Ich habe einen Termin und bin aufgeregt. In einem renommierten Flensburger Hotel treffe ich mich mit einem Okularisten.
Es soll für mich eine Augenprothese angefertigt werden. Mehr weiß ich nicht. Was erwartet mich? Wird mein „kaputtes“ Auge vermessen, fotografiert, untersucht? Wie lange dauert die Prozedur? Kann ich zwischenzeitlich nach Hause?
An der Rezeption zeigt man mir den Weg zu der Sprechstunde des Instituts für Augenprothetik. In einem zweck-
entfremdeten Seminarraum begrüßt mich ein Herr mit locker übergestreiftem weißen Kittel und bittet mich, am Ende eines langen Tisches Platz zu nehmen. Er selbst setzt sich vor ein auf dem Tisch montiertes mit diversen Geräten bestücktes kleines Pult.
Dann betrachtet er mein Gesicht und entfernt vorsichtig die provisorische Augenprothese. Auf dem Tisch stehen Kästen mit „Glaskugeln“ – etwa Murmelgröße – von denen er einige herausnimmt und vergleichend neben mein heiles Auge hält. Schließlich nickt er zufrieden und stellt eine Art Bunsenbrenner an. Später lerne ich, dass ein Bunsenbrenner längst nicht ausreicht, sondern für die erforderliche Temperatur von 500°C Propangas erforderlich ist.
Die ausgewählte Glaskugel befindet sich jetzt an der Spitze eines dünnen Rohres und was ich dann beobachten darf, ist höchst faszinierend:
Der Okularist ist jetzt Glasbläser und formt mit seinem Atem, geschickten Händen und immer wieder genauem Hinschauen die Kugel. Er greift nach diversen farblichen Stiften – wie bunte Griffel – hält sie in die Flamme und zieht aus ihnen spinnwebdünne Fäden, die in der Luft zu stehen scheinen, bevor er sie auf die Glasfläche platziert. Sie sind später die feinen Äderchen, die den Augapfel durchziehen. Dann gestaltet er die Pupille.
Während einer kurzen Pause zähle ich die Kästen mit den Glaskugeln im Schaumstoffbett. Es sind 18 Stück und jeder Kasten enthält 50 Kugeln. Mich schauen also neunhundert verschiedene „Augen“ an. Welch eine Vielfalt!
Bevor der Okularist mit seiner Arbeit fortfährt, habe ich noch die Gelegenheit, ihn nach seiner Ausbildung zu fragen: Sechs Jahre und dazu sehr viel Erfahrung machen eine Behandlung am Patienten erst möglich.
Ich störe ihn nicht weiter und sehe, wie er aus der Kugel eine genau auf die Anatomie meines Augeninnern abgestellte Schale formt. Die Pupille gleicht dem Abbild des heilen Auges total.
Nun muss das Kunstauge eine Weile abkühlen und aushärten. Danach setzt er es mir ein.
Ein Blick in den Spiegel – ich kann die Lider bewegen, sie gleiten ganz natürlich über das Material, nichts kneift oder scheuert! PERFEKT
Ein dankbarer Handschlag – Rechnung kommt später – und ich kann nach Hause gehen.
Meine Neugier über den Werdegang eines Okularisten aber bleibt und ich mache mich an die Recherche:
Nach vielen vergeblichen Versuchen bei Handwerks- und Handelskammern, Berufs- und Innungsverbänden erhalte ich zumindest einige Adressen von Firmen, die Augenprothesen herstellen.
Zuerst rufe ich bei der Lauscha GmbH in Sachsen an und finde in dem Geschäftsführer der Firma, Reinhard Müller-Blech, einen kompetenten, freundlichen Gesprächspartner. Ein Glücksfall, denn offenbar liegt in Lauscha die Wiege der deutschen Augenprothetik.
In dem kleinen Ort im Thüringer Wald mit jahrhundertelanger Glasbläsertradition hat Ludwig Müller-Uri 1835 die erste von ihm entwickelte und zufriedenstellend gelungene menschliche Augenprothese bei einem Patienten eingesetzt.

