samson-Gang
Luftaufnahme vom Oluf-Samson-Gang

Nach diesen Worten ließ er das Brautpaar hochleben und der Hochzeitszug bewegte sich zur Marienkirche, in der Oluf Samson und seine Braut getraut wurden. Flensburg beherbergte zu dieser Zeit etwa 5000 Menschen, viele davon Neubürger, die der beginnende Wohlstand der Stadt angelockt hatte. Dies geschah 1584. Es sollten noch sechs Jahre vergehen, bis das Paar in das Giebelhaus in der jetzigen Norderstraße einzog. Genau gesagt waren es zwei Häuser, deren Hof sich den Hang hinunter bis zum Hafen erstreckte. Von einem Fenster ihres neuen Heimes beobachtete das Paar häufig Menschen, die aus ihren ärmlichen Hütten mit einem verstohlenen Blick auf das Haus durch den Hof hinunter zum Hafen huschten. Oft kamen sie mit einem Korb Fische zurück oder hatten ein Holzbrett im Hafen ergattert, um ihre zugigen Hütten zu verkleiden. Sie ahnten nichts von den Gedanken des Hofbesitzers.

„Siehst du“, sagte Samson zu seiner Frau. „Diese armen Menschen wurden durch unseren Wohlstand und den anderer Bürger in die Stadt gelockt, mit der Hoffnung auf Arbeit. Es werden immer mehr und sie hausen in ärmlichen Buden. Wie sollen sie da ordentliche Arbeit leisten und helfen unseren Wohlstand zu mehren? Sie brauchen ein ordentliches Dach über dem Kopf, das nicht jeden Moment droht über ihnen zusammenzufallen.“ Seine Frau sah ihn misstrauisch an. „Was hast du vor, Oluf?“ „Ich überlege, ob ich den Trampelpfad nicht zu einem ordentlichen Weg ausbauen soll.“ „Dann werden noch mehr durch unseren Hof laufen und ihren Abfall hier lassen.“„Nicht, wenn sie hier wohnen dürfen.“ Die Frau wich erschrocken zurück. „Das ist nicht dein Ernst. Diese Menschen sollen hier bei uns wohnen?“ „… und dafür arbeiten. Ich brauche mehr Hilfe beim Entladen der Schiffe. Schau dir den Hafen an. Die Boote drängen sich dicht an dicht und können nicht schnell genug geleichtert werden, weil es zu wenige Schauerleute gibt. Ich gebe ihnen eine Wohnung genau dort, wo sie kurze Wege zur Arbeit haben. Sie bezahlen die Miete durch ihr Tagwerk. Das ist ein Geschäft, von dem alle guthaben. Und in diesen nutzlosen Hof zieht Leben ein.“ „Ich weiß nicht, Oluf. Ich wundere mich über deine Ideen.“ Man sah ihr die Zweifel an. „Vielleicht findest du unter den Frauen welche, die dir bei der Hausarbeit helfen können“, lachte er und sah seine Frau herausfordernd an. Mit dieser Verlo­ckung hatte er zumindest ihren ersten Widerstand gebrochen.

Oluf Samson machte Ernst mit seinem Vorschlag. Noch im gleichen Jahr begann er mit dem Bau der ersten, wenn auch bescheidenen Fachwerkhäuser. Zunächst waren sie einstöckig mit niedrigen Decken und kleinen Zimmerchen. Verglichen jedoch mit den üblichen Behausungen jener Zeit war es eine sichere, stabile und gut beheizbare Unterkunft. In wenigen Jahren entstanden so die ersten acht Häuser. Seine Rechnung ging auf. Schauerleute, aber auch Handwerker und Seeleute mieteten sich bei Oluf Samson günstig ein und belebten den einst öden Hof zwischen seinen Häusern an der Norderstraße und der Schiffbrücke. Der frühe Tod seiner Frau traf ihn hart. Daran änderte sich auch nichts, als er 1610 wieder heiratete. Diesmal nahm er die Tochter des Hospitalvorstehers Andreas Holst zur Frau.

Dennoch: Das Glück begann ihn zu verlassen. Der einst erfolgreiche Handelsmann und Reeder musste Zug um Zug Teile seines Besitzes veräußern und dabei zusehen, wie der ehemalige Trampelpfad durch sein Grundstück von den Flensburger Bürgern zunehmend als öffentlicher Weg benutzt wurde. Undankbar gegenüber Oluf Samson waren die Flensburger nicht. Denn zum ersten Mal wurde eine Gasse nach einer noch lebenden Person benannt und ging als Olueff-Sambsos-Hof in die Geschichte ein.