Die Ausbildung











Wenn heute ein Okularist dazu in der Lage sein will, muss er den Beruf „Glasbläser“ mit staatlicher Anerkennung – Fachrichtung „Kunstaugen“ – erlernt haben (3 Jahre). Damit ist er „Assistent“.
Danach folgt die zweite Stufe zum Okularisten. Der Assistent muss im direkten Umgang mit Patienten aus sogenannten „Halbfertigen“ (Prothesen) die für den jeweiligen Patienten passende Prothese herstellen. Das ist der schwierigste Teil der Ausbildung und findet unter ständiger Begleitung und Kontrolle eines erfahrenen Okularisten statt.
Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit Ärzten verschiedener Fachrichtungen; außer Augenärzten – Ophthalmologen – auch mit HNO-Ärzten, Unfall- und Gesichtschirurgen, Kinderärzten und Neurologen, sowie Optikern.

Jedes Auge, für das er eine Prothese anfertigt, ist einzigartig, sodass die medizinische Komponente in diesem verantwortungsvollen Beruf besonders hervorzuheben ist.

Die Entwicklung

Der ersten zufriedenstellend gelungenen Augenprothese von Ludwig Müller-Uri gingen Jahre der Entwicklung voraus. Sie basierten auf der Vorlage sogenannter „Pariser Augen“, denn Frankreich war derzeit führend auf dem Gebiet; bereits im 18. Jahrhundert wurden in Paris Kunstaugen hergestellt.
Auch die besonders schönen Glasaugen von Teddybären und Puppen erregten 1832 auf der Nürnberger Spielwarenmesse großes Aufsehen.
Ludwig Müller-Uri entwickelte eigene Materialzusammenstellungen, experimentierte mit Chemikalien und erfand mit seinen beiden Söhnen sowie weiteren Fachkräften an seiner Seite neue Formen.
An internationaler Anerkennung fehlte es ihm nicht. Auf Weltausstellungen in Wien 1873 über Philadelphia, Sydney und Melbourne 1881 wurde er mit Preisen geehrt.

Historisches

Das Museum für Glaskunst in Lauscha präsentierte vom 07.11.2010 bis zum 06.02.2011 die Sonderausstellung „175 Jahre moderne Augenprothetik“ sowie das dazu erschienene Buch „Kunstaugen – Augenkunst“.
Die Ausstellung fand derart großen Anklang, dass sie im Frühjahr 2011 im Ägyptischen Museum – Papyrussammlung – in Berlin und im Herbst 2011 beim Stifterverband für deutsche Wissenschaft in Bonn gezeigt wurde.
Diese Museen präsentierten sie im Kontext mit der Jahrtausende Jahre alten Beschäftigung der Kulturen mit dem Auge.
So gab es in Rom für die Handwerker der Augengestaltung in Statuen von Priestern, Königen und Göttern den Beruf des „fabros oculariarios statuatrum“.
Bronzezeitliche Funde in einer af-
ghanisch-iranischen Grenzstadt brach-
ten im Skelett einer Frau ein halbkugelförmiges Kunstauge aus mit Gold ausgelegtem Bitumen zutage.
Es wurde mit Muscheln, Knochen, Steinen, Elfenbein, Halbedelsteinen Metallen und Glas gearbeitet. So hat eine aus Gold und Alabaster gefertigte babylonische Göttin Augen aus Rubinen (300 v. Chr. Irak-Museum, Bagdad).
Heute fertigen die Okularisten die Augenprothesen aus Kryolithglas. Dieses Material lässt sich gut verarbeiten, ist widerstandsfähig gegenüber Tränenflüssigkeit und kommt der natürlichen Augenfarbe sehr nahe. Die bessere Benetzbarkeit der Oberfläche schafft einen hohen Tragekomfort. Seine Zerbrechlichkeit stellt jedoch eine hohe Anforderung an die Achtsamkeit der Träger. Man hüte es also wie „seinen Augapfel“.
Ingeborg Asmußen-Müller

Ich danke dem Geschäftsführer, der Lauscha GmbH Reinhard Müller-Blech für die kompetente fachliche Beratung sowie Günter Schlüter vom Museum für Glaskunst in Lauscha für die großzügige Bereitstellung des Bildmaterials und weitgehende geschichtliche Informationen.

Quellennachweis:
„Kunstaugen – Augenkunst“
Museum für Glaskunst Lauscha
Hrsg, Günter Schlüter & Antje Vanhoefen

Informationsmaterial Institut für Augenprothetik
Bremen Dietrich Müller & Co.

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