Schloss Duburg unser Namensgeber
Schloss Duburg unser Namensgeber

Als der Namensgeber 1622 starb, war er mittellos. Auch seine sieben Kinder brachten es nicht mehr zu Wohlstand. Keines davon wurde in der Folge als Hausbesitzer registriert. Deren Schicksal ist bis heute ungeklärt. Etwa zur gleichen Zeit brach, zunächst weit von Flensburg entfernt, ein internationaler Konflikt aus, der schließlich auch die Fördestadt erreichte, der Dreißigjährige Krieg. In ihm fochten die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus. Der Einfall der Kaiserlichen unter Wallenstein 1627 und 1628, wie auch die dänisch-schwedischen Kriege 1643–1645 und 1657–1660 brachten Zerstörung und Not über die Stadt, auch über den „Oluf“. Elf Häuser auf der Südseite das Gangs und sechs auf der Nordseite wurden zerstört.

Erst 1720, nach dem Großen Nordischen Krieg kam die Stadt langsam zur Ruhe und konnte die Schäden von Besatzung und Brandschatzung beseitigen. Die zerstörten oder beschädigten Häuser im Oluf-Samson-Gang wurden wieder hergerichtet und zumeist mit einem weiteren Stockwerk überbaut. Zwischen 1750 und 1800 entstanden auf diese Weise 25 Häuser, denen wir, wenn auch mehrfach umgebaut, zum Teil heute noch begegnen. Im Volksmund wurde der „Oluf“ damals auch „Wollensgang“ oder „Wolmsgang“ genannt, nach dem Spitznamen für Oluf. Aufgrund der vergleichsweise günstigen Mieten wurde der „Wolle“ zur beliebten Wohnstraße für Seeleute und Handwerker, die sich kein eigenes Haus leisten konnten oder wollten. Mit der Industrialisierung um 1840 veränderte sich der Charakter der Gasse. Zunehmend nahmen Fabrikarbeiter und seit 1872 die Arbeiter der neu gegründeten Werft Quartier. Aus dem Trampelpfad zu Oluf Samsons Tagen war eine ordentliche Gasse geworden, spätestens als sie 1876-77 gepflastert wurde. Jetzt konnte man, wenn nicht immer trockenen Fußes, dann doch zumindest ohne Schlamm an den Botten von der Innenstadt zum Hafen gelangen.

1907 gewann die kleine Straße weiter an Bedeutung. Nach jahrelangem Streit zwischen dem Reederverein und dem Seemannsverband wurde im Oluf die zentrale Heuerstelle eingerichtet. Der Segelmacher Johannes E. Svendsen führte nach dem Versagen seines Bruders fortan die Geschäfte. Demzufolge wurden alle Seeleute seitdem dort für die in Flensburg beheimateten Schiffe vermittelt. Rund 20 Jahre später bekam die Arbeiter- und Handwerkergasse ein neues Gesicht.

Oluf-Samson-Gang Erich Heckel
Oluf-Samson-Gang Erich Heckel

Aufgrund der Schließung der Freudenhäuser in der Kastanienallee und der Gartenstraße zogen die „Damen“ vermehrt in die winzigen „Appartements“ des „Oluf“. Nicht zuletzt als Folge der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre, in denen zahlreiche Häuser ihren Besitzer wechselten, bekamen Arbeiter und Handwerker zunehmend neue Nachbarinnen, die durch rote Laternen bis heute auf ihr Gewerbe aufmerksam machen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden schließlich sämtliche Häuser von Prostituierten genutzt, der Oluf-Samson-Gang war eine Bordellgasse geworden.

Mitte der 1990er Jahre machte ein gewagtes Modell Schlagzeilen. Nicht weit vom „Oluf“ sollte für die „Damen” ein in Eigenregie geführtes Bordell geschaffen werden. Die Stadt, insbesondere die Frauenbeauftragte Gisela Scheer hatten das Vorhaben unterstützt oder duldeten es zumindest. Vierzig Prostituierte sollten dort unter geregelten Umständen ihrer Arbeit nachgehen. Das neu geschaffene Gebäude sollte Eigentum der Stadt werden. Das Projekt scheiterte an der Finanzierung. So blieben die Frauen wo sie waren, vor allem in den mittelalterlichen Gebäuden des Oluf-Samson-Ganges.

Heute gehen, nach Aussage von Michael Krebs, Restaurator und selbst Hausbesitzer im Oluf, nur noch Christel und Tamara ihrem Gewerbe nach, doch auch dies nur solange, bis die letzten Häuser saniert sein werden. Dann – so die Bedingung der Stadt – wird das letzte Bordell im Oluf geschlossen werden. Die Geschichte der behutsamen Sanierung des Viertels erzählen wir in der nächsten Ausgabe des Flensburg Journal.

